Verfasst von: achterosten | 20. Oktober 2013

Verzweifelte Suche – Predigt zu Jeremia 29, 4-14

Predigt zu Jer 29, 4-14 (XXI. Sonntag nach Trinitatis, 20.X.2013)

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 29. Kapitel des Jeremiabuches:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR,.“

 

Filmausschnitt aus „Das Siebente Siegel“ von Ingmar Bergmann.

 

Liebe Gemeinde,

es ist kaum eindrucksvoller darzustellen, als es Ingmar Bergmann mit seinem Ritter Antonius Block gelungen ist – der Kampf eines Menschen mit der Verheißung Gottes. Die Zusage Gottes, seine Verheißung: „Ihr werdet mit suchen und finden.“ Immer wieder machen sich Menschen auf diese Suche, spüren in sich diesen Drang und finden ihn nicht, diesen Gott, der ihnen zugesagt, sich finden zu lassen. Immer verzweifelter wird diese Suche, und die einzige Gewissheit, die am Ende steht ist, der Tod.

Als Kind eines Pfarrers in Schweden, der sein Leben lang unter der strengen religiösen Erziehung und der damit verbundenen Verlogenheit seiner Eltern gelitten hat, macht Ingmar Bergman diese verzweifelte Suche immer wieder zum Thema seiner Filme. „Das siebente Siegel ist eine Allegorie mit einem sehr einfachen Thema: der Mensch, seine ewige Suche nach Gott und dem Tod als einziger Sicherheit.“, so beschreibt Bergmann selber den Film, aus dem wir gerade eine der Schlüsselszenen gesehen haben. Und so zeichnet Bergmann vor der Zuschauerin, dem Zuschauer die unterschiedlichen Wege dieser Suche. Der intellektuelle, abgehoben erscheinende Ritter Block auf seiner verzweifelten Suche nach Gott, mit und ohne den er nicht leben kann. Dessen Schachspiel mit dem Tod um sein Leben, das den roten Faden des Filmes bildet. Der Tod, der die verzweifelte Suche Blocks auf den Punkt bringt: Er will Garantien am Ende seiner Suche.

Als anderen Weg: Sein Knecht und direkter Gegenüber im Film der viel lebenspraktischer denkende Jöns. Er hat als Atheist für die Welt und die verzweifelte Suche seines Herren nur eine ordentliche Ladung Spott übrig.

Dann gibt es da noch den fanatischen Mönch, der anscheinend Gott nur noch im plötzlichen und unerwarteten, aber gewissen Tod finden kann.

Oder die in der Bibel lesende Frau Blocks, die in stiller Würde dem Tod entgegentritt. All diese Personen werden uns in diesem Mysterienspiel vor Augen geführt, vor die Augen gestellt. Bergmann aber verzichtet auf jede Bewertung, auf jede eindeutige Antwort, die einzige Antwort die er gibt, ist die, die alle Menschen in dem Film und uns mit ihnen vereint: die einzige Gewissheit, die einzige Garantie ist der Tod. Am Ende steht das Schachmatt für alle, der Tanz mit dem Tod.

Ist das das Ende der Suche nach dem Gott, der sich finden lassen will? Eine düstere Antwort, so wie auch der Film ein ernster, ein düsterer ist?

 

Liebe Gemeinde,

ich kann auf die Frage Blocks keine eindeutige Antwort geben, denn das wäre vermessen. Damit würde ich diese grundlegende Frage von vielen Menschen, ihre verzweifelte Suche, ihre Verzweiflung an einem Gott, der sich anscheinend nicht finden lassen will, „der sich im Dunstkreis halbeingelöster Versprechen versteckt“ nicht ernstnehmen. Ich will vielmehr Ingmar Bergmann folgen und die unterschiedlichen Wege dieser Suche nicht loben und verdammen, nicht gegen sie anpredigen. Das wäre Ihnen nicht gerecht und nicht dem biblischen Zeugnis. Denn ist die verzweifelte Beichte des Richter Blocks nichts anderes als der verzweifelte Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“?

Aber ich möchte wie Ingmar Bergmann in diesem eindrucksvollen Film etwas andeuten, auf etwas hinweisen. Zum einen: Der heutige Predigttext ist auf die Zukunft ausgerichtet, ein Hoffnungstext für die Israeliten im Exil, eine Verheißung. Ihm vorweg gehen aber ganz lebenspraktische Hinweise zum Leben in der Gegenwart: Richtet euch ein in der Gegenwart, lebt ein gutes Leben. Starrt nicht nur auf die Vergangenheit und die Zukunft.

Zum anderen: Es gibt in dem Film eine wichtige Person, von der noch gar nicht die Rede war. Der Film endet nicht mit Totentanz aller Beteiligten, sondern er endet mit dem Gaukler Jof, seiner Frau und dem gemeinsamen kleinen Kind, wie sie nach überstandenem Unwetter ihren Wagen in den aufbrechenden Morgen lenken. Jof, der Gaukler, der Träumer, er scheint nicht auf der Suche zu sein. Er lebt im Hier und Jetzt, ihn aber lässt Bergmann etwas finden: Er sieht in einer morgendlichen Vision Maria und das Jesuskind. Diese Vision in mittelalterlich-christlicher Tradition als Bild eines religiösen Erlebnis, einer Erfahrung mit Gott nimmt Bergman auf und ordnet sie dem zu, der gar nicht auf der Suche ist, wogegen dem der sucht, dies verweigert wird.

 

Liebe Gemeinde, kein leichtes Thema, kein leichter Film, aber ich kann ihnen diesen eindrucksvollen Film nur ans Herz legen. Auch wenn er schon über fünfzig Jahre alt ist. Nie könnte ich so über die Frage, die der Jeremiatext aufwirft, unsere Suche nach Gott predigen, wie es Ingmar Bergman in diesem Film, wie im vielen seiner Filme, gelingt. Man ist versucht, denen zuzustimmen, die ihn einen modernen Propheten nennen. Ein moderner Prophet der uns den Spiegel vor Augen hält, wenn wir die Verheißung des Jeremias hören. Wem ähnelt unser Bild in diesem Spiegel: Jöns, Block oder Jof?


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