Verfasst von: achterosten | 14. Januar 2018

Unser Mann im Himmel? Predigt zu Mt 6,9b (I. Bitte Vater Unser)

 

Predigt zur I. Bitte Vater Unser (Mt 6, 9b) (II. Sonntag nach Epiphanias, 14. I.2018)

 

 

 

Liebe Gemeinde, es ist schon erstaunlich, aber es ist ein wohlvertrautes Bild: Egal ob am Horizont sich die Indianerhorden zeigen, das Schiff dem sicheren Untergang geweiht ist oder andere Katastrophen ihren unheilvollen Verlauf nehmen. Irgendwann kommt  er der Moment des Mützenabnehmens, des Köpfe Senkens, Hände Faltens und wer es ganz dramatisch mag des Hinkniens. Des lauten Rufens, schnellen Sprechens, des stummen Bewegens der Lippen – und wir wissen alle – jetzt steuert es auf den Höhepunkt zu. Jetzt gibt es nur noch den Untergang und das Ende – siehe Titanic oder die finale Rettung, siehe diverse Wild-West-Filme. So kündigt es sich in Filmen an, wenn wir sie hören, die so wohlvertrauten Worte: „Vater Unser, der du bist im Himmel.“ Ist das Kreuz das sichtbare Zeichen der Christinnen und Christen, so ist das „Vater Unser“ das hörbare Zeichen. In all den unterschiedlichen Arten und Weisen den christlichen Glauben zu leben, in all den Konfessionen, Gruppen, Gemeinschaften – es ist für alle das gleiche hörbare Zeichen. Ob Andacht, Gottesdienst, Unterricht – es geht nicht ohne. Ob als leiser Ruf der verzweifelten Bitte, ob als Freudenschrei des dankbaren Herzens, ob fröhlich laut nach der Trauung von zwei Menschen, ob verzweifelt gemurmelt und halb verschluckt am Grab – es ist dabei.

 

Das sind doch Gründe genug um diesem zentralen Hör-Zeichen des Glaubens mal ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, zu schauen, was sich hinter den Worten verbergen könnte. Genau das will ich mal in diesem Jahr tun, immer mal wieder eine der Bitten des Vater Unsers betrachten, es wie einen unbekannten Gegenstand in den Händen hin- und herbewegen, schauen, wohin die Worte führen können.

 

 

 

Zu Beginn die Fakten, damit wir die alle mal gehört haben und vielleicht hilft es ja beim nächsten Termin bei Günter Jauch auf dem Stuhl. Wie viele zentrale Texte gibt es auch das Vater Unser gleich zwei Mal im neuen Testament, einmal im Lukas- und einmal im Matthäusevangelium. Und es ist wie bei vielen anderen Texten: Beide Versionen unterscheiden sich. Was denn nun älter und ursprünglicher ist, darüber gibt es genügend Fachliteratur. Konsens ist: Im Vater Unser kommen wir dem Menschen Jesus, seinem Glauben so nahe wie in nur wenigen Worten und Geschichten der Bibel. Das merkt man zum Beispiel daran, dass diese Worte aus der Sprache Jesu stammen, die welche war? Antwort a) Hebräisch, Antwort B: Sächsisch, Antwort C: Aramäisch oder Antwort D: Latein? Genau, Antwort C: Aramäisch. Das war die Sprache Jesu und der Menschen, unter denen er lebte. Erzählt wird uns, dass das „Vater Unser“ die  Antwort Jesu auf die Frage war „Wie soll man denn nun Beten?“ Schon immer war daher den Christinnen und Christen dieses Gebet so wichtig, durch die Zeiten hindurch ist es gewandert, bis heute, in zig Sprachen übersetzt. Und noch zwei Informationen mit denen man dann richtig angeben kann. Erstens: Das wir es als „Vater Unser“ sprechen ist leider ein Fehler, die korrekte Übersetzung ist „Unser Vater“, was übrigens auch schon Martin Luther wusste, aber irgendwie ist da was falsch gelaufen und wir sprechen es heute hier bei  uns als Vater Unser. Und zweitens: Es ist ein sehr altes Gebet, aber die Vorstellung, dass es schon immer mit tiefster Inbrunst von der gesamten Gemeinde gebetet wurde, auch das ist leider falsch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgehend von den Gottesdiensten der Bekennenden Kirche in den 30er und 40er Jahren, verbreitete sich die Praxis, es gemeinsam zu beten.  Vorher hat das der Pfarrer gemacht und die Gemeinde hat brav mit Amen geantwortet.

 

Nun aber genug der nackten Fakten, wir starten und – sind nach zwei Worten schon wieder am Ende: „Vater Unser“ oder besser, gerade gelernt, „Unser Vater“. Zwei Worte und sie umreißen schon eine Vorstellungswelt, die so gewaltig ist, dass wir sie kaum fassen können. Das reicht von Bildern eines bärtigen Mannes fortgeschrittenen Alters auf einer Wolke bis hin zu den lustigen Bildern des Comic Zeichners „Flix“. Eines aber ist ihnen garantiert gemeinsam – es sind immer Männer zu sehen! Und das ist jetzt kein vernachlässigbares Detail. Gott als Vater, Gott als Mann – das zieht sich durch, ist Mainstream und auch Menschen, die mit Glauben oder Gott nichts am Hut haben – würde man sie danach fragen, welches Bild sie mit Gott verbinden würden, ich verwette mein Fahrrad darauf – es wäre ein Mann! Es mag nun ja die eine oder der andere jetzt gequält innerlich aufstöhnen: „Jetzt ist er auch noch unter die Feministinnen gegangen und erklärt mir gleich, dass „Mutter Unser“ und „Göttin“ viel besser und korrekter wäre.“ Keine Angst, das werde ich nicht tun. Aber  die Betonung auf das Männliche ist nun mal eine Tatsache, die wir auch nicht einfach beiseiteschieben können. Diese Worte „Vater Unser“ führen uns mitten in ein Thema, welches aktuell meist sehr hitzig diskutier wird – das Geschlecht.  Wie das so alles mit dem Geschlecht ist, ist nun mal Thema in der Welt, in der wir leben. Ich weiß, für viele ist es hart, dass auch an dieser Bastion gerüttelt wird. Früher war es ja angeblich immer besser und auch klarer: Da gab es Mann und Frau, Mann liebte Frau, Frau liebte Mann – über das andere schwieg man beschämt, aber egal auch da galt es, es gab klar Mann und ganz klar Frau, dazwischen nichts. Alles andere war abnorm und galt zu isolieren und zu operieren. Auch an dieser Bastion wird nun kräftig gerüttelt und nun stehen sie auf, all die, die sich in dieser Sortierung nicht aus körperlichen und seelischen Gründen nicht wiederfinden. Sie treten nun aus dem Dunkel, fordern Aufmerksamkeit und Rechte. Suchen selber für sich nach neuen Wegen, neue Namen für sich, fordern die Gesellschaft heraus und treffen oft auf Formen des Widerstandes die manchmal eher an Panikreaktionen erinnern als an etwas anderes. Und schon werden sie wieder errichtet, rote Linien, Feindbilder. Für die einen wird der Kampf gegen diese Menschen fester Bestandteil des Kampfes für ein Abendland des Stolzes und der Nation, für die anderen wird das Verstehenwollen und kritische Nachfragen schon zum Ausdruck von Unterdrückung, Sexismus und Menschenhass. Und viele stehen wie immer daneben, schütteln den Kopf und fragen sich: „Wer soll das noch verstehen?“ Und wenden sich notfalls und wenn es dumm läuft der Seite zu, die die einfachsten Antworten verspricht. Und viele wollen einfach nur, dass alles bleibt wie es ist: Es gibt Männer und Frauen – und fertig. Und greifen dann auch noch mal zur Beruhigung auf das Überlieferte zurück: Spricht nicht schon die Bibel ganz am Anfang von Mann und Frau? Fangen wir nicht mit den Worten „Vater Unser“ an?

 

Was tun wir dann aber mit all denen, die das nicht für sich annehmen? Verständnis für das Leid haben aus Nächstenliebe, aber dennoch therapieren und operieren für eine klare Zuordnung Mann oder Frau für das ganze Leben? So einfach will ich es mir nicht machen, schon deswegen nicht, weil ich aus der nahen Distanz die Lebens- und Leidensgeschichte eines Kindes und einer Familie kennen. Ein Aufwachsen, ein Start ins Leben bestimmt von Therapieren und Operieren in unzähliger Zahl mit der fortlaufenden Frage „Wofür das alles?“ Wofür endlose Entzündungen, Innkontinenz, Nebenwirkungen der Hormone? Für das unverbrüchliche Bild von  Mann und Frau und nichts dazwischen?

 

„Vater Unser“ beten wir und haben dieses Lebensrahmen von Augen, den von Mann und Frau und davon dass Gott wohl zu den ersteren gehört, dass auch Gott sich in diese Zweiteilung einordnen lässt oder sagen wir – von uns einsortieren lassen muss. Aber – glauben wir an biologistische Dogmen, an einen Gott der biologischen Geschlechterfestlegung oder an einen lebendigen, liebenden Gott der zu uns redet, uns hört, in Beziehung zu uns tritt, unter uns Mensch geworden ist? „Unser Vater“ – muss es Ausdruck einer Festlegung auf zwei Geschlechter sein? Kann es nicht besser ein Bild für den unaussprechlichen Gott, seiner Nähe zu uns sein? Ausdruck der Festlegung des Menschen auf Liebe, gemeinsames Leben und Beziehung, ein Ausdruck für das Aufeinanderangewiesensein und Aufeinanderverlassen sein?.

 

„Unser Vater“ als Beschreibung der Nähe, der Beziehung Jesu zu Gott. So eng, so unauflöslich wie wir es nur fassen können in dem geheimnisvollen Bild von Gott, der einer in dreien ist. Weil es bei Gott um Liebe geht – und die kann nicht allein bleiben. „Unser Vater“ – eben nicht der Ausdruck eines auf Geschlechtsmerkmale festgelegtes Bildes von Gott, sondern Antwort auf die Liebe Gottes, Schrei nach der Liebe Gottes, Freudenruf des Vertrauens auf Gott, stummes Gestammel des Angewiesenseins.  „Unser Vater“ das ist der Raum der besonderen, engsten Nähe zwischen Gott und Jesus in den er uns mit hineinnimmt.

 

 

 

Könnte dann nicht dieses hörbare Zeichens des Glaubens auch ein Schlüssel sein für das Verstehen der aktuellen Debatten ums MeToo, Transsexualität, Gender, Queer etc.? Der Beginn eines Verständnis aus dem Glauben heraus? Erste Schritte auf einem Weg hin zu einem anderen Bild des Menschen im Angesicht Gottes, der Bestimmung des Menschen? Der Versuch zu verstehen, was sie bedeuten können, die Worte von Mann und Frau in der Bibel, die Rede von Gott als Vater und Mutter? Dass es nicht um Schwarz und Weiß, eine klare Zuordnung geht – hier Mann, dort Frau und nichts dazwischen oder daneben. Sondern dass diese Worte von einer anderen primären Bestimmung des Menschen sprechen: Nicht allein zu sein, ein Gegenüber zu haben, das gleich und doch anders ist. Das frei ist wie ich und doch Nähe, Liebe zum Leben braucht wie ich. Wir nicht gemacht sind für uns allein, zum Alleinleben, dass unser Bauchnabel, egal welcher Form, nicht der Nabel der Welt ist. „Vater Unser“ – nicht der Ruf von dem Mann und der  Frau, sondern des Menschen ist über den Gott selber sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Und der darum weiß. Mann und Frau, Mutter und Vater, Schwester und Bruder nicht Ausdruck einer Festlegung auf äußere und innere Merkmale sondern als Bild für die Nähe, die Liebe Gottes zu uns. Bild unser aller Bestimmung, die Angewiesenheit auf Liebe und Nähe, auf ein Gegenüber.

 

Wenn wir „Vater Unser“ – als Ruf der erfahrenen, der begehrten Nähe zwischen Mensch und Gott verstehen, dann haben wir hierin vielleicht auch den Hinweis was unsere Aufgabe in der Welt ist: Nicht alte oder neue Merkmale der Trennung zu verteidigen oder zu errichten, sondern unseren Teil zu tun, dass Menschen ihrer Bestimmung folgen und all das erfahren können: Beziehung, Liebe und Nähe. Das, was wir uns wünschen, dass es Gott schenkt – jedes Mal wenn wir es sprechen, das „Vater Unser“.

 

 

 

 

 


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