Verfasst von: achterosten | 2. Juli 2016

Ein Bischof im Gebet – Jes 40, 1-11

 

Aus dem Jesajabuch: Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hats geredet.

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

 

Es ist einer dieser Texte die wie geschaffen sind, uns vor Augen zu führen, dass Kirche nie auf sich allein bezogen bleibt. Jedenfalls wenn sie sich unter dem Auftrag, unter den Geboten Gottes sieht. An allen Orten, wo sie Kirche ist, in den Ortsgemeinden genauso wie in den Klinken, Schulen, Gefängnissen und an diversen anderen Orten und Plätzen. Kirche ist dort Kirche wo sie sich nach außen orientiert, in Richtung der Menschen zu denen sie gesandt ist. Man mag das Stadtviertel, Quartier nennen, oder etwas soziologisch-politischer, und gerade wieder en vogue, auch gerne Gemeinwesen. Der biblische Auftrag verweist uns an die Gemeinschaft der Menschen unter denen wir Kirche sind. Dazu ist dieser Auftrag mit einem klaren Inhalt gefüllt. Wie hier in diesem Abschnitt aus dem Jesajabuch. Keine moralischen Hinweise und keine ethische Richtigkeiten finden wir hier. Auch keine Blaupause für die Anmaßung einer gesellschaftlich-politischen Rolle, für die wir von der Gesellschaft kein Mandat erhalten haben. „Trösten“ erhalten wir als Auftrag. „Trösten“ nicht als Mitleid, sondern als Ermutigung, als Befähigung der Menschen. In allem Realismus, wie uns der Hinweis auf die Endlichkeit allen menschlichen Tuns vor Augen führt. Wir sollen für die Menschen da sein, uns für sie einsetzen – für die Menschen die mit uns leben. Wir als Kirche sind nicht um unser selbst willen da. Um Gottes und der Menschen Willen sind wir da. Dazu gehört ein gelingendes Zusammenleben mit den Menschen um uns herum

So weit so gut, ich könnte das jetzt noch weiter ausführen und mit einem Appell schließen. Anstelle eines Appells, dem es ergehen würde wie allen Appellen: Vom Winde verweht ohne weitere Folgen. Ich nehme lieber den Weg, den auch viele biblische Autoren eingeschlagen haben: Ich erzähle ihnen lieber eine Geschichte.

 

Es ist Samstag im Mai. Für ihn ist es kein weiter Weg, es sind nur wenige Meter zu gehen. Draußen herrscht ein sonniger Frühlingstag. Er legt sein Gewand an, damit ist er für alle zu erkennen. Nötig ist es nicht, auch so ist sein Gesicht bekannt in dieser Stadt. Alle kennen ihn. Er tritt aus dem Haus, geht durch die Straßen. Mit ihm streben vielen Menschen zu seinem Ziel. Sie kommen aus der Stadt, aus den umliegenden Ortschaften. Desto näher er kommt, desto mehr Sicherheitskräfte stehen nervös an den Straßenecken. Die Menschenmenge wird dichter, aber sie machen ihm respektvoll Platz. Dann wird er auch schon freudig von den Würdenträgern begrüßt. Er ist einer der Ehrengäste. Vielleicht ist es Freude in seinem Herzen als er zu seinem Platz in der ersten Reihe geführt wird. Freude, dass seine Stadt wieder ihr altes Gesicht erhält. Das Gesicht, das von der Verheißung friedlichen Zusammenlebens erzählte. Dass es möglich ist, dass die Menschen in Frieden leben.

Er wird eine Rede halten, er wird von Brüdern und Schwestern sprechen, vom Frieden, von Freundschaft. So wie er es immer tut bei diesen Gelegenheiten, denn sie laden ihn oft dazu ein. Nicht immer an einen so bedeutenden Ort wie heute, aber er kommt.

Der Festakt erlebt eine Unterbrechung. Es ist Zeit, die Menschen streben in ihr Gotteshaus. Sie folgen dem Ruf zum Gebet. Er geht mit ihnen hinein. Und während sie ihre Knie beugen, steht er in der letzten Reihe, mit ihnen im Gebet versunken. Der dort steht – es ist Franjo Komarica, katholischer Bischof von Banja Luka. Er steht inmitten der Ferhat-pašina džamija, der wiederaufgebauten Ferhadija-Moschee. Es ist der 7. Mai 2016, auf den Tag genau vor 23 Jahren sprengten serbische Freischärler Teile dieser Moschee, die vielen als die schönste des ganzen Balkan galt. Die Republika Srpska machte später einen Parkplatz daraus.

Das Bild des betenden Franjo Komarica wurde viel geteilt in der islamischen Community, besonders auch in der bosnischen hier in Deutschland. Und oft schwingt dabei eine Frage mit einer gewissen Bitterkeit mit. Ich stelle sie hier auch in den Raum: Warum kennen wir kein solches Bild aus Deutschland aus unseren Moscheen, das Bild eines christlichen Würdenträgers im gemeinsamen Gebet mit Muslimen in einer Moschee? Werden sie nicht so öffentlich oder gibt es sie vielleicht gar nicht, diese Bilder.

So wie von Franjo Komarica, den katholischen Bischof von Banja Luka. In den Zeiten des Bosnienkrieges hat er gekämpft für den Frieden. Flammende Briefe an die Mächtigen der Welt geschrieben, vom Sterben seines Volkes. Sie blieben meist ohne Antwort. Er öffnete sein Haus für alle, egal ob katholische Kroaten, orthodoxe Serben oder muslimische Bosniaken. Er ließ sich nicht einschüchtern, auch nicht als sie sein Leben bedrohten, die Kriegsverbrecher. Sie stellten ihn unter Hausarrest, was ihn nur wenig beeindruckte. Ihn wie so viele der Priester und Nonnen in seiner Bistum zu töten, das trauten sie sich dann doch nicht.

Nach dem Krieg setze er sich für die Versöhnung ein und kämpft weiter wie ein Löwe für den Bestand und die Wiederherstellung seines Bistumes.

Und so wie er bei der Wiedereröffnung der Ferhadija-Moschee Ehrengast war, ist er es auch oft, wenn all die vielen kleinen zerstörten Dorfmoscheen um Banja Luka wieder eingeweiht werden. Bei einer dieser Eröffnungen brachte er nicht nur seine Freude zum Ausdruck, sondern ermahnte auch alle anwesenden Muslime: Sie hätten nun wieder ein Gotteshaus in ihrer Mitte und er hoffe sehr, dass es nicht nur zu diesem Tag der Wiederöffnung und zu den Feiertagen so gut besucht sei.

Und auch hier die Frage: Kennen wir so etwas aus Deutschland, ein kirchlicher Würdenträger der Andersgläubige daran erinnert, ihre Religion, ihre Frömmigkeit zu leben?

Jedes Mal wenn mich Bilder oder Berichte von Franjo Komarica erreichen, haben ich ihn im Ohr, diesen Ruf des Jesajabuches: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Und die Frage wird in mir laut, in mir, einem unbedrohten evangelischen Pfarrer, gut eingerichtet in aller normalen Mittelmäßigkeit des gut saturierten Lebens in Westeuropa: Wie schafft er das? Woher dieser Mut in der Zeit des Krieges, in der Bedrohung? Woher die Kraft, dem Aufruf des Jesaja zu folgen, Ermutigen zu können? In Menschen die Hoffnung auf Frieden zu wecken? Sie in im Leben ihrer Religion zu bestärken? Warum schafft er es Vorbehalte oder Bedenkenträgerei gegenüber dem Islam zu überwinden – oder warum hatte er sie vielleicht auch nie? Kurz und knapp: Warum lässt er sich nicht von der Angst überwinden, wie ich es bei mir, bei uns immer wieder erlebe?

Dabei taugt er wahrlich weder zum glänzenden Helden und auch nicht zum uneingeschränkten Vorbild. Es gibt nicht ganz unberechtigte kritische Stimmen zu mancher Aktion von ihm im Krieg. Sein Kampf für das Überleben der Kroaten in seinem Bistum, für den katholischen Glauben in der Republika Srbska lässt ihn oft über das Ziel hinausschießen. So gestaltet er in diesem Jahr den Gottesdienst bei der Gedenkveranstaltung in Bleiburg, die auch in diesem Jahr wieder zu einem Treffen nationalistischer und faschismusnaher Kroaten ausartete. Aber trotzdem: Warum lässt er sich nicht von der Angst überwinden? Dass es dafür nicht nur einen guten Grund geben wird, geschenkt. Aber das ist hier eine Predigt, kein psychologischer, historischer oder politischer Vortrag. Von diesen Dingen habe ich auch nicht genug Ahnung. Aber ich sehe sein Bischofswappen und den Wahlspruch: „Gospodin je moja snaga i moja pijesma.“ – Der HERR ist meine Stärke und mein Lied“. Ein Vers aus dem Lobgesang Moses und seiner Schar angesichts der wundersamen Errettung vor der Vernichtung durch Pharao und sein Heer. Ein Vers, der in sich die Verheißung und Hoffnung auf Freiheit trägt. Der in sich die Erfahrung trägt, das es stärkeres gibt als die Angst. Dass dieser Gott einem so entgegenkommt, dass man vom Vertrauen zu ihm überwältigt wird. Dass die Angst nicht siegt! Die Angst, die uns daran hindert, unserm Auftrag nach zu kommen. Die uns hindert Menschen zu trösten, zu ermutigen. Die all die kleinen Vorbehalte und Bedenken gebiert und manchmal auch die vorgeschobenen Hinderungsgründe.

Was wäre, wenn das wahr wäre? Was wäre, wenn das die Wahrheit wäre, die diese Krankheit zum Tode, die die Angst ist eindämmt? Uns befreien würde von den Symptome dieser Krankheit: die kleinlichen Vorbehalte und Bedenken? Was wäre, wenn das wahr wäre, und dies der Grund war für den Mann in der Ferhadija-Moschee im Gebet vertieft mit seinen muslimischen Freunden an jenem Samstag im Mai? Keine politische Richtigkeiten, sondern die Freiheit von der Angst. Genährt und gestärkt aus dem Glauben, dass der Herr die Stärke und das Lied ist. Genährt und gestärkt um dem Ruf zu folgen: „Tröstet, tröstet mein Volk!“


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