Verfasst von: achterosten | 1. November 2015

Lasst doch den Kürbis in Frieden (Predigz zu Matthäus 10, 26b-33)

Predigt zu Matthäus 10, 26b-33 (Reformationstag 2015)

 

Diese Enthüllung hier (Tuch wird von Kürbisfigur gezogen) löst ganz unterschiedliche Empfindungen bei ihnen aus. Widerstand gegen das Halloweenfest, dessen Symbol er ist. Heimliche Vorfreude auf den späteren Abend heute, denn natürlich geht man gleich schön Halloween feiern. Vielleicht ist aber Halloween schon so zur Tradition geworden, dass es manche gar nicht verwundert, dass ich ihn mitgebracht habe. Für Verwunderung sorgt eher, dass heute am Samstag Gottesdienst ist. Und dann auch gleich noch mit Abendmahl…

Wenn ich jetzt hier abbrechen würde mit der Predigt und die Diskussion eröffnen, ich bin mir relativ sicher, es würde zu einer hitzigen Diskussion kommen. Zumindest aber zu sehr emotionalen Meinungsäußerungen. Da würde dann, auch da bin ich mir sehr sicher, der Reformationstag in Frontstellung zu Halloween gebracht. Die Hitze hier im Raum würde spürbar zunehmen, wir könnten den ganzen Gottesdienst sicher mit dem Thema füllen. Oh ja, über die Frage Halloween versus Reformationstag können wir super diskutieren, uns auch empören, kein Problem. Genau das gleiche jedes Jahr an Karfreitag. Dann bei der Frage, ob an diesem Tag der ganzen Gesellschaft in unserem Land jede Art der öffentlichen Vergnügung verboten sein soll. Auch hier können wir herzlich diskutieren, da steigt der Puls, der Blutdruck schwingt sich in die Höhe.

Zwei Sachen garantiere ich Ihnen auf jeden Fall dabei. Erstens: Die Frage was denn eigentlich die Bedeutung des heutigen Tages als Reformationstag wirklich ist, würde maximal am Rande diskutiert werden, wenn überhaupt. Zweitens: Vor dieser Kirchentür, da draußen wird sich keine Einzige, kein Einziger heute Abend davon abhalten lassen, Halloween zu feiern, wenn sie oder er das will. Egal, zu welchem Schluss wir hier kommen würden.

Ich finde es sehr gut, dass das so ist. Zeigt es mir doch eines: Die Welt, die Menschen haben uns endlich eine Last, eine Rolle abgenommen, die wir uns selber aufgehalst, ja uns angemaßt haben. Denn irgendwann kamen wir Christen und Christinnen auf die komische Idee, wir hätte das Recht, ja sogar die Pflicht aller Welt zu erklären, was richtig ist. Was gut, was böse, was weiß, und was schwarz ist. Wir als die moralischen Oberlehrerinnen und Oberlehrer dieser Welt. Das Ganze hat dann immer besonders gut geklappt, wenn wir starke Beziehungen zu den Personen oder Personenkreisen mit der nötigen politischen Macht bzw. den Meinungsführern hatten. Und bitte schieben wir solches nicht in das angeblich so dunkle Mittelalter. Da zum Beispiel, wage ich zu behaupten, gab es Zeiten, da war der Einfluss der Christen und ihrer Moral gar nicht so hoch. Nein, schauen wir doch mal auf die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts und die Friedensbewegung, da war die Kirche ganz nahe am Mainstream der Meinung, nahe dran an einer weitverbreiteten Moral bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Erinnert sei hier nun an die Demo im Bonner Hofgarten, eine der größten Demonstrationen Deutschlands vor 1989. Und ob diese Nähe immer gut war, das weiß ich auch nicht so genau, wenn ich mir das gesamteuropäische Versagen angesichts des Jugoslawienkrieges ansehe.

Heute haben wir diese gesellschaftliche Rolle endgültig nicht mehr und ich sage nochmals, ich bin dankbar, dass dem so ist. Dass uns die Gesellschaft, die Mehrheit der Menschen, die mit uns in diesem Land leben, uns endlich von diesem Sockel gestoßen haben. Und in einer demokratisch verfassten Gesellschaft haben wird das auch zu akzeptieren, dass wir eine Gruppe unter vielen in diesem Land sind. Eine unter all den anderen die an der Gestaltung unseres Zusammenlebens, an der Gestalt unserer Gesellschaft gleichberechtigt mitarbeiten.

Es ist gut, dass das so ist, denn es macht uns frei. Denn nicht nur, dass die Rolle des moralischen Oberlehrers ja an sich von einer sehr gefährlichen Überheblichkeit zeugt, nein, wie anstrengend ist sie auch. Wie eng ist das Korsett, das uns da geschnürt wurde. Jetzt sind wir frei, frei unsere Rolle in der Welt neu zu bestimmen, neu  auf unsere Wurzeln zu schauen. In dieser Freiheit zu finden, was vielleicht von diesen Wurzeln her eigentlich unsere Aufgabe ist. Und wann, wenn nicht an einem solchen Tag wie heute, wäre dazu eine wunderbare Gelegenheit. Denn, aber das nur am Rande, wir sind auch kein Luther-Gedächtnis-Verein, der sich an diesem Tag nur einem höchst fraglichen angeblichen historischen Ereignis erinnert. Denn wenn wir Pech haben, gab es heute gar kein höchst dramatischen Thesenanschlag, sondern maximal einen Brief des Theologieprofessors und Mönches Martin Luther an seinen Bischof Albrecht von Brandenburg mit der Zusammenfassung seines theologischen Nachdenkens in 95 Thesen. Und heute ist auch schon gar nicht die Geburtsstunde der evangelischen Kirche, keiner der Reformatoren hatte jemals die Absicht einer Kirchenspaltung. Blamieren wir uns also nicht mit der Pflege gewisser historischer Mythen, sondern nutzen wir den Tag heute doch dazu, in die Zukunft zu schauen. In der neuen Freiheit, die uns geschenkt wurde. Zu schauen, was uns eigentlich ausmacht, eigentlich unser Auftrag ist, heute als evangelische Christinnen und Christen.

Bei dieser Frage wählt das Matthäusevangelium harte und schonungslose Worte. Ich will sie nochmal vorlesen: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“

Da hören wir es ganz klar, „Bekennen“ ist unsere genuine Aufgabe. Das ist unsere Rolle in dieser Welt wenn wir Gemeinde Gottes, Gemeinde Jesu Christi sind und gerade nicht ein Luther-Gedächtnis-Verein. „Bekennen“ in der Welt, das wird hier in aller Drastik gesagt, ist unsere Rolle. Versuchen Sie sich zu lösen von dem Bild, dass dieser Text mit der Angst unserer Vorfahren vor der Hölle argumentiert. Das vermutete Schema: Du musst brav dich zu Gott in der Öffentlichkeit bekennen, koste es was es solle, sonst landest du in der Hölle, ist das Prinzip christlicher schwarzer Pädagogik der Vergangenheit, aber nicht  Prinzip dieser Worte.  Ganz im Gegenteil und das ist für uns zugegeben heute schwer zu verstehen, aber der Hinweis auf die Hölle und Gottes Macht soll nicht Angst machen, sondern Kraft, Trost schenken. Damit wir den Mut haben, den das „Bekenntnis“ braucht. Denn es geht nicht um die Hölle, eine Vorstellung die uns heute zu recht fremd ist. Der Hinweis auf die Macht Gottes zeigt vielmehr, wer wirklich die Macht über unser Leben hat. Nicht die, von denen wir das vermuten, vor denen wir Angst haben. Denen wir sogar zutrauen, dass sie uns ganz und gar vernichten könnten, wenn sie das wollten. Angst die uns lähmt, gerade auch dann wenn es darum geht zu „bekennen“. Sie haben diese Macht nicht, diese Macht hat nur einer, Gott selber! Er könnte das, er hat die Macht dazu. Er wird es aber nicht tun! Er wird diese Macht nicht einsetzen, dass ist sein unverbrüchliches Versprechen an uns. Davon erzählt uns die Bibel. Das ist der Trost dieser Worte, nicht die Angst vor irgendwelcher Hochofenhitze einer wie auch immer gearteten Hölle.

Frei von der Rolle der moralischen Oberlehrerin, aufgerufen zum „Bekennen“ des einen Gottes, getröstet und gestärkt, um den Mut zum „Bekennen“ in der Welt zu haben, das ist für mich die Botschaft des Reformationstages 2015 beim Hören der Worte aus dem Matthäusevangelium.

Was bleibt, sind aber zwei ganz große Fragen, sozusagen die Fragen der Praxis: Was heißt das überhaupt „bekennen“? Und wie sollen wir wirklich diesen Mut finden? Darauf kann ich keine Antwort geben, die diese Fragen letztlich löst, aber ich kann zum Abschluss noch etwas erzählen. Navid Kermani, der bedeutende deutsche Intellektuelle unserer Tage hat vor zwei Wochen den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Seine bewegende und von politischer Klugheit geprägte Rede war gerahmt von der Erzählung von den beiden Patern Jacques Mourad und Paolo Dall’Oglio. Der italienische Pater Paolo Dall‘ Oglio hat in Syrien eine christliche Gemeinschaft in einem uralten verlassen Kloster gegründet. Männer und Frauen leben und praktizieren dort ihren christlichen Glauben. Aber nicht in Abgrenzung, sondern im liebevollen Gegenüber und Miteinander, im großen liebevollen Respekt zum islamischen Glauben, der Menschen, die dort an diesem Ort mit ihnen leben. Die Gemeinschaft erweiterte die mönchischen Grundtugenden „Gebet“ (arabisch: Salat) und Arbeit (‚Amal) um die arabischen Elemente der Gastfreundschaft (Dayafa) und des Dialogs (Hiwar).  So entstand ein Ort gelebten christlichen Glaubens, gelebten christlichen Bekenntnis als Oase des Friedens. Jaques Mourad hat später mit ihm zusammen diese Arbeit fortgeführt. Als der Krieg kam, sind beide geblieben, haben versucht diese Oase des Friedens zu erhalten, haben sich für eine friedliche Lösung des Krieges eingesetzt. Paolo Dall‘ Oglio und Jacques Mourad wurden beide vom sog. IS entführt. Von Paolo Dall‘ Oglio fehlt jedes Lebenszeichen, Jacques Mourad konnte vor wenigen Wochen mit Hilfe der islamischen Bevölkerung, die genauso wie alle anderen unter dem Terror des IS leiden, aus der Gefangenschaft fliehen. Sie bekennen in ihrem Leben, in ihrem Tun den einen Gott und haben den nötigen Mut dafür gefunden.

Ich kann keine genaue Antwort auf die Fragen Was heißt das überhaupt „bekennen“? Und wie sollen wir wirklich diesen Mut finden? geben, aber ich kann heute am evangelischen Reformationstag in nur in wenigen Worten diese Geschichte der beiden katholischen Pater in Syrien erzählen. Von ihrem Mut und ihrem Bekenntnis.

Wie klein erscheint da die Frage, ob wir ihm heute seinen großen Auftritt gönnen oder nicht (Kürbis hochhalten).


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