Verfasst von: achterosten | 22. Juni 2014

Götzenstatuen und anderes – Predigt zu Exodus 20, 4-6

Predigt zu Ex 20, 4-6 (I. Sonntag nach Trinitatis, 22.VI.2014)

 

Liebe Gemeinde, das Zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“

 

Liebe Gemeinde, was sollen wir heute mit diesem Gebot anfangen? Als es damals niedergeschrieben wurde hatte es eine ganz bestimmte Situation vor Augen: Die Menschen aus dem Volk Israel sollten sich keine Götterstatuen bauen. Weder von irgendwelchen Göttern, die von anderen Völkern verehrt wurden, noch von dem einem Gott, der sie aus der Knechtschaft geführt hat. Denn genau das ist mit den Wörtern „Gleichnis“ und „Bildnis“ gemeint. Keine allgemeines Bilderverbot, sondern wirklich ganz konkret das Verbot von Götterstatuen oder anderen Gegenständen, die als Sitz eines Gottes angebetet wurden. Daraus ein Verbot jeglicher bildlicher Darstellung abzuleiten, geht an diesem konkreten Bezug vorbei. Auch der immer wieder durchgeführte Versuch, meist mit erhobenen Zeigefinger, man solle sich kein allzu genaues Bild von der Welt machen, ist vielleicht eine guter allgemeiner Lebensratschlag. Auf das Zweite Gebot aber kann er sich dabei nicht berufen.

Es bleibt also dabei, die Forderung des Zweiten Gebotes ist der Verzicht auf jede Form von Götterstatue oder ähnlichem.  Jetzt ist es aber so, das behaupte ich mal ganz ungeschützt, dass sich die wenigsten von uns und von unseren Nachbarn heute in ihrem Hobbykeller an die Töpferscheibe setzen und sich dort eine Statue oder ähnliches basteln, im Wohnzimmer aufstellen und diese nun zum Haus- und Familiengott erklären. Die dann auch noch sozusagen nicht nur als Symbol dort steht, sondern wirklich in dieser Figur anwesend ist, in welcher Form auch immer. Dafür haben dann doch 2000 Jahre Christentum, die Aufklärung und all die ganzen anderen geistesgeschichtlichen Entwicklungen gesorgt, dass so etwas eher nicht zu erwarten ist.

Und nun? Dann können wir doch ein Haken an das Gebot machen und es aus unserer Liste streichen. Aufgabe erfüllt und da waren es dann nur noch neun Gebote. Das kommt auch jeder Konfirmandin, jedem Konfirmanden entgegen, ist doch gleich ein wenig weniger zu lernen. Grundsätzlich kann ich diesem Gedanken zustimmen. Es gibt nun mal Texte der Bibel, die so in ihrem historischen Kontext verankert sind, so auf eine ganz spezielle Situation bezogen sind, dass wir nur zwei Möglichkeiten haben, mit ihnen heute umzugehen: Wir tun ihnen Gewalt an und verbiegen sie so, das wir ihnen ein Thema, eine Botschaft zuordnen, die etwas mit uns heute zu tun hat, aber leider so gar nichts mit dem Text. Strikt nach dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Beim Zweiten Gebot gerne der Versuch, dass wir uns kein festes Bild von Gott machen sollen, ihn nicht festlegen sollen oder noch besser, gar kein Bild von ihm / ihr machen. Das ist ja schon angesichts von 2000 Jahren europäischer Kunstgeschichte und der psychologischen Verfasstheit des Menschen ziemlicher Schmarrn. Mal ganz zu schweigen von der eigentlichen Zielrichtung des Textes des Zweiten Gebotes. Der malt uns ja gleich in seinem zweiten Teil in den glühendsten Farben ein Bild Gottes: Das eines völlig entbrannten, sich verzehrenden Liebhabers.

Die zweite Möglichkeit: Wir nehmen den Text so wie er ist, lassen ihn so stehen, gerade auch so fremd wie er uns ist. Und gerade in dieser Fremdheit, wo wir uns fragen: „Was soll das Ganze jetzt? Das ist eine Antwort auf eine Frage, die ich gar nicht habe.“ Wir können aber  doch den Text als Anstoß zum Nachdenken, sozusagen als Startplattform nehmen, auch gerne für ein bisschen Gedankenspiele. Das wär doch schon mal was.

Genau das will ich mit dem Zweiten Gebot tun: Die Frage stellen: Was steht noch hinter der Aussage des Zweiten Gebotes? Wenn ein Mensch sich damals eine solche Figur gemacht oder erworben hat und sie angebetet hat, dann kann ich doch mit Fug und Recht davon ausgehen, dass sie für ihn ja „heilig“ war. Und das sagt mir dann schon mehr. „Heilig“ ist zwar  nicht gerade ein Begriff unserer alltäglichen Sprache, aber wir verbinden damit etwas. Spätestens wenn das Entsetzen über unsere Zeit, in der es ja angebliche es keine verlässlichen Werte mehr gibt, wenn das dann gipfelt in dem Ausruf „Denen ist ja auch gar nichts heilig.“ „Heilig“ soll etwas über den Wert von etwas aussagen, etwas mit einer besonderen Aura ausstatten. Der Aura des Unangreifbaren, versehen mit einer überweltlichen, dauerhaften Autorität. Getrennt von dem Profanen, dem Alltäglichen.

Wer sich dem Heiligen nähert, tut das nur in der berühmten Mischung von Angst und Faszination, dem inneren Erschauern. Es soll ja Menschen geben, denen geht es zur Zeit beim Absingen der Nationalhymnen während der Weltmeisterschaft so.

Das „Heilige“, es ist aufgrund seiner besonderen Autorität auch letztlich nicht angreifbar, nicht verhandelbar. Und, man muss sich den Zugang zum „Heiligen“ verdienen. Durch bestimmte Übungen, Haltungen. Da wo es „heilig“ ist, da darf nicht einfach jeder hin, denn das würde ja das „Heilige“ entwerten. Wenn sie den heiligen Rasen betreten wollen, müssen sie schon Ronaldo, Müller oder Van Gaal heißen.

Für Christinnen und Christen war das „Heilige“ immer besonders mit Gott verbunden, ein Ort und Gegenstand, aber auch eine Meinung, eine Haltung. Was kann das besser darstellen, als die sogenannten Chorschranken in manchen alten Kirchen, kleine Steinmauern und Holzzäune, die den Altarraum vom restlichen Kirchenraum, das Heilige mit den Priestern vom gemeinen Gottesdienstpublikum trennt. Jenseits, im Heiligen, das Fachpersonal, das weiß, wie man sich dort zu verhalten hat, das einen besonderen Stand hat. Das weiß, wie der Hase zu laufen hat. Diesseits das Profane, die Unwissenden oder Halbwissenden, die dem heiligen Schauspiel dort oben zuschauen dürfen.

Und dieses ganze Konstrukt des Heiligen, es hat nicht nur den Gottesdienst im Blick, sondern das ganze Leben der Menschen. Da wird dann von „heiligen Ordnungen“ gesprochen, denen man zu folgen hat, will man ein gottgefälliges Leben führen. Und weil es heilige Ordnungen sind, sind sie auch nicht verhandelbar.

Liebe Gemeinde, passt das noch mit dem zweiten Gebot zusammen? Werden hier dann doch nicht auf einmal menschlichen Handlungen, Ordnungen, moralische Vorstellungen zu „Heiligen“ erklärt? Sie können jetzt, und das mit Recht, einwenden: „Wer spricht denn heute noch von heiligen Ordnungen.“ Das stimmt, aber ersetzten sie Gott als Begründung einer Ordnungen. Nehmen sie von mir aus die Natur, die Nation, das Volk oder auch nur das das diffuse Gefühl, dass es so richtig ist, wie es ist. Oder der berühmt-berüchtigte Sachzwang, das Wirtschaftliche. Das Ergebnis ist das Selbe. So wie Dinge dann sind, werden sie als nicht verhandelbar bezeichnet und auch hier werden Chorschranken errichtet. In Köpfen und in der Realität. Und so wie im Religiösen haben wir auch hier das gleiche Endergebnis: Unfreiheit. Unfreiheit des Denken und Tuns.

Das alles, was ich ihnen hier erzähle, ist jetzt eigentlich nichts wirklich Neues, sondern ein alter Hut: Es ist eine der Grundideen unserer evangelischen Art und Weise den christlichen Glauben zu leben und zu verstehen. Denn unsere Mütter und Väter im Glauben haben die Chorschranken niedergerissen, haben alles „entheiligt“, haben Ordnungen, Meinungen, Moral befreit von der angeblichen Heiligkeit. Denn heilig ist nur Gott allein. Keine menschliche Vorstellung, keine menschlichen Handlungen, Fühlen und Denken! Nur er ist heilig, so haben unsere Mütter und Väter im Glauben erkannt. Und so ist der Same des Zweiten Gebotes aufgegangen zu jener schönen, zarten Pflanze Freiheit. Denn wenn nur Gott heilig ist und alles Menschliche gerade nicht, dann heißt das doch auch, dass es gerade nicht unumstößlich ist, sondern das wir immer wieder die Freiheit haben und dazu aufgerufen sind, gemeinsam zu schauen, was die Ordnungen sind die heute für unser Leben gelten sollen. Wie wir heute gemeinsam leben wollen. Und das in aller Freiheit. Keine Frage ist da zu doof, kein Gedanke zu gewagt. Wer sagt denn dann noch, dass alles so bleiben muss, wie es ist.

Es ändert sich was und wir können uns in aller Freiheit daran beteiligen, das Neue zu gestalten. Können alles Prüfen, das Altvertraute, neue Ideen, alte Ideen, die auf einmal völlig neu klingen. Heilig, unumstößlich, unausweichlich ist nichts davon.

Liebe Gemeinde, ein weiter Weg von einem Gebot, das uns verbietet uns Götzenbilder bzw. Gottesbilder zu basteln hin zu der schönsten, verletzlichsten  aller Pflanzen in Gottes Garten, der Freiheit der Menschen. Ein Weg, nicht leicht zu verfolgen, mit scharfen Abbiegungen, nicht gerade, eher verschlungen, das gebe ich unumwunden zu. Aber lohnend wenn wir am Ende dann vor dieser schönsten aller Pflanzen, die uns Gott geschenkt hat, stehen. Uns durchs Gedankendickicht geschlagen haben. Da steht sie vor uns, gewachsen aus dem Samen des Zweiten Gebotes, oft vergessen, absichtlich hinter einer Hecke versteckt. Genießen wir ihre Pracht und Schönheit, erzählen wir den Menschen davon, dass sie uns allen blüht, ihren Duft verströmt. Das sie sich aufmachen auf den verschlungenen Pfad, der zu ihr führt.

Und wenn ich so vor ihre stehe, dann ist das dieses kleine Gefühl der Dankbarkeit in mir. Dank gerichtet an den, der allein „heilig“ und unumstößlich ist.


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