Verfasst von: achterosten | 15. Oktober 2017

Ein schönes Gesamtbild – Predigt zu 5. Mose 30, 11-14

Predigt zu Dtn 30, 11-14 (XVIII. So. n. Tr., Jubiläumsgottesdienst 10 Jahre EBH, 15.X.2017)

Liebe Festgemeinde,
es gibt sie ja, diese Glücksmomente, wo wie durch Zufall manche Dinge zusammenkommen, sich verbinden zu einem Moment, einem Bild. Eine schöne Sache. Ich bin heute Morgen ein so beglückter Zeitgenosse. Es nicht nur wieder eine besondere Freude für mich, mal wieder bei der Diakonie zu sein. Vor allem da ich auf den Monat genau vor 24 Jahre in einem weißen Kasack zu ersten Mal durch die Stationstür eines Krankenhaus schritt und von da an die Diakonie mich nicht mehr losgelassen hat. Sondern, viel entscheidender, dass ich heute zu diesem wunderbaren Anlass hier sein darf. Wir heute dieses Geburtstagsfest zusammen als diakonische Einrichtung und Kirchengemeinde feiern dürfen. Sie wissen, der 10. Geburtstag ist immer einer der schönsten. Die Kinder sind dann schon alt genug für eine halbwegs stressfreie Geburtstagsfeier und noch weit genug weg von pubertären Merkwürdigkeiten. Es kommt noch etwas hinzu und fügt sich wie von selbst in dieses Bild. Der heutige Predigttext aus dem 5. Buch Mose: „Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wirs hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“
Nicht mehr und nicht weniger ist es, was seit zehn Jahren Tag für Tag in diesem Haus geschieht – dass das Wort, das Gebot Gottes, gelebte und erfahrbare Wirklichkeit wird. Gottes Wille für den Menschen, das Gute, getan wird. Und damit auch der christliche Glaube hier an diesem Ort zu seinem Ziel und zu seiner Vollendung kommt. Denn das ist doch im Gesamten die Diakonie: Das Tun des Wortes, des Gebotes Gottes und damit die Vollkommenheit des christlichen Glaubens. Hier im diakonischen Handeln wird sie gelebte Realität, diese unauflösbare Verbindung.
Ich gebe zu, eine steile These und sie mag auf den ersten Blick auch fern der diakonischen Praxis, der täglichen Realität der Diakonie zu sein. Dass sie das aber gerade nicht ist, dazu möchte ich ein paar Gedanken mit Ihnen teilen.

Liebe Festgemeinde, am Anfang ganz grundsätzlich gefragt: Was ist überhaupt das Wort, das Gebot Gottes? Ich will es kurz machen: Alles nur nicht eine Gängelung des Menschen durch Beschränkungen und einem Dschungel aus Ge- und Verboten. Nicht das gehässige moralische Programm eines sadistischen Gottes, der genau weiß, dass dies alles nicht von einem Menschen befolgt, erfüllt werden kann. Jede, jeder der dies so versucht ist zum Scheitern verurteilt.. Die Gebote sind auch nicht der Aufgabenkatalog eines ekeligen Patriarchaten, den man minutiös zu erfüllen hat, nur um dann, ja dann endlich das Ziel zu erreichen: geliebt zu werden. Die Verwechslung der Gebote Gottes mit Moral, dem erhobenen Zeigefinger, dem „das tut man so“ hat vielleicht vielen Psychotherapeutinnen ordentlich Arbeit beschert. Es hat aber sicher nicht dazu beigetragen, das Gute für die Menschen zu tun. Das Gebot Gottes bedeutet nicht Moral, sondern zu aller erst Freiheit. Sie wird den Geboten vorangestellt, ist für sie die unabdingbare Grundlage, ihr Fundament. Dem aus der Sklaverei befreiten Volk Israel werden die Gebote gegeben als Ausdruck und Bewahrung ihrer Freiheit. Die freie Frau, der freie Mann tritt Gott gegenüber und erhält seine Gebote. Dem befreiten Herz ist das Wort ganz nahe, dass es getan werden kann. Es bleibt aber ein menschliches Herz, dem es nahe ist, es bleibt eine menschliche Hand, die es tut.
Liebe Gemeinde, lassen sie mich den nächsten Gedankenschritt tun: Gott gibt das Gebot in die Hand des Menschen und stellt es damit in den Rahmen des Menschen. Es wird so gelebte Praxis und nicht starre lebensferne Moral. Damit wird das Wort Gottes, sein Wille zum Guten für die Menschen, gelebte und erfahrbare Wirklichkeit an diesem Ort, hier im Elsa-Brändström-Haus. Und das trotz all der Einschränkungen, die eine gute Pflege nur schwer möglich machen. Wie etwa durch den fehlenden gesellschaftlichen und politischen Willen für eine gute Pflege die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die fehlende monetäre und ideelle Anerkennung einer guten Pflege und das heißt an allererster Stelle all der Menschen, die sich ihr tagtäglich widmen. Und da nehme ich die Kirche explizit mit in die Verantwortung. Denn was hier in Eppendorf vor zehn Jahren geschehen ist, war ein großer Glücksfall, ist aber leider doch ein eher seltener: Die enge Kooperation zwischen einer diakonischen Einrichtung und der Gemeinde der evangelischen Christinnen und Christen vor Ort. Das hohe finanzielle und ideelle Engagement einer Kirchengemeinde bei der Errichtung und Ausstattung eines Alten- und Pflegeheimes bis auf den heutigen Tag. Wenn ich das richtig aus den Berichten verstanden habe, ja sogar die Initialzündung aus der Gemeinde selber kam. Das Ganze ist besonders mit zwei Menschen verbunden, denen wir leider heute nicht mehr dafür danken können. Menschen, die ihren Glauben wohl genau so verstanden haben, wie ihn die Worte aus dem 5. Buch Mose vor Augen stellen. Daher – und ich mache einen weiteren Gedankenschritt – ist doch bei aller Freude über das heutige Jubiläum, bei aller Feierlaune, der heutige Tag auch eine Anfrage an die Gemeinden selber, an die Gemeinschaft der Christinnen und Christen Aufruf zur kritischen Selbstreflexion. Zugespitzt ist es die Frage: „Wo ist heute der Ort, wo der Glaube an sein Ziel kommt, seine Vollendung findet? Sind das unsere Kirchengemeinden, so wie sie heute sind?“ Denn wenn wir die Worte aus dem Predigttext, das biblische Zeugnis, ernst nehmen, dann steht es vor Augen: Ziel des Glaubens ist nicht die eigene Selbstvergewisserung, nicht, ich nehme jetzt mal diesen alten Begriff, das eigene Seelenheil. Und schon gar nicht die Errichtung einer letzten Bastion bestimmter moralischer Werte oder überkommender Formen menschlicher Vergemeinschaftung. Nicht die Schaffung einer Insel weit weg vom Leben der Menschen, ihren Nöten, Sorgen, Freuden und Fragen. Nicht umsonst haben die Reformatoren vor 500 Jahren die Mauern dieser Bastionen, dieser christlichen Sonderwelten niedergerissen.
Ich will noch einen Schritt weiter gehen: Der Glaube kommt da zum Ziel, zu seiner wahren Gestalt wo er für den Menschen neben mir zur erlebbaren Wirklichkeit wird. Mein Glaube kommt da zu seiner Vollendung wo meine Hand die eines anderen ergreift, wo mein Mund ruft, für die, die keine Stimme hat. Nicht in der persönlichen Glaubensstärke, der eigenen Überzeugung gewinnt der von Gott geschenkte Glaube Gestalt, sondern dort, wo die ausgestreckte Hand gereicht wird. Und bis zum Ende gedacht – erlauben Sie mir diese Randbemerkung – wird dann auch klar, dass die Frage der Religionszugehörigkeit von Mitarbeitenden in der Diakonie unter ganz anderen Vorzeichen zu diskutieren ist, als das in oftmals geschieht. Dann kann die Öffnung für Menschen anderer Religion oder Religionslosigkeit nicht mehr als ein defizitärer Schritt aufgrund gesellschaftlicher und demografischer Bedingungen verstanden werden. Er wird dann ein theologisch begründeter und begleiteter Weg der Hoffnung und des Vertrauens, dass der Wille Gottes zum Guten für die Menschen durch alle Menschen guten Willens geschehen kann. Durch alle die den Willen zum Gute für den Menschen in ihrem Herzen und in ihrem Mund tragen – durch Menschen wie Sie, die diakonisches Handeln mit Leben füllen.

Zwei kurze Gedanken zum Schluss: Wenn dem aber allem so ist, dann ist mehr als hohe Zeit, dass wir in den Kirchengemeinden uns sehr kritisch fragen, wo und wie bei uns der Glaube so zu seiner Gestalt kommt. Nicht nur in irgendwelchen Sonderräumen am Rande, sondern in unserem Zentrum. Ist diese Frage die Leitlinie all unserer Überlegungen oder nur das ängstliche Starren auf den Rückgang von Mitgliedszahlen und zu erwartenden schwindenden finanziellen Mitteln? Sind Gemeinden, ja ist die Kirche um ihrer selbst oder um der Menschen da? Liegt nicht im diakonischen Tun und Denken der Aufbruch aus der schon viel zu lange dauernden depressiven Nabelschau? Liegt nicht vielleicht in der Diakonie die Zukunft des Glaubens, sind hier die heutigen Orte des Glaubens? Das Diakonische als Zentrum und nicht als Randort zur Beruhigung des notorisch schlechten Gewissens. Das gemeinsame Erbauen dieses Hauses, die enge Kooperation, der heutige Gottesdienst hier an diesem Ort – es wäre dann mehr als ein nettes, schönes Beiwerk, sondern erste Schritte auf einem Weg in die gemeinsame Zukunft der Kirche und ihrer Diakonie hier vor Ort.
Und ein letzter Gedanke: Es stimmt wohl, ein paar steile und kontroverse, die mir da durch den Kopf gehen beim Blick auf dieses wunderbare Gesamtbild aus Anlass und Bibeltext heute Morgen. Aber es sie sind keine hoch fliegender Gedanken am heimischen und heimeligen Schreibtisch, sondern mit beiden Füßen auf der guten Erde des Glückes jahrelang bis heute diakonisch tätig sein zu dürfen. Keine Theorie in der sterilen Sauberkeit kirchlicher Wohlanständigkeit, sondern erfahrene Wirklichkeit, bei der man sich auch dreckig gemacht hat. Verbunden mit dem ganz persönlichen Erleben, dass der angegriffene, angezweifelte, korrumpierte Glaube gerade dort Nahrung und Quelle gefunden hat, wo in aller Nüchternheit und Professionalität ich meine Hand zur Hilfe reichen, meine Stimme für die Stummen erheben durfte. Ich tat, was meinem Herzen und Mund nahe war. Nicht umsonst ist der heutige Predigttext dieser Vers mein Ordinationsspruch, die Überschrift, die ich für meinen Beruf gewählt habe.

Liebe Festgemeinde – ein wunderbarer Glücksmoment, das dies alles heute hier zusammen kommt, sich zusammenfügt zu einem wunderbaren Bild des Guten, was Gott für uns Menschen will und auf das es nur eine Antwort geben kann: Das wir es ordentlich feiern.

 


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