Verfasst von: achterosten | 1. Januar 2018

Das Lob des deutschen Rentners – Predigt zu Römer 8, 31b-39

Predigt zu Römer 8, 31b-39 (Sylvester 2017)

Aus dem Römerbrief: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Wenn ich Menschen treffe, die nicht in Deutschland leben, irgendwann kommt sie dann ganz bestimmt, die eine Frage: „Was ist denn so typisch Deutsch. Wer ist so der typische Deutsche?“. Und es ist klar: Es geht weniger um Zahlen aus der letzten Volkszählung, als um das subjektive Erleben. Meine Antwort kommt schnell: „Der deutsche Rentner.“ Und ich bitte hier um Nachsicht, aber das ist nun mal der größte subjektive Unterschied. Den wird jeder nachvollziehen können, der mal mit offenen Augen durch in den Straßen von Goldhamme und Eppendorf oder vieler anderer deutscher Städte und Dörfer geht. Welche andere Antwort soll man auch geben, wenn man in einem Land lebt, in dem die Rentnerinnen und Rentner mal ganz entspannt ein Viertel der Bevölkerung stellen? Klar ich weiß, dass mit den Verallgemeinerungen immer so eine Sache ist, aber wie bereits gesagt, es geht um subjektives Empfinden. Allerdings geht das das ja auch nicht ganz an der faktischen Wirklichkeit vorbei wenn man sich so die Zahlen anschaut.
Jetzt kann man der deutschen Rentnerin, dem deutschen Rentner vieles nachsagen, zwei Dinge auf jeden Fall nicht: Dass er unordentlich sei und dass er keine Meinung hätte, was garantiert auch für den Rückblick auf das Jahr 2017 gilt. Und was war da nicht wieder alles los… Letzteres führt zu folgender Geschichte und natürlich spielt sie an einem der Lieblingsorte des deutschen Rentners, jedenfalls nach meinem subjektiven Erleben: Der Aldi-Markt am frühen Montag- oder Donnerstagmorgen so um halb neun herum. Sie wissen, da gibt es die neuesten Angebote und da der deutsche Rentner zur kaufkräftigsten Bevölkerungsgruppe mit der nötigen Zeit gehört, ist er dort zu finden. Und da auch natürlich in der Schlange an der Kasse. Vorne geht für Minuten gar nichts, jemand hat versucht mit Karte zu zahlen und leider hat die Technik einen längeren Aussetzer, nichts geht mehr. Hinter mir drei würdige Vertreter der Gattung „aktiver, rüstiger Rentner“. Es dauert nicht lange, schon ist der erste mitten im Geschehen, es ist der mittlere: „Hömma, warum geht das nicht weiter?“ Der Vordere: „Da will einer mit Karte zahlen, klappt natürlich nicht. Ich weiß gar nicht wat der neumodische Scheiß soll. Zu faul genug Geld mitzunehmen.“ Vom Mittleren zustimmendes Geknurre. Jetzt wieder der Vordere: „Ist doch auch wieder so ‘n Mist, zahlen mit Karte. Aber wat willste machen, ist halt alles nicht mehr so wie früher.“ Wieder zustimmendes Geknurre vom Mittleren. Das animiert den Vorderen zu seinem ganz persönlichen Rückblick auf das Jahr 2017. Und was war das für ein mieses Jahr für ihn. Vom vermehrten Mit-Karte-Zahlen, über den Ärger mit seinem VW SUV Diesel, die Schmerzen im Knie ging es über das ja überall die Adventsfeiern nicht mehr stattfinden wegen der Moslems, dass s ja alles nicht mehr klappt, „wat ja mal wieder so richtig deutlich geworden ist im letzten Jahr“. Und dergleichen mehr, jetzt ist er richtig in Fahrt, der hinter ihm hat sich aufs zustimmende Nicken beschränkt, so ungefähr alle 20 Sekunden zuckt kurz der Kopf nach unten. Vor meinem inneren Auge, so kurz vor Sylvester, verwandelt sich der Vordere immer mehr zu Alfred Teztlaff und hat er da nicht wirklich gerade gesagt: „Dat is vielleicht ein beschissener Jahreswechsel und das nächste Jahr wird noch beschissener.“ Der Wortschwall nimmt kein Ende, meine Gedanken schweifen ab.

Hat er nicht recht, war das nicht ein mieses Jahr? Muss ich nicht auch zustimmen: Es wird alles schlimmer? Es klappt einfach nicht mehr, zum Beispiel die Idee eines guten Neben- und Miteinanderlebens. Und mir fallen da gleich eine Reihe von Schlagzeilen ein, ob aus der weiten Welt oder auch Essen, Bochum, Gelsenkirchen. Es läuft nicht. Wird wohl doch ein mieser Jahreswechsel und das nächste Jahr erst… Aber dann schieben sich andere Bilder nach vorne: Die Wiedereinweihung der Kita nach dem U3 Umbau. Der Imam, der dabei von seinen drei Töchtern erzählt. Alle drei waren in einer evangelischen Kita und er fand das super. Oder der andere Imam im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen der Kitas. Auch er erzählt von seinen Kindern, die alle in einer evangelischen Kita waren. Wie er beim ersten Kind noch ein bisschen skeptisch und vorsichtig war, sich das aber schnell gelegt hat. Wie er sagt: „Wichtig ist, dass wir da voneinander wissen.“ Der syrische Vater, der neben mir steht und sich von mir erklären lässt, was das mit der Minikirche auf sich hat. Vor zwei Jahren ist er nach Deutschland gekommen, er möchte dass sein Kind auch das Leben der Christen hier kennen lernt. Da steh ich an einem kalten, usseligen Herbstmorgen auf dem Friedhof auf der Pestallozzistraße. Ich warte auf die Männer aus der Lehrwerkstatt der Zeche Prosper-Haniel. Bevor dort für immer die Lichter ausgehen hat die RAG noch versprochen, das alte Spurlattenkreuz auf dem Friedhof zu ersetzten. Heute soll alles vermessen werden. Die Männer kommen, der älteste so um die 50 gibt mir die Hand. „Ich bin Murrat und das sind meine Jungs. Wir bauen ihnen das Kreuz. Ist ja nicht das erste, was ich mache. Bei uns auf der Halde, dat is auch von mir. Wir machen ihnen das hier aber dicker als geplant, soll ja nach was aussehen.“
Vorne an der Kasse geht’s immer noch nicht weiter, der Vordere der drei Rentner hat immer noch kein Ende gefunden. Endlos seine Litanei, ich glaube er ist jetzt gerade bei der örtlichen Baustelle angekommen und der Haltung, das würde alles an den Bauarbeiten liegen. Er hätte sich das mal genau angeguckt… Bei mir geht glücklicherweise das Kopfkino weiter. Immer mehr Bilder laufen da ab, bis sie schließlich wieder vor mir stehen, die schönsten, die klügsten Sätze, die ich in diesem Jahr gelesen habe. In einem noch nicht veröffentlichten Interview mit einem alten Bergmann, einer von denen, die als Gastarbeiter hier malocht hat. Sein Weg führte von Bosnien ins Ruhrgebiet. Irgendwann ist er in dem Gespräch beim Thema Religion angekommen, wie es für ihn so ist als Moslem in Deutschland, da ist manches Bittere zu hören, aber am Ende dieses: „Wenn Gott gewollt hätte, hätte er nur eine Religion gegeben. Nein, er wollte, dass es mehrere Religionen gibt, damit die Menschen sich untereinander besser kennenlernen. Bei einer Religion, das ist ja wie im Kommunismus. Jeder muss die gleiche Jacke anziehen, jeder muss die gleiche Mütze tragen und so weiter. Oder beim Faschismus auch, jeder muss so und so sein und einer bestimmt. Nein, Gott hat gesagt, mehrere Religionen, also jüdische, katholische, orthodoxe, Buddhismus und Islam. Die Menschen sollen das zum Kennenlernen nutzen.“
Warum gehen mir aber gerade diese schönen Bilder durch den Kopf und gerade nicht das Miese, das Traurige der letzten Monate. Sollte es vielleicht daran liegen, dass ich sie gerade noch gelesen habe, diese wunderbare Zusage des Paulus: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Sollten diese Worte wirklich ihren Weg in mein Herz gefunden haben? Diese Worte die nichts mehr erklären, die es einfach nur herausrufen, überwältigt vom Glauben selber. In die man sich am liebsten hineinwerfen möchte, nur noch glauben möchte, dass es wirklich wahr ist. Dass nichts passieren kann, was mich im letzten zerstören kann. Ich trotz des ganzen Mist nicht in einer grausamen, unerbittlichen Kälte zurück bleibe, sondern immer dieser Liebe verbunden, von ihr umschlossen bin. Die ich mir nicht verdient habe, nicht verdienen kann, nicht verdienen muss. Dass es wirklich gilt, dass ich mich darauf verlassen, im Tiefsten vertrauen kann. Dass es wirklich im Letzten etwas gibt, was stärker als alles ist. Dieses starke, endgültige aber gerade nicht der kleine, der alltägliche oder große, der endgültige Tod ist. Sollten es wirklich jene Worte sein, die es geschafft haben, das Gute vor Augen zu haben ohne das Miese zu betäuben? Sollte ich es jenen Worten verdanken dass ich da im Aldi an der Kasse beim kurzen Jahresrückblick kurz vor Sylvester diese Ereignisse, Bilder vor Augen habe?
Das Band ruckt an, es geht weiter und plötzlich ertönt die Stimme des Hinteren der drei: „Komm halt endlich die Klappe, hast uns genug die Welt erklärt. Pack die Sachen aufs Band, ich will nach Hause, die Omma wartet.“ Manchmal sind sie unbezahlbar, die deutschen Rentner.


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