Verfasst von: achterosten | 8. September 2015

Voller Dankbarkeit – Predigt zu Lukas 17, 11-19

Predigt Lk 17, 11-19 (06.IX.2015, XIV. So n Tr)

 

(Bild Schreibtisch verteilt)

„Ein geretteter Hauer wird von seiner Familie auf dem Zechengelände in Empfang genommen.“ So der lapidare Text, der neben dem Bild steht, welches sie nun in der Hand halten. Wo genau und wann das Bild entstanden ist, erfahren wir nicht. Die Kleidung der Menschen lässt auf die 20er oder 30er Jahre des letzten Jahrhunderts schließen. Ob es Zufall war oder der Fotograf wirklich ein Meister seines Faches, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es ihm nicht nur gelungen im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken, sondern dabei auch ein wunderbares Bild komponieren. In der Mitte der schwarze Mann. Seine Augen blicken auf die Frau vor ihm, vielleicht seine Ehefrau, vielleicht seine Mutter. Nicht Freude zeigt sich in seinem Gesicht, sondern nur abgrundtiefe Erschöpfung. Unten sieht man die Hand der Frau, die Adern treten hervor, so drückt sie sie. Ein Moment tiefster Intimität. Und rechts, fast hervorleuchtend zwischen all den dunklen, schwarzen Menschen, der Junge. Ob er sich die Augen reibt weil er weint oder die Sonne abschirmt, um besser den Vater oder Bruder zu sehen? Es ist nicht genau zu erkennen.

Seit vielen Jahren steht dieses Bild auf meinem Schreibtisch, mehrfach am Tag schaue ich ganz automatisch auf dieses Bild. Es ist mein täglicher Begleiter. Und dass dem so ist, dass liegt an diesem Jungen. Aus Dankbarkeit, dass ich nicht er bin. Dass mir in meinem Leben erspart blieb, einmal in der gleichen Situation gewesen zu sein wie er. Dass meinen Vater nie der Berg unter sich begrub. Um mich an dieses Glück zu erinnern, als Bild meiner Dankbarkeit, dass dem so ist, steht es auf meinem Schreibtisch. Und als Mahnung, was wirklich zählt im Leben, gerade an den Tagen wo Lappalien,  unwichtige Kleinigkeiten zu bedeutungsschweren Elefanten durch andere der mich selber aufgeblasen werden. Der Blick auf dieses Bild, die Erinnerung an die Dankbarkeit hilft dann sie zu dem werden zu lassen, was sie sind: Keine Elefanten, sondern Mäuse, eher sekundär.

Die Dankbarkeit ist bis heute bei jedem Blick auf dieses Bild geblieben. Von Dankbarkeit erzählt uns auch eine Geschichte aus dem Lukasevangelium:

„Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, daß er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!  Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, daß er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

Was die Geschichte mit meinem Bild (und der heutigen Taufe) zu tun hat? Lassen sie sich mitnehmen auf einen kleinen Gedankenspaziergang. Der erste Punkt der Bild und Geschichte verbindet, ist das Alltägliche, das Erwartbare. Die Geschichte erzählt uns nämlich bis zur ihrer Mitte eine völlig alltägliche Situation. Absolut nichts außergewöhnliches, sondern Alltag. Wir dürfen bei Aussatz halt nicht gleich an Lepra denken, und schon verliert die ganze Sache ein wenig ihre Besonderheit. Was die Bibel unter dem berühmten Wort „Aussatz“ versteht ist bis heute nicht ganz geklärt. Ob es sich dabei wirklich oder ausschließlich um Lepra handelt ist eher zu bezweifeln. Es könnte auch ein Sammelbegriff für eine Vielzahl entzündlicher Hautkrankheiten sein, zu denen auch die Akne gehört. Klar, für Jugendliche in der Pubertät kann auch das katastrophale Züge annehmen, mit zunehmendem Alter wird ein Pickel eher zu einem kleinen Ärgernis, mehr aber auch nicht. Auf jeden Fall aber ist fest zu halten, dass mit Aussatz nicht nur eine Krankheit gemeint ist, die einen für das gesamte Leben kennzeichnet, sondern eher für eine gewisse Zeit und die Aussicht auf Heilung auch nicht völlig ausgeschlossen war. Wer allerdings Aussatz hatte, also „aussätzige“ war, für den galten zur damaligen Zeit ganz bestimmte Regeln. Die wichtigste: Er oder sie hatte sich abzusondern von den anderen Menschen,  so wie uns in der Geschichte auch erzählt wird, wenn es da heißt „die standen von ferne“. Ob ein Mensch dann vom Aussatz geheilt war und damit wieder in seine normalen sozialen Bezüge zurückkehren konnte, diese Entscheidung trafen die Priester. Etwas flapsig gesagt, sie waren so eine Art antik-jüdisches „Gesundheitsamt“. Fand der Priester keine Anzeichen mehr von Aussatz, war die Betroffene, der Betroffen wieder für gesellschaftsfähig erklärt. Der Aufruf Jesu, sich den Priestern zu zeigen, also auch der ist nichts mehr als Alltag. Sozusagen ein Hinweis auf das korrekte formale Verfahren. Und die Vermutung liegt doch nahe, dass es von den zehn aus der Geschichte neun genau so erlebt haben. Als ein freudiges, vielleicht unerwartet schnelles, aber im Endeffekt alltägliches Verfahren, Erlebnis. Nichts außergewöhnliches, trotz all der Freude über die Rückkehr in das gewohnte Leben. Ich will nicht zu viel spekulieren, aber vielleicht für einige von ihnen vielleicht auch nicht das erste Mal, dass sie das so erlebt haben. Ein kurzer Moment der Dankbarkeit, der Freude, dann aber wieder ganz schnell zurück zur Familie, in die gewohnte Umgebung. Auch nichts was man unter moralischen Vorzeichen zu verstehen hat, von wegen Undankbarkeit und so etwas. Für neun also ein gewohntes Ereignis, schön, aber nicht so außergewöhnlich. Nur der eine, für den ist etwas Besonderes, er hat es als etwas völlig Unerwartetes, ja als Wunder erlebt. Und genau hier ist der Berührungspunkt zwischen dem Bild, das sie vor sich haben und der Geschichte. Denn natürlich war es völliger Alltag trotz aller noch bestehenden Gefahren, dass Bergmänner in den 80er und 90er Jahre von größeren Unfällen verschont geblieben sind. Starben bei größeren Unglücken im Ruhrbergbau zwischen 45 und 60 knapp 550, waren es im gleichen Zeitraum zwischen 1977 und 1992 29. Es war also, so kann man es sehen, nichts Besonderes, es war Alltag, dass ich nicht das Schicksal dieses Jungen oder ein noch schlimmeres teilen musste. Ein kurzer Moment der Dankbarkeit, vielleicht. Für mich ist es halt mehr, ein Dankbarkeit die sich hält, trotz der statistischen und gelebten Alltäglichkeit.

Und hieraus entwickelt sich dann der zweite Verbindungspunkt zwischen Bild und Geschichte: Wohin mit all der Dankbarkeit, die man in seinem Herzen trägt? Der Zehnte, der Samariter, der so voller Dankbarkeit ist, wohin soll er mit seiner Dankbarkeit? Ich mit meinem Blick voll Dank auf dieses Bild, wohin soll ich mit meiner Dankbarkeit? Wem sollen wir danken? Natürlich gibt es gute Erklärungen, warum der Aussatz verschwunden ist, Bergleute von Unglücken verschont wurden. Keine Frage, aber in einem da ist dieses Gefühl der überwältigen Dankbarkeit, die über diese Erklärungen hinausgehen. Wer ist der Adressat dieser Dankbarkeit? Wem will ich dafür danken? Der Samariter hat seine Antwort gefunden, er läuft zurück zu dem, der ihm eigentlich nur einen alltäglichen Hinweis gegeben hat. Er sieht in ihm den, den er als sein Gegenüber für seinen Dank erkannt hat: Gott. Ihm gilt sein Dank für ein alltägliches Ereignis, dass er als Wunder erlebt.

Liebe Gemeinde, wenn wir einen erwachsenen Menschen taufen, wenn eine und einer aufgrund seines Alters selber ja sagt zu den Verheißungen, die in der Taufe zum Ausdruck kommen, dann ist dieser Mensch den Weg des Samariters gegangen. Dann hat sie, dann hat er das Alltägliche, dass Erklärbare als etwas viel Größeres, als Wunder erlebt. Und hat wie der Samariter ein Gegenüber für seinen Dank erkannt, erlebt und geht zu ihm. In aller Freiheit, in aller Dankbarkeit. Und erhält durch die Taufe das unauslöschliche Zeichen der Zusage Gottes: „Geh nun hin, lebe dein Leben. Dein Glaube hat dir geholfen.“


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