Verfasst von: achterosten | 5. Juni 2016

Auffe Maloche Predigt Epheser 2, 11-22

Predigt 05.VI.2016 (II.n.Tr., Epheser 2, 11-22

Es ist schon etwas, ja ich will es ruhig sagen, es ist schon etwas komisch, wenn man hier bei uns im Ruhrgebiet zum Thema „Arbeit“ etwas sagen will. Denn bei wem wenn nicht bei uns ist „Arbeit“ sozusagen mit den Genen verbunden, gehört irgendwie zu unserer natürlichen Anlage. Wer, wenn nicht wir, schwankt dazwischen ob er die Bezeichnung „Malocher“ für eine Klischee hält oder nicht doch als stolzen Adelstitel sich am liebsten tätowieren lassen würde.

„Arbeit“ – wir können es drehen und wenden, wir hier haben eine ganz besondere Beziehung zu diesem Thema. Und Frank Goossens berühmter Ausspruch „Kär, wat ham wir früher malocht“ – ausgerufen angesichts all der Industriedenkmäler und noch der Ahnung davon, dass dort weniger Industrieromantik als vielmehr Knochenarbeit im Vordergrund stand – dieser Satz, er stimmt doch nicht nur für früher. Früher, als der Himmel über dem Ruhrgebiet noch grau oder manchmal auch bunt war, je nachdem neben welchem Abgasschlot man wohnte. Eigentlich, wenn wir ehrlich sind, gilt er auch noch heute, wo der Himmel wieder blau ist, man die Sonne sieht und wir uns zwar alle nicht mehr zum Schichtbeginn vorm Zechen- oder Werkstor, dafür aber jeden Morgen im Stau auf der A 40 treffen. Wir malochen meistens immer noch und können es auch irgendwie nicht lassen – zwar vielleicht nicht mehr so sehr auf der Arbeit, aber dann halt in der Freizeit. Oder kennen Sie eine Region in der Welt mit einer solchen Dichte an Baumärkten? Was wird hier nicht alles in der Freizeit gemörtelt, geschraubt, gepflanzt und renoviert. Ohne Witz, es soll bei uns Menschen geben, die fahren samstags in den Baumarkt, um zu gucken, was sie denn demnächst mal renovieren können. Da steht der Ruhrgebietsmensch an sich morgens im Bad, schaut sich um und denkt „Die Fliesen sind jetzt schon drei Jahre alt, eigentlich nichts dran, aber eigentlich…“ – und schon hat er den Zollstock in Hand und nächste Woche sind die neuen Fliesen an der Wand. Während anderswo die Angebertour bekanntermaßen in dem Dreiklang „Mein Auto, mein Haus, meine Yacht“ läuft, geht der bei uns „Mein Bad, meine Carport, mein Gartbenbeet – allet natürlich selber gemacht“ und oft sichtbar nach dem Motto „Wat nicht passt, wird passend gemacht.“ Und, so ist dann mein Verdacht, gar nicht mal so sehr um der Sache selber willen, sondern wegen unserer besonderen Beziehung zur „Arbeit“ wird geschraubt, gemörtelt und gepflanzt. Jetzt könnt ja man meinen, dass hängt damit zusammen, das hier alle früher so malochen mussten, in der Zeche, auf dem Stahlwerk, im Haushalt und im Schrebbergarten und sich das so in unsere natürlichen Anlagen eingefräst hat. Meine Vermutung ist eher, dass das historisch genau anders herum war: Hier kamen einfach alle hin, die schon immer eine besondere Beziehung zur Arbeit hatten! Und zwar aus allen Ecken der Welt. So gibt es ja die weitverbreitete Annahme, dass der sog. Südländer eher ein entspanntes Verhältnis zur Arbeit hat. Alles Vorurteil. Ich kennen Gärten hinter dessen Pflegezustand des Rasens sich jeder Kleingarten zwischen Wanne-Eickel und Engelsburg verstecken kann. Die Besitzer und Gärtner – alles Männer, die in den 70ern nach Bochum als sogenannte Gastarbeiter kamen. Und angeblich ist er ja auch auf Baustellen des Ruhrgebietes entstanden, jener zunächst abschätzig klingende Satz voll verstecktem Respekt „Nimmst du den Bagger, ich nehm den Jugo.“

Und inmitten all dieser Menschen mit all ihren unterschiedlichen Wurzeln, Glaubensvorstellungen und Traditionen und ihrer ganz besonderen Beziehung zur Arbeit gibt es eine nicht unerhebliche Zahl, die sich jeden Tag auf zur Schicht, auf den Weg zur Maloche macht – bei der Kirche. Und um das gleich fest zu halten, nur der geringste Anteil dieser Menschen sind Pfarrerinnen und Pfarrer. Es sind all die Menschen, die in Krankenhäusern als Pflegerin sich für die Gesundheit der Patienten einsetzen, aber auch die, die als grüne Dame und grüner Herr einfach mal ein Buch vorbei bringen, das ein wenig ablenkt. Es sind die Menschen, die in den Kitas Kinder begleiten und ermutigen, auf ihrem Weg in die Welt, aber auch die, die Menschen zu ihrem Geburtstag einen Gruß der Gemeinde vorbei bringen. Es sind die Menschen, die dafür sorgen, dass Gottesdienste in einem angemessenen Raum gefeiert werden können. Orte da sind, Türen geöffnet, das Menschen Gott und sich begegnen können, aber auch die, die ihren Drang zum Kärchern nicht nur an der heimischen Terrasse auslassen, sondern auch an Gulaschkanonen nach dem Gemeindefest.

Und für sie alle, die sich jeden Tag aufmachen, gilt dieser Satz aus dem heutigen Predigttext des Epheserbriefes: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Das gilt für all die Menschen, die Tag für Tag in den diakonischen Einrichtungen, in den Kitas, in der Verwaltung, in unseren Kirchen und Gemeindehäusern arbeiten – und gar nicht so selten artet das auch mal dann in Maloche aus. Die Worte des Epheserbriefes sind Zu- und Anspruch dieser Arbeit. Und heute an einem Tag, wo wir Menschen ehren wollen, die das schon seit Jahrzehnten tun, da darf man das auch mal so klar, ohne die sonst so üblichen Einschränkungen sagen: All diese Menschen, die erfüllen Gottes Auftrag und Gottes Willen für diese, für seine Welt. Denn er will für seine Schöpfung, für seine Menschen das Gute. Und dies geschieht durch all diese Menschen, durch Sie, die in Diakonie und Kirche mitarbeiten. Der ganze heutige Predigttext im Epheserbrief spricht davon. Da geht es darum, dass Gott, sein Volk, die Juden erwählt hat und ihnen bis heute die Treue hält. Unverbrüchlich damit verbunden ist der Auftrag, das Gute zu tun, Gotte Willen zu tun. Der Epheserbrief erweitert diesen Auftrag: So wie die Juden durch Gott berufen sind, so sind wir durch Jesus Christi berufen, Gottes Willen zu tun.

Und etwas noch entscheidendes kommt hinzu: Dieser Wille Gottes ist nicht gebunden an die persönlichen Überzeugung, den persönlichen Glauben der Menschen, die bei uns arbeiten. Das ist gar nicht entscheidend, sondern um es mal so zugespitzt zu sagen: Entscheidend ist was dabei raus kommt. Ob es dem Willen Gottes zum Guten entspricht, das ist das entscheidende. So gilt sie dann auch hier, jene Ruhrgebietesweisheit: Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern was du kannst. Das zentrale ist nicht, was eine, einer ist, sondern ob sie ihre Kraft, ihr Können diesem Auftrag Gottes zur Verfügung stellt. Daher, um das auch mal hier in aller Deutlichkeit zu sagen, ist die Frage, welcher Religion jemand angehört, dabei auch erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger ist doch die Frage, will sich da jemand daran beteiligen Gottes Willen in die Tat umzusetzen.

Und auch Qualität und Geld sind dann keine Schimpfwörter mehr – denn wenn es wirklich wahr ist, dass diese Arbeit der Auftrag Gottes ist, dann kann doch nur das Beste gut genug sein. Und dann muss uns das auch etwas Wert sein. Der Kampf um gute Ausbildung und gute Arbeitsbedingungen, und dazu gehört auch der Lohn, ist damit dann auch selbstverständlich Bestandteil unser täglichen Arbeit.

 

Liebe Gemeinde, so hoffen und glauben wir, dass all diese Menschen den Auftrag Gottes erfüllen, nicht mehr oder weniger. Und wenn wir das hoffen und glauben, dann bewahrt uns das auch vor einer großen Gefahr. Einer großen Gefahr, der man schnell erliegen kann, wenn Arbeit so mit Bedeutung aufgeladen ist. Denn schnell wird dann die Arbeit über den Menschen gestellt. Und dann verkommt die Aussage über das Tun des Willen Gottes zur menschenverachtenden Ideologie. Wird der Mensch Mittel zum Zweck. Wer aber diese Arbeit unter der Überschrift des Auftrages Gottes sieht, der kann das nicht ohne zwei entscheidende Punkte. Der erste ist das große Geschenk des Ruhetages, des Schabbats. Der Ruhetag trägt in sich die Botschaft an uns alle: Du bist viel mehr als deine Arbeit, viel mehr als die Summe all dessen was du tust. Du bist viel mehr als nur Erzieherin, als nur Küster, als nur Mitarbeiterin beim Kindergottesdienst oder nur Pfarrer. Aus dieser Perspektive gilt sie dann nicht, die alte Ruhrgebietsweisheit von gerda. Denn aus dieser Perspektive geht es nicht um unser Können, um unsere Arbeit, sondern darum wer wir sind. Geliebte Kinder Gottes, die dazu aufgerufen sind, seine Schöpfung zu genießen.

Der zweite entscheidende Punkt: Erfolg und/oder Misserfolg liegen nicht allein in unserer Hand, sondern letztlich in Gottes Hand. Gott hat diese Welt nicht nur geschaffen hat, sondern bewahrt sie auch jeden Tag. Es kann nicht alles dem Erfolg untergeordnet werden und ein Misserfolg ist nicht das Ende der Welt. Und Gottes Auftrag liegt auch nicht vor wie eine To-Do-Liste, sondern er muss immer wieder neu hinterfragt, ausgelegt werden.

Das alles schenkt uns die nötige Demut und den nötigen realistischen Blick auf unsere Arbeit. Denn auch bei uns ist natürlich nicht alles Golden, auch bei uns menschelt es allzu häufig, aber wir können das auch unumwunden zugeben. Wir müssen uns nicht in eine elende Bigotterie flüchten, die alle Konflikte, alle Probleme mit einer dicken Soße aus dem Zucker der Harmonie zudeckt. Weil Streit und Konflikt angeblich nicht zum Auftrag Gottes passen. Tut mir leid, davon kann ich nichts in der Bibel finden. Ganz im Gegenteil, da streiten sogar Menschen mit Gott, verhandeln mit ihm, tragen ihre Konflikte mit ihm aus, legen ihm zu Füßen, wie sie seinen Auftrag verstehen. Und Gott lässt sich darauf ein, lässt sich umstimmen. Und dann soll die Auseinandersetzung um den richtigen Weg nicht in unserer täglichen Arbeit möglich sein?

Wenn mir das alles so vor Augen steht, was ich jetzt so aufgezählt habe, dann bleibt mir nur zu sagen: Gerade die Menschen im Ruhrgebiet bringen die besten Eigenschaften für die Arbeit unter der Überschrift des Willen Gottes, das Gute für die Menschen, mit: Wir haben eine besondere Beziehung zur „Arbeit“ und damit auch keine Angst vor Arbeit, auch wenn sie manchmal zur Maloche wird. Wir wissen aber auch zu feiern und die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Und auf den Mund gefallen sind wir auch nicht, wenn es darum geht, zu diskutieren, was denn jetzt richtig ist.

Es ist wunderbar, dass jeden Tag Menschen, das Sie jeden Tag hier bei uns diese schönen Eigenschaften in unsere Gemeinde bringen. So wird das Wort Gottes Tag für Tag zu einem Bild, das den Menschen vor Augen steht: Es zeigt ein zugewandtes Gesicht und eine ausgestreckte Hand.


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