Verfasst von: achterosten | 14. April 2017

Entscheidungen – Predigt zum Karfreitag

Predigt zu Jesaja 52,13-15; 53,1-12 (Karfreitag, 14.IV.2017)

Liebe Gemeinde, wissen sie was ich immer wieder schön finde an meinem Beruf: Dass ich die Chance habe, Geschichten und Glaubensüberzeugungen, die wir irgendwie wie selbstverständlich mit uns herumtragen und erzählen, genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann gibt es sie immer wieder, diese kleineren oder größeren Aha-Effekte, wenn ich dann erstaunt feststelle, dass man manches auch anders verstehen kann, angebliche Nebensächlichkeiten plötzlich viel gewichtiger werden. Die oft gehörten Geschichten eine andere Richtung nehmen, die toten Buchstaben lebendig werden und neue Blickwinkel eröffnen. Texte, Geschichten und Aussagen,  die mir nie wirklich etwas zu sagen hatten, nahe rücken und was selbstverständlich ist, fremd wird, in die Ferne rückt. Das Starre, Tote lebendig wird. Eine wunderbare Erfahrung.

In diesem Jahr war das auch so im Blick auf diesen Tag, mit dem wir vielleicht auch nicht so richtig wissen, was wir mit ihm eigentlich anfangen sollen. Angeblich der wichtigste evangelische Feiertag, so haben wir es vielleicht noch im Hinterkopf. Aber wenn uns einer fragen würde, ob er das für uns auch ist? Ich weiß nicht, was sie so antworten würden. Alles nicht so einfach heute, diese blutige, grausame Geschichte, die heute auch ohne Happy End bleibt. Am Ende regieren Tod und Schmerz. Das soll dann der wichtigste Tag des Glaubens sein? Na ja, so ganz weiß ich ja nicht…

Wenn mich aber eine nach der Geschichte fragt, die heute erzählt wird, an die wir uns heute erinnern, dann ist es schon einfacher. Denn eigentlich ist das ganz wunderbar, die Rollen sind gut verteilt. Gut und Böse – alles klar zu erkennen. Hier die bösen religiösen Funktionäre und ein zynischer korrupter Politiker hübsch vereint in dem einen Ziel: dieser komische Typ muss weg, so wie viele vor ihm und dann auch nach ihm, die den Eliten irgendwie in die Quere kamen. Dort das Gute in seiner reinsten Form, der, der alles erduldet. Der Opfer wird der brutalen politischen Machtgier. Der Gute unterliegt, das Böse triumphiert. Täter und Opfer – klar benannt. So hören wir diese Geschichte immer wieder an diesem Tag. Für mich ist sie – so erzählt – allerdings eine starre Geschichte geworden. Eine, die mich vielleicht noch darin bestätigt hat, dass denen da oben nicht zu trauen ist – egal ob religiöse oder politische Elite, am Ende gehen sie doch alle über Leichen. Aber etwas, wo ich mich in dieser Geschichte wiederfinde? Schwierig, oder vielleicht doch nicht? Die Frage, warum das Ganze? Dieser ganze grausame Tod, der doch eine so hohe Bedeutung für uns haben soll, ja an dem ja sogar das Heil der Welt hängen soll?

Ach, wissen sie was: Ich nehme sie einfach mal mit beim Blick durch die Lupe auf diese Geschichte. Vielleicht hilft uns das ja weiter. Da nehmen wir doch mal die religiösen Funktionäre und am besten gleich mal das Oberhaupt, den Herrn Kaiphas. Er ist doch der, der alles letztlich ins Rollen gebracht hat, die Ergreifung Jesu. Der ihn befragt und schließlich an die Römer übergibt. Alles aus reiner Machtgier, weil Jesus die Macht der Tempelfunktionäre in Gefahr bringt? Oder aus reinem religiösen Fanatismus, weil er sich angeblich eine Rolle anmaßt, die nur Gott allein zusteht? So die gängigen Lesarten. Da find ich mich nicht wieder. Ich bin kein hoher religiöser Funktionär und religiöser Fanatiker beim Besten willen auch nicht. So wie Sie alle hier heute Morgen das ja wahrscheinlich von sich sagen würden. Dieser Kaiphas, er scheint aber beides zu sein und damit nicht wie ich – wirklich? Da gibt es diesen entscheidenden Satz von ihm, in aller Dramatik der Erzählung überhören wir ihn fast. Mir wird dieser Satz immer wichtiger, denn mit ihm erscheint dieser Kaiphas in einem ganz anderen Licht – nicht mehr als machtgieriger, fanatischer Funktionär. „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe.“ So wird der Satz im Johannesevangelium überliefert. Wenn das nun der wahre Grund für die Auslieferung an die Römer wäre? Dann wäre der Kaiphas so ein Mensch wie ich – unter Zwängen lebend, Entscheidungen treffend, die „alternativlos“ erscheinen, wohl wissend oder eher ahnend, was ihr Preis ist. Im Beruf, im Privatleben. So wie wir alle, Tag ein, Tag aus. Bei den wenigsten in der Dramatik wie bei Kaiphas, aber bei manchen manchmal auch. Da sitzen wir in unseren Büros, stehen in den Werkstätten und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, bei denen wir oft Menschen enttäuschen, sie verletzen, sie in unseren Überlegungen von eigenständigen Subjekten zu Objekten wie Schachfiguren werden. Und das betrifft alle Berufszweige, alle Karrierestufen. Da sitzen Sie bei Aldi an der Kasse und sehen ihre Nachbarin vor sich, sie wissen wie schlecht es ihr geht, wie leer der Kühlschrank ist, sie sehen, dass die Beule unter ihrem Mantel eher auf eine Packung Müsli, als auf einen dicken Pulli hindeutet. Sie müssen entscheiden, die Frau weiter ins Elend stürzen oder den Job riskieren? Und sie müssen sich entscheiden. Sie sitzen am Bett des Sterbenden, keiner ist mehr da, der bei ihm sitzen könnte. Er umfasst ihre Hand und im Zimmer nebenan wartet noch Frau Schmidt, die immer noch nicht gewaschen ist und es ist schon wieder halb neun und die Kollegin hat sich auch wieder krank gemeldet. Eine Frau in einer vollen Windel noch länger liegen oder einen Sterbenden allein lassen? Sie müssen entscheiden. Der Firma geht es schlecht, ihr Plan würde sie retten und zukunftsfähig machen, dafür müssten die älteren Mitarbeitenden gehen, gerade fragt sie ihre Sekretärin ob sie einen Kaffee wollen. Sie trinkt nur Tee, seit dem sie mit 53 einen Herzinfarkt hatte. Sie müssen entscheiden. Und in Ihrem Kopf werden Worte laut, wie „Sachzwang“, „alternativlos“, „es geht nicht anders“ und sie nehmen immer mehr Raum ein. So wie ich das sehe war Kaiphas genau in einer solchen Situation, stand genau vor einer solchen Entscheidung. Entweder er lässt diesen Jesus weiter gewähren, lässt weiter zu, dass er die Praxis im Tempel kritisiert, dort randaliert und damit maximal die Gefahr erhöhte, dass es unruhig wurde in der Bevölkerung. Und dann noch jetzt, wo die Stadt überlaufen ist von jüdischen Pilgern. Er weiß um die höchste Maxime römischer Besatzungspolitik: Jede Form von Unruhe wird effektiv, schnell und gewalttätig im Keim erstickt. Notfalls mit der völligen Vernichtung der örtlichen Kultur. Die Römer waren tolerant, so lange es ruhig blieb! Kaiphas wusste genau, wie sein Glaube in der Vergangenheit an einer Besatzungsmacht fast zugrunde gegangen war. Nicht nur das der Glaube unterdrückt wurde, nein es sogar zu einem blutigen Bürgerkrieg kam. Auf der anderen Seite dieser Jesus, ein einzelner Mann, keine große Anhängerschaft. Vielleicht gefiel Kaiphas sogar, was der zu sage hatte. Zu anderen Zeiten hätte sie vielleicht in Ruhe reden können, feststellen können, dass sie vieles auf ähnliche Weise in der Tora lasen. Aber es sind keine anderen Zeiten. Es muss schnell überlegt werden: Das Risiko eingehen und damit im schlimmsten Fall den Tod vieler Menschen, Vertreibung und Zerstörung in Kauf nehmen oder einen über die Klinge springen lassen? Ihn an die Römer ausliefern und damit sich dort auch in eine gute Verhandlungsposition bringen? Diese dann auch für den Schutz der eigenen Religion nutzen zu können? Es ist eine Entscheidung zu treffen und Kaiphas fällt eine. So wie die Kassiererin beim Aldi, der Pfleger am Sterbebett, die Abteilungsleiterin in der Firma.

Warum erzähle ich das aber alles so ausführlich? Um Kaiphas zu rehabilitieren, ihn in Schutz zu nehmen? Wohl kaum, auch wenn es gut ist, wenn er damit aus der Ecke als Vertreter des Bösen herauskommt und damit wieder mal klar wird, es gibt viele Gründe für den Tod Jesu, aber garantiert keine die irgendetwas mit der angeblichen Verbohrtheit  oder angeblichen Blutgier des Volkes Gottes, der Juden, zu tun hatte. Am Karfreitag war ja immer Hochamt all dieser abscheulichen Lügen in unseren Kirchen. Nein, das steht nicht im Zentrum, sondern wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Wenn es wirklich stimmt, dass dort wirklich Gott selber in diesem Jesus Christus am Kreuz hang, dass Gott selber Schmerz, Gewalt und schließlich den Tod erlitt und dies etwas mit unserer Schuld, unserem Schuldig werden zu tun haben soll, dann ist doch zu fragen: Was ist der Grund für diesen Tod? Warum dieser Tod? Was ist diese Schuld? Es ist die Entscheidung des Kaiphas, die er treffen musste. Es sind unsere Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen. Es ist Kaiphas Tun und Lassen. Es ist unser Tun und Lassen. All die Entscheidungen, die wir treffen und dabei nicht frei sind. An denen wir dann auch leiden, an manchen den Bruchteil einer Sekunde und an manchen ein ganzes Leben. Und wenn sie manchmal auch bei aller objektiven Betrachtung die richtige Entscheidung war, der Schmerz darüber, so entschieden zu haben, er kann da sein und bleiben. Genau wie die Freude, sich so entschieden zu haben. Vielleicht war Kaiphas auch nach diesem Freitag zufrieden mit seiner Entscheidung: Er hatte für die Sicherheit und Unversehrtheit all der Einheimischen und Pilger in diesen Tagen in Jerusalem gesorgt. Aber vielleicht war da auch der Schmerz in ihm über den grausamen Tod, den er mit zu verantworten hatte. Dass dem so ist hat auch nichts mit moralischem Versagen zu tun, sondern ich kann es nur so klar sagen: Das ist das Drama unseres Lebens! Dem wir auch nicht ausweichen können.

Liebe Gemeinde, wenn es hier um moralisches Versagen gehen würde, um schwache Geister oder sogar um das schiere Böse, dann wäre Jesus nicht am Kreuz gestorben, dann wäre es nicht soweit gekommen. Gott wäre nicht den Weg ans Kreuz gegangen wegen der vermeidlichen moralischen Schwächer mancher Handelnder. Und ein Kampf Böse gegen Gut, das ist Star Wars, aber nicht die Geschichte vom Schöpfer aller Dinge. Dem hätte er sich nicht unterworfen, in diese absolute Machtlosigkeit begeben. Er hat sich aber dem Drama unseres Lebens vollständig ausgeliefert, bis zum Äußersten, bis zum Letzten! Er hat sich dem völlig unterworfen, dem „Sachzwang“, der „Alternativlosigkeit“ – er, der es nie hätte tun müssen. Und er ändert es auch nicht sozusagen durch einen magischen Moment, durch einen Zauber, einen göttlichen Akt. Das Drama unserer Entscheidungen es bleibt. Wir sehen es vor uns am Kreuz. Gott geht es bis zum bitteren Ende, bis zum letzten Akt. Erleidet die schlimmste Konsequenz, die unsere Entscheidungen haben können, dass ein anderer Mensch stirbt. Und er unterbricht es auch nicht, beendet es auch nicht. Am Ende bleibt heute nur der Tod, der Schmerz und die Verzweiflung. Es wird nichts rückgängig gemacht, die Uhr wird nicht zurück gedreht, die Entscheidungen wurden getroffen und es bleibt dabei.

Wir wären verloren, wenn es hier enden würde. Wenn unsere schmerzhaften Entscheidungen und ihre schmerzhaften Konsequenzen stehen bleiben würden – für alle Tage, für alle Zeiten. Das wäre der endgültige Sieg der „Alternativlosigkeit“, des „Sachzwanges“, der Unfreiheit. Wo soll dann noch Hoffnung sein, wo soll sich dann noch Leben regen? Für heute endet es hier, aber wir sehen uns wieder am Morgen der Hoffnung, des Lebens in zwei Tagen. Denn den wichtigsten Tag des Glaubens den gibt es nicht, nur sie alle zusammen verheißen uns Leben in Freiheit und Hoffnung.


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