Verfasst von: achterosten | 18. November 2015

Raus aus dem Horror (Predigt zu Matthäus 7, 12-20)

 

Liebe Gemeinde, aus dem Matthäusevangelium:

„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden! Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.  Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

 

Texas Chain Saw Massacre, Poltergeist, Armee der Finsterin, Tanz der Teufel, Freitag der 13., Braindead – sagt ihnen das was? Alles Horror und Splatterfilme. Auch wenn die ihnen jetzt konkret nichts sagen, sie kennen aber bestimmt die Zutaten solcher Filme: Jugendliche, gerne in der Mischung smarte Jungs und Mädchen, die aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen immer leicht bekleidet durchs Bild laufen, ein großer Wald / Wildnis, in der sie sich verlieren, kommen zu einem Haus mit merkwürdigen Bewohnern und dann beginnt der Wahnsinn: die Kettensäge singt, das Messer ist gewetzt und unter der Verwendung von Kubikmetern von Theaterblut haucht einer nach dem andern der smarten Jugendlichen nach aufregender Hetzjagd sein bzw. ihr Leben aus. Am Ende gelingt immer einem der jungen Mädchen die Flucht, entweder nach vorheriger ebenso grausamer Erledigung sämtlicher Horrorgestalten oder man verzichtet auf diese. Vielleicht weil das Kunstblut ausgegangen ist. Das ist das Genre der Horror- und Splatterfilme – eine Erfindung der Gehirne komischer Filmemacher der letzten dreißig, vierzig Jahren? Weit gefehlt. Wer mal seinen Gang in Kunstmuseen lenkt, aufmerksam durch mittelalterliche Kirchen läuft oder ein Bildband zur Geschichte der Malerei in die Hand nimmt der wird dort ähnliches finden: Menschen, die dem wahren Horror ausgesetzt sind. Da wird geröstet, aufgeschlitzt, aufgefressen und zerteilt was die Farbe nur so hergibt. Und das alles wird mit einem konkreten Ort verbunden: der Hölle. Dem Ort des Horror und des Splatters unser Vorfahrinnen und Vorfahren. Zeichen der Wirkungsgeschichte unseres Glaubens. Ausgehend auch von Texten wie dem heutigen Predigttext. Sein Bild vom breiten Tor und engem Pfad. Nur im Gegensatz zu unserem genußvollem Gruseln auf der heimischen Couch verbunden mit der realen Angst, diesem Horror ausgesetzt zu sein. Und so krochen sie alle an Tagen wie diesem in die Kirchen, unsere Vorfahren im Glauben, auf ihren Knien, mit gebeugtem Haupte, voll mit Angst in diese Hölle zu müssen. Voller Angst vor dem der dies entscheiden wird, Gott, der Richter. Jede einzelne, jeder einzelne wird vor ihm stehen und wer soll schon in diesem Gericht mit Freispruch rechnen? Schwer wiegen all die kleinen und großen moralischen Vergehen. Voller Angst kamen sie in die Kirchen und wie gut ließen sie sich mit dieser Angst lenken, von der Kirche und den Mächtigen. Und um ihnen dieses auch noch mal klar zu machen, wurden Tage wie der heutige gefeiert: Büßen und Beten soll das Volk, damit sie brave Untertanen, brave Schafe ihrer Kirche sind.

 

Wie fern scheinen uns heute solche Vorstellungen, wie abstrus. Jahrhunderte der Aufklärung, des Sieges über diese Angst vor der Hölle liegen dazwischen. Hölle – das hat seinen Horror verloren, keiner von uns geht davon aus, einmal an einem Ort zu landen, wo er gebraten, zerteilt oder sonst was wird. Hölle – das sind für uns eher Orte des Diesseits. Hölle – das sind reale Orte der Vergangenheit oder Gegenwart. Hölle – kein Ort der uns nach dem Tod erwartet. Das Thema ist abgeschlossen, höchstens noch von Interesse für Historiker und Kulturwissenschaftler.

Und so sind uns auch Texte wie der gerade gehörte eher fremd. Ist er doch so eng durch die Zeit hindurch verwoben mit der Vorstellung einer Hölle.

Aber wir haben nicht nur das Stichwort „Hölle“ ad acta gelegt, sondern gleich noch etwas anderes: die Idee des Gerichtes Gottes. Die Vorstellung, dass wir alle nach unserm Tod vor den Richter müssen und unser Leben „beurteilt“ wird. Ein zentraler Punkt des christlichen Glaubens, der christlichen Tradition. Uns genauso fremd, wie die „Hölle“ und daher, ab ins Archiv damit.

Es wäre Schade drum, wenn diese zentrale Bestandteil christlicher Glaubensvorstellung dort bleiben würde. Wir berauben  uns und andere um einen großen Trost unseres Glaubens. Dass nämlich nicht Opfer immer Opfer, Täter immer Täter bleibt. Dass nicht unser eigenes Urteil über unser Leben, das Urteil anderer Menschen über uns für immer und alle Zeiten stehen bleibt. Dass nicht all die schlimmen und miesen Dinge, die im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen geschehen dort im Dunkeln, im Verborgenen bleiben sondern an das Licht geholt werden. Das ist der Trost bei dem Bild des göttlichen Gerichtes. Nicht die kleinliche Beurteilung all der kleinen und größeren moralischen Fehltritte jeder und jedes von uns. Da geht es doch nicht um die Frage, ob sie mal bei Rot über die Ampel gefahren sind. Da geht es nicht darum, irgendwelche dreckige Wäsche zu waschen. Hier geht es nicht darum, ein Strafmaß festzulegen für irgendwelche Taten, hier geht es um vielmehr: Taten endgültig und vollumfassend zu benennen und Tat und Täter, Tat und Opfer zu trennen.

Dies ist kein menschliches Gericht und hat gar nichts mit juristischen Vorstellungen zu tun. Hier gehen Recht und Gerechtigkeit, Gnade und Urteil eine unauflösliche Verbindung ein.

Hier bleiben all die Opfer nicht Opfer, hier wird der Täter klar benannt. Oder man muss es besser sagen: Hier wird für jede und jeden klar benannt wo er Opfer und wo er Täter war. Denn das gehört doch auch zu uns als Menschen, dass viele beides sind: Opfer und Täter. Menschen in beides verstrickt sind. Das gehört zu unserem Sein als Menschen. In diesem Gericht wird beides endlich entwirrt, die Verknüpfungen gelöst. Es wird uns jeder Faden klar vor Augen gestellt. Es bleibt nichts im Verborgenen, kann nicht mehr im Dunkel vor sich hinmodern und sein Gift verströmen.

Das ist sozusagen das Verfahren, unauflöslich damit verbunden aber ist das Urteil, das allerletzte was über uns gesprochen wird, nachdem alle Fäden unseres Seins, unseres Tuns und Lassen entwirrt wurden. Und das ist das Entscheidende, die große Verheißung: Dieses Urteil wird eines voller Gnade, voller Liebe sein. Und Gnade nicht im Sinne von falscher Nachsicht, falschem Verständnis, Mitleid, sondern echte Gnade. Ein Urteil, dass uns endlich frei spricht von all den falschen Urteilen, die über uns gefällt werden oder die wir selber fällen. Ein Urteil frei von all der unmenschlichen Härte der menschlichen Urteile über uns.

Denn das ist meine Beobachtung: Wir haben das gnädige Gericht Gottes über uns Mensch nicht nur zu den Akten gelegt, sondern durch ein menschliches Gericht ersetzt. Meiner Wahrnehmung nach ist eine unserer größten Ängste, dass am Ende unseres Lebens über unserem Leben das Urteil steht, dass wir unser Leben vertan haben, den Ansprüchen nicht genügt haben. Und um wieviel härter ist dieses Urteil, wenn wir es selber über uns fällen. Wenn wir die gesteckten Ziele nicht erreicht haben, sie verfehlt haben. Wie auch immer diese Ziele ausgesehen haben. Man einsehen muss, die Prioritäten doch falsch gesetzt zu haben. Und dann? Bleibt dann dieses Urteil stehen? Ist es dann die Überschrift über mein ganzes Leben? Wie hoffnungslos, wie ungnädig wäre das, wie sehr wäre alle Angst vor diesem Urteil berechtigt. Erheben wir uns daher nicht so sehr über unsere Vorfahren: Was ihre Angst vor dem jenseitigen Gericht und der Gang in die Hölle war, ist unsere Angst vor dem diesseitigen Urteilen über uns und unser Leben. Befreiung von der Angst, die gab es nicht. Natürlich muss klar sein, solche Aussagen gelten weder für damals noch für heute pauschal: Die Angst war und ist von Mensch zu Mensch und in bestimmten Lebensphasen weniger präsent. Aber sie war und ist real, hinterließ und hinterlässt Spuren ihres lähmenden Giftes.

Wie befreiend dann der Glaube an ein Gericht, dass nicht dem Prinzip unserer Gerichten über unser Leben folgt, sondern dem Prinzip der Gnade, der Liebe.

Vielleicht sollten wir doch nochmal ins Archiv steigen, die alte Akte hervorholen, lesen von dem Bild des harten Gerichtes und einem gnädigen Richter. Und das ganz ohne Angst vor einem Horrorort im Jenseits. Auf jeden Fall eine schönere Beschäftigung als die unser Vorfahren, die an diesem Tag voller Angst in die Kirche und zum Herrscher gekrochen kamen. Auf jeden Fall mit schöneren Früchten für die Welt und uns.


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