Verfasst von: achterosten | 29. Dezember 2015

Geschichten aus der Vergangenheit – Predigt zu I. Johannesbrief 1, 1-4

Predigt zu 1Joh 1,1-4 (Hl. Abend 2015

Nun stand er vor mir auf dem Teller, die Haut leicht labberig umrahmt von Salzkartoffeln. Oh ja, es war wieder Weihnachten und vor mir stand er, der übliche Gast zum Mittagessen am Heiligen Abend. Von Muttern persönlich vor einigen Tagen zubereitet, noch zwei Tage später war es zu riechen und nun wartet er auf mich, nur ich nicht auf ihn: Der traditionelle Heilig Abend Brathering zum Mittagessen. So auch in diesem Jahr. Ich war so in der Lebensphase zwischen sehnsüchtigem Warten und kaum zu stillender Ungeduld auf die Bescherung und pubertärer Totalverweigerung des Weihnachtsfestes. Und nun also der Brathering. Aber in diesem Jahr gab es Rettung. Gerade als wir uns ihm widmen wollten, schellte das Telefon. Wir schauten uns überrascht an. Mein Vater erhob sich schließlich und ging ans Telefon. Aufgrund des sofort ansetzenden Schreiens meines Vaters, wussten meine Mutter und ich es genau: Es war die Arbeit, die Zeche, genauer gesagt direkt von Untertage. Es gab nämlich nicht die Möglichkeit das Telefon von Untertage direkt mit dem Festnetz zu verbinden, so wurden in der Grubenwarte einfach die beiden Hörer zusammen gehalten. Verständigung war daher nur durch so lautes Geschrei möglich, dass die gesamte Straße wusste: Bei Pernaks ruft der Pütt an. Und so auch jetzt mitten in der Vorbereitung auf den Heiligen Abend. Es war nicht zu überhören: „Ja, was Schrauben am Flansch abgerissen, keine neuen vor Ort. Muss noch vor dem Ausfahren der halben Schicht zu Weihnachten gemacht werden. Ja, Scheiße, ich komm. Auf.“ Alles klar, mein Vater musste also zur Zeche und zwar jetzt und sofort. Mir kam sofort die rettende Idee für meine missliche Lage: Zur Zeche war es zu Fuß über die Felder ungefähr 45 Minuten für eine Strecke. Das würde reichen für die Schrauben. Was aber viel wichtiger war, wir wären erst so zurück, dass es angesichts des Weihnachtskuchen und der Bescherung zu spät für den Brathering wäre. Und noch ehe mein Vater sagen konnte, dass er nochmals zum Pütt musste schoss es aus mir heraus: Nimm mich doch mit und lass uns zu Fuß gehen. Und mein Glück war vollständig, mein Vater hielt das auch für eine wunderbare Idee. Und los ging es zu einer Wanderung, die ich nie vergessen werde.

Schnell hatten wir uns angezogen und waren losgezogen, es war merklich kälter geworden. Gleich direkt in das kleine Wäldchen hinter unserer Straße. Kein Mensch war mehr unterwegs. Als wir aus dem Wald auf das freie Feld traten, scheuchten wir ein paar Rehe auf. Von nun an wies uns der schwebende Weihnachtsbaum den Weg. Der Platzwart auf dem Zechenhof hatte ihn schon angestellt, jenen Weihnachtsbaum ganz oben auf dem Schachtgerüst. Und jetzt fing es auch leicht an zu schneien, ganz leicht, ein feiner, weißer Teppich legte sich über die Felder. Schweigend gingen wir den Feldweg entlang bis zum Kanal, bogen links zur Brücke ab, und gleich hinter ihr an der Zechenmauer entlang bis zum Tor. Auch der Zechenplatz war schon mit Schnee überzogen, zwei, drei Kumpels kamen uns entgegen, eine kurzes „Auf“ und „Schöne Weihnachten“ wurde gewechselt. Wir stiegen in den Lagerkeller unter dem Hauptgebäude und standen vor dem Schrank mit jenen ominösen Schrauben für irgendeinen Flansch. Mein Vater suchte zunehmend hektisch in den Taschen – Schlüssel für das Schrankschloss vergessen. Wieder nach Hause und zurück – das würde zu lange dauern. Dann lernte ich den berühmten Zechenpragmatismus kennen: Hoch in die Steigerkaue, Bolzenschneider und ein anderes Schloss geholt, Schloss geknackt. Danach wurde der Schrank wieder verschlossen, das geknackte Schloss in die Kiste für die Schlosserei geworfen, versehen mit dem Zettel: „Einmal Schweißen.“ Dann noch zur Hängebank, der Korb war schon da. Schrauben drauf, Tor zu, der Anschläger gibt das Signal, wir sehen, wie der Korb in die Tiefe fällt. Kurze Verabschiedung und wir machen uns auf Weg nach Hause. Mein Vater und ich, zwei Gestalten auf dem Feld im Fallen der Schneeflocken und der beginnenden Dämmerung. Im Rücken den Weihnachtsbaum hoch oben auf dem Schacht, vor uns die Aussicht auf Kuchen. Wenn mal einer ne idyllische Szene für nen Weihnachtsfilm aus dem Ruhrgebiet sucht, soll er sich bei mir melden.

Ab jenem Heilig Abend gab es eine neue Tradition, ohne dass groß darüber gesprochen wurde, denn wir gingen beide jedes Jahr den gleichen Weg wieder zum Schacht hin und  zurück. Nach einigen Jahren war da kein Weihnachtsbaum mehr, sondern nur noch ein einsames Rohr in der Landschaft. Dann wuchs ein Industriegebiet um das Rohr herum, aber wir gingen jedes Jahr den gleichen Weg. Eine Zeitlang mit dem ersten Enkel, dann mit dem zweiten, dann waren wir wieder zu zweit – geschneit hat es nie mehr. Heute gehe ich den Weg allein zu Weihnachten – einmal zum Schacht und zurück.

Und ich habe dabei über die Jahre etwas sehr wichtiges über Weihnachten gelernt, und daher habe ich ihnen auch  meine Weihnachtsgeschichte erzählt: Weihnachten, der Heilig Abend wird durch das Leben hindurch immer mehr zu einem Ort der Vergangenheit, der Erinnerung. Die Erinnerung wie man diese besonderen Tage als Kind erlebt hat. Die Erinnerung an das Schöne, was sich mit diesem Tag verbindet. Über die Jahre stellt sich auch ein wenig Verklärung ein. So bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, aber es könnte sein, dass meine Mutter stinksauer war über meine Flucht vor dem Brathering.

So ist diese besondere Nacht eine, in der das Vergangene ganz besonders deutlich wird, lebendig wird. Die meine Gegenwart diese Weihnacht 2015 bestimmt. In dankbarer Erinnerung oder in wehmütiger Melancholie. Und das vielleicht noch stärker in diesem Jahr, wo immer mehr uns vor Augen steht, dass große Veränderungen geschehen.

Und dieser Blick zurück, er passt ja auch zu diesem Abend, an dem immer wieder eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt wird. Die Geschichte von dieser nächtlichen Geburt in einem namenlosen Stall irgendwo bei Bethlehem. Durch die Jahrtausende ist sie gewandert, diese Geschichte. Bilder, Erwartungen, Hoffnungen haben sich dabei an ihr gesammelt. Und so trifft diese Geschichte aus der Zeit, aus der Vergangenheit an diesem Tag auf unseren Blick zurück in unsere Zeit, in unsere Vergangenheit. Und unsere Erinnerungen stellen sich zu der Geschichte von der Krippe in Bethlehem.

Vergangenheit und Gegenwart, nie sind sie enger miteinander verbunden als in dieser Nacht. Das ist das Geheimnis, das kaum zu ergründen ist, diese Geschichte aus einer fernen Vergangenheit, die heute in  unsere Gegenwart ankommt. Angereichert mit all den Geschichten, die wir mit dieser Nacht verbinden, so liegt sie vor uns, wie jedes Jahr.

Wie jedes Jahr können wir sie hören diese Geschichte der Jahrtausende. Ihr Geheimnis, dass es Gott selber sein soll, der in dieser Krippe geboren ist. Dass es wahr sein soll, dass der Schöpfer der Welt kein fernes Wesen, keine gestaltlose Macht ist, sondern mitten unter uns ist. Dass es wahr sein soll, dass in dieser Geschichte das Ende aller menschlichen Verstrickungen, all unserer inneren Verknotungen erzählt wird. Dass nicht ich dafür sorgen muss, diese Geschichte zu glauben, sondern mir dieser Glaube geschenkt wird. Wie jenen Hirten, von denen uns erzählt wird. Der Glaube, der mich den einen Grundton dieser Geschichte hören lässt: Liebe. Die Liebe, die Gott selbst ist. Der Glaube, der den tiefen Trost schenkt, dass all meine Melancholie, aller Schmerz, dass ich nun Weihnachten alleine den gewohnten Weg gehen muss. Das es auch keinen Weihnachtsbaum auf dem Schacht gibt der mir den Weg weist. Dass das alles in dieser Liebe aufgenommen ist. Dass es zwar vergangen ist, aber nie vergessen.

Und dann, ja dann können wir auch sehen, wohin diese Geschichte gerichtet ist und wir verstehen: Dies ist kein Geschichte aus der Vergangenheit, die in unserer Gegenwart für diesen Abend, diese Stunde erklingt und dann wieder in die Dunkelheit der Jahrtausende verschwindet. Sie ist nach vorne gerichtet, in die Zukunft, in unser Leben, in das Leben der ganzen Welt. Sie will uns tragen in die Zukunft, in das was vor uns liegt, worauf wir uns freuen, was uns Angst macht. Bis an jenes große Ziel aller Welt.

Es ist das Geheimnis dieser Nacht, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ganz nahe zusammentreten und sich miteinander verbinden. Es ist das Geheimnis dieser Nacht, dass die Vergangenheit uns jetzt sagt: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Das trägt uns in die Zukunft, gestärkt und getröstet durch diese geheimnisvolle Nacht.


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