Verfasst von: achterosten | 11. August 2013

Neues aus Babel – Predigt zu Genesis 11, 1-9

Predigt zu Gen 11, 1-9 (XI. So. n. Tr., 11.08.2013)

 

Liebe Gemeinde,

fast ist sie schon wieder vorbei, die schönste Zeit des Jahres, die Urlaubszeit. Und in wenigen Wochen stellt sich in den Städten und Orten, die Ziel der Touristen sind, jene besondere Stimmung am Ende der Saison ein: Die meisten Touristen sind wieder weg, und mit ihnen das Verkehrschaos, komische Fragen zu Essen, Kultur; auch der Anblick manchen nackten Fleisches, bei dem man den Himmel um ein bedeckendes Kleidungsstück anfleht. Man ist wieder unter sich und hat einige Monate Zeit sich über jene komischen Touristen zu unterhalten, die man ja irgendwie auch lieb hat, und nicht nur weil sie Geld mitbringen, über die man aber genauso den Kopf schüttelt. Ist schon ein komisches Völkchen…

Ist schon ein komisches Völkchen, das sagt auch der Tourist, wenn er dann wieder zuhause ist. War ja wirklich nett und die Leute waren auch freundlich, aber irgendwie haben sie dort schon komische Eigenarten. Und er ist wieder froh, Zuhause zu sein, wo seine Sprache gesprochen wird, sein Essen auf den Tisch kommt. Und denkt sich dabei: „Wenns doch überall so wär, wie hier.“

Diese Begegnung alle Jahre wieder zur Urlaubszeit ist die harmlose Variante, die eher zum Schmunzeln bringt. Die weniger harmlose Variante sieht anders aus: Die heißt Anpassung oder am besten Assimilation. Der Wunsch, dass doch alle so leben und sprechen wie ich, alle die gleiche Vorstellung davon haben, was gut und richtig ist, was sauber und ordentlich ist, wie Frauen, Kinder und Männer zu sein zu haben, was man tut und was man lässt. Es ist der Wunsch nach einer Einheitskultur die für alle und überall gilt. Anders sein, das soll jeder Zuhause, hinter den geschlossenen Gardinen. Und desto unsicherer unübersichtlicher die Zeit einem scheint, desto mehr Angst haben wir. Umso stärker scheint dieser Wunsch nach einer Einheitskultur zu werden. Das halt ganz klar geregelt ist, was gut und richtig ist, was man zu tun und zu lassen hat. Man gut deutsch spricht und denkt. In vielen Gesprächen schlägt mir dieser Wunsch entgegen, manchmal versteckt, manchmal ganz offen.

Und es gibt noch eine Gruppe von Menschen, die ein Interesse an einer Einheitskultur hat, dass möglichst alle das gleich toll, wichtig und gut finden: Die weltweit agierenden Unternehmen. Das ist doch auch eine Erfahrung, die wir aus dem Urlaub mitbringen. In den Geschäften, Läden, Restaurant verschwinden die Unterschiede immer mehr. Sie können hier schon in der Woche vor ihrem Urlaub in ihren Lidl Zettel gucken, um zu sehen was es nächste Woche auch z.B. in Kroatien im Lidl zu kaufen gibt. Und natürlich ist das für die Wirtschaft toll, wenn alle Welt das gleiche kauft, ißt und fährt. Man kann in viel höherer Stückzahl das gleiche produzieren, was die Produktionskosten ungemein senkt. Und das ganze auch noch an dem Ort in der Welt, wo das Verhältnis von Arbeitskosten und Qualität möglichst perfekt ist.

Eine Einheitskultur, der Traum des Managers, Produktenwicklers und Verkäufers.

Zuletzt stellt sich dann die Frage: Müsste es auch nicht für uns evangelische Christinnen und Christen toll sein, wenn die Hütte voll wäre am Sonntagmorgen? Unsere Gemeinden voll wären mit Menschen, die alle zu mindestens ungefähr das gleiche glauben, denken und tun würden? Wäre das nicht auch der Traum jeder guten evangelischen Christin, jedes guten evangelischen Christen? Wenn man wieder das Gefühl hätte, man wäre die bestimmende gesellschaftliche Gruppe? Und so weit weg scheint dieser Gedanke doch nicht zu sein, denn ist es nicht unser Ziel, das alle getauft werden, alle glauben? Und dann möglichst auch gleich denken und handeln? Das ist doch auch das was Gott will! Oder etwa nicht?

 

Liebe Gemeinde, sa gibt es diese berühmte Geschichte aus der Bibel, die vom Turmbau zu Babel:

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.

Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“

 

Diejenigen von uns, die diese Geschichte kennen, von ihr gehört haben, verbinden sie hauptsächlich wohl eher mit dem Hochmut der Menschen. Dem Wunsch des Menschen immer hoch hinaus zu wollen, so sein zu wollen wie Gott. Wenn man schon einen Turm bauen will, dann bis dorthin wo bekanntermaßen Gott ja wohnt, bis an den Himmel. Und das kann sich Gott natürlich nicht gefallen lassen. Daher als Strafe die Einführung des Wörterbuches, das die Menschen seit diesem Zeitpunkt brauchen.

Wenn man sich die Geschichte aber mal frei von diesem Verständnis anschaut, scheint es um etwas anderes zu gehen, als die platte Feststellung: Der Hochmut der Menschen sei schuld. Die Menschen in Babel, leben nämlich unseren Traum: Sie leben in einer Einheitskultur, alle sprechen und denken anscheinend dasselbe. Sie leben in unserem Traum und wollen auf keinem Fall aus diesem Traum herausgerissen werden. Alles soll so einheitlich, so zentral bleiben wie es ist. Das ist ihr Wunsch und damit der Grund für das Fanal des Turmbaues zu Babel. Denn Gott hat, wie uns die Bibel einige Zeilen vorher in der Erzählung von Noah und der Sinnflut berichtet, etwas völlig anderes mit den Menschen vor. Nicht, dass sie alle an einem Ort bleiben, in ihrem eigenen Saft schmoren und ihr Ding schön brav gleich machen. Gott will, dass sie die Welt besiedeln, „sich zerstreuen“, wie es im Text heißt. Sie sollen die Vielfalt der Welt nutzen und selber vielfältig werden. Das ist der Wille Gottes wie ihn die Bibel uns schildert. Und in der Erzählung ist Gott anscheinend bereit, dafür zu drastischen Mitteln zu greifen.

Keine Einheitskultur, sondern Vielfalt der Menschen, ihrer Kulturen, ihrer Eigenarten, ihrer Überzeugungen. Auf der gesamten Welt. Und was, wenn nicht die Sprache ist Grundlage dieser Vielfalt. Dem Mittel mit dem wir nicht nur uns alltäglich ausdrücken, sondern was auch im Gegenzug selbst unser Denken prägt, bis tief hinein ins Unterbewußte. Nicht umsonst ist immer die spannende Frage für Menschen, die sich in mehreren Sprachen bewegen, „in welcher Sprache träume ich eigentlich?“

Keine Einheitskultur, sondern die Vielfalt auf aller Welt ist der Wille Gottes. Daher musste der Turm zu Babel ein Stückwerk bleiben,. Und so bleibt der Turm zu Babel ein warnendes Zeichen vor all den Versuchen, eine Einheitskultur herzustellen. Was haben denn diese Versuche über die Welt gebracht außer Elend, Leid und Zerstörung? Mussten am Ende aufgegeben werden, wie der Turmbau zu Babel. Nichts ist von diesen Versuchen geblieben als Ruinen!

Und gleiches muss dann für unseren Glauben, das Christentum in aller Welt gelten. Auch hier keine Einheitskultur, keine Gleichmacherei, sondern die unterschiedlichen Formen und Sprachen des Glaubens, des Lobes Gottes. Wer sein Kind zur Taufe bringt, wer sich Taufen lässt, der wird nicht Mitglied einer Einheitspartei, bekommt keine christliche Uniform um gehangen. Sie oder er werden nicht zur Bauarbeitern an einem christlich-kirchliche Turmbau zu Babel. Sondern sie und er wird Teil einer Gemeinschaft, wenn sie sich denn am Willen Gottes ausrichtet, die von Vielfalt geprägt ist. Teil einer Gemeinschaft die nicht nur diese Vielfalt in sich selber lebt, sondern diese Vielfalt für alle Welt will. Die Vielfalt menschlichen Lebens, menschlicher Kultur liebt und schützt. Die sich natürlich darüber freut, wenn ihre Kirchen voll sind, Menschen den Weg Gottes gehen, zur Taufe kommen. Die aber gerade auch nicht das Ziel einer christlichen Einheitskultur der Gesellschaft hat. Sondern eine Gemeinschaft, die die Steine herausreißt, wenn andere schon wieder anfangen am Turm zu Babel weiterbauen zu wollen. Und das geschieht jeden Tag. Egal auch, wer die Bauarbeiter an diesem Turm sind, wir als Christinnen und Christen reißen ihnen die Steine aus der Hand. Denn wir sind der Teil der Gemeinschaft, die Gott lobt. Den Gott, von dem uns die Geschichte vom Turmbau erzählt, dass er ein Gott der Vielfalt ist, nicht des Einheitsgrau.

Wir sind Teil einer Gemeinschaft, die all die Frage des Zusammenlebens, die auch oft nicht so einfach sind, als Herausforderungen annimmt und sich ihnen gerne stellt.

Und das schönste zum Schluss: Mit jeder Taufe, jedem Menschen, der im Namen diese Gottes getauft wird, wird sie wieder größer, unsere Vielfalt. Seien wir Gott dafür dankbar und loben wir ihn dafür, so wie für die schönste Zeit im Jahr.

 


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