Verfasst von: achterosten | 4. August 2014

Der Name – Das Dritte Gebot (Predigt zu Exodus 20, 7)

Predigt zu Ex 20, 7 (03.VIII.2014, VII. Sonntag nach Trinitatis)

 

Liebe Gemeinde, es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Der König sprach zum Müller „das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie Morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.“ Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach „jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rath: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfieng. Da gieng auf einmal die Thüre auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach „guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ „Ach,“ antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe das nicht.“ Sprach das Männchen „was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ „Mein Halsband“ sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so giengs fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenaufgang kam schon der König und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Noch zwei weitere Nächte musste die Müllerstochter Stroh zu Gold spinnen und jedes Mal half ihr das Männlein, in der dritten Nacht aber hatte die Müllerstochter nichts mehr, was sie im geben konnte:

„So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Sie versprach also dem Männchen was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles fand wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach „nun gib mir was du versprochen hast.“ Die Königin erschrack und bot dem Männchen alle Reichthümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach „nein, etwas lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fieng die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fieng sie an mit Caspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein „so heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag sagte sie dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor, „heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“ aber es antwortete immer „so heiß ich nicht.“ Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte „neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie

 

 

„heute back ich, morgen brau ich,

übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;

ach, wie gut ist daß niemand weiß

daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

 

Da könnt ihr denken wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein herein trat und fragte „nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst „heißest du Kunz?“ „Nein.“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wuth den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.

 

Liebe Gemeinde, sie werden es erkannt haben, das Märchen vom Rumpelstilzchen, vom kleinen Männchen, das versucht seinen Namen nicht preiszugeben, ihn geheim zu halten, namenlos, anonym zu bleiben. Warum aber ist dem Rumpelstilzchen das so wichtig? Er hätte der Königin doch auch eine andere schwierige, vielleicht sogar noch schwerer zu lösende Aufgabe stellen können: „Welche Socke ziehe ich immer als erstes an, die recht oder die linke? Was ist meine Lieblingsfarbe?“ Warum also der Name?

Unser Name macht uns erkennbar, ja unverwechselbar. Wenn er irgendwo erklingt, geschrieben steht, dann fühlen wir uns angesprochen. Unser Name gehört zu uns. Das Wissen um den Namen, das Kennen des Namen gibt uns Macht. Wenn ich weiß, wie jemand heißt, dann ist er für mich erkennbar. Und wann wenn nicht in unseren Zeiten wird uns das deutlich vor Augen geführt, wie viel der Name mir an Informationen und Wissen über einen Menschen liefern kann. Sagen sie mir ihren Namen und dank Google bekomme ich ihre Adresse, ihren Arbeitsplatz heraus. Vielleicht weiß ich dann sogar wie sie in Badehose am Strand von Mallorca aussehen oder bei Omas Goldener Hochzeit zu fortgeschrittener Stunde auf dem Tisch tanzten. Und bei der nötigen kriminellen Energie kann ich da noch ganz andere Sachen machen mit ihrem Namen. Dem Internet sei dank. Und wer klug ist, die oder der nimmt sich mittlerweile Rumpelstilzchen zum Vorbild und bleibt möglichst namenlos beim täglichen Surfen. Denn wer meinen Namen kennt, der hat Macht über mich. Jemanden meinen Namen zu nennen, das setzt immer mehr Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, dass der andere es mit mir gut meint. Mein Vertrauen nicht missbraucht, indem er meinen Namen missbraucht.

Die höchste Stufe des gegenseitigen Vertrauens ist es dann, wenn ich jemanden erlaube, ihn bitte, in meinem Namen zu handeln. Welch ein hohes Maß an Vertrauen ist nötig, um so etwas einem anderen Menschen zuzugestehen: „Handel du in meinem Namen, ich vertraue dir, dass du das tun wirst, was gut für mich sein wird. Ich vertraue darauf, dass du das tun wirst, was mich, meine Person, meine Wünsche achtet.“ Und welch eine Verantwortung für die, der das gesagt wird, welch einen verletztlichen Schatz bekommt sie da überreicht. Das ist, dass sei dann doch am Rande erwähnt, in meinen Augen, eine der wenigen wirklich guten Begründungen für die Ehe, egal ob hetero- oder homosexuell: Die Ehe als Institution, in der dieser Vorgang des tiefen Vertrauen von Recht und Gesellschaft akzeptiert und vor Übergriffen jeglicher Art geschützt wird. Das aber nur am Rande.

Liebe Gemeinde, in meiner Predigtreihe zu den zehn Geboten will ich  aus diesem Blickwinkel, aus dieser Perspektive des Vertrauen das Dritte Gebot, das heute an der Reihe ist, lesen und verstehen: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“

Dieses Gebot erscheint mir wie eine Erinnerung an die vielen Geschichten der Bibel, in der das erzählt wird, was ich zu dem Verhältnis von Namen, Macht und Vertrauen gesagt habe: Gott nennt den Menschen nicht nur seinen Namen und gibt ihn damit preis, sondern er sagt zu den Menschen: „Handelt in meinem Namen, an meiner Stelle. Ich schenke euch das Vertrauen, das ihr das tun werdet, was gut für diese Welt ist.“ Und das ist doch ein ungeheurer Vorgang, der ist so ungeheuerlich, das andere Autoren der Bibel, auch versuchen, ihm ein wenig seine Radikalität zu nehmen. Denn was ist damit denn gesagt? Gott gibt seine Macht ab, gibt sein Werk in die Hände der Menschen. Er vertraut dem Menschen, vielleicht muss man sogar sagen, wider besseren Wissens. Er vertraut den Menschen seinen Namen an, ruft uns auf, in seinem Namen zu handeln.   Das dritte Gebot ist eine Erinnerung an dieses Vertrauen Gottes zu uns Menschen. So wie wir den Menschen um uns her begegnen, so begegnen sie Gott, um das mal so ganz zugespitzt zu sagen! Welch ein großes, aber auch welch ein gefährliches Zeichen des Vertrauens, das in unsere Hände gelegt wird. Denn was machen wir daraus? Wir können „Gott mit uns“ auf unsere Koppelschlösser schreiben, wie vor hundert Jahren, Elend, Tod und Leid über diese Welt bringen und die Menschen an Gott so verzweifeln lassen. Oder wir können den anderen, den täglichen Kampf führen: Den, uns den Menschen zuzuwenden, ihnen mit offenen Händen zu begegnen und so die Hoffnung wachsen zu lassen, das es Gott gut mit uns meint, das es ein gutes Ziel für die Welt gib. Die beiden Wegen liegen idealtypisch gedacht vor uns, denn Gott hat uns seinen Namen anvertraut, zum Guten wie zum Schlechten. Wir können damit Elend und Tod über die Welt bringen, denn kaum ein Krieg ist grausamer, als der, der sich Gott auf die Fahnen schreibt. Wir können aber auch Leben und Frieden säen, denn kaum eine Hilfe ist zärtlicher, freier, als die, die in sich den Glauben trägt und im Namen Gottes geschieht.

 


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