Verfasst von: achterosten | 9. April 2017

Der Zahn ohne Wurzel – Predigt zu Hebräerbrief 11, 1-2.39b-40; 12, 1-3

Predigt zu Hebr 11,1-2.39b-40; 12,1-3 (Palmarum, 09.IV.2017)

Liebe Gemeinde,

ich muss zugeben ich habe mich lange zurück gehalten und das ganz bewusst. Ich meine, wir haben jetzt schon fast die Hälfte geschafft und ich habe es mir bis jetzt verkniffen oder, ehrlicherweise, ich habe mich in angestrengtem Ignorieren versucht. Aber das ist wie mit Zahnschmerzen: Da gibt es ja auch den verzweifelten Versuch am Anfang einfach so zu tun, als wenn da gar nichts wäre. „Wir wissen alle, wie das endet. Am Ende sitzt Mann oder Frau auf dem Stuhl, hört die Zahnärztin hinter dem Mundschutz „Mein lieber Mann“ murmeln. Ja, ich sehe, da werden bei Ihnen selige Erinnerungen wach.

Das mit dem Ignorieren klappt also nicht wirklich. Ich habe es trotzdem tapfer die letzten Monate versucht. Ich habe versucht, das sogenannte Reformationsjubiläum einfach zu ignorieren. Habe hinweg gesehen über all die Lutherbonbons, Lutherkaffeetassen, über all die tausend Veranstaltungen, die irgendwas, was auch immer mit diesem gemütlich lächelnden Mann im schwarzen Umhang und lustiger Kappe zu tun haben. Fast täglich werde ich mit Post beglückt, wo der Herr Luther für irgendwelche Werbung herhalten muss. Die Altpapiertonne freut es. Und was es da nicht alles gibt.

Also, ich habe das alles ignoriert, aber wie bereits gesagt, das klappt halt nicht. Vor einigen Tagen war dann doch Schluss, um im Bilde zu bleiben: Das Pochen im Zahn war nicht mehr beiseite zu schieben. Zum einen gab es da diese etwas merkwürdige Art der Lutherwerbung in Düsseldorf. Da es ja schon alles für Luther oberhalb des Bauchnabels gibt – von Luthermützen bis zum Reformationsshirt – ging die dortige Jugendkirche einfach eine Etage tiefer. Es mussten die Reformationskondome her. Mit Sprüchen von vordergründigem Humor wie „Für Huren und Heilige“ und „Hier steh ich – ich kann nicht anders.“ Man weiß jetzt auch nicht was schlimmer war, dieser Versuch irgendwie das Thema bei der Hauptopfergruppe kirchlicher Missionsbeglückung, jungen Menschen, an die Frau oder hier ja vor allem an den Mann zu bringen. Oder aber die völlig überzogene Reaktion der rheinischen Kirche, die hektisch das Ganz beendete, alle Kondome gleich wieder einsammeln und ohne Sprüche über die HIV Arbeit verteilen ließ. Und damit dann auch endlich für die nötige Öffentlichkeit in allen Medien der Republik und bei mancher Protestantin, manchem Protestanten mal wieder für eine ordentliche Portion Fremdschämen gesorgt hat.

Zum anderen, zwar von der Öffentlichkeit, selbst in den Kirchengemeinden, weniger wahrgenommen, aber in meinen Augen gravierender sind da schrille Töne, die durch den ganzen Reformationslärm aus Hannover in das Land des Protestantismus entsandt werden. Da ist dann von „grummeliger Meckerstimmung“ und Miesepetrigkeit die Rede, von mangelnder Unterstützung etc. Thies Gundlach, Vizepräsident, und damit der zweite Mann neben Bedford-Strohm bei der EKD sah sich wohl zu diesen Aussagen in der Märzausgabe des evangelischen Magazins „Zeitzeichen“ genötigt. Grund dafür: Es gibt halt ein paar Theologinnen und Theologen an den Universitäten, die wollen nicht so  einstimmen in den ganzen Jubel- und Freudentaumel gerade der Vertreter der EKD über all die tollen Sachen des Herrn Luther anno 1517 und der angeblichen ökumenischen Liebe in 2017. Darüber ist Herr Gundlach anscheinend mehr als erbost und sah sich zu diesem mahnenden Artikel genötigt. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, die Aufgabe der Theologie würde darin bestehen, den christlichen Glauben verstehen zu wollen. Mit wissenschaftlichen Methoden und im Gespräch mit heutigen Erkenntnissen der Forschungen unterschiedlichster Fakultäten. Und das frei von Vorgaben, wie das nun mal in ein einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft ist. Allerdings lag ich da wohl falsch, für Herrn Gundlach scheint ihre Aufgabe die „Zuarbeit für große Glaubensentfaltung, die Gottesbewusstsein und Weltrationalität auch im 21. Jahrhundert zusammenbindet.“ Mal weniger akademisch und zugespitzt gesagt: Die Theologie liefert das akademische Mäntelchen, für das was die Leitung der EKD sich so ausdenkt. Und sie soll also bitteschön nicht kritisch sein  gegenüber was in Hannover ex cathedra verkündet wird.

Und spätesten als ich das so alles las, war es dann vorbei. Der Zahn pocht nun so stark, ignorieren hilft da nichts mehr. Um es kurz zu machen, mein Eindruck bei diesem ganzen Luthergedenkfeierzahn, so wie er mir schmerzt ist leider: Ich muss ihn mir ziehen lassen oder vielmehr mir selber ziehen. Denn so ist das nun mal bei uns Evangelischen, im Letzten sind wir allein für unseren Glauben, unsere Theologie zuständig und verantwortlich. Dieser Zahn, seine Wurzeln sind schon abgestorben, er ist locker und eigentlich wäre er sowieso wahrscheinlich in nächster Zeit von alleine herausgefallen. Denn, so will ich das in aller Deutlichkeit sagen und damit dann auch das Bild vom hohlen, lockeren, toten Zahn zu verlassen, dieses Wurzel ist deswegen abgestorben, weil mir dieser Martin Luther heute nichts zu sagen hat! Reformationsjubiläum hin oder her, theologische Revolution hin oder her, Gründungsgestalt der evangelischen Kirche hin oder her. Das alles kann ein halbes Jahrtausend, das zwischen ihm und mir liegt nicht einfach überbrücken. Er bleibt eine fremde Gestalt, der mir heute in meinem Glauben, in meiner Lebenssituation nichts sagen kann. Es bleibt der unüberwindbare Graben von 500 Jahren. Da helfen auch keine Lutherbonbons oder große Kirchentage. Martin Luthers Glaube, sein Zweifel, seine Überzeugungen können nicht meine sein. Die Vorstellung eines zornigen Gottes, der mich im Gericht nur verdammen kann, macht mir keine schlaflosen Nächte, treibt mich nicht in die Verzweiflung wie ihn. Mir rauben die Sorgen um die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens den Schlaf, dass der Mensch, ich anscheinend nur noch an dem gemessen werde, was ich leiste. Die unglaubliche Beschleunigung, das alles so kompliziert ist, dieser ganze Perfektionswahn. Das macht mein Herz unruhig. Mal ganz von der großen Frage, die über allem steht, ob es diesen Gott überhaupt gibt. Ob mein Glaube ein wirkliches Gegenüber hat oder doch nur in der Leere des Himmels herumgeistert. Damit bin ich kein besserer oder schlechterer Mensch als Martin Luther, aber halt ein ganz anderer Mensch. In mir fließen Traditionen, Erfahrungen, Erkenntnisse von weiteren 500 Jahren. Die zentrale Frage, die Grundlage seines Glaubens, seiner damals umstürzenden Erkenntnis, sie ist nun mal nicht meine. Ich kann mich doch auch nicht dazu zwingen, dass sie das wird. Er hat mir nun mal heute nicht wirklich etwas zu sagen – und damit gilt nun mal für ihn, was für alle Menschen der Vergangenheit gilt. Sie sind Kinder und Menschen ihrer Zeit. Ihr Leben, das was sie uns hinterlassen haben, es soll uns helfen, heute die Welt zu verstehen, zu verstehen, wie sie geworden ist. Zu verstehen, wie heute unser Leben so ist wie es ist und wie wir es verantwortlich für morgen gestalten können. Dass sie uns aber heute unsere Fragen direkt beantworten können, nein. Wer das versucht, der will nur zwanghaft Vergangenes am Leben erhalten, aber die Menschen nimmt er nicht ernst. Weder die, die vor uns lebten, noch die gegenwärtigen. Die aus der Vergangenheit können sich nicht dagegen wehren, selbst ein Martin Luther nicht. Die Menschen heute aber gehen, weil sie mit ihren Fragen allein bleiben. Wenn ihnen auf ihre Fragen Antworten von vor über 500 Jahren präsentiert werden. Und in meinen Augen ist das Reformationsjubiläum an vielen Stellen genau das geworden. Unter Zuhilfenahme zeitgemäßer Werbe- und Eventindustrie werden Antworten den Menschen präsentiert, deren Verfallsdatum schon vor 200 Jahren mehr oder weniger abgelaufen war.

Martin Luther hat, ich bleibe dabei, mir für meinen Glauben an Gott, für meinen Zweifel an Gott heute nichts mehr zu sagen und das ist auch in manchen Teilen doch auch gut so. Denn seine Hetze gegen die Juden oder seine tiefste Überzeugung, dass wir nicht Herr unserer selbst sind, also nicht frei entscheiden können, keinen freien Willen haben – soll das eine Rolle für unseren Glauben heute spielen? Wollen wir 500 Jahre Kampf um die innere und äußere Freiheit der Menschen einfach beiseiteschieben?

Ja, es hilft alles nichts: Martin Luther hat mir heute nicht wirklich was zu sagen hat, weil seine Fragen nicht meine Fragen sind, weil seine Antworten nicht die Antworten sind, die ich  für mein Leben heute brauche wie das tägliche Brot. Wenn ich das sage,  dann stürze ich ihn auch nicht von einem Denkmal,  dann begehen ich keinen Affront, sondern dann bin ich schlicht und einfach ehrlich! Ich will auch gar nicht gegen die Reformationsfeiern wettern, ich bin immer dafür, wenn Menschen zusammenkommen und es sich gut gehen lassen, gemeinsam genießen, was uns Gott schenkt. Darum geht es mir nicht. Aber es ist doch irgendwie bezeichnend, wenn Herr Gundlach im besagten Artikel, keine theologischen Gründe für seine Kritik an den Theologinnen und Theologen vorbringt, sondern von der großen Unterstützung von Staat, Politik und Gesellschaft für das Jubiläum spricht. Das ist ja schön, aber wir als Kirchengemeinden, wir sind doch kein Luthergedächtnisverein. Wir sollen die Menschen heute mit ihren Fragen ernst nehmen, heute das Wort Gottes in Wort und Tat unter die Menschen bringen. Und dabei stellt sich für mich mittlerweile die Frage, ob das Reformationsjubiläum so wie es seit nun neun Jahren begangen wird und in diesem Jahr auf seinen Höhepunkt zusteuert diesem Ziel dient oder es nicht sogar noch behindert. Mit dem krampfhaften Versuch diesen Mann aus Wittenberg irgendwie so hin zu biegen, das er dann doch wirklich heute was zu sagen hat, das kostet viel Kraft und Mühe, und ich frage mich: Was wird von all dem am 01.11.2017 bleiben?

Der Zahn ist also raus, jedenfalls bei mir. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass das so ganz schmerzfrei abging, aber es war eigentlich einfacher als gedacht. Der heutige Predigttext war die wohltuende Linderung und sorgte für schnelle Heilung. Was ich da lese, ist kein Schmerzmittel, was den Schmerz betäubt, sondern seine Ursache verschwinden lässt. Denn es ist heilsam zu lesen, wer Grund meines Glauben, Horizont meiner Hoffnung ist, das Leben gut zu leben – und das ist nicht Martin Luther: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht erlangt, was verheißen war, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden. Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

So aus dem Hebräerbrief. Ich laufe nicht den Lauf Martin Luthers, ich kämpfe nicht seinen Kampf, ich laufe jetzt, hier und heute. Heute, in meinen Tagen versuche ich aufzusehen zu Jesus Christus. Versuche heute zu erkennen, wo meine Fragen, meine Ängste in seinem Sterben am Kreuz, seiner Auferstehung eine Antwort finden. Nicht im Leben und in den Worten eines Mannes vor 500 Jahren in Wittenberg. Denn wenn mein Glaube, der christliche Glaube Antworten auf Fragen, Hoffnungen für die Verzweiflung, Trost für den Schmerz verheißt, dann müssen sie dort zu finden sein, am Kreuz und am Ostermorgen.

Vor uns liegt die Karwoche und das Osterfest, welch eine wunderbare Zeit um genau das zu tun, zum Beispiel in der Predigt am Karfreitag. Denn wenn für Herrn Luther mit allen möglichen Mitteln Werbung gemacht wird, darf ich das doch auch mal für Gottesdienst und Predigt am Karfreitag und Ostern.


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