Verfasst von: achterosten | 27. September 2016

Alles Gut – Predigt zu Genesis 1, 1-2,3

Predigt zu Genesis 1, 1- 2, 3 (Erntedankfest 25.IX.2016)

Liebe Gemeinde, aber vor allem liebe Eltern, ja es stimmt und ich gebe es unumwunden zu: Es ist nicht gut, dass wir ihre Kinder in Kontakt mit der Schöpfungsgeschichte gebracht haben. Sie ihnen nicht nur erzählt, sondern auch noch ausführlich mit ihnen darüber gesprochen haben. Ja, sogar dieses wunderbare kleine Stück mit ihnen fleißig geübt haben. Das könnte Folgen haben, die wir uns vielleicht alle gar nicht wünschen. Denn da stehen doch Sachen in dieser Geschichte, die können uns gar nicht gefallen. Klar, die Schönheit der Natur, das Geschenk, das uns täglich gemacht wird vor Augen zu führen, das ist schon gut. Auch der Dank, dass sie uns täglich nährt, uns leben lässt – auch sehr gut. Das Bewusstsein zu wecken, wie zerbrechlich dieses Geschenk ist, dieser Schatz und wie wir behutsam mit ihm umgehen müssen – Prädikat pädagogisch besonders wertvoll. Wenn dann noch mit dieser Geschichte der Same der Erkenntnis gelegt wird, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, weil sie alle den gleichen Ursprung haben – perfekt. Aber da ist ein großer Haken bei der Geschichte, die das in den Schatten stellen könnte, ja sie vielleicht sogar gefährlich macht. Denn neben all diesen plakativen Dingen, die ich gerade aufgezählt habe, trägt sie in sich  noch eine fast versteckte Botschaft, die in der Lage ist, entscheidende Grundpfeiler unseres gemeinsamen Lebens doch erheblich ins Wanken zu bringen.

Ich rede dabei gar nicht von dem schnell auf das Tableau gestellte Widerspruch zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie das Leben über einen fast nicht zu verstehenden Zeitraum langsam entstanden ist und der biblischen Erzählung einer Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Denn dieser Widerspruch ist ein künstlicher und gibt maximal den ideologischen Vertreterinnen und Vertreter der beiden Seiten viel Raum für Wortgefechte. Beides, die wissenschaftliche Erkenntnisse und die biblische Geschichte ernst zu nehmen, schaffen sie nicht. Zu dem ganzen nur ein sehr schlaues Zitat von Stanley Gevirtz, der zur Frage nach der Wahrheit des Textes sagt: „Natürlich ist es wahr. Nicht in dem selben Sinn, in dem ein Naturgesetz wahr ist (…). Das Buch ist in der Weise wahr, wie große poetische Werke immer wahr sind: in der Vorstellungskraft des menschlichen Herzens und in der Ordnung des menschlichen Geistes.“

Es ist also nicht dieser Punkt, wo die Gefahr lauert.

Nein, liebe Gemeinde, die Gefahr liegt an ganz anderer Stelle. In einem ganz kleinen, fast unscheinbaren Wort. Dem kleinen Wort „gut“. Immer wieder taucht er auf, der kleine Satz „Und Gott sah, dass es gut war.“ und gibt der Geschichte ihren Rhythmus, Bei der Erschaffung des Menschen steht da gerade noch ein „sehr gut“. Ich meine, was ist das für eine schwache Nummer. „Gut“ – das ist doch mal ganz knapp über „nett“. Und von wem „nett“ wiederum die Schwester ist, weiß die ein oder der andere auch. Ich führe das nicht aus, da Kinder anwesend sind. Ich meine wir reden doch hier über die Schöpfung, die Grundlage allen Lebens, die Schönheit der Natur, die Erschaffung der Welt, den Menschen und am Ende steht nur ein „gut“. Ja mit Mühe und Not, weil es halt der Mensch ist, kann man sich  noch zu einem „sehr gut“ durchringen? Mehr nicht? Wie wäre es mal mit „super“, oder noch besser, „vollkommen“? Ich erwarte doch, dass, um in den Bildern der Geschichte zu bleiben, Gott wie ein Bildhauer, von mir aus auch wie eine Konditorin nach getaner Arbeit einen Schritt zurücktritt, auf sein Werk schaut und schließlich sagt: „Perfekt!“ Nichts davon, der ganze Laden, wirklich alles, ist maximal „sehr gut.“ Es handelt sich hier doch um die Schöpfung und Gott, da kann man doch erwarten, dass bei einem „gut“ noch einmal nachgebessert wird. Der Schöpfer dieser Welt ein paar Überstunden macht, bis es „perfekt“ ist. Oder notfalls alles nochmal ins Nichts zu schicken, um ganz von vorne anzufangen, solange bis es halt perfekt ist. Nichts davon!

Wir leben als Menschen, immerhin „sehr gut“, in der „guten“ Schöpfung Gottes, aber nicht in der perfekten. Und genau das macht sie so gefährlich, diese Geschichte und sollte vielleicht daher auch nicht Kindern erzählt werden. Denn was wäre, wenn ihnen das auffallen würde oder sie es sogar ernst nehmen würden? Wenn sie diese versteckte Botschaft in der Geschichte hören würden? Was wäre dann mit unserem allgemein anerkannten Ziel immer und über überall perfekt sein zu wollen? Mit diesem Grundpfeiler unseres Lebens? Der Grundpfeiler, der davon ausgeht, dass es immer noch besser wird, bis es schließlich perfekt ist. Was, wenn sie sehen, das Gott selber mit einem „gut bis sehr gut“ überaus zufrieden war und keine perfekte Welt geschaffen hat? Ja, dass er sich sogar an die von ihm selber gesetzten Grenzen hält: Er tut jeden Tag seinen Teil, „und es ward Abend und Morgen, der so und so vielte Tag.“ Und dann ist Feierabend, Schicht am Schacht. Gott macht keine Überstunden, um Perfektion zu erreichen. Und noch schlimmer, anstatt den siebten Tag, sozusagen kurz vor der Deadline, dem endgültigen Abgabetermin zu nutzen, macht er: gar nichts. Er ruht und lässt auch diese Chance zum perfekten Abschluss ungenutzt verstreichen. Was wenn die Kinder das nicht nur sehen sondern sogar ernst nehmen würden? Vielleicht würden sie sich dann nicht so zerreiben wie wir es tun, zwischen allen unterschiedlichen Ansprüchen, perfekt sein zu wollen. Perfekte Eltern von zwei perfekten Kindern, nach perfekter Hochzeitsfeier nun im perfekten Haus lebend trotz perfekter Berufskarriere immer noch Zeit habend für die perfekte Urlaubsreisen, genug perefekter Quality Time in der perfekten Work-Life-Balance, wie es so schön neudeutsch heißt. Vielleicht würden sie dann nicht so leiden oder gar daran zerbrechen, wie wir es tun, das halt gar nichts perfekt ist in unseren Leben, sondern halt „gut“ und manchmal vielleicht sogar „sehr gut“. Vielleicht wären sie gnädiger zu sich und anderen, wenn sie am Ende auf ihr Leben zurückschauen, das alles, bloß nicht perfekt war. Vielleicht könnten sie dann auch das größte Geschenk der Schöpfung annehmen: zu erkennen, dass es gut ist, zu ruhen, gar nichts zu tun und zu genießen. Denn was ist die Schöpfung wert, wenn es keinen gibt der sich daran freut?

Liebe Gemeinde, aber vor allem liebe Eltern, ja es stimmt und ich gebe es unumwunden zu: Es ist nicht gut, dass wir ihre Kinder in Kontakt mit der Schöpfungsgeschichte gebracht haben. Genau aus diesem Grund: Sie könnten unseren Wahn zur Perfektion ernsthaft in Frage stellen. Genau aus diesem Grund erzählen wir sie ihnen aber auch.


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