Verfasst von: achterosten | 29. März 2016

Zwei Frauen und das Leben – Predigt zu 1. Samuel 2, 1-8a

Predigt I. Sam 2, 1-8a (Ostern, 27.III.2016)

Welch ein Freudentag. Nicht nur für Sie, liebe Familie und liebe Familie in ihrer Freude über die Taufe Ihrer Kinder. Es ist ein Tag der Freude für uns alle. Vorbei die Tage der Herrschaft des Todes. Vorbei die dunklen Tage des Leidens. Vorbei die stillen Tage seit Karfreitag. Die Herrschaft des Todes ist gebrochen. Das Licht bricht durch, erhellt und wärmt die Gesichter und Gemüter. Der Freudenlärm durchbricht das eisige Schweigen der Felsenhöhle. Es ist der Tag der Freude.

Wir hören sie heute, die unglaubliche Geschichte, dass Gott uns nicht dem Tod überlässt. Dass nicht der Tod die Überschrift über unser Leben ist, sondern – das Leben. Gott selber die Mauer des Todes durchbricht, den Stein vor dem Grab wegrollt. Welch eine Geschichte! Die völlige Verkehrung aller menschlicher Erfahrung, aller menschlicher „Todesangst“ und damit aller Angst. Aber auch die Verkehrung all dessen, was wir erwarten, annehmen, fürchten. Freiheit vom Tod, Freiheit von der Angst. Wie unglaublich klingt diese Geschichte des Ostermorgens. In diese Woche angesichts der Anschläge in Ankara, Istanbul und Brüssel, all der kleinen und großen Orte wo Menschen anderen den Tod bringen. Wie soll man auf diese Geschichte anders reagieren als mit Verwunderung, Unglaube. Wie tief würde uns das erschüttern, wenn es wahr wäre. So wie die Frauen am Grab erschüttert werden, von denen wir gerade hörten. Ja, was wäre, wenn es wirklich wahr wäre? Wenn wirklich der Tod besiegt wäre, das Leben als Überschrift über allem stehen würde? Das ist das Zentrum des christlichen Glaubens, das ist das Zentrum, wenn wir Menschenkinder taufen. Dann stellen wir sie unter diese Überschrift des Lebens.

Diese Überschrift, sie gilt schon jetzt. Keine Vertröstung auf ein irgendwelches Jenseits. Jetzt schon herrscht das Leben, das Gott schenkt. Jetzt schon ist es unter uns. Wir können es ahnen. Wir können schon jetzt schon die Zeichen der Herrschaft des Lebens sehen. Wir können schon jetzt selber Zeichen des Lebens werden.

 

Lassen sie mich Ihnen von dieser Herrschaft erzählen. Von zwei Frauen will ihnen erzählen.

 

Die erste lebte vor langer Zeit. Es ist üblich, dass ein Mann in jenen Tagen mehr als eine Frau hat. Eine völlig andere Zeit als die unsrige, ein völlig anderes Bild vom Leben als Familie. In dieser Zeit lebt unsere Heldin. Sie ist die erste, die er geheiratet hat, sie hat er lieb, so sagt er ihr. Aber da ist noch die andere, die Zweite. Ihr sagt er wohl nicht, dass er sie lieb hat. Sie aber hat die Familie wachsen lassen, mit ihr hat er Kinder. Sie die erste, sie aber wird nicht schwanger. Nicht, dass die beiden, ihr Mann und sie nicht alles probierten. Es gelingt aber nicht. Als die andere das erste Kind gebar, da machte ihr das nichts aus. Beim zweiten aber spürte sie nicht nur den traurigen Blick ihres Mannes auf sich, sondern auch den Stich im Herzen. Es ist ihr größter Wunsch, endlich auch ein Kind zur Welt zu bringen. Immer mehr wird der unerfüllte Wunsch zum Mittelpunkt ihres Lebens. Immer mehr wird der Schmerz in ihrem Herzen größer. Für viele von uns heute vielleicht eher einen kritischen Blick wert, dass sie allein darin das Zentrum ihres Lebens sieht. Aber das Verständnis für den Schmerz dieser Frau kennt dann doch keine moralischen Kategorien. Und wie groß ist ihr Schmerz. Aus dem höhnischen Blick, der anderen, der Zweiten ist viel mehr geworden. Ganz offen ergießen sich ihre miesen Witze, die ewigen Anspielungen über sie. Wie ein schleichendes Gift hat es sich auch schon in die Herzen der Menschen um sie her ausgewirkt. Sie hört sie tuscheln hinter ihrem Rücken. Sie spürt ihre abschätzigen Blicke wie heiße Nadeln. Sie spürt es täglich wie ihre Würde ihre genommen wird. Tag für Tag, Stück für Stück. Immer wieder diese Demütigungen. Und auch die Liebe ihres Mannes schmeckt ihr bitter, hat sich doch Mitleid mit hineingemischt. Mitleid und Resignation. Es ist das Schreckliche geschehen: Sie selber, die Menschen um sie her stellen ihr Leben über die vernichtende Überschrift des Todes. Hart und unbarmherzig. Wie soll es auch anders sein, bei ihr, die ja anscheinend kein Leben schenken kann.

In ihrer Verzweiflung weiß sie nur noch eins: Sie will einen Handel eingehen. Mit dem, von dem sie doch jedes Jahr dort im Tempel hört, dass er den Menschen hilft. Von dem sie singen, dass er der ist, der dem Gedemütigten Recht verschafft. Soll der doch helfen. Wenn nicht ist da wenigstens ein Ort wo sie ihren Schmerz lassen kann. Aber selbst dort erfährt sie nur Demütigung. Ihr Weinen, ihr stummer Schrei – für das Gelallele einer Besoffenen wird es gehalten. Rauswerfen will der Priester sie. Soll sie draußen ihren Wein auskotzen. Ob es diese Demütigung zu viel ist, die endlich in ihr etwas löst, befreit? Sie lässt sich nicht mehr rumschubsen. Zuviel hat sie schon über sich gehört. Sie protestiert. Das letzte bisschen Würde, das lässt sie sie nicht auch noch nehmen. Nein, kein Wein, aber sie kotzt sich trotzdem aus. All ihren Schmerz, all ihr Leid, ihr Leben unter der Überschrift des Todes. Sie wirft es dem Priester vor die Füße. Und sie geht. Geht mit der Verheißung des Priesters, dass ihr Schrei erhört wird. Es geht ihr schon ein wenig besser, spürt einen Hauch des Lebens. Schließlich wächst es in ihr das Leben ihres Sohnes. Mit ihm wächst in ihr die Erkenntnis: Sie ist Hanna. Hanna, dessen Leben nicht unter der Überschrift des Todes steht, sondern unter der Überschrift des Lebens. Hanna, die ihren Sohn Samuel das Leben schenkt. Hanna die voller Würde, voller Leben spricht: „Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.  Laßt euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, daß er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.“

Sie ist Hanna – sie hat sie gesehen, die Zeichen der Herrschaft des Lebens.

 

Die Andere auf dem Bild vor Ihnen. Betrachten Sie sie. Welch eine schöne Frau. Welch eine Eleganz. Welch ein Stolz. Ein Filmstar? Ein Model für Dolce & Gabana? Sie ist einfach nur eine Frau von vielen in dieser Stadt. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit, wie jeden Morgen. Nein, nicht wie jeden Morgen. Heute ist er anders. In aller Frühe hat sie ihr langes Haar abgeschnitten. Das Wasser wurde immer knapper, auch Shampoo hatte sie kaum noch. Und so schnitt sie es ab. Strähne um Strähne fielen sie zu Boden. Strähne um Strähne wickelte sie aber ihr kurze Haar dann auch ein. Es einfach platt runterhängen zu lassen – niemals würde sie das tun. Das war anders an diesem Morgen. Sonst war alles wie immer. Sie sah aus wie jeden Morgen wenn sie vor die Tür trat. Wie jeden Morgen geht sie diesen Weg. Kurz hält sie inne, als in der Nähe eine Detonation zu hören ist. Dann weiter, im gemessen Schritt. Den Fotografen sieht sie nicht. Auch nicht den Soldaten. Es ist wie immer. Wie jeden Morgen seit über drei Jahren in dieser Stadt. In diesem Tal des Todes wo die Hauptstraße jetzt nicht mehr

„Zmaja od Bosne“ sondern „Snajperska aleja“, „Allee der Scharfschützen“ heißt. Sie, diese Frau, weiß, das dort oben in den Bergen seit drei Jahren tausende von Soldaten hocken, die nur eins wollen: Ihr Leben und das aller Menschen in diesem Tal unter die Überschrift des Todes zu zwingen. Das weiß sie. Sie weiß noch nicht, dass sie am Ende in der Stadt lebt, die am längsten im 20. Jahrhundert belagert wird. 1425 Tage wird mit unvorstellbarem Schmerz und Leid alles versucht um diese Stadt endgültig und bis zum letzten unter die Überschrift des Todes zu zwingen. Jede Demütigung wird dieser Stadt angetan. Von ihren Feinden, von denen die eigentlich als Helfer erwartet wurden. Helfer, die sie den Feinden überließ und noch an die Wände schrieben: „„No teeth …? A moustache …? Smel like shit …?“ Bosnian girl!“ Aber 1425 Tage geht diese Frau durch die Straßen. Elegant, schön, mit geradem Rücken, offenem Gesicht. Als unzerstörbares Bild des Lebens. Sie weiß, sie ist  Meliha Varešanović. Sie spricht voller Leben: „Ich lief immer langsam die Strasse entlang und rannte nie, denn ich wollte den Scharfschützen signalisieren, dass ich keine Angst vor ihnen habe. Ich habe mich im Krieg immer besonders schick angezogen. Wahrscheinlich mehr, wie sonst. Ich wollte mir vom Feind nicht aufzwingen lassen, Turnschuhe zu tragen. Das war meine Art zu zeigen, dass ich mich nicht unterwerfen lasse. Das war aber auch ein Zeichen an die Aussenwelt und vor allem an die ausländischen Medien, welche die Bürger auch erniedrigten. Sie nahmen nur arme Frauen mit Kopftüchern auf, die natürlich litten und Schreckliches erlebten. Es war furchtbar. Aber keiner berichtete darüber, dass Frauen in den Städten alles gaben, um ihre Würde in dieser schrecklichen Zeit zu bewahren.

Sie ist Meliha Varešanović – sie ist ein Zeichen der Herrschaft des Lebens für viele.

 

Zwei Frauen im Licht des Ostermorgens, zwei Frauen und die Zeichen der Herrschaft des Lebens. Welch ein Freudentag. Gott, der Herr über Tod und Leben, stellt uns unter diese Herrschaft.

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: