Verfasst von: achterosten | 25. Dezember 2017

„Fürchtet Euch nicht!“- Predigt zu Micha 5, 1-4a

Predigt Micha 5, 1-4a (Christvesper 2017)

Liebe Gemeinde, „Fürchtet euch nicht!“ So ruft der Engel den Hirten zu. So wird uns jedes Jahr erzählt in der Weihnachtsgeschichte. Das wird vorangestellt, bevor die Hirten erfahren, um was es überhaupt geht. Mich springt dieser Satz schon seit Wochen immer wieder an. „Fürchtet euch nicht!“ – wie nötig ist dieser Satz in diesen Tagen. Am liebsten würde ich Plakate mit ihm drucken und die ganze Stadt damit zupflastern. Am liebsten würde ich damit jedes Gespräch, jede E-Mail, jeden Besuch beginnen. Nicht mehr „Guten Morgen“, sondern „Fürchtet euch nicht!“. Furcht, Angst, in fast jedem Gespräch begegnen sie mir. Ob mit Eltern in der Kita, die verunsichert sind, was denn nun gut und richtig ist für ihr Kind. Ob mit älteren Menschen, die nicht wissen, wie es werden soll, wenn die Knochen nicht mehr so mitmachen. Ob mit der Frau, die dieses Jahr keinen Weihnachtsmarkt besucht hat, aus Angst vor einem Anschlag. Ob mit einem Menschen von der Engelsburgerstraße, der die ganzen AfD Plakate in seiner Straße sah und sich fragte, ob er als Nichtbiodeutscher hier je eine neue Heimat haben würde. Furcht, Angst hat sich in vielen Herzen breit gemacht. Nicht mehr nur Sorge. Sorge, die ist oft ja berechtigt, hat einen konkreten Anlass, aber sie lähmt nicht, sondern sie lenkt unsere Gedanken auf eine bestimmte Sache, um die wir uns kümmern sollten und auch können. Nicht umsonst verbindet sich Sorge mit dem positiven „sich um jemanden, etwas sorgen“ im Sinne von Kümmern, Achten. Und – Sorgen verbindet sich dabei aber mit einem gewissen Grundvertrauen. Klar mach ich mir Sorgen, ob das alles so mit Weihnachten klappt. Es keinen Streit in der Familie gibt, die Geschenke auf Freude beim Beschenkten stoßen, es so wird, wie sich das alle so wünschen. Aber bei dieser Sorge ist da auch immer so eine Art Grundvertrauen. Wird schon klappen, irgendetwas geht schief, aber im Großen und Ganzen wird es wohl gut gehen. Tante Else hat sich total über das Geschenk gefreut und Onkel Jupp hat mal endlich seine Witze zu Hause gelassen, über die schon vor 20 Jahren keiner lachen konnte. Alles in allem hat es doch halbwegs geklappt mit dem ganzen Weihnachtstrubel. Die Sorgen im Vorfeld waren nicht unberechtigt, manche hat sich auch bestätigt, aber das Vertrauen, das es schon gut gehen wird ebbend auch.
Wie anders ist die Angst, die Furcht. Sie hat einen Anlass in der Realität, aber relativ schnell wird sie größer als die Wirklichkeit. Sorge, das ist die richtige Dosis, aber Angst, Furcht ist die Überdosis, die giftige Menge. Sie vergiftet immer mehr das Vertrauen in mir, zerstört es, zersetzt es in einen ekeligen, stinkenden Brei, der sich überall ausbreitet. Im meinem Herzen, in meinem Verstand, mich lähmt. Man kann sich versuchen dagegen zu wehren. In guten Momenten gelingt das, in schlechten nicht. Und zumindest gefühlt nehmen die letzten immer mehr zu. Wenn ich am Wahlabend die Ergebnisse sehe, Kommentare im Internet lese, ich verzweifelt merke, dass das Vertrauen, dass es uns wirklich gelingt neben- und miteinander in einer friedliche, offene Gesellschaft zu leben sich immer mehr als ein Fantasiegebilde herausstellt. Das sind die Tage, an denen ich zu meiner Frau sage, dass Ihre Heimat in Ex-Jugoslawien vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft leider kein Ferienort mehr, sondern Fluchtpunkt sein könnte. Wo ich Freunde am liebsten anrufen und sagen möchte: „Lasst die Koffer gepackt! Macht nicht die gleichen Fehler wie eure Vorfahren.“ Oder schlimmeres geht mir durch Kopf und Herz. Wut und Hass, auch sie wachsen gut auf von Angst und Furcht zerfressenem Vertrauen. Dann brauche ich einen, der das „Fürchtet euch nicht!“ wieder in mir zum Leben erweckt. Das in mir das Vertrauen schützt vor Angst und Furcht, die Lähmung überwunden wird, aus Angst wieder Sorge wird, ich den Kopf frei habe, zu überlegen, was zu tun ist. Da reicht es nicht mehr, dass mir das von irgendwo gesagt wird – ob von Kanzeln, Pulten der Bundespressekonferenz oder anderen Orten. Zu sehr ist in den letzten Jahren das Gift der Angst hineingetröpfelt, so lange schon, dass ich gar nicht mehr weiß, wann das anfing. Was ich weiß, ist, dass die Dosis sich von Jahr zu Jahr erhöht hat. Worte allein dringen nicht mehr vor, zu sehr hat die Angst schon den Weg vom Ohr zum Verstand und Herz blockiert. Es muss etwas anderes sein, das andere Wege kennt und geht um zu heilen vom Gift der Angst und Furcht.
Hier und heute soll dies zu finden sein, hier und heute soll der Ort sein, soll der Satz der Engel bis in unser Herz und Verstand vordringen, alles überstrahlen. So wird es uns erzählt. Die schwangere Frau, die Geburt in einem Stall, irgendwo am äußersten Rand des römischen Reiches und dann noch in einer der kleinsten Orte dieser unbedeutenden Gegend. Nur so kann uns die Geschichte erzählt werden, nur so kann den Hirten und uns das „Fürchtet euch nicht!“ zugerufen werden. Nur so kann diese Geschichte zum „Trost der ganzen Welt“ werden. Nur so kann sie sich verbinden mit den Hoffnungsgeschichten des Volkes Gottes und damit mit Gott selber. Nicht als ihre Erfüllung, sondern als Tor für uns, damit wir hineingehen können, in die Hoffnung, in den Trost, von dem dort erzählt wird. Wo es sich verbindet mit dieser kleinen Stadt, von der es heißt: „Du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“

Dort soll es also zu finden sein, das was uns hilft gegen Angst und Furcht? Das ist die große Weihnachtsfrage. Bei den Hirten scheint es ja gelungen sein. Irgendetwas muss mit ihnen passiert sein. Sie machen sich auf den Weg, finden alles vor: Mutter, Vater, Kind in der Krippe. Sie kehren verändert zurück, sie haben es wohl dort gefunden, was es für sie hat wahr werden lassen, was ihnen die Engel befehlen: „Fürchtet euch nicht!“ Was wirklich mit ihnen geschehen ist, darüber wird uns nichts erzählt, es bleibt die Leerstelle. Was es war, was sie getroffen hat in Herz und Verstand, was in ihnen das Gift besiegt hat? Drüber schweigt die Geschichte und es ist gut, dass sie das tut. Denn was wäre gewonnen, wenn sie es erzählen würde? Es hätte nichts mit uns zu tun, könnte nichts mit uns zu tun haben. Denn wir sind nicht die Hirten, waren es nie und werden es nie sein. Ihre Angst und Furcht war nicht die unsere und unsere wird nie die ihre sein. Dank dieser Leerstellen können die zwei Dinge in den Vordergrund treten, die entscheidend sind und eigentlich erst einmal ganz einfach sind: Jemand, der mir, der uns sagt „Fürchte dich nicht!“ damit wir uns dann auf den Weg machen und zu sehen, ob es wahr ist, was erzählt wird. „Fürchte dich nicht!“ – wenn man mir das sagt, wieviel mehr Kraft hat das, als wenn ich es mir selber in meinem verzagten Herzen versuche zu sagen. Dabei kommt dann meistens doch nur etwas heraus, was maximal zum Pfeifen im dunklen Keller reicht. Und dann kommt es darauf an, wer es sagt. Es sind die Engel. Engel sind keine Geistergestalten, sie sind Boten, die eine Nachricht überbringen, etwas ankündigen, keine geisterhaften Wesen, die über uns schweben. Solchen Engel sind so unterschiedlich wie wir, wie die Welt. Unendlich ist die Zahl der Wege, wie uns die Nachricht, die Botschaft Gottes erreichen kann. Was und wer zum Engel wird. Wir werden es merken, wenn sie, er uns gegenüber steht. Und dann heißt es, sich in Bewegung setzen, zu sehen, ob es wirklich stimmt. Ob er wirklich dort zu finden ist, der Ort, wo es ein starkes Mittel gibt gegen Furcht und Angst. Kein Betäubungs- sondern ein Stärkungsmittel. Auch hier zeigen uns die Hirten den Weg. Was dort in unserem, meinem Herzen und Verstand passiert, Worte, Erklärungen sind dafür zu klein, zu wenig. Auch die Hirten fassen es nicht in Worten, sie erzählen von dieser Krippe, von diesem Kind. Was dort mit ihnen passiert ist, das können sie mit Loben, Beten und Singen zeigen, nicht mit erklärenden Worten. Vielleicht ist das sogar das entscheidende Merkmal, wo es wirklich passiert, das Wunder der Geburt in der Krippe. Gerade nicht erklärende Worte, Verlautbarungen von Kanzeln und Rednerpulten in Pressekonferenzen, sondern das Lob zeigt, dass es wirklich wahr ist: „Fürchtet euch nicht!“

Das ist der Weg, heute an diesem Heiligen Abend, an diesem Ort. Das ist der Weg gegen Furcht und Angst, der in dieser Nacht vor uns liegt. Der Weg, der aus Angst wieder Sorge macht, Kraft gibt, mich den Dingen zu stellen. Kraft, die Koffer noch nicht zu packen, sondern zu sagen: Von solchen Gestalten, von solchen Rattenfängern willst du dich vertreiben lassen, das Ziel eines offenen, friedlichen Nebeneinander- und Zusammenlebens aus der Hand schlagen lassen? Wo kämen wir denn da hin? Nein, soviel Macht geben wir euch nicht, denn mir und uns ist gesagt „Fürchtet euch nicht!“.“

 


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