Verfasst von: achterosten | 26. September 2017

Feste Feiern – Predigt zu Jesaja 25, 6-9 (Erntedank)

Predigt zu Jesaja 25, 6-9 (Erntedank 2017)

Liebe Gemeinde, es sind Symptome, die immer mal wieder auftauchen und im Ganzen betrachtet dann doch irgendwie stutzig machen. Schauen Sie sich mal das Bild an. Ich gebe zu, vielleicht nicht ganz jugendfrei, aber da sitzen sie in der Angestellenkaue. Irgendein Geburtstag, wahrscheinlich von dem jungen Mann in der Mitte mit dem beeindruckenden in weiß leuchtenden nackten Oberkörper und dem stolzen Blick. Der Ort, das Jahr, die Menschen auf dem Bild sind aber gar nicht das Interessante, sondern vielmehr, was die Jungs da so machen: Einige sind mit Schnaps und Bier ausgestattet, für Musik ist gesorgt, ein liebevolles Geburtstagsschild im Hintergrund ist auch da und sie schauen alle erwartungsfroh in die Kamera, wohl wissend: Jetzt wird gefeiert. Und das müssen sie wohl auch ganz ordentlich, wie weitere Fotos sehr eindrücklich belegen. Ein zufälliges Foto wie es doch wohl fast jeder irgendwo in seinem Fundus oder im Familienalbum hat ob in Schwarz-Weiß oder Farbe. Jubel, Trubel, Heiterkeit festgehalten im Foto. Ne, wat ham wir da gefeiert, schießt einem durch den Kopf wenn man drauf schaut. Aber irgendetwas hat sich in den letzten Jahren beim Feiern geändert.
Es begann alles damit, als ich meinen Kroatischlehrer zum Grillen einlud. Er druckst ein bisschen am Telefon herum, bis sie endlich kam, die für ihn entscheidende Frage: „Ist das eine deutsche Einladung oder eine vom Balkan?“ Auf meine erstaunte Rückfrage, wo denn da der Unterschied sei, kam zurück: „Bei der deutschen muss ich mein Fleisch selber mitbringen.“ Im Hintergrund stand die traumatische Erfahrung, beim Grillfest mit deutschen Kolleginnen und Kollegen der einzige gewesen zu sein, der nicht Würstchen, Salat etc. mitbrachte. Später kam es zu einer weiteren Beobachtung: Freunde feiern den Geburtstag nicht mehr. „Ist mir alles zu aufwendig und dann bist Du ja noch Tage lang mit Aufräumen beschäftigt und richtig fit für die Arbeit bist Du dann Montag auch nicht.“ Oder ich bekam Einladungskarten mit dem freundlichen Schlusssatz: „Wir beenden die Feier dann nach dem Kaffeetrinken.“ Ach, schau an, wenigsten muss ich meinen Kuchen nicht mitbringen und zur Sportschau bin ich auch pünktlich zu Hause. Dann las ich auf einmal von dem neusten Hype: Feiern bei denen es nur um die Gesundheit geht. Alles super gesund, am besten in flüssiger Form. Damit man nach der Feier noch gesünder, noch leistungsfähiger ist. Sehr beliebt, wenn man dem Artikel glauben darf, in gewissen studentischen Kreisen in hippen Großstädten. Dann schließlich war es nicht mehr zu übersehen: Einer hat sich dann doch mal endlich entschieden, ein wenig zu feiern, wir sitzen gerade beieinander, da fällt auch schon der erste fast vom Stuhl – vor lauter Müdigkeit. Und das nicht morgens um drei sondern um zehn Uhr abends! Und ehrlicherweise sagen dann fast alle, dass es ihnen gerade nicht anders geht. Betretendes Schweigen bis sie einer laut stellt, die entscheidende Frage: „Haben wir das Feiern verlernt? Wir haben das eigentlich unsere Eltern gemacht? Gefeiert bis tief in die Nacht und morgens um fünf wieder raus und auf die Frühschicht?“ „Und die hatten auch Kinder und haben gearbeitet,“ ergänzt noch eine von der Seite. „Wie haben die das geschafft?“ Keine Ahnung.
Geht das nur mir so – oder ist es wirklich so: Haben wir das Feiern verlernt? Ich meine, schauen Sie sich die Jungs auf dem Bild an, die haben es schon in der Kaue krachen lassen. Ich denke an Hochzeitsfeiern in der Nachbarschaft als ich Kind war, mit Kränzen, Polterabend und der eigentlich Hochzeitsfeier war man da gut eine Woche fröhlich zugange. Oder die Goldene Hochzeit meiner Ersatzgroßeltern: Die 30 Mann, Familie, samt Nachbarschaft in der kleinen Küche im Zechenhaus mit Akkordeon und Gesinge als ob es kein Morgen gibt. Und das war nicht vor 100 Jahren sondern vor 30. Auf der anderen Seite gibt es dann so Geschichten wie das Spring Break, das sich ja auch in Europa zunehmender Beliebtheit erfreut. Bevor man Mitglied im allgemeinen Hamsterrad aus Arbeit und Funktionieren wird, gibt man mit Sex, Drugs und Rock n Roll ein paar Tage alles. Dann aber auch so, dass es fürs ganze Leben reicht. Nicht, das man mich da jetzt falsch versteht, jeder und jedem der da dabei sein will, sei das gegönnt, aber die Frage bleibt am Ende für mich doch: „Haben wir das feiern verlernt. Und wenn dem wirklich so ist, warum ist dem so?“ Und es scheint ja nicht nur mir so zu gehen. Liegt es nur an den äußeren Umständen? An früheren Zwängen zu Festlichkeiten, die man zum Glück abgelegt hat? Für was könnte das ein Symptom sein? Ehrlicherweise ich weiß nicht wirklich.
Nehmen wir doch auch mal die Bibel. Da wird an allen Ecken und Enden gefeiert und manche dieser Feier endet am nächsten Morgen auch mit einem dicken Kater, direkt oder im übertragenden Sinne. Große Feiern mit allem was dazu gehört sind immer wieder auch ein Bild für die biblischen Verheißungen. Als die die großen Hoffnungsbilder. Keine fleischlosen, rein vergeistigen Ansagen, sondern da lässt man es so richtig krachen. Wie hier zum Beispiel im Jesajabuch: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.“ Das ist die Einladung zu einem Fest, was garantiert nicht nach dem Kaffeetrinken sein Ende findet und zu dem ich selber meinen Nudelsalat mit anschleppen muss. Viele solcher Texte sind in der Bibel zu finden. Wenn man sich die dann genauer anschaut, haben die biblischen Autorinnen und Autoren das was in der Tiefe des Feierns steckt wohl wirklich durchdrungen: Es macht uns Menschen zu Menschen und es ist das große Trotzdem! Wer feiert durchbricht jede Frage nach dem Funktionieren, der muss nicht mehr funktionieren, der darf einfach sein. Wer feiert schleudert ihr Trotzdem all den Dingen, die das Leben aus uns heraussaugen, entgegen. All diesem ganzen Mist, der uns Tag für Tag Angst macht, belastet, uns die Hoffnung raubt, uns verbiestern lässt. All den ganzen Anforderungen von allen möglichen Seiten, am meisten von uns selbst an uns. Wer feiert feiert das große Trotzdem: Dort wo wir zu funktionierenden Maschinen degradiert werden oder uns selber degradieren im braven gläubigen Gehorsam gegenüber all den Religionen unserer Tage: Beruf, Gesundheit, Work-Life-Balance, Essen und Trinken. Das große Trotzdem des Lebens feiern wir, spüren es. Egal zu welchem Anlass, auch heute zum Erntedankfest. Daher ist das Feiern nicht nur ein wunderbares Bild für den Glauben an diesen einen Gott. Wo wir einfach sein dürfen, wo das große Trotzdem als Festplakat über unsere Köpfe gespannt ist. Sondern dort wo gefeiert wird, wir Mensch sein dürfen, immer auch etwas zu spüren, zu schmecken ist, von dem was uns von diesem Gott verheißen ist.
Vielleicht wussten die Jungs auf dem Bild aus der Kaue das oder hat ein größeres Gespür dafür. Vielleicht einfach deswegen, weil sie Tag für Tag hautnah erlebten, wie der Mensch zur Maschine wird, Teil eines großen Räderwerkes. Aber auch wie schnell das Leben vorbei sein kann, wie gefährdet es ist. Vielleicht wussten sie daher umso mehr in ihren Herzen, wie groß und wichtig das Trotzdem ist, wie wir es brauchen, um zu leben.
So will ich auch mit einem hoffnungsvollen Blick schließen: Vor drei Wochen habe ich einen guten Freund besucht. Es war elf Uhr abends, wir wollten nur noch jeder sein Bier austrinken und dann ab ins Bett. Es klingelte der Nachbar, um noch kurz vorbei zu schauen. Um es kurz zu machen: Am Ende saßen sechs Menschen um den Tisch, es wurde gelacht, getrunken und gesungen. Als ich um halb vier auf die Luftmatratze sank da wusste ich, nein, so ganz haben wir das feiern nicht verlernt. Mehr im Herzen als im Verstand spürte ich wieder, warum uns von der Schönheit des Glaubens, von seiner Hoffnung als großem Fest erzählt wird.


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