Verfasst von: achterosten | 26. Oktober 2014

Ein freier Tag – Predigt zu Exodus 20, 8-11

Predigt zu Ex 20, 8-11 (XIX. So.n.Tr., 26.X.2014)

 

(„Sonntags in der kleinen Stadt – von Franz-Josef-Degenhardt“)

Liebe Gemeinde, eine wunderbare Beschreibung aus der westdeutschen Nachkriegszeit, so der 50er und 60er Jahre, die vor Augen führt, was passiert, wenn bürgerliche und kleinbürgerliche Moral sich der großen Geschenke unseres Glaubens bemächtigten, sie überformen und letztlich zu einer grotesken und aberwitzigen Perversion hat verkommen lassen. Und da gibt es auch keine Sicherheit, dass die Zeiten zum Glück lange vorbei sind, denn nicht nur in der Mode und der Wohnungseinrichtung ist unter der Überschrift „Vintagestyl“ eine Rückkehr dieser Zeit zu beobachten, sondern da wird auch gleich die Denke, die Moral dieser Zeit auf all den Trödelmärkten mitgekauft und bei Ebay mitersteigert. Es wird wieder ganz schön gemütlich in Deutschland, während um uns herum die Welt in Scherben geht. Aber nicht das soll das Thema sein, sondern diese wunderbar, vielleicht sogar das größte Geschenk des jüdischen Volkes, unseres Glaubens an die Welt und die Menschen, das Vierte Gebot:

„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“

 

Liebe Gemeinde, befreit von allem Mief, allem Staub der über einem Deutschen Sonntag a la Degenhardt liegt, kann ich als Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts nur sagen: Erst mit diesem Gebot wird der Mensch zum Menschen. Erst mit diesem Gebot werden wir aus dem elenden Kreislauf von Nützlichkeit, von Bewertung befreit. Denn wie ein Mehltau, wie ein schleichendes Gift hat sich die Ökonomisierung, die Frage nach der Nützlichkeit in alle Bereiche unseres Lebens eingeschlichen. Bin ich nützlich? Was nützt es mir? Das sind die Leitfragen unseres Lebens. Und das gilt auch schon lange für die Arbeit und das Leben in unseren Kirchen, auch da sollten wir uns keinen Illusionen hingeben. Egal ob das unser tägliches Berufsleben ist, die Gestaltung unserer Freizeit, unseres Urlaubes, ja selbst unsere Liebesbeziehungen und Freundschaften führen wir unter dem Diktat der Nützlichkeit, unserem Funktionieren unterworfen. Wir haben uns ganz unserer Nützlichkeit hinzugeben, zu arbeiten, zu konsumieren, das möglichst lange und dann, wenn es nicht mehr geht, sozialverträglich, sprich schnell und billig, aus dieser Welt abzutreten. Da diese Zustandsbeschreibung unseres Lebens aber viel zu plump wäre wird das Ganze noch überhöht und quasi religiös gefüllt. Nein, wir machen alle keinen Job, wir gehen ja noch nicht mal zur Arbeit, sondern wir haben einen Beruf. Wir sorgen damit nicht nur dafür, dass die Butter im Kühlschrank ist und wir im Winter nicht frieren müssen, was ja, wenn ich es mal ungeschönt betrachte, der primäre Sinn unserer Arbeit ist. Und bei einem Beruf, da haben wir nicht nur fünf oder sechs Tage acht bis zehn Stunden unserer wertvollen Zeit zur Verfügung zu stellen, da müssen wir uns mit Haut und Haaren, unserem ganzen Leben verkaufen. Da gilt 24-7-52, 24 Stunden, sieben Tage, 52 Wochen. Und wenn wir den letzten miesen Posten haben, sollen wir dafür brennen, mit all unserer Liebe und vor allem mit all unserer Kraft. Urlaub, Freizeit, die wunderschönen Dinge des Lebens, sie gelten der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Und nebenbei noch die Kinder großziehen, dass auch die zu einem nützlichen Hamster für das Rad werden. Und damit über allem dann doch noch das Deckmäntelchen der Gemütlichkeit, des Sozialen sich legt, machen wir nebenbei noch drei, vier Ehrenämter, weil ja auch das nützlich ist für die Gesellschaft und mir selber auch etwas nützt, besonders um mich gut zu fühlen.

Der Mensch beraubt jeglicher Würde, unterworfen dem Diktat des Nutzen – ich muss es heute vielleicht mal so drastisch darstellen, gerade weil es doch auch gerade das ist, woran so viele leiden. Die, die Nutzen bringen,  leiden daran, dass sie nur noch unter der Überschrift ihres Nutzens gesehen werden. Die, die keinen Nutzen mehr bringen, leiden darunter das sie  aussortiert sind und aus einem Pflichtgefühl, und unter Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch mal was nützen, ein wenig betreut werden. Das ist der Wahnsinn einer Welt ohne das Vierte Gebot!

Liebe Gemeinde, das Vierte Gebot durchbricht diesen Wahnsinn, einen Tag in der Woche. Ein Tag befreit vom Diktat der Nützlichkeit, denn dieser Tag ist völlig nutzlos, er verfolgt keinen Zweck, er ist der Tag der Freiheit des Menschen einfach zu leben vor und mit seinem Schöpfer. Einfach zu leben, so wie es seiner Würde, seiner Bestimmung entspricht. Unsere Würde, unsere Bestimmung liegt nicht darin nützlich zu sein, sondern zu leben. Und gerade daher ist es ein Tag der höchsten Freude und nicht miefiger pervertierter bürgerlicher Moral, von der uns Franz-Josef Degenhardt singt. Ein Tag der Freiheit, der Freude, der Lust, ein so schöner Tag. Nur wenn wir das erfahren, begreifen und verinnerlichen, dann können wir auch diesen Tag davor retten, dass auch er nicht noch dem Diktat der Nützlichkeit unterliegt.

Und da hilft uns ein Blick auf das Volk, was uns im Glauben und der Tradition vorangegangen ist und vorangeht: In der jüdischen Tradition tritt der Gedanke der Freude über dieses Geschenk, der Lust an diesem Tag viel stärker hervor, als in unserem protestantischen pflichtschuldigen Kirchgang. Nicht umsonst heißt der Tag des Vierten Gebotes, des Gebotes des Feiertages, im Judentum „die Braut Schabbat“. Wie an einem geliebten Bräutigam, an einer geliebten Braut kann man sich an diesen Tag erfreuen, ihn begrüßen, ihn mit allen Sinnen genießen. Zwei kurze Beispiel, wo das zu erleben ist: Am Ende des Schabbats reicht man in der jüdischen Familie einen Büchse herum, gefüllt mir wohlriechenden Kräutern. Sie sollen an den Wohlgeruch des Feiertages erinnern und damit Kraft geben für die nächsten sechs Tage die vor einem liegt. Und dann ist da noch der Hinweis, dass der Sabbat ein guter Tag ist, um Sex zu haben. Sex wird sogar ganz explizit zu den Freuden des wöchentlichen Feiertages gezählt. Ein Tag der Freude, ein Tag der Lust. Der Lust am Leben, am Leben vor und mit Gott. Das ist doch die Überschrift unter der wir diesen Tag, unseren Sonntag sehen können, wenn wir ein Leben in Freiheit führen wollen: Unser Sonntag, der steht ja nicht nur unter der Überschrift des Vierten Gebotes, sondern auch in der wöchentlichen Erinnerungen an die Auferstehung Jesu Christ, den Sieg des Lebens über den Tod. Heute ist kein „Deutscher Sonntag“, kein Tag der Langeweile, der zwanghaften Unterbrechung, heute ist ihr Sonntag. Und genau, das wünsche ich Ihnen jetzt: ein Tag in Freiheit, ein Tag der Freude, ein Tag der Lust am Leben. Welch eine Liebe Gottes zu den Menschen, das er uns diese schenkt und jetzt viel Spaß damit.


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