Verfasst von: achterosten | 19. März 2017

Herz und Hand sind getrennt – Predigt zu Exodus 20, 17

 

Predigt zu Ex 20,17 (Okuli, 19.III.2017)

 

 

„In Müssenberg bei Arnsberg herrschte einst ein riesiger Berggeist, dessen stilles Walten von den Menschen nicht unbemerkt blieb. Den Bösen zeigte er sich als rächender Alter, den Guten als freundlicher, helfender Geist. Keiner sah ihm jemals in das von langwallendem Bart bekränzte Gesicht; nur schattenhaft blickte er  bisweilen über die Felsen und Höhen, während sein wehender Mantel wie ein Schleier die bewaldeten Abhänge bedeckte.

 

Im Tale, am Fuße des Müssenberges, lebten einmal zwei Brüder, jeder auf seinem Bauernhof. Den älteren, unverheirateten, hatte die Gier so sehr gepackt, dass er sich um jeden Preis auf Kosten seines jüngeren Bruders bereichern wollte. Bei Nacht und Nebel vergiftet er diesem das Vieh, zerstörte ihm die Felder, stahl im sein Geld und zündete ihm gar Haus und Scheune an. Dann trat er, Mitleid heuchelnd, vor den ahnungslosen jüngeren Bruder und bot ihm gegen hohe Zinsen Geld zum Wiederaufbau seines Hofes an. Auf diese Art bekam er den Jüngeren ganz in seine Gewalt.

 

Dieser war nun so arm geworden, dass er beschloss, den Hof einige Zeit allein zu bewirtschaften. Seine Frau und seine Kinder brachte er bei Verwandten unter, die versprachen, gut für sie zu sorgen. Auf dem Rückweg von seinen Verwandten sah er am späten Abend den Müssenberg in seltsamen Licht erglänzen. Ein weiter Spalt zeigte eine erleuchtete, tiefe Höhle, und der Berggeist winkte dem Wanderer, dass er hineinkomme. Zögernd trat er ein und wurde in eine von Kostbarkeiten glänzende Grotte geführt. Dort stand auf einem Tisch zwei Kästchen, das eine aus Eisen, das andere aus Gold.

 

„Nimm das eiserne Kästchen und bring es deiner Familie“, sprach der Geist. „Und sage deinem Bruder, er soll sich das andere holen.“

 

Folgsam nahm der so Angesprochene das eiserne Kästchen, ließ noch einmal seinen Blick über die umliegenden Reichtümer schweifen und verließ dann die Höhle.

 

Zuhause angekommen, öffnete er das mitgebrachte Behältnis – und heraus fielen viele Goldstücke, mehr als er brauchte, um seine Schulden zu tilgen.

 

Am folgenden Tag erzählte er seinem Bruder das Ereignis und zeigte ihm zum Beweis der Wahrheit einige Goldmünzen aus seinem Kästchen. Da erwachte in dem bösen Menschen erneut die Gier, so dass er kaum den Abend abwarten konnte. Und als er zum Müssenberg kam, sah er auch wirklich die erleuchtete Höhle. Rasch trat er ein; stauend stand er wie sein Bruder vor den herrlichen Schätzen, doch Angst kroch in ihm hoch, als ihn die Stimme des Berggeistes aufforderte, das goldene Kästchen zu nehmen. Er fühlte das Unheil, doch gleichwohl ergriff er das Kästchen und eilte hastig hinaus. Dröhnend schloß sich die Höhle hinter ihm und erleichtert atmete er auf, glaubte er doch, der vermeintlichen Gefahr glücklich entronnen zu sein.

 

Auf seinem Hof öffnete er gierig das Kästchen. Aber anstelle der erwarteten Goldstücke züngelte ihm eine Flamme entgegen, die an dem Balken emporkroch und Haus und Hof verzehrte. Doch da trat sein jüngerer Bruder an ihn heran und bot ihm sein Gold an, damit das Anwesen wieder aufgebaut werden könne.

 

Als nun die Gebäude stolzer und schöner als vorher dastanden, erwachte im älteren Bruder erneut der böse Geist. Als er einmal einsam an seinem Tisch saß und überlegte, wie er die Rückzahlung des Goldes wohl vermeiden könne, da stand plötzlich das unheimliche Kästchen wieder vor Augen. Nun fasste er einen schrecklichen Gedanken: Er wollte das Kästchen in seines Bruders Haus tragen, damit dieses verbrenne. Doch kaum hatte er es ergriffen, um es fortzutragen, stolperte er auch schon, das Kästchen öffnete sich – und heraus kam die Flamme. Sofort ergriff sie ihn und er verbrannte.

 

Sein Bruder aber erbte den Hof und lebte noch viele Jahre mit seiner Familie glücklich und zufrieden. Nie vergaß er, den Armen von seinem Reichtum zu geben. Und wenn der Berggeist von Zeit zu Zeit über die Gipfel der Berge schaute, dann blickten seine Augen freundlich auf das stille Glück im Tal.

 

 

 

(nach Anton Steinbach, aus: Schulze, Wolfgang: Die schönsten Bergbausagen aus dem Ruhrgebiet, Essen 1981)

 

Liebe Gemeinde, „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“ Das ist das zehnte und letzte Gebot. Unzählig sind die Märchen, Sagen, Geschichten, Theaterstücke, Kinofilme die diesem Gebot nachgehen. Ich hatte ihnen heute die Geschichte vom „Geist vom Müssenberg“ mitgebracht. Eine alte Sage aus dem Raum von Arnsberg, von dem Lehrer und Volksdichter Anton Steinbach pädagogische zu einer lehrreichen, wenn auch ein wenig brutalen Geschichte weiter bearbeitet. Auch sie ein eingängiger Versuch dem Inhalt des Zehnten Gebotes nachzugehen, es zu befragen. Und, wie ich finde, kommt sie dem Gebot dabei sehr nahe. Wenn mal das allzu vordergründige pädagogische abklopft und den Kern in den Blick nimmt. Dafür müssen wir aber auch einmal das Gebot selber ein wenig unter die Lupe nehmen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin zutiefst dankbar, das wir zwei Punkte aus dem Gebot heute herausstreichen können. Ich bin jetzt einfach mal so frei: die Frau und den Knecht. Sie gehören, der Herr sei gelobt dafür, heute nicht mehr zu den Dingen, von denen ausgegangen wird das sie zum Besitzstand gehören. Also zu  den Dingen, die ein freier Mensch zum Überleben und zur sozialen Sicherung seiner Existenz benötigt. Okay, ich muss zugestehen, natürlich erlebe ich auch immer wieder mal Ehemänner, bei denen das in Hinblick auf das eigenen Überleben und die Ehefrau doch noch sehr eng verwoben zu sein scheint. Gemäß dem Motto „Du Schatz, tut mir leid, dass ich dich schon wieder in der Kur anrufen muss, aber irgendwie hat das mit der Suppendose nicht funktioniert. Da stand was vom im Wasserbad erhitzen, von vorher öffnen stand da nichts. Hast Du gerade mal die Nummer von unserem Anstreicher.“ Ich denke, diese Spezie von Männern können wir heute mal ein wenig vernachlässigen und fest halten: Es geht bei dem Gebot um die Dinge, die einem Menschen ein Leben, ein Überleben in sozialer Sicherheit, in Freiheit ermöglichen. Die die elementare Grundlage für dieses Leben, was Gott für die Menschen will, bilden. Daher können und müssen wir sie auch heute mit anderen Begriffen füllen. Begriffe wie Arbeitsplatz, Wohnraum etc. Begriffe, die vielleicht nicht mehr ganz so handfest sind wie ein Esel, die wir aber heute dringend benötigen für ein Leben in Freiheit.

 

Und was soll das mit dem „Begehren“. Viele Köpfe habe schon darüber geraucht und ich muss ihnen sagen, auch ich habe heute darauf keine eindeutige Antwort. Es gibt da sozusagen ja zwei mögliche Wege. Der erste das ist der der moralischen Goldmedaille: „Begehren“ meint wirklich etwa in Sinne eines inneren Vorganges. So eine Art starker Wunsch in uns, das wir gerne hätten, was der andere hat. So ein Begriff wie „Neid“ geht vielleicht schon in diese Richtung. Dass das nicht gut ist, ist bekannt. Aber jetzt mal ehrlich, wer kennt, und wenn auch nur ganz kurz, nicht diese Momente in seinem Leben, wo der Neid sich in ihm meldet. Wer wird da aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Weg Nummer Eins würde sagen: Allein dieser Wunsch, den Neid zuzulassen ist der falsche Weg, stellt sich gegen das Gebot. Dabei hat dieses Verständnis von „Begehren“ gewichtige Fürsprecher, z.B. den Mann aus Nazareth, Jesus.

 

Weg Nummer Zwei, um das Gebot zu verstehen, ist eher der der Geschichte von den beiden Brüdern, die ich ihnen gerade erzählt. Verurteilt wird ja hier nicht in einer Art Seelenschau die innere Haltung des ledigen Bruders. Verurteilt wird, dass er wirklich so handelt. Dass er alles tut, um seinem Bruder die Lebensgrundlagen zu zerstören, zu entziehen und damit sein Leben im Letzten zerstören will. Er also den Schritt vom inneren Wunsch zur Tat geht. Er es wirklich tut, die Handlung vollzieht.

 

Der Unterschied zwischen diesen beiden Wegen ist mehr als ein theoretischer, mehr als ein akademischer. Denn hier im letzten Gebot steht sie noch einmal in aller Macht vor uns die Frage: Wie lebensnahe sind denn diese Gebote? Sind sie ein Katalog für moralische Olympiasieger, für Superhelden des Glaubens? Ein Katalog der Überforderung? Oder sollen sie Grundlage einer gelebten Ethik sein, dessen Ziel es ist, dem Willen Gottes möglichst nahe zu kommen? Dem Willen, dass eine Jede und ein Jeder in Freiheit und Gerechtigkeit sein Leben führen kann. Diesem Willem mit den Zehn Geboten nachzugehen, in all unserer Gebrochenheit, in unseren Halbheiten. Denn wieviel wäre doch schon gewonnen, wenn die Menschen sich dem geschilderten zweiten Weg des Verstehens des Zehnten Gebotes anschließen würden. Dann darauf verzichten würden, den brennenden Wunsch in ihrem Herzen die Taten folgen zu lassen und dem Nächsten seine Lebensgrundlage zu zerstören. Ihn in ein Leben in Unfreiheit und Ungerechtigkeit zwingen. Wie menschenfreundlicher wäre dann schon das Gesicht dieser Erde. Wie näher wäre wir dann schon an dem Geschenk Gottes in den Zehn Geboten: Ein Leben in der Freiheit,  für die er uns bestimmt hat.

 


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