Verfasst von: achterosten | 24. März 2013

Taufwunsch – Predigt zu Psalm 121

Predigt zu Ps 121 (Palmarum, 24.III.2012)

 

Lieber Gemeinde, der Psalm 121:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels

schläft und schlummert nicht.

Der HERR behütet dich;

der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages die Sonne nicht steche

noch der Mond des Nachts.

Der HERR behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

 

Liebe Gemeinde, „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“, irgendwo heute schon mal gehört, diesen Satz? Keine Angst, ich frag jetzt nicht ab, das ist hier ja weder eine Quizshow, noch die Prüfung zum Christen des Monats. Und wer sich erinnert, darf sich innerlich freuen.

„Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ – ich habe es gesagt, als wir gerade getauft haben, direkt nachdem ich seinen Kopf mit Wasser übergossen habe.

In diesem Satz aus dem 121. Psalm, in wenigen Worten, wird der Wunsch laut, warum viele Eltern ihre Kinder zur Taufe bringen, sich Menschen taufen lassen: diesem kleinen Menschen, mir, soll nichts passieren. Ich, mein Kind soll geschützt sein gegen all die schlimmen Dinge, die da draußen auf uns warten. Man will ja alles tun, um das Kind zu schützen, aber man weiß halt auch um all die Dinge, die wir nicht beeinflussen können, wo unser Schutz nicht ausreicht: Krankheit, Unfälle, etc. Wir wissen, dass das Leben vom ersten Moment, vom ersten Atemzug an immer lebensgefährlich ist. Um so mehr ist das im Bewusstsein, wenn der Anfang des Lebens kein kräftiges Durchstarten ist, sondern langsam, behutsam war, Starthilfe brauchte. Es wird uns bewusst, wenn wir an einem Tag wie heute an die denken, die nicht mehr dabei sind, deren Platz leer bleibt.

Wir wissen, dass sie zum Leben dazugehören, diese ganzen lebens-gefährlichen Dinge, auf die wir kaum einen Einfluss haben, die wir auch nicht voraussehen können. Die Angst machen, Angst um uns selber und um die Menschen, die wir lieben. Wo es dann doch nur menschlich ist, für uns und die geliebten Menschen, Partner, Partnerin, unsere Kinder, unsere Eltern, Brüder, Schwester, Freunde auf Schutz zu hoffen und alles zu tun, was ihnen Schutz geben soll. Etwas zu haben, was sich gegen all die Gefahren stellt, gegen die Macht des Todes, der das Leben bedroht.

Eltern, die ihre Kinder zur Taufe bringen, Menschen, die sich taufen lassen, suchen und hoffen auf diesen Schutz durch Gott. Dass er sie behütet und beschützt von nun an für immer. Tag und Nacht über sie wacht, gerade da, wo wir nicht wachen und beschützen können. Wenn ich mit Eltern spreche, dann ist für viele genau das einer der  Gründe für die Taufe ihrer Kinder. Und hier ist es auch mal Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen: Zum Glück leben wir in einer solch freien Zeit, dass mir noch niemand begegnet ist, der sein Kind taufen lässt, weil das die Oma so will, oder weil Druck von außen ausgeübt wurde. Ich hatte bei allen das Gefühl, dass es die freie und gut überlegte Entscheidung war, ein Kind zur Taufe zu bringen. Und einer der Gründe für diese bewusste und freie Entscheidung ist immer wieder dieser: der Wunsch, das Kind unter den Schutz Gottes zu stellen, das es behütet und bewacht wird. Im christlichen Jargon gesagt: gesegnet wird.

Bei mancher Christin, manchem Christen gehen jetzt aber vielleicht alle Warnlampen an: Ist das nicht eine magische Vorstellung, eine Form von Aberglaube, wird die Taufe dadurch nicht zu einer magischen Handlung ohne die der Getaufte nicht unter diesem Schutz steht? Eine Handlung, die womöglich Gott „zwingen“ soll? Segen als Garantieschein?

Es ist nicht zu leugnen: Was die Taufe und den Wunsch nach Schutz, nach dem Segen Gottes angeht, bewegen wir uns auf dünnem Eis. Die Wand, die Grenze zur Magie, zum Aberglaube, wenn man es denn so nennen will, ist sehr dünn. Ich will dagegen aber ein großes ABER stellen: Diese Grenze, diese Wand war bei dem Thema Taufe und Segen schon immer sehr dünn. Selbst im heutigen Predigttext finden wir von dieser Wand eindeutige Spuren. Er breitet vor uns aus, was Menschen vom Segen Gottes erwarten. Der Psalm trägt in sich ein altes Erbe, einen Schritt, den die Menschen gemacht haben: die Vorstellungen, die sie früher mit einem persönlichen Schutzgott verbunden haben, der nur für sie, für ihre Familien da ist und sie behütet und beschützt vor all den Unbilden des Lebens. Diese Vorstellung wird nun übertragen auf den einen Gott, der die Welt geschaffen hat und sie täglich am Leben erhält. Und es ließen sich unzählige weitere Spuren von dieser dünnen Wand zwischen Glauben und Magie, zwischen Segen und magischer Handlung in der Bibel finden. Und auch das ist nicht weiter verwunderlich, denn bei beidem geht es um diesen Wunsch: Schutz vor dem Unverfügbaren, Schutz vor dem Lebensgefährlichen.

 

Und so dünn diese Wand auch sein mag, sie ist aber da, diese Wand zwischen dem Wunsch nach Segen, den wir mit der Taufe verbinden und dem, was eher unter die Überschrift Magie, Aberglaube und von mir aus auch Esoterik fällt. Denn wer getauft wird, wem der Segen zugesprochen wird, der wird im Namen des einen Gottes getauft, gesegnet. Dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der die Welt erhält. Der Sein Volk aus der Gefangenschaft geführt hat. Der in seinem Sohn unsere Angst erlitten hat, unseren Tod gestorben ist und uns so gezeigt hat, was für ein Gott er ist. Und natürlich auch im Namen des einen Gottes, der sich vor uns verborgen hält, den wir suchen, der gerade nicht tut, was wir wollen, was wir wünschen, der aber immer doch der eine Gott ist. In dessen Namen taufen wir, sprechen Menschen den Segen zu. Manch einem mag das nur ein kleiner Punkt zu sein, aber genau der ist es: Wenn wir Menschen segnen und taufen in diesem Namen, dann halten wir für ihr Leben den entscheidenden Punkt fest: Wer über es Macht hat. Und das ist doch der entscheidende Punkt in unserem Leben, wer hat im Letzten über uns Macht, wem geben wir die Macht, über unser Leben das entscheidende, das letzte Wort zu sprechen. Und jede Taufe bei der wir Getauften dabei sind, erinnert uns daran, wer die eigentliche Macht hat. Von wem wir Schutz und Segen erhoffen. Von dem einem Gott, in dessen Namen wir getauft sind, der uns Segen und Schutz zusagt.

 

Dumm nur, dass das Leben nicht so einfach ist, so schön einfach schwarz und weiß. Lass dich taufen und segnen und alles wird und ist gut. Wer das behauptet als Christ, dessen rosarote Brille ist von erstaunlicher Dicke. Denn unser Leben ist nicht so, auch als Getaufte, als Gesegnete des Herrn nicht, denn die Angst bleibt, die Schmerzen bleiben, der Tod bleibt. Es ändert sich nichts an der Tatsache: Unser Leben bleibt weiterhin lebens-gefährlich. Es ändert  auch nichts an der Frage, warum das so ist, warum es so ist, wenn doch Segen und Schutz als Überschrift über meinem Leben stehen soll. Die Frage, die manchmal zur Verzweiflung wird, mir den Schlaf raubt, mich hadern lässt.

Liebe Gemeinde, vor uns liegt die Karwoche. Und wer will, kann sie mitgehen, die Schritte Jesu in Jerusalem, angefangen heute mit dem Einzug in Jerusalem. Die Schritte bis ans Kreuz am Freitag. Christen tun das seit knapp 2000 Jahren. Die Karwoche ist die Woche des stillen Betrachtens, des Mitgehens dieses Weges. Christen gehen den Weg Jesu mit, den menschlichen Weg, den Gott für sich gewählt hat. Ich finde mich genau mit der Frage, der Verzweiflung die ich beschrieben habe, genau in diesem Weg wieder: Im Garten Gethsemane weine und kämpfe ich und sehr selten, in den raren, unendlich kostbaren Momenten kann ich am Ende dieses Kamfes sagen: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Der Schrei Jesu am Kreuz, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, er ist oft mein Schrei. Und als Getaufter, Gesegneter ist es trotzdem die allergrößte Hoffnung am Ende die anderen Worte Jesu am Kreuz nachsprechen zu können: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Wer Getauft ist, wer Gesegnet ist, der trägt keinen magischen Schutzmantel, sondern er geht den Weg allen menschlichen Lebens in guten und schlechten Tagen, er geht den Weg Jesu in dieser Woche in milliardenfachen Variationen. Aber er geht diesen Weg weiter, durch Karfreitag hindurch bis Ostern. Den Weg auf dem als Getaufter, als Gesegneter des Herren heute seinen ersten Schritt getan hat und auf dem wir Getauften als Gesegnete des Herrn mit ihm unterwegs sind und auf den Schutz und die Hilfe Gottes hoffen.


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