Verfasst von: achterosten | 18. April 2016

Songs über das Unsichtbare – Predigt zu 2. Korinther, 4, 14-18

Predigt Jubilate, 17.IV.2016 (II. Kor 4, 14-18)

Liebe Gemeinde,

der Predigttext des heutigen Sonntags führt uns zu einem der Geheimnisse des christlichen Glaubens. Vielleicht gerade zu dem Kern, der zum einen den Glauben der Christinnen und Christen ausmacht, uns zum anderen immer auch seine Verletzlichkeit, seine Ambivalenz vor Augen führt. Im Zweiten Brief an die Korinther heißt es: „Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ „Die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.“ – das scheint doch eine gute Zusammenfassung des Glaubens an den einen Gott. Was ja schon, und ich gebe zu, das klingt jetzt etwas kompliziert, ein Wiederspruch in sich ist. Denn wie will man auf etwas sehen, was gar nicht zu sehen ist? Um etwas sehen zu können, muss es für uns sichtbar sein. Unsichtbares lässt nicht sehen. Diese Bild des Korintherbriefes für den Glauben, gerade auch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi, der Osterglaube, führt uns mitten hinein in den Kern, aber auch in das grundlegende Problem des Glaubens: Etwas zu sehen, was gar nicht zu sehen ist. Das scheint jetzt vielleicht mancher und manchem zu simpel ausgedrückt zu sein, aber es ist doch so: Wir können Gott nicht sehen. Das gleiche gilt für Ostern: aus dem sichtbaren Jesus wird der unsichtbare Christus, der Auferstandene.

Jetzt gibt es in meinen Augen drei Wege mit diesem Kern, diesem Geheimnis des Glaubens umzugehen. Der erste Weg sieht genau darin den Grund den christlichen Glauben abzulehnen und das ist sogar ein verständlicher Grund. Der zweite, der liegt sozusagen am anderen Ende. Da wird dann der Glaube zu einer Art moralischem Hochleistungssport. Mann oder Frau sollen dann einfach glauben, auch wenn sie nicht sehen können. Sehen, was sie nicht sehen. Wer das nicht schafft, ist wohl nicht geeignet für den christlichen Glauben. Ich muss sagen, ein in meinen Augen gruseliger Weg. Bleibt noch der dritte, und sie werden es schon stark vermutet haben, es ist der, der für mich ein guter ist. Es ist der Weg der Bibel. Der Weg, der immer auf der Suche nach dem Unsichtbaren bleibt. Der dabei aber auch immer davon ausgeht, dass das Unsichtbare und das Sichtbare fest miteinander verbunden sind, sich aufeinander beziehen. Daher erzählt uns die Bibel vor allem Geschichten; in Geschichten. Geschichten als der Ort, wo diese Verbindung des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren vor Augen tritt und so „gesehen“ werden kann. Der Ort, wo erlebtes gedeutet wird und so die Geschichten wachsen. Hier ist man dem Unsichtbaren auf der Spur.

Vielleicht liegt hier einer der Gründe der Krisen des Christentums hier bei uns. Dass wir genau diesen Weg eher haben links liegen gelassen. Es gibt viele Anweisungen für mein moralisches Verhalten usw. usf. Aber Geschichten in diesem biblischen Sinne, ich höre sie in den Kirchen nicht mehr. Dafür aber an vielen anderen Orten: In Konzerthallen, im Kino, als ich in Kassel lebte und durch die Documenta ging.

Daher, genug der Vorrede. Ich will ihnen heute eine solche Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem berühmten Mann. „Aint no Grave“ – seine Stimme haben sie gerade schon mit diesem Lied gehört. Die Geschichte eines Mannes, der als Sohn armer Landpächter mitten in den USA geboren wird. Inmitten des verzweifelten Versuches, mit härtester Arbeit die bittere Armut hinter sich zu lassen. Inmitten des „American Dream“ der für viele nur Not und Elend blieb. Harte Arbeit auf den Feldern, die auch vor den Kindern, auch vor ihm nicht Halt machte. Elende Lebensbedingungen, die Kinder zwangen mit für die Familie Geld zu verdienen. Das alles oftmals verbunden mit einem tiefen, schlichten, manchmal sogar kindischen Glauben. So wuchs er auf, immer neben sich, seinen geliebten Bruder. Sein Vorbild im Alltag und im Glauben. Immer im Ohr die frommen Gesänge seiner Mutter, vor Augen die biblischen Verse, die sein Bruder ihm vorlas. Beide sprachen davon, das letztlich alles in Gottes Hand liegt. Er irgendwann aller Not, allem Elend ein Ende machen wird. Jetzt aber lag der sterbende Bruder vor ihm, entsetzlich entstellt von der Kreissäge, in die er bei der Arbeit gestürzt war. Der geliebte Bruder, der doch Prediger werden wollte. Das allem blieb tief in ihm und prägte ihn sein Leben lang.

Er ging in den Militärdienst und schrieb bereits hier eines der Lieder, das ihn berühmt machen sollte. Das Lied eines Mannes, der einen anderen erschoss, nur um zu sehen, wie ein Mensch stirbt. Nach dem Militär lebte er das Leben eines kleinen Vertreters, der vom Leben als Musiker träumte. Noch so ein „American Dream“. Bei ihm wurde er aber Wirklichkeit. Mit dem Erfolg kamen aber die Kehrseite, Tabletten und Alkohol. Sie gaben ihm die Kraft, die Kreativität, die nötige Betäubung für den Schmerz einer Ehe, die am Ende war und einer neuen Liebe, die zunächst keine Antwort fand. Er, der gerne von den harten Jungs in den Gefängnissen sang, sah nun zum ersten Mal auch eines von Innen. Man hatte ihn beim Schmuggeln von Tabletten erwischt. Es ging immer weiter bergab, seine Wutausbrüche kaum noch zu kontrollieren. Er war am Ende, er wollte nur noch sterben. Tagelang hatte er nicht gegessen, nicht geschlafen. Eine abgeschiedene Höhle am Ende der Welt. Er legte sich in eine der dunklen Kammern, um zu sterben. Aber – er starb nicht. Er selber beschrieb es später so, das ihm dort in dieser Höhle klar wurde, als der Tod ausblieb, das es wohl nicht in seiner Hand liegt, sein Sterben, sein Tod. Er verließ die Höhle, ging durch die Hölle des Entzuges. Und das ist keine dieser schönen Geschichten, die gerne in bestimmten christlichen Kreisen erzählt werden. Keine von diesen reinen, sauberen Geschichte eines Drogensüchtigen, der dann eine besondere Begegnung mit Gott hat und danach ein glückliches und vorbildliches Leben führt. Unser Mann wird sein Leben lang mit der Sucht kämpfen, wird einen Rückfall haben. Wird, als er mal berühmte Gäste zum Essen hatte, nach dem er das Tischgebet gesprochen hat, hochschauen und sagen: „Wisst ihr, ich vermisse sie ganz schön, die Drogen.“

Nach dem ersten Entzug geht seine Karriere steil bergauf, aber er bleibt unbequem, lässt sich nicht vereinnahmen, weder von der einen, noch der anderen politischen Seite. Er singt vor einem Milionenpublikum, er singt vor den Insassen der Gefängnisse, singt ihre Lieder. Wie überall beginnt er auch hier jeden Abend mit dem Satz „Hello, I´m Johnny Cash“.

So gehen die Jahre ins Land, gefüllt mit Erfolg. Als der nachlässt bleibt ihm der Ruhm, den er hat, jedenfalls bei der älteren Generation. Aber es wird still um ihn. Bis zu jenem Moment, der dazu führt, dass ich ihnen heute von diesem Mann erzähle. Der Moment, das Zusammentreffen, das für viele meiner Generation Johnny Cash so wichtig macht. In den 90ern meldet sich der Produzent Rick Rubin bei ihm. Rubin hat bis dahin mit Countrymusik so viel zu tun, wie ein Holzfäller mit Ballett. Er gibt Johnny Cash die Möglichkeit, die er immer wollte. Er durfte endgültig die Songs spielen die er spielen wollte und so wie er sie spielen wollte: Meist der nur mit der Gitarre begleitete Gesang von ihm. So entstanden vier Alben, die diesen alten Mann in das Bewusstsein meiner Generation hob. Er wurde zu unserm Star, die wir auf der verzweifelten Suche nach dem Echten waren. Die wir aber auch wussten, das alle Ideologie, alle Utopie an der Realität zerbricht. Die glauben, dass das Gute nicht rein und weiß ist, leuchtend, sondern vom Schmutz des Lebens bedeckt. So wie er jetzt die Songs sang. Alles Mögliche hat er gecovert. Banale Songs, Songs die von der Drogensucht sprechen. Alte Countryhits. Und immer wieder geistliche Lieder. Lieder die immer noch aus dem einfachen, manchmal fast kindisch erscheinenden Glauben aus den harten Jahren unter der Dustbowl, der Dunstschüssel stammen. Das war der Glaube des Johnny Cash. Aber bei ihm war es nie peinlich, nie ein Grund zum Fremdschämen. Ihm haben wir das geglaubt. Bei ihm haben wir zu hoffen gewagt, dass es vielleicht wahr sein könnte. In ihn haben wir hineingelesen unsere Hoffnung, das Gute dort zu finden, wo es vom Leben schmutzig ist. Bei ihm, der fast blind, vom Tod schon gezeichnet, mit brüchiger Stimme vom Unsichtbaren singt. Ihm, dessen Leben zu einer der Geschichten geworden ist, wir brauchen, um das Geschenk des Glaubens annehmen zu können. Brauchen, um ihn Leben zu können, den Widerspruch, auf das Unsichtbare zu sehen. Soll er doch nochmal davon singen.

 

 

 


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