Verfasst von: achterosten | 25. Oktober 2015

Vor aller Moral – Predigt zu Matthäus 5, 38-48

Predigt zu Matthäus 5, 38-48 (XXI. So. n. Tr.)

Liebe Gemeinde, jetzt schließt sich langsam der Pfad. Die Herbststürme wühlen das Mittelmeer auf. Frost, Schnee und Eis legen sich auf den Balkan und versperren den Weg. Wer sich jetzt auf die Flucht begibt, nimmt ein noch höheres Risiko für Gesundheit und Leben in Kauf als eh schon mit diesen Wegen verbunden ist. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat, für den heißt es weitere Monate ausharren in Krieg und Elend oder in überfüllten Auffanglagern. Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Wochen weniger Menschen zu uns kommen als in den Monaten des Sommers. Auch wenn die Bilder aus Kroatien und Slowenien momentan vor Augen stehen. Bis zum nächsten Frühjahr und Sommer, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder viele Menschen ihr ureigenes Recht als Mensch in Anspruch nehmen werden: Nicht dort zu bleiben, wo sie in Krieg, Verfolgung und Elend leben.

Es ist an der Zeit uns bis dahin für uns klar zu werden, was das für uns hier in Deutschland bedeuten wird. Für unsr Christinnen und Christen ist es an der Zeit, uns klar zu werden, was unser Glaube eigentlich zu uns in dieser Situation zu sagen hat. Ich will heute mit ihnen im Rahmen des diesjährigen Diakoniegottesdienstes die Zeit für ein paar Gedankenanstöße nutzen.

Zu Beginn kann ich Sie dabei auch ein bisschen beruhigen: Sie werden nicht von mir den nächsten moralischen Appell hören, dass wir uns um Flüchtlinge zu kümmern haben. Gerne auch mit dem etwas kurz gesprungenen Hinweis darauf, dass Jesus angeblich auch Flüchtling war. Dass uns diese Geschichte nämlich in der Bibel erzählt wird, hat weniger mit dem Aufruf zur Flüchtlingshilfe zu tun, sondern vielmehr damit, dass damit theologisch zu der Bedeutung von Jesus etwas gesagt werden soll. Aber das nur am Rande.

Auch der Hinweis, man könne die biblischen Texte, die zum Schutz des Fremden aufrufen, ein zu ein als Beleg für diesen moralischen Appell heranzuziehen, ist leider nur die halbe Wahrheit. Denn was in der Bibel unter dem „Fremden“ verstanden wird, hat nur wenig mit den Menschen heute zu tun, die aus anderen Ländern, anderen Regionen der Welt stammen und bei uns leben, zu uns kommen

Dass sie mich nicht falsch verstehen: Dass Menschen das Recht haben, in unserem Lande Zuflucht zu finden, dass wir verpflichtet sind, ihnen zu helfen, steht für mich absolut nicht in Frage. Auch dass wir in keinster Weise unsere „Heimat“ gegen die „Fremden“ verteidigen müssen, ist mehr als klar. Gerade für uns hier im Ruhrgebiet, die wir fast alle aus Familien mit Wanderungs- und Fluchtgeschichten stammen. Darum aber soll es mir heute angesichts des Textes aus dem Matthäusevangelium, den wir  gehört haben, gar nicht gehen. Denn diese Position entspringt einer allgemeinen bürgerlichen Moral der humanitären Grundhaltung. Diese findet vielleicht einen Teil ihrer historischen Wurzeln in der christlichen Kultur, aber genuin christlich ist sie nun wiederum auch nicht. Muss sie auch gar nicht. Wichtig ist zunächst, dass den Menschen in der akuten Not geholfen wird. Aus welchen Gründen ist da doch erst einmal zweitrangig.

Aber vor uns steht eine viel größere Aufgabe, eine viel größere Herausforderung: Die Veränderung unserer Gesellschaft. Es kann und wird nicht sein, dass alles bleibt wie es ist. Unsere Gesellschaft in einem der wenigen reichen Länder dieser Welt wird sich verändern. Da brauchen wir gar nicht mehr das Wort „müssen“ ergänzen. Sie wird es einfach und es ist auch höchste Zeit dafür. Und das hat nicht nur mit den Menschen zu tun, die zu uns kommen, sondern mit ganz vielen anderen Faktoren. Ich nenne nur den Klimawandel, soziales Ungleichgewicht, Verschwendung von Ressourcen etc. Wir stehen am Scheideweg. Da ist es doch höchste Zeit, dass wir Christinnen und Christen der Frage nachgehen, wie das Wort Gottes, der Glaube sich dazu verhält. Und das, wie bereits gesagt, nicht in allzu vorschnellen moralischen Appellen, die alle so vernünftig klingen, die am Ende aber wenig an unserem Verhalten ändern. Das entscheidende geschieht doch vor aller Moral, das entscheidende geschieht doch in unserem Herzen. Das entscheidende ist doch der Grund,, unser persönliches Fundament, mit dem wir auf die Welt schauen.

Lassen sie uns angesichts dessen noch einmal auf diese radikalen Worte aus dem Matthäusevangelium hören: „Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Das, was hier gesagt wird, ist an Radikalität nicht zu überbieten. Nicht umsonst hat man immer wieder versucht, es abzuschwächen mit allen möglichen theologischen Tricks. Da ging es dann auf einmal angeblich nur um die persönlichen Feinde, nicht aber um die Feinde von außen in Kriegsfall etc. Oder der Text wurde gleich als ganz realitätsfern abgestempelt oder als Vision für eine zukünftige Welt verstanden, die jetzt aber noch nicht da ist. Und das kommt ja wohl auch dem nahe, was wir so denken, wenn wir diesen Text hören. Aber wenn er gar nicht zuerst darauf abzielt uns zu so einem Verhalten aufzurufen, sondern eher eine Beschreibung dafür ist, was mit einem Menschen passiert ist, der sich so verhält? Wenn wir diesen Text erst einmal als Beschreibung hören, nichtdenn als Appell? Was müsste mit einem Menschen passiert sein, der sich so verhält?

Das Geheimnis liegt im letzten Satz: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Der Mensch, der uns hier vor Augen gestellt wird, ist schier überwältigt worden von Gott. Der Mensch, der uns hier vor Augen gestellt wird, ist kein moralisches Vorbild, sondern er hat die unbedingte, voraussetzungslose Liebe Gottes erfahren. Sie ist ihm ohne Abstriche geschenkt worden und in seinem Herzen verankert. Sie oder er hat die alles überstrahlende Erkenntnis, von Gott ohne Abstriche, ohne Wenn und Aber geliebt zu sein. Das Geschenk des unbedingten Angenommenseins. Eine solche Frau, ein solcher Mann wird hier durch die Worte Jesu beschrieben. In ihr, in ihm steht uns der Kern des Christentums vor Augen. Nicht Moral, nicht Weltverbesserung ist der Kern unseres Glaubens, sondern das Geschenk der Liebe Gottes. Das ist der Ausgangspunkt, das Fundament von dem alles weitere dann ausgeht. Das ist der Ausgangspunkt diakonischen Handelns, dass sich als solches versteht. Denn die Liebe kann nie bei sich selber bleiben, eine solch überwältigende Liebe, sie kann nicht ohne Antwort bleiben. Sie will mit Liebe antworten. Sie fließt über, sie strahlt aus. Sie befreit von dem Kampf um sich selber, das Kämpfen, sich selber liebenswert machen zu müssen.  Sie schenkt die Fähigkeiten, eine Ethik, ein Verhalten zu entwickeln, wie die, von der wir im Bibeltext gehört haben.

Und sie ist der entscheidende Punkt, bei der Frage, wo stehen wir als Christinnen, Christen angesichts der kommenden grundlegenden Veränderungen? Sie ist der entscheidende Punkt allen diakonischen Handelns. Nicht eine bürgerliche-humanitäre Moral. Was nicht als Bewertung dieser zu verstehen ist, überhaupt nicht. Aber wenn wir uns als Menschen des christlichen Glaubens verstehen, dann kann sie nicht Grundlage unseres Denkens und Handelns sein, Grundlage kann dann nur die Liebe Gottes zu uns Menschen sein. Und dann kommen wir um eine gewisse Radikalität auch nicht herum. Das kann man nicht klein reden oder irgendwie in weichere Worte und Bilder packen. Ich jedenfalls kann das nicht, in kann es nur in aller Schroffheit, wie es auch die Bibel zeichnet, benennen.

Damit komme ich aber wieder zum Anfang zurück: Dies Geschenk der Liebe Gottes ist das Fundament auf dem wir stehen bei unserem Nachdenken. Es ersetzt aber nicht das Nachdenken. Dieses Fundament ist keine Sozialpolitik. Es ist nicht die Antwort auf die Frage nach einer Strategie im Kampf zur Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit in der Welt. Es ist keine Ideologie, kein politisches Programm. Sondern es ist die Grundlage, von der wir solches entwickeln können. Das schöne dabei: Wir können das ganz ohne ein Herz voller Angst. Denn Liebe, die uns geschenkt wird, überwindet die Angst. Auch die Angst vor den Fremden, dem Fremden.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: