Verfasst von: achterosten | 27. August 2017

Freiheit – Predigt zu Johannes 8, 31-36

Predigt zu Joh 8, 31-36 (Sommerkirche 2017)

Liebe Gemeinde,
endlich frei – unter diesem Motto steht nicht nur das Jahr des Reformationsgedenken in der westfälischen Kirche sondern auch die Sommerkirche in diesem Jahr. Endlich frei – das war und ist garantiert aber auch der innere Ruf vieler in diesen Tagen wenn endlich Schicht ist und vor einem die heiß ersehnten Tage des Urlaubes liegen – diese überall gesuchte, kaum erlebte, viel besungene Freiheit. Wer seinen Weg in die Urlaubsfreiheit mal nach Kroatien gelenkt hat, wird vielleicht eines dieser Freiheitslieder gehört haben. Eindrucksvoll zur Eröffnung der alljährlichen Theaterfestspiele in Dubrovnik klingt es durch die nächtliche Altstadt. Kurzer Hinweis für die, die noch nicht in Dubrovnik waren aber Serienjunkies sind: Denken sie einfach an „Königsmund“ aus Game of Thrones“, denn Dubrovnik ist hier die Kulisse. Durch diese Straßen klingt sie, die „Hymne der Freiheit“ von Ivan Gundulić aus dem 17. Jahrhundert: (MUSIK Himna Slobodo)
„O schöne, o liebliche, o süße Freiheit,
alle Schätze hat uns Gott gegeben in dir,
wahrer Grund all unserer Ehre,
einziger Schmuck des Dubrave;
alles Silber, alles Gold, alles menschliche Leben
kann nicht Lohn sein für deine rein Schönheit.“

Sie gehen schon zu Herzen, Musik und Text. Beide tragen in sich den nötigen Pathos für das große Thema Freiheit, für unsere Sehnsucht nach ihr. Und auch wer es nicht so dramatisch mag, kann doch dem Sinn hinter den Worten zustimmen. Und der Frage des Lebens, die dahinter steht: Wo ist sie zu finden, die Freiheit, die länger dauert als ein Urlaub? Wie sieht sie aus, diese Freiheit, die uns endlich die Ketten zerschlägt des Gefühls nicht Herr unser selbst zu sein, nicht das wahre Leben leben zu können. Endlich frei – wie soll das nur aussehen? Ob wir es hier finden, im Gottesdienst, im Wort Gottes, in den Geschichten, Gedichten und Erzählungen? Vielleicht in dieser aus dem Johannesevangelium: „Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Sie antworteten ihm: Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie sagst du: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; der Sohn bleibt für immer. Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“

Wirklich frei – da steht es doch! Sollte das der Weg sein in die wahre Freiheit? Ist das nicht sogar der alleinige Grund, dass wir so selbstbewusst als Kirche „Endlich frei“ als Motto in die Welt rufen? Da steht es doch, was die wahre Freiheit ist. Dort ist sie beschrieben, die wahre Freiheit, da ist sie zu finden. In dem Sohn, der die alleinige Wahrheit bringt die wirklich frei macht. Hier ganz alleine, das ist der wahre Weg. Wir müssen ihm nur folgen und dann ist sie da, Freiheit. Wahre Freiheit, die länger dauert als ein Augenblick, länger dauert als ein Sommerurlaub. Wahre Freiheit, wie sie aus dem Lied aus Dubrovnik spricht. Hier in diesen Worten ist sie zu finden. Wie wunderbar, wie herrlich wäre das, wenn das wirklich wahr wäre! Wenn wir hier die einzige, wahre Freiheit finden würden!
Liebe Gemeinde – bitte tun sie das nicht! Es schmerzt das sagen zu müssen, aber bitte tun sie es nicht. Die Freiheit, die uns in diesen Worten des Johannesevangelium so verheißen und Jesus in den Mund gelegt wird, sie ist eine vergiftete Freiheit. Das Gift, das wir oft finden, wenn es um die Freiheit geht – ob in diesen Worten, ob in der „Hymne der Freiheit“ aus Dubrovnik, ob in unseren kleinen und großen Freiheiten. Vielleicht ist es sogar das lähmende Gift, das wahre Freiheit verhindert. Ein starkes Gift, so stark, dass es sogar bis in die Verheißungen des christlichen Glaubens vordringen kann. Ihre Wahrheit mit einem grauen Schleier bedeckt. Die Wahrheit, dass Freiheit nicht in Macht und Herrschaft zu finden sind, sondern in der Ohnmacht dessen der sich ans Kreuz schlagen lässt. Über diese Wahrheit legt sich in den Worten des Johannesevangeliums der Schleier. Hier dringt das Gift vor: Das Gift, das uns von Freiheit so sprechen denken, fühlen lässt, dass es anderen immer diese Freiheit abspricht. Das Gift, das mit der eigenen Freiheit die Unfreiheit des anderen verbindet. So steht es im Hintergrund der „Hymne der Freiheit“, die Freiheit Dubrovniks im Gegenüber zu Venedig und den Osmanen. Und leider, ich muss es so sagen, enthalten die Worte des Johannesevangelium auch genau dieses Gift. Auch hier gibt es Freiheit nur in der Gegenüberstellung der Unfreiheit der anderen. Frei sind eindeutig die, die sich zu dem bekennen der dort spricht, der Sohn Gottes wie ihn uns das Johannesevangelium zeigt. Und wer unfrei ist, auch das ist hier relativ klar und wenn man sich die gesamte Erzählung anschaut, wird es noch klarer: Es sind nicht nur diejenigen Menschen, die sich nicht zu diesem Jesus Christus bekennen, sondern auch: die Juden. Sie werden als Sklaven diffamiert, als die Unfreien, werden mit der Sünde identifiziert. Da ist es, das Gift, das einen selbst für frei und die anderen für Unfrei erklärt. Das die eigene Freiheit nur als helles Gegenüber zur Unfreiheit der anderen sehen kann. Das Freiheit, diese Ursehnsucht des Menschen, zu einem Besitz erklärt. Zu einem Besitz, den ich habe und der andere nicht, den wir haben und die anderen nicht. Den wir Deutschen, Europäer, Menschen aus dem sog. christlich-jüdischen Abendland haben und die Frau mit Kopftuch, der Araber, die Menschen im Osten und Süden nicht. Eine Position, die die Unfreiheit des anderen nur in der eigenen Freiheit sehen kann. An dessen Ende schließlich der Hochmut des selbsterklärten Freien gegenüber dem fremderklärten Unfreien steht; samt der ganzen Wirkungsgeschichten an deren Ende immer Elend und Tod stehen. So wie die Geschichte der Christen mit dem erwählten Volk Gottes, den Juden.
Es ist doch zum Verzweifeln. Warum müssen wir das so aus dem Johannesevangelium hören? War das wirklich nötig? Warum konnte der Verfasser, die Verfasserin es nicht einfach bei der freimachenden Botschaft der Evangelien belassen: Wie Gott selber als Mensch in Tod und Auferstehung Christinnen und Christen Freiheit schenkt. Warum? Ich weiß es nicht, auch wenn ich weiß, dass es sich hier wahrscheinlich um Texte handelt, die in einer Zeit verfasst wurden, als Christinnen und Christen genau das passierte: Dass sie als Unfreie galten, bedrängt, verfolgt, ausgestoßen wurden. Mit dieser Vermutung kann ich es vielleicht nachvollziehen, aber verstehen? Nicht wirklich.
Und nun? Ist das alles? Ist also diesem Gift der Raum zu überlassen? Ist es vielleicht sogar geboten, notwendig, es so zu sehen? Ist es vielleicht gar kein Gift, sondern sogar der wahre, richtige Weg, damit Menschen Freiheit finden? Ich glaube nicht, denn die angeblichen Unfreien, die sind es hier, die vielleicht den entscheidenden Hinweis geben. Denn was antworten die „Unfreien“ auf die Diffamierung? Sie antworten: „Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und sind nie jemandes Sklaven gewesen.“ Was für eine wunderbare Antwort. Welch ein Plädoyer für eine Freiheit, die eben nicht darauf gründet, den Menschen an meiner Seite zu einem Unfreien zu erklären. Sie diffamieren nicht, sondern sie berufen sich auf Abraham als Urvater. Abraham, denjenigen, den alle – Juden, Muslime und Christen – als ihren „Urvater“ ansehen und sich das, wenn man ehrlich ist, auch eigentlich nie gegenseitig abgesprochen haben. Abraham – von dem aus viele Ströme in ganz unterschiedliche Menschengruppen gehen. Abraham – der eher eine universale Gestalt ist. Eine Gestalt, die Öffnung in sich trägt und nicht Abgrenzung. Auf diesen berufen sich die Juden im Gespräch mit Jesus als Grund ihrer Freiheit. Und sie tun das als seine Nachkommen. Nachkommen von jemanden zu sein, dafür kann ich nichts aktiv tun, es wird mir geschenkt. Diese Freiheit ist geschenkte Freiheit. Ich kann sie mir nicht verdienen und ich kann sie auch nicht durch besonderes moralisches Verhalten erzwingen. Sie wird mir unverdient geschenkt.
Der Gedanke ist kühn und klingt auch zunächst widersinnig: Es sind die zu Unfreien erklärten, die Juden, die in diesen Worten des Johannesevangelium auf die wahre Freiheit hinweisen. Sie weisen Jesus selber darauf hin, in dessen Leben, Sterben und Auferstehung Freiheit für uns Christinnen und Christen Wirklichkeit wird. Freiheit ohne Abgrenzung, ohne Diffamierung, geschenkte Freiheit. Und damit unverlierbare Freiheit, Freiheit die bleibt. Freiheit, für die die Worte aus Dubrovnik dann stimmen: „Alle Schätze hat uns Gott gegeben in dir.“

 


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