Verfasst von: achterosten | 24. Juli 2016

Von Söhnen und Vätern – Predigt zu Genesis 22, 1-19

Predigt Sommerkirche (Gen 22, 1-19)

 

Liebe Gemeinde, es ist wohl die berühmteste und geheimnisvollste, aber auch die grausamste und verstörendste Vater-Sohn Geschichte der Bibel:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht. Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba, und Abraham blieb daselbst.

 

Es ist die Geschichte eines Vaters, der meint einen Befehl Gottes zu hören, der so grausam, so unvorstellbar ist. Das wird auch nicht dadurch besser, dass wir alle schon wissen, wie die Geschichte enden wird. Was scheint das für ein Gott zu sein, der eine solche Forderung stellt? Was ist das für ein Vater, der ohne zu zögern, dieser Forderung folgt? Den selbst die lange Reise von drei Tagen nicht zur Besinnung bringt? Der erst einen Engel, ein massives Eingreifen benötigt, damit diesem Wahnsinn ein Ende bereitet wird. Dem Wahnsinn das eigene Kind aus religiösen Gründen zu töten. Das erscheint uns wie Fundamentalismus der schlimmsten Art. Eine gute Geschichte, um zu belegen, welche Gefahr, welches Gewaltpotential in der Religion liegt. Eine guten Geschichte, in der die Bibel selber die Quelle ist, um diesen Glauben, diese Vorstellung eines Gottes abzulehnen. Wer ehrlich aus dieser Perspektive auf diese Geschichte schaut, der wird auch nur weniges bis gar nichts finden, was man dagegen stellen kann. Der kann auch nicht relativieren, der kann nur ehrlich auf den Schmerz verweisen, dass auch Geschichten wie diese von dem Glauben an den einen Gott erzählen wollen. Der sollte auch nicht der Versuchung erliegen, diesen Schmerz, das Entsetzen über diese Geschichte weg zu erklären. Man kann diese Geschichte nicht drehen und wenden, abschleifen, verharmlosen, relativieren. Es bleibt dabei: ein Vater ist bereit sein einziges Kind zu töten, allein, weil er der Überzeugung ist, dass Gott es ihm befohlen hat. Wenn man in dieser Perspektive bleibt. Genau das war auch meine Perspektive bis ich anfing über diese Predigt nachzudenken. Relativ unüberlegt und spontan habe ich mich für diese Geschichte entschieden, als das Thema der Sommerkirche 2016 feststand. Habe sie noch einmal gelesen und wieder weggelegt.

Nach und nach fielen mir aber ganz andere Geschichten ein. Und alle fanden im meinem engsten Umkreis statt, habe sie also fast hautnahe erlebt. Da beugte sich der stolze Großvater, seines Zeichens promovierter und erfolgreicher Naturwissenschaftler, über die Wiege des ersten Enkelkindes und seufzt: „Ach Kind, wenn du erst einmal Abitur machst.“ Die Antwort der Kindsmutter: „Vielleicht wird sie ja auch Frisörin.“ sorgte für akute Herzprobleme beim frisch gewordenen Großvater.

Da sind zwei frühere Freunde, beide waren begnadete Sportler. Der eine hätte es vielleicht weit bringen können als Fußballer. Der kleine Ruhrgebietsverein für den er damals spielte hat schon einige Bundesligaspieler hervorgebracht. Sein Stiefvater war bei jedem Training, bei jedem Spiel dabei, laut schallte seine Stimme über den Platz, immer nur scharfe Kritik, nie Lob. Als ich diesen Stiefsohn, das Fußballtalent das letzte Mal sah, hab ich sein Busticket bezahlt, wenigstens half ihm das Methadon.

Vom anderen damaligen Freund, auch er ein guter Sportler in seinem Fach, erzählte der Vater immer mit Stolz, zu jedem passenden und unpassenden Moment. Nicht ganz unberechtigt, wie der Blick auf die lange Reihe von Pokalen bewies, die schön auf dem Wohnzimmerschrank drapiert waren. Eine Verletzung des Sohnes beendete abrupt diese Pokalreihe und auch den Stolz des Vaters. Seinen Sohn erwähnte er nur noch selten.

Und am Schluss die grausamste von allen: Ich habe sehr früh mit dem Handballspielen angefangen, ich habe sehr gerne gespielt, aber war fürchterlich untalentiert. Als Foulkönig berüchtigt, die Mehrzahl unbeabsichtigt und aus purer Verzweiflung. Ich spielte immer rechts außen, auf der anderen Seite links außen spielte einer, der ähnliches Talent mitbrachte. Mein Vater, selber erfolgreicher Handballer in den 50er und 60er war bei jedem Spiel dabei, ertrug die fehlgeschlagene Vererbung seines Talentes auf mich mit Gleichmut. Der Vater des Anderen, dem auf links außen stürmte manchmal in der Halbzeitpause in die Kabine und wies seinen Sohn vor versammelter Mannschaft zurecht. Einige Jahre später tötete dieser Vater fast seine gesamte Familie, darunter auch mein Handballkumpel von damals, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Ein breites Spektrum, von der Realsatire eines standesbewussten Großvaters über die Zerstörung der Vater-Sohn Beziehung bis hin zur Zerstörung eines Menschenlebens selber. Und diese Geschichten verknüpften sich mit der Geschichte des Vaters Abrahams und seines Sohnes Isaaks auf dem Berg Morija. Geschichten von Vätern, die bereit sind, ihre Kinder zu opfern. Für die eigene Vorstellung, was ein gutes Leben ist. Auf dem Altar der eigenen Wünsche, der Vorstellungen von Erfolg und Ansehen. Auf dem Altar der eigenen Mittelmäßigkeit, an der man leidet, der eigenen Misserfolge. Nicht zu vergessen auf dem Altar bürgerlicher Moral und Geschlechterdefinitionen. Die eigene Vorstellung von gut und richtig, von schlecht und falsch, von wichtig und unwichtig wird zum entscheidenden Maßstab des Blicks auf die Kinder, auf die nachfolgenden Generationen, für die man Verantwortung trägt. Und die archaische Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn für seine religiöse Überzeugung opfern will, wir können sie nicht mehr von uns wegschieben, entweder in weit entfernte Zeiten oder zu unseren dunkelhaarigen Nachbarn mit Bärten, von denen wir in unser Unwissenheit ausgehen, dass das angeblich zu ihnen und ihrer Religion passt. Diese Altäre finden sich heute und jetzt inmitten unserer Familien, unserer Nachbarschaften.

Und nun?

 

Es ist die seit Jahrhunderten anhaltenden Diskussion der jüdischen Auslegerinnen und Ausleger dieses Textes die so etwas wie ein kleinen Lichtschein in dieser grausamen Geschichte von Abraham und Isaak wirft. In dieser Diskussion gibt es welche die sehen in Abraham nicht nur den Übervater dreier Weltreligionen, den mit einem Übermaß an Gottvertrauen ausgestatteten religiösen Superhelden, sondern auch einen Vater der vielleicht alles missverstanden hat. Alles missverstanden hat und dafür alle Zukunft aufs Spiel setzt. Denn „Gott“ ist es, der Abraham zu diesem Mord aufruft, im Hebräischen steht dort das Wort „Elohim“, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet als Gott. Das ist sehr allgemein, völlig unspezifisch zu verstehen. Fast gesichtslos ist „Elohim“. Mit viel Offenheit für menschliche Projektionen, wer oder was dieser „Elohim“ ist. Vielleicht sogar nicht mehr als eine menschliche Idee von Gut und Richtig, eine Idee, der alles unterzuordnen ist, die zum Herrscher über alles wird, mich bereit macht bis zum letzten, vielleicht sogar über Leichen zu gehen?

Die Rettung des Sohnes ist der HERR, so steht es im deutschen, im Hebräischen steht dort der unaussprechliche Name Gottes. Kein allgemeiner, unspezifischer Gott. Sondern der Gott, der sich den Menschen unverwechselbar zu erkennen gibt in seinem Namen. Der uns sein Gesicht

zeigt. Ein erkennbares Gegenüber, das sich uns zeigt. Der klar erkennbar ist. Und ist es übertrieben, die Idee zu haben, dass Gott selber über Abraham erschrocken ist? Erschrocken darüber, dass Abraham ein „Gottesbild“ hat, dass nicht sein Gesicht, das Gesicht des HERRN zeigt? Kein Gott, der fordert, dass Menschen für ihn geopfert werden, sondern der HERR, der das Gute für die Menschen will. Kein Gott, der Unterjochung bis zum letzten, bis zum Tod fordert, sondern der HERR, der den Mensch befreit von aller Unterjochung.

Es ist der HERR, von dem uns erzählt wird. Kann er dann nicht auch jedem Vater und dann natürlich auch jeder Mutter das Messer aus der Hand nehmen, der seine Kinder, die ihre Kinder auf welchem Altar auch immer opfert? Kann er sie dann nicht auch befreien von dem Wahn einer höheren Idee und wenn es sogar die ehrenvolle ist, das Allerbeste für sein Kind zu wollen ohne das Gute für das Kind zu sehen? Kann er sie dann nicht befreien, ihre Kinder zu begleiten auf dem Weg, den sie der HERR selber geführt hat: In die Freiheit, für die uns alle Gott bestimmt hat? In das Leben in der Liebe, in der uns Gott begegnet.

In allem Schrecken dieser grausamen Geschichte will ich den Hauch dieser Hoffnung sehen.


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