Verfasst von: achterosten | 1. Januar 2016

Stolz und Demut (Predigt zu Numeri 6, 22-27)

Predigt zu Num 6, 22-27 (Sylvester, 31.XII.2015)

„Willen braucht man. Und Zigaretten.“ „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ „Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich; Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.“

Liebe Gemeinde, das Jahr erlebt seine letzten Stunden. Zeit des Rückblickes auf ein bewegtes Jahr. Große Veränderungen haben ihren Anfang genommen. Menschen haben ihr Recht auf ein Leben in Wohlstand und Frieden selbst in die Hand genommen. Sie haben sich dorthin aufgemacht, wo beides existiert, oft genug auf ihre Kosten. Europa steht am Scheideweg und dabei geht es um mehr als nur ein paar wirtschaftliche Vorteile. Die Staatengemeinschaft hat aber auch das Unerwarte geschafft: Der Klimavertrag von Paris könnte die Grundlage sein, die Klimaveränderung abzumildern. Und es galt Abschied zu nehmen von Menschen, die wir alle kannten. Für mich waren es vor allem zwei alte Männer, deren Zitate sie gerade gehört und vielleicht auch schon erkannt haben: Egon Bahr und natürlich Helmut Schmidt.

„Wer soll uns jetzt die Welt erklären?“ – so titelte zugegeben etwas pathetisch Die Zeit nach Helmut Schmidts Tod. Für Egon Bahr gilt dies in meinen Augen nicht minder. An beiden knüpft sich ein Phänomen an, das erst einmal erstaunlich ist. Es ist aber auch der Grund, warum ich die beiden und vor allem ihr Wesen, ihre Wirken etwas genauer unter die Lupe nehmen will. Denn beim Tod Helmut Schmidts zeigte es sich endgültig: Dieser alte, zigarettenrauchende, manchmal etwas schroffe Mann faszinierte vor allem Menschen, die ihn als aktiven Politiker gar nicht mehr oder nicht bewusst erlebet haben. Gerade für viele Menschen der Generation unter vierzig war er eine Figur, die Orientierung bot, die geachtet wurde. Für Egon Bahr galt das vielleicht nicht ganz so prominent, aber auch wenn man ihn im Gespräch mit Menschen der jüngeren Generationen erlebte, war das zu spüren. Es gibt sogar Menschen aus diesen Generationen, die sich sämtliche Zitate Schmidts erst einmal auf ihr Smartphone gezogen haben. Was ist der Grund dafür, dass zwei alte Männer diese Rolle erhalten haben und nun genau deswegen anscheinend so fehlen? Meine Vermutung ist, dass sie ein Bedürfnis angesprochen haben, dass in Menschen meiner und der jüngeren Generation dann doch verankert ist: Das es ältere Menschen gibt, die uns an ihrer Lebenserfahrung, an dem was sie geleistet haben, was sie für Fehler gemacht haben teilhaben lassen. Das aber so, dass es für uns jüngere möglich ist, darin Orientierung zu finden für die Entscheidungen, die wir treffen müssen, die Wege, die wir einschlagen müssen. Und genau hier liegt der Grund, warum ich diese beiden alten Männer in der Predigt an diesem letzten Tag des Jahres in den Blick nehme. Denn an Sylvester stehen wir ja genau zwischen gestern, 2015 und morgen, 2016. Nicht umsonst heißen die Tage „zwischen den Jahren“. Zeit nicht nur des Rückblickes, sondern auch für den Blick nach vorne. Was wird kommen? Was wird richtig, was wird falsch sein? Für mich, für unser Zusammenleben?

Ich kann gar nicht anders, als diese Fragen immer auch zu verstehen, als die Frage nach dem was ein Segen für mich, für uns ist. Gerade auch angesichts des heutigen Predigttextes: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.“

 

Der Segen Gottes – wo haben wir ihn im vergangen Jahr erfahren? Oder, verbunden mit dem Wort Gottes an uns „Ihr sollt ein Segen sein“ noch viel spannender gefragt: Wo waren Menschen für uns ein Segen, wo waren wir Segen? Und: Wo können wir morgen, 2016 ein Segen sein?

Helmut Schmidt hätte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber in seiner Art kam er wohl dem sehr nahe, gerade auch in den letzten Jahren für Menschen, die viel jünger waren und sind als er: ein Segen, ohne dass ihn das zum unangreifbaren Heiligen macht. Wie bereits gesagt, er hätte das abgestritten, aber aus christlicher Sicht kann man das in meinen Augen genau so sagen: Wenn ein alter Mensch wie Helmut Schmidt ein Punkt der Orientierung ist, der einem selber hilft Entscheidungen zu treffen, Meinungen zu bilden, dann ist er ein Segen. Und so war ein Mensch wie Helmut Schmidt ein Segen in den letzten Jahren und soll stehen für all die weniger oder gar nicht bekannten Männer und Frauen der älteren Generation, die für uns Jüngere genau das waren und sind. Weil sie diese ganz besondere Mischung haben, die sie für uns Jüngeren zum Segen machen. Helmut Schmidt war dafür ein wunderbares Beispiel. Die Mischung aus Zutaten wie: Uns teilhaben lassen an der eigenen Lebenserfahrung, dem eigenen Tun; an dem Stolz über das Geleistete, aber auch an der Demut gegenüber der eigenen Schuld. Helmut Schmidt hat mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Terror der RAF den entscheidenden Schlag verpasst. Hat aber dafür auch das Leben von Hans Martin Schleyer geopfert. Eine Schuld, die er zeitlebens trug und über die er glaubwürdig sprach. Das gilt auch für das Leben mit seiner Frau.

Stolz auf die eigenen Ideen und Überzeugungen, wie man Probleme gelöst hat, Demut, dass diese Ideen und Überzeugungen solche der Vergangenheit sind; sie immer wieder in Frage gestellt werden müssen und auch dürfen.

Stolz auf die eigenen Eigenheiten, Demut, das sie nicht für alle gelten können. Ich konnte kein Zitat finden, wo Helmut Schmidt behauptet hätte, das Rauchen gesund sei.

Stolz auf die eigenen Entscheidungen, die damals die richtigen erschienen und wo man die Macht auch hatte, sie zu fällen und durchzusetzen. Dass man die Situation richtig erkannt, richtig eingeschätzt hat. Demut, dass nun die Jüngeren diese Entscheidungen fällen und umsetzen müssen. Ihnen zuzugestehen, ihre eigenen Fehler zu machen. Gerade auch im Bewusstsein, dass es immer die Aufgabe der Nachfolgenden ist, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen, zu benennen und aus ihnen zu lernen. „Sie haben einem uralten Mann zugehört. Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.“, so Helmut Schmidt

Das sind wohl einige der Zutaten, die Menschen wie Helmut Schmidt zu etwas werden lassen, was Gott für seine Welt, uns Menschen will: Dass wir zu einem Segen werden. Und dafür ist sie nötig, diese Mischung aus Stolz und Demut. Stolz, denn Segen bedeutet Kraft. Kraft, für andere da zu sein. Kraft, die sich auf andere überträgt. Demut, denn der Segen hängt letztlich nicht an mir, an meinen Leistungen, es ist ein Geschenk.

Diese Mischung, das ist aber letztlich das Entscheidende, sie darf nicht mit dem schleichenden Gift der Verbitterung durchsetzt sein. Das verdirbt alles. Verbitterung, darüber, dass sich die Dinge weiter entwickelt haben, die Welt sich jeden Tag verändert. Nichts für die Dauer ist. Denn diese Verbitterung macht hart, verschließt das Herz. Sucht nach Schuldigen für die Veränderungen und findet sie oftmals in den Jüngeren. Vertieft so noch den Spalt zwischen den Generationen, der ja genauso oft von uns Jüngeren aufgerissen wird. Die Verbitterung, sie verdunkelt nicht nur das Herz der Älteren, sondern auch unser. Wie sollen wir denn den Mut finden, die Dinge anzupacken, wenn uns keine konstruktive Kritik entgegenbracht wird, sondern nur der Vorwurf, es nicht richtig zu machen? Wie sollen wir den Verheißungen, dem Segen Gottes trauen können, wenn wir erleben müssen, dass Verbitterung sie so zugedeckt haben? Wie sollen wir hoffen können auf die Kraft des Lebens, wenn wir erleben wie Verbitterung alles Leben in Starrsinn erstarren lässt? Wie sollen wir glauben dürfen, dass Gott uns frei macht, wenn Verbitterung wie schwere Ketten alles lähmt? An den Älteren können die Jüngeren lernen, wie Glaube und Hoffnung in die Freiheit führt, das Leben wachsen lässt, so dass aus den Enttäuschungen und Wunden des Lebens nicht das Gift der Verbitterung wird.

So können Menschen der älteren Generationen zum Segen für uns jüngere werden. So waren sie es 2015 und werden es auch in 2016 sein, als Hilfe und Orientierung bei unseren Entscheidungen, bei unseren Ideen. So können sie zu gemeinsamen Entscheidungen und Ideen werden. Möge uns so der Segen Gottes tragen in der Zeit vor uns, in aller Welt, aber gerade auch in unserer Kirchengemeinde Eppendorf-Goldhamme.

Segen für einander sind wir aber auch, wenn wir die schönen Momente des Lebens feiern, so wie in der  Silvesternacht. Wenn wir das neue Jahr, das unbekannte Land vor uns fröhlich begrüßen, in der Hoffnung und dem Vertrauen, dass uns im nächsten Jahr der Segen Gottes begegnen wird. Vielleicht in einem Menschen der irgendwo auch den Raketen am Nachthimmel hinterherschaut.


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