Verfasst von: achterosten | 17. September 2017

Vom Traum zur Wirklichkeit – Predigt zu Genesis 28, 10-22

Predigt zu Gen 28, 10-22 (XIV. Sonntag nach Trinitatis, 17.IX.2017)

Liebe Gemeinde,
warum sind Sie heute Morgen hier? Die Witzbolde unter Ihnen würden vielleicht unter Abwandlung eines alten Fußballzitates antworten „Weil Sonntag ist.“. Und Ihr Konfis werdet sagen: „Weil ich muss. Gehört zur Zeit als Konfi dazu.“ Beides ist ja auch nicht so ganz falsch, aber es ist klar, mir geht es um die tieferen Gründe. Die werden ganz unterschiedlich aussehen bei jeder, bei jedem Einzelnen. So wie es zu dem eigenen Leben, zu Ihnen selbst passt. Da gibt es auch keine guten und keine schlechten Gründe. Eins aber vermute ich doch mal trifft auf die ein oder andere Art für uns alle hier heute Morgen zu: Irgendwie gehört der Glaube zu unserem Leben. In ganz unterschiedlichen Formen, wie auch unsere Leben ganz unterschiedlich sind. Ein Hoffen, ein Vertrauen, eine leise Ahnung, dass es wahr ist, was uns erzählt wird, was wir in unseren Herzen spüren: Dass es einen Gott gibt, der uns gegenüber steht, der mit uns ist, der uns nicht allein lässt. Mir jedenfalls geht es so. Und wie schön wäre es, wenn da mehr wäre als nur ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Vertrauen, eine leise Ahnung. Tiefer, fester Glaube – unerschütterlich, jeden Tag wie ein fester, unumstößlicher Grund. Aber dem ist ja nicht so, immer wieder nagt da auch der Zweifel. Kann das wirklich so sein? Kann es diesen Gott überhaupt geben? Oder ist es nicht doch alles ganz anders? Ist der „Thron“ dort im Himmel schon lange verwaist, vielleicht hat da ja nie jemand gesessen? Und wenn es Gott wirklich gibt, vielleicht ist er ja ganz wo anders zu finden? So oder ähnlich geht es mir durch den Kopf, immer wieder. Wie einfach wäre alles, wenn da etwas wäre, was mir diese letzte Gewissheit gibt. Wenn sich Gott doch einfach zeigen würde. So wie in all den Geschichten, die uns da in der Bibel erzählt werden. So wie die im heutigen Predigttext über Jakob. Das ist der, der seinen Bruder um seine Rechte als Erstgeborenen gebracht hat auf sagen wir mal zumindest nicht ganz legale Art und Weise. Erst für ein Linsengericht die Rechte gekauft und dann noch den blinden Vater betrogen, um an den väterlichen Segen zu kommen, der eigentlich dem Ältesten zustand. Der Sohn wird so als rechtmäßiger Nachfolger anerkannt und ist damit also demnächst „Herr im Hause“ mit allem was damals so dazu gehört. Das hat sich dieser Jakob mal gerade auf miese Art und Weise an Land gezogen. Klar, so etwas sorgt nicht gerade für gute Stimmung beim Bruder und da die Gefahr besteht, dass nicht nur bei einem blauen Auge für Jakob bleiben wird, macht der sich mal ganz schnell außer Landes bzw. ihm fällt ganz spontan ein, man könne ja auch mal den entfernten Onkel besuchen, der, welch ein Zufall sehr weit weg von Jakobs Bruder wohnt. Zwei unverheiratete Töchter hat der auch, wie praktisch. Auf dem Weg zum Onkel, von Müdigkeit übermannt, in der Einsamkeit der öden Landschaft legt er sich einfach nieder und so wird uns erzählt: „Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goß Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“
Der Jakob hat es gut, mein Neid ist ihm gewiss. Wie ich hat er von Gott gehört, haben ihm die Älteren davon erzählt. Wie ich hat es vielleicht in ihm eine Ahnung geweckt, vielleicht sogar ein leises Vertrauen, der Beginn seines Glaubens. Ihm aber erscheint Gott gleich mal persönlich und das gleich auch noch mit einer eindrucksvollen Leiter. Und mit einer klare Zusage Gottes: Ich werde bei Dir sein, Du wirst nicht allein durch dein Leben stolpern, ich bin an deiner Seite. Super für Jakob, aber ich? Hatte ich schon mal einen solchen Traum oder ist mit diesem überhaupt zu rechnen? Wohl eher nicht. Mal ganz von der Ungerechtigkeit abgesehen, denn ich habe noch nie so jemanden über den Tisch gezogen, wie das Jakob mit seinem Vater und Bruder getan hat. Er aber bekommt hier das volle göttliche Programm, ich gehe leer aus. Also wieder mal so eine dieser Geschichten, die man vielleicht mal gehört haben sollte. Das wars dann aber auch. Für meinen Versuch zu glauben wohl eher nicht hilfreich, wie es ja anscheinend oft so ist mit diesen ganzen biblischen Geschichten. Fazit: Jakob wird bestimmt einen festen Glauben gehabt haben, unumstößlich, nie in Frage stellen, worauf er seine Hoffnung, sein Leben aufbaut. Nach dieser Nummer mit der Leiter, diesem Traum. Der weiß, wer und wo Gott ist. Stand ihm sozusagen direkt gegenüber. Ich bleibe dagegen ratlos zurück, wissend, dass ich wohl nicht wirklich je einen solchen Traum haben werde. Vielleicht erscheint mir mal im Traum die Meisterschaftsfeier des SC Freiburgs, das war’s dann aber auch.
Dass dem aber nicht so ist, dass ganz im Gegenteil das was uns von Jakob erzählt wird ganz viel mit meinem schwachen Glauben zu tun hat. Sogar Nahrung für ihn ist und mein Vertrauen nährt, das hat damit zu tun, dass uns die ganze Lebensgeschichte Jakobs erzählt wird. Da zeigt sich, dass es nicht weit her ist mit dem Vorurteil, nach diesem Traum wäre er so eine Art Superheld des Glaubens. Ganz im Gegenteil und das geht schon in dieser Geschichte des Traumes los. Denn mit seinem Vertrauen in Gott scheint es nicht allzu weit her zu sein und so ganz durchdrungen, mit wem er es da zu tun hat, auch das ist ihm nicht so ganz gelungen. Denn ist er blass vor Erstaunen? Ist er völlig verwirrt? Weiß er vor lauter Dankbarkeit und Freude ob dieses enormen Versprechens nicht wohin mit sich? Nichts davon! Jakob sieht das ganz wohl eher als so eine Art Handelsabschluss. Versucht Gott gleich an die Kandare zu nehmen. Nur wenn Gott sich auch daran hält, was er ihm zusagt, dann erhält er einen eins a Tempel. Bis dahin reicht erst einmal ein Stein. So als eine Art Anzahlung. Nichts anderes als der Versuch einen Deal mit Gott zu schließen ist doch sein Gelübde. Zeigt wie wenig er doch verstanden hat, welcher Natur sein Glaube ist. Kein bedingungsloses Vertrauen und letztlich wohl auch keine wirkliche Erkenntnis. Denn was passiert nach dieser Geschichte? Das ganz mal kurz zusammengefasst: Er kommt dann doch zur fernen Verwandtschaft, erlebt dort gleich mehrfach, wie es ist selber gnadenlos über den Tisch gezogen zu werden, kommt mit eher zweifelhaften Methoden zu Reichtum und muss sich dann doch wieder vom Acker machen, weil er es sich wieder mit der Familie verscherzt hat. Das alles spricht jetzt nicht von einem Glauben, wie ich ihn mir wünsche. Ja, wie ich ihn als Bedingung verstehen würde für uneingeschränktes Vertrauen, frei von Zweifel. Ganz im Gegenteil, auch Jakob stolpert weiter durch sein Leben, auch bei ihm läuft nicht alles nach Plan. Er bleibt das alte Schlitzohr, immer auf seinen Vorteil bedacht. Und Gott so richtig erkannt, das hat er wohl trotz seines Traumes immer noch nicht. Denn alles steuert auf den einen Höhepunkt zu. Der Höhepunkt der Geschichte Jakobs, der nur in wenigen Worten erzählt wird, aber doch ganz tief in die Geheimnisse des Glaubens führt. Die Erzählung, die einer der Hauptgründe dafür ist, dass ich heute hier stehe. Es ist die Geschichte von Jakobs Kampf mit Gott. Denn er begegnet ihm noch einmal, am Fluss Jabbok und trotz seines Traumes erkennt er ihn nicht, den Mann, der sich ihm dort in den Weg stellt. Er kämpft mit ihm eine ganze Nacht bis zum Morgen. Er kämpft mit Gott viele Stunden und erkennt ihn doch nicht. Erkennt in ihm nicht den, der ihm alles Gute zugesagt hat, sondern sieht in ihm den Feind. Erst als Gott ihn verwundet, auf die Hüfte schlägt, da erkennt Jakob, mit wem er gerungen hat. Da erst wird aus Traum Wirklichkeit, erst da versteht, erkennt Jakob. Nach stundenlangen Ringen und mit geschlagener Hüfte. Welch eine Geschichte über meinen, unseren Glauben. Welch eine Geschichte über unsere Beziehung zu Gott wird uns da in der ganzen Jakobsgeschichte erzählt. Eröffnet uns den Blick in das Geheimnis des Glaubens. Warum zu ihm immer auch der Zweifel gehört, das Ringen mit Gott, die Wunden, die wir dabei davon tragen. Zeigt den Weg von einem Traum, den wir vom Glauben haben zu der Wirklichkeit des Lebens, unseres Lebens. So, dass am Ende nicht die falsche und lebensfremde Hoffnung steht, der Glaube wäre etwas festes, unumstößliches, nie angezweifeltes, nichts Gefährdetes. Etwas was wir besitzen und uns nicht genommen werden kann. So ist unser Leben nicht. Sondern am Ende steht jener Satz Jakobs nach seinem Ringen mit Gott, seinem Ringen mit dem Leben: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Darum bin ich heute hier, um diesen einen Satz immer wieder in unterschiedlichster Gestalt in Wort und Gesang zu sagen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Damit auch morgen er noch lebt, mein Glaube als Hoffnung, Vertrauen und Ahnung.


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