Verfasst von: achterosten | 13. März 2016

Blut, Schweiß und Tränen? Predigt zu Hebräer 13, 12-14

Predigt Gottesdienst 13.III.2016 Judika (Hebr 13, 12-14)

 

Liebe Gemeinde,

liebe Presbyterinnen und Presbyter,

 

in Momenten wie diesen wünschte ich mir, dass ich so mindestens 30 Kilo mehr auf den Rippen hätte. Dazu noch 20 Jahre älter wäre und über die nötige sonore Stimme verfügen würde. Dann hätte ich die nötige körperliche Ausstattung um die Wirkung meiner Worte so zu unterstreichen, wie jener Mann, der am 13. Mai 1940 vor das Unterhaus in London trat. In einer ganz kurzen Rede schwört er das britische Volk auf den Kampf gegen den Unrechtsstaat Deutschland ein. Nicht, dass die historische Situation damals nur annähernd mit der Einführung eines neuen Presbyteriums zu vergleichen wäre, trotzdem fielen sie hier, die berühmten Worte, die diese Rede unsterblich machte: „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat. – Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühe, Tränen und Schweiß.“ Eine schonungslose Analyse der Gegenwart und dem was sie den Menschen abverlangen wird. Keinerlei Beschönigung, kein Zuckerguss.. Da ist es vorbei mit Behaglichkeit, mit der Gediegenheit eines Fünf-Uhr-Tees und Spitzendeckchen. Da wird ganz klar der Horizont aufgemalt, was das Ergebnis wäre, wenn man die Tür zur Realität weiterhin mit aller Gewalt zu verschließen sucht.

Wie bereits gesagt, große Worte aus einem Moment, als es um alles ging, viel zu groß der historische Moment, viel zu groß die Worte, um sie mit unserem Gottesdienst heute Morgen vergleichen zu können. Ein kleines Körnchen aber, eine kleine Prise davon – doch die passt hier und heute.

„Blut, Schweiß und Tränen“ – das ist zwar zum Glück nicht alles was ich Ihnen als Presbyterium in den nächsten vier Jahren zu bieten habe. Aber sie treten ihr Amt in einer Zeit an, die viel von uns verlangt und verlangen wird. Denn, und daher erzähle ich ihnen überhaupt von dieser Rede Churchills, es gilt nicht nur in der evangelischen Kirche allgemein, sondern auch in Goldhamme und Eppendorf die Tür zur Realität, zum Leben der Menschen ganz weit zu öffnen. Wirklich und ohne Scheuklappen wahr zu nehmen, wie die Menschen um uns herum mit uns leben. Was ihre Fragen, ihre Sorgen sind, welche Rolle wir als Gemeinde hier vor Ort überhaupt spielen. Und da gibt es zwei Möglichkeiten, diese Realität zu sehen: In Panik und Angst, dass wir immer weniger werden. Die Zahl der Beerdigungen seit Jahren die Zahl der Taufen und Eintritte bei weitem übertrifft. Die Mehrzahl unserer Gruppen und Kreise an Überalterung leiden. Unsere Kirchen und Gemeindehäuser uns immer mehr zu groß erscheinen. Das einzige was zu steigen scheint, ist die Zahl der Gemeindemitglieder für die eine Pfarrerin, ein Pfarrer zuständig ist. Von dem auf uns zukommenden massiven Rückgang der Kirchensteuermittel ganz zu schweigen. Das ist die eine Realität. Und es führt in meinen Augen auch kein Weg daran vorbei, sie so klar zu benennen, ganz gemäß dem Motto jeder guten Demokratie: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Diese Realität wird von Ihnen als Presbyterium manche schwerwiegende und bedeutende Entscheidung fordern. Hier wird der Schweiß perlen und so manche Träne wird auch vielleicht fließen. Denn es wird um Abschied gehen, um Abschied von manch Alt-Vertrauten. So etwas tut weh, keine Frage. Es werden Entscheidungen zu fällen sein, die alle Beteiligten schmerzen werden, auch nach langem und reifem Überlegen, auch nach vielen Gesprächen.

Diese Realität kommt ja auch nicht plötzlich und unerwartet, seit Jahrzehnten ist sie Thema. Menschen meiner Generation oder jünger kennen gemeindliche oder kirchliche Diskussionen gar nicht mehr anders, als unter diesen Vorzeichen. Und trotzdem kann man sich nicht ganz dem Eindruck erwehren, dass man sich manchmal mehr damit beschäftigt hat, die Tür zu dieser Realität zu zu halten, die eigene innerkirchliche Behaglichkeit zu schützen. Was ja auch zutiefst menschlich und verständlich ist.

Das alles so zu sagen ist auch kein besserwisserischer Sadismus, keine Schwarzmalerei, sondern die eine Seite der Realität. Die Aufgabe der wir uns als Gemeinde, Sie als Presbyterium zu stellen haben.

Aber, und das ist kein vertröstendes auch kein abmilderndes, „aber“, das ist zunächst die eine Realität, der es gilt sich zu stellen. Aber da ist noch die andere Realität, die, die vielmehr in sich trägt als Blut, Schweiß und Tränen. Jene Realität des heutige Predigttextes aus dem Hebräerbrief: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So laßt uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ganz ehrlich, ich bin kein Freund des Hebräerbriefes. Ist er doch in Vielem das Startsignal zu jenem unsäglichen Antijudaismus des christlichen Glaubens, der bis heute sein Gift verströmt. Dieser eine Satz aber ist von immenser Kraft und Bedeutung. Gerade an Tagen wie diesem, wo wir den Blick richten auf unser Leben als Kirchengemeinde, auf die Aufgaben, die vor ihrer Leitung liegen: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das ist sie, die andere Seite der Realität. Manchmal habe ich leider nur den Eindruck, dass wir angesichts all der Veränderungen, so wie ich sie vorhin skizziert habe, diese Seite unserer Realität als Gemeinde vergessen oder verdrängen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – das ist die Erkenntnis, dass unser Glaube nicht auf Bewahrung oder sogar Stillstand ausgelegt ist. Er ist ein Glaube der Bewegung, der stetigen Veränderung. Er ist ein lebendiger Glaube, voller Kraft. Er kommt aus der Vergangenheit, aber er bleibt nicht in ihr stehen. Er sagt nicht „Es geht alles den Bach runter…“, sondern er sagt „Morgen werden die Quellen an anderer Stelle sprudeln.“

Damit sind in erster Linie auch nicht die Strukturen und Formen unserer Gemeinde im Blick. Es geht vielmehr an erster Stelle um die Inhalte unseres Glaubens. Die sind doch gerade lebendig, suchen die Antwort auf die Fragen, Freuden und Nöte der Menschen – jetzt. Verändern sich daher. Bleiben nicht bei alten Fragen, alten Überzeugungen  stehen. Der christliche Glaube liefert nicht schon fertige Meinungen, Überzeugungen, sondern trägt in sich auch den Zweifel, das Suchen.

Damit dies hier nicht nur eine schöne Sonntagsrede bleibt, will ich das auch an einem Beispiel mal ganz konkret machen: Wir sind gerade mitten in der Passionszeit. Nicht gerade eine Zeit, die von Fröhlichkeit geprägt ist. Das Leiden Jesu, seine Qualen, sein Sterben stehen bis zum Ostermorgen im Mittelpunkt. Was bedeutet uns dieser Tod? Können wir noch etwas anfangen mit den Worten, die vom Tod für unsere Schuld sprechen, Erlösung von unserer Schuld? Ist das meine Frage, die Frage der Menschen? Oder sind es nicht eher Worte, die von einer unserer größten Ängste, dem Versagen, sprechen? Ist denn nicht das Kreuz ein Zeichen des Versagens? Versagt Gott nicht selber, erreicht gar nichts, außer den eigenen Tod? Und ist dieses Versagen dann wirkliches Versagen im Geheimnis von Karfreitag und Ostern? Das nur beispielhaft zu der Frage, wie sieht er heute aus der christliche Glaube?

Das ist die eine Seite, auf die mich der Predigttext gestoßen hat. Die Andere: Diese Frage, die Auseinandersetzung mit dem Inhalt heißt nicht, dass die Formen und Strukturen unwichtig sind. Sie können nicht einfach beiseitegeschoben werden. Sie sind die Gefäße des Inhaltes. Ihre Aufgabe ist aber nicht ihn zu konservieren, ihn zu verschließen. Um mal ein sehr banales Bild aus dem alltäglichen Küchengeschehen heranzuziehen: Unsere Strukturen und Formen für unseren lebendigen Glauben dürfen nicht Tuppersdosen sein. In denen man alles so schön luftdicht und hermetisch abdichten und aufbewahren kann, am besten im dunklen und kalten Kühlschrank. Keine Tupperdosen für unseren Glauben, sondern wir brauchen große Krüge, aus denen die Menschen trinken können. Große Platten, auf denen wir in aller Gastfreundschaft die Köstlichkeiten unseres Glaubens anrichten. Das es nur so ein Genuss für alle Sinne ist. Das sind unsere Formen und Strukturen für unseren lebendigen Inhalt, den Glauben, den Gott schenkt.

Auch hier will ich beispielhaft konkret werden: Die Kirchengemeinden ähneln in vielem immer noch Vereinen. Daher gerne das Wort von der „Vereinskirche“ verwendet wird. Eine Form und eine Struktur, die in den letzten zweihundert Jahren viel Gutes für die Menschen, für die Kirchengemeinden bewirkt hat. Die sich aber vielleicht zunehmend zu einer Tupperdose gewandelt hat. Bei mir rufen z.B. immer mal wieder Frauen und Männer an, die eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizmitarbeiterin, zum Sterbebegleiter machen. Diese Menschen tun einen unglaublich wichtigen und im besten Sinne diakonischen Dienst. Ebenso die vielen Ehrenamtlichen, die im Elsa-Brandström-Haus arbeiten. Oder die sich für die Flüchtlinge engagieren. Müssten wir ihnen nicht eine Gemeinde sein, in der sie sich für diesen Dienst, diese Arbeit stärken, ausruhen können. Um dann gestärkt und getröstet wieder in die Welt der Menschen zu gehen?

Liebe Gemeinde, liebes Presbyterium, so ist es dann doch nicht nötig, dass ich ein paar Kilo mehr wiege, älter bin und meine sonore Stimme hier durch die Kirche hallt. Denn ich, wir haben dann doch mehr anzubieten als Blut, Schweiß, Tränen. Sie sind die eine Seite der Realität, die andere ist aber der lebendige Glaube, der uns stärkt in allen schwierigen Entscheidungen. Der die nötige Gelassenheit gibt. Der die nötige Kraft gibt, gegen Widerstände zu stehen. Der Ihnen, liebe Gemeinde, Hoffnung und Vertrauen schenkt für das Morgen, auf das wir zugehen. Der ihnen, liebe Presbyterinnen und Presbyter, Kraft und Mut schenkt, die Gemeinde auf den Schritten in dieses Morgen für vier Jahre zu leiten.

 


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