Verfasst von: achterosten | 4. Mai 2014

Gebot der Freiheit – Predigt zu 2. Buch Mose (Exodus) 20, 1-3

Predigt zu Ex 20, 1-3 (Misericordias Domini, 04.V.2014)

 

Liebe Gemeinde, ab heute habe ich etwas mit ihnen vor, heute ist der Start, heute soll es losgehen: Zusammen mit heute werde ich mit ihnen einen kleinen Gang von zehn Stationen machen. Heute und die nächsten neun Sonntage wenn ich die Ehre und das Vergnügen haben, hier bei ihnen sein zu dürfen. Die Zehn Gebote will ich mit ihnen erkunden, genauer anschauen. Dabei den Staub des Vergessens wegblasen und die Verkrustung durch moralische Mißverständnisse wegschlagen. Warum das Ganze? Sollten wir die Zehn Gebote nicht besser lassen wo sie sind, in der Trophäenvitrine des christlichen Abendlandes? So schön neben Kreuz, Bibel und Lutherbild? Ab und zu führen wir noch unsere Kinder und Jugendlichen kurz vor der Konfirmation dran vorbei, damit sie ja „irgendwas haben fürs Leben“. Oder wir verweisen auf diese Trophäen wenn das christliche Abendland mal wieder gefährdet ist und kurz vor dem Untergang steht. Durch wen oder was auch immer: schlechtes Fernsehen, islamische Horden mit Zwangskopftuch, Menschen, die unter Sex mehr verstehen als Kinderkriegen, die Deutsche Bank, Herr Putin. Damit hat es sich dann aber auch. Und ich kann uns auch nur raten, sie dort zu lassen in ihrer Vitrine. Dort wo sie sind liegen sie doch gut, da sind wir vor ihnen sicher. Was könnte nicht alles passieren, wenn wir sie herausnehmen würden, abstauben und uns genauer angucken. Vielleicht würden auf einmal unsere Bilder von Gott und der Welt ins Wanken geraten. Und dabei war es doch schon schwer genug, zu wissen, wie das alles zu laufen hat in der Welt. Gerade in diesen unübersichtlichen und schnelllebigen Zeiten. Endlich halbwegs zu wissen, was gut und richtig ist. Wie der liebe Gott ist oder gerade nicht. Und was wir zu halten haben, von den Dingen dort im Vitrinenschrank. Aber es juckt mir ja schon in den Fingern. Ach, was solls, ich hol sie raus, die Zehn Gebote. Wenn es heikel wird, stell ich sie einfach zurück. Merkt eh keiner. So dann wollen wir uns das Ganze mal anschauen, eine Steintafel mit zwei Hälften, oben mit einem schönen Rundbogen verziert. Darauf die kurzen Sätze, die ich mit Mühe und Not mir noch aus dem Konfiunterricht in meinem Gedächtnis zusammensuchen kann. Wie war noch mal gleich die Reihenfolge: Das mit dem Ehebruch vor dem Begehren von Rind und Weib? Feiertag nach dem Töten? Na, egal, kann man ja notfalls nachlesen. Für Geschichten habe ich ein besseres Gedächtnis: Also, da gibt es die Geschichte von Moses und dem Auszug der Juden aus Ägypten. Weg von dort, wo sie in Knechtschaft und Unfreiheit gelebt haben. Und auf dem Weg in das Land, was ihnen Gott verheißen hat, kommen sie am Berg Sinai vorbei. Dort erhält Mose all die ganzen Gesetze und darunter auch das was wir landläufig als Zehn Gebote bezeichnen. So ungefähr, ganz kurz zusammengefasst, wird es in der Bibel erzählt. Und wie das so ist mit biblischen Erzählungen und Texten, so sind auch die Zehn Gebote über einen gewissen Zeitraum entstanden, wurden ergänzt und verändert, bis sie irgendwann die Form bekommen haben, wie wir sie heute kennen. So gibt es sie ja auch gleich zwei Mal in der Bibel, mit kleinen Unterschieden im Zweiten und im Fünften Buch Mose.

 

Soweit dazu, aber fangen wir an:  

„Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Ich habe es geahnt, ich hätte das Ganze mal schön in der Vitrine lassen sollen, denn jetzt geht der Ärger los. Denn es geht gar nicht damit los, was ich alles zu sollen habe. So wie wir das uns landläufig vorstellen. Sondern an erster Stelle, als Überschrift über allen was ich soll, steht der entscheidende Satz. Der Satz der klar anzeigt, wie alles, was folgt zu verstehen ist, was der rote Faden des Ganzen ist, was noch folgt. Der das Vorzeichen, die Überschrift über den Zehn Geboten steht. Denn die entscheidende Frage, die allen Geboten vorangestellt ist, ist doch die: Warum befolge ich sie? Weil ich Angst vor Strafe habe, wenn ich es nicht tue? Weil sie mir einsichtig erscheinen, der Vernunft entsprechen und eine gute Richtschnur für das Leben der Menschen untereinander sind? Weil es von mir als Beweis meiner Liebe oder meiner Unterwürfigkeit verlangt wird? Oder noch präziser gefragt, mit welcher Autorität begegnen mir die Gebote: Macht, Gewalt, Strafe, Schutz, guten Argumenten, Versprechen? Oder einer Mischung aus allem?

Mit was davon hätten wir die Zehn Gebote eher in Verbindung gebracht? In unserem christlichen Vitrinenschrank liefen sie ja wohl eher unter der Rubrik Macht, Gewalt und Strafe. Das hat ihnen Autorität verliehen. Und als wir dann aufgehört haben, vor Gott Angst zu haben, da haben sie dann auch die Autorität mehr oder weniger verloren. Vielleicht laufen sie ja ganz gut unter der Rubrik Vernunft und gute Argumente, jedenfalls bei den meisten. Ist doch ganz sinnvoll, wenn man sich nicht gleich gegenseitig umbringt, einen freien Tag in der Woche hat und alle versuchen, so halbwegs die Wahrheit zu sagen. Das ist ja kein schlechtes Argument für die Zehn Gebote, aber die Zehn Gebote selber argumentieren ganz anders. Denn hier wird auf etwas völlig anderes verwiesen, was zunächst doch eher widersinnig erscheint, wenn das Wörtchen „sollen“ an jeder Ecke und Kante gebraucht wird: Freiheit. Die Überschrift über den Zehn Geboten ist Freiheit. Nicht Angst, nicht Macht, Gewalt, ja, noch nicht einmal Vernunft, sondern Freiheit ist das was den Zehn Geboten ihre Autorität und ihre Bestimmung gibt. „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“, aus der Knechtschaft, aus der Unfreiheit in die Freiheit, genauso geht alles los. Die Zehn Gebote sind uns nicht als Knecht von wem auch immer gegeben worden, sondern als freie Frauen und Männer. In Freiheit können wir die Gebote befolgen. Und wir sind schon als Freie angesprochen. Wir müssen uns nicht ihnen unterwerfen, um frei zu werden. So als Belohnung, wenn wir uns brav und anständig verhalten. Wir sind schon frei, aus der Knechtschaft geführt. Und nur als solch Freie können wir auch die Verantwortung übernehmen, die von uns in den Geboten gefordert ist. Denn Verantwortung setzt Freiheit, innere und/oder äußere, voraus. Wer unfrei ist, gehorcht Befehlen, unterwirft sich Anordnungen, aber er übernimmt keine Verantwortung. Gott hat befreit, aus der Knechtschaft geführt, damit wir die Verantwortung übernehmen können, für unser Leben mit ihm und den Menschen um uns her. Und so passt es um so mehr in der Zeit nach Ostern sich die Zehn Gebote zum Gemüte zu führen. Denn die Knechtschaft die unser Leben bestimmt, die uns umfangen hält, die Knechtschaft des Todes ist schon besiegt. Die Ketten der Knechtschaft unter den Mächten des Todes ist gesprengt. Wir sind frei! Wir sind frei, weil Gott uns befreit hat. So wie er sein Volk zum Tun seiner Gebote befreit hat, hat er alle Menschen in dem was Karfreitag und Ostern geschieht endgültig befreit. Und so ist es doch nur logisch, dass auch der erste Du-sollst-Satz genau darauf eingeht: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Das ist nicht der Befehl eines Despoten, eines Tyrann, der es nicht ertragen kann, wenn seine Untertanen ihn nicht lieben. Sondern es ist der Aufruf, die Verantwortung, die Freiheit zu bewahren und zu beschützen. Und nicht gleich wieder an all die Götter und Götzen zu verlieren, die uns knechten, in Unfreiheit halten wollen. Denen wir uns mit Haut und Haaren, mit ganzer Seele, ganzem Herzen, ganzer Kraft in ihre unbarmherzigen Arme werfen. Von denen wir uns ganz, bis ins letzte hinein bestimmen lassen. Denen wir uns unterwerfen, ob voller Angst oder voller Freude. Die uns alles ermöglichen, eines aber nicht: Freiheit. Die uns klein halten, uns zu elenden Kompromissen treiben, zu diesem Gefühl der Zerrissenheit, das uns so zu schaffen macht. Das sind die falschen Götter, die Götzen an die wir unsere Freiheit verlieren. Daher ist gleich dieser erster „Du-sollst-Satz“ kein Aufruf zum blinden, erbarmungslosen Gehorsam, sondern erfüllt die Aufgabe aller zehn Gebote: Die uns geschenkte Freiheit in der Beziehung zu Gott und untereinander zu bewahren und zu beschützen. Was für eine eine Aufgabe: Die Verantwortung für diese Freiheit hat Gott uns in mit seinen Geboten in die Hand gegeben.

 

Liebe Gemeinde, genau darum hätten wir die Zehn Gebote lieber in ihrer Vitrine lassen sollen, bei all den ganzen andern Sachen. Denn jetzt schlägt uns ihre radikale Anfrage mitten in unsere Vorstellungen von Gut und Richtig und von Schlecht und Falsch. Denn all das wird radikal in Frage gestellt. Es geht nicht mehr um eine wie auch immer geartete Moral mit christlichem Anstrich. Diese Moral ist viel zu häufig zu anderen Göttern, zum Götzen geworden. Es geht nicht darum, irgendwie eine Zuckerguss zu haben, der allem den Anstrich der Wohlanständigkeit gibt. Die Zehn Gebote stellen die eine, entscheidende Frage an uns: Dient das, was wir für gut und richtig halten, was unser Tun und Lassen bestimmt der uns von Gott geschenkten Freiheit? Ermöglicht es allen Menschen in dieser Freiheit mit Gott und den Mitmenschen zu leben? Oder versucht es wieder, diese Freiheit zu beschränken, Menschen davon auszuschließen?

Lieber Gemeinde, wie war es doch bequem, als sie noch dort in ihrer Vitrine lagen, jetzt haben wir sie in den Händen und haben den Salat. Jetzt können wir sie aber auch nicht zurück legen, denn ihre Verheißung der Freiheit ist zu groß.

 


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