Verfasst von: achterosten | 10. Februar 2013

Eine Frage aus Heidelberg

Predigt zu II. Kor 6, 1-10 (Estomihi – 10.II.2013)

 

Liebe Gemeinde, „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Eine gefährliche Frage, liebe Gemeinde, heute Morgen, lebensgefährlich. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Wer sich dieser Frage aussetzt, lebt auf gefährlichem Fuß, der riskiert alles. Sich diese Frage in aller Aufrichtigkeit zu stellen, bedeutet Mut; und wenn es der Mut der Verzweiflung ist. Vor dieser Frage stehen wir total nackt, da gibt es kein Deckmäntelchen mehr, gewebt aus Halbgarheiten, leicht faul riechend nach all den Kompromissen, die wir eingegangen sind. Hier geht es ans Eingemachte, an die Grundsubstanz unseres Lebens. Keine alltägliche Frage, wie die nach der Frühstücksmarmelade, sondern die alles entscheidende Frage für mein Leben. Keine Frage die erst seit gestern gestellt wurde: Ihr Grundtenor hallt aus den Jahrtausenden menschlichen Lebens zu uns, in dieser Formulierung seit 450 Jahren aus Heidelberg. Meiner Beobachtung nach zeigt sich aber an ihr die Zerrissenheit unseres Lebens in diesen, unseren Zeiten. Auf der einen Seite ist in ihr unsere größte Angst – Was wenn ich diese Frage nicht beantworten kann? Wenn ich mit leeren Händen dastehe? Mich nur verzweifelt von Ihr abwenden kann, weil sie ohne Antwort für mich bleibt? Wenn mir bewusst wird, dass das was mein „Trost“ war, brüchig ist, nicht wirklich trägt? Das ich mir was vorgemacht habe?

Auf der anderen Seite ist in ihr unsere größte Sehnsucht – Was, wenn ich diese Frage beantworten kann? Wenn es da etwas gibt, was mich trägt, jeden Tag, in guten und schlechten Zeiten? Was sich als tragfähig, beständig erwiesen hat? Wenn mein dauerndes Suchen danach zum Ende gekommen ist? Ich wirklich frei bin – denn der ist wohl frei, der sie beantworten kann?

Und so zeigt sich in dieser Frage die ganze Hoffnung und die ganze Verzweiflung unseres Lebens. Dies um so mehr, da wir als Menschen unserer Zeit selbst die Antworten auf diese Frage finden müssen. Unsere Lebensbedingungen und unsere Lebenskultur uns einerseits die Freiheit schenkt, andererseits aber auch zwingt, unser Leben selber zu entwerfen. In Zeiten und unter Bedingungen, wo es keine allgemeingültigen Konzepte mehr gibt, wo wir frei wählen können und müssen, uns unseren Lebensentwurf, unsere Lebensgrundlage aus vielen kleinen Versatzstücken, aus Lebens- und Gesellschaftskonzepten, zusammenbasteln müssen. Lebend unter dem Segen und Fluch des Mottos das mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen ist: „Alles kann, nichts muss“. Wo wir immer wieder diesen Entwurf aber auch den Veränderungen des Lebens anpassen müssen. Wo wir immer auch ganz allein für diesen Entwurf verantwortlich gemacht werden und uns machen. Und wo die Frage nach dem „Tragenden“, dem Trost, die zentrale Rolle zukommt.

 

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Diese zentrale Frage mit ihrer Hoffnung und ihrer Verzweiflung kann in zweifacher Art und Weise laut werden, mit zwei Zielen: der totalen Zerstörung oder dem barmherzigen Aufbau.

Die erste Art, die totale Zerstörung, das ist das Herunterbeugen über das, was den Trost der Menschen ausmacht, das genüssliche Sezieren dieses Trostes. Nicht um des Erkenntnisgewinns willen, sondern um den Menschen es schließlich mit zynischer Besserwisserei als stinkendes, faules Etwas unter die Nase zu reiben. „Siehst du wie vergänglich, wie verlogen all das ist, auf was du dein Leben aufgebaut hast.“ Und gerade wir in der evangelischen Kirche habe es da zu mancher Meisterschaft gebracht. Schön den Leuten links und rechts um die Ohren hauen, wie verlogen all ihr vermeidlicher Trost ist. Wie brüchig alle menschliche Liebe ist auf die sie hoffen, alle menschliche Stärke, auf die sie bauen, alle menschliche Ehrlichkeit, auf die sie vertrauen. Um dann, wenn wir die Menschen so richtig fertig gemacht haben, in allen düsteren Farben ihren vermeidlichen Trost zerstört, in den Eingeweiden ihrer Seelen herumgewühlt haben, ihnen dann um so strahlender die Botschaft der Bibel oder das was man dafür hielt und hält zu präsentieren. Oh ja, wir haben diese Meisterschaft so weit gebracht, dass wir eines der schönsten Geschenke Gottes, seine Gebote, zu einem perversen Instrument dieser Seelensektion gemacht haben. Und wenn wir sie dann so all ihrer Seelenkleider beraubt, vom Leibe gerissen, sie völlig nackt gemacht haben, haben wir ihnen den Mantel des Trostes Gottes einfach vor die Füße geworfen, egal ob der passt oder nicht, man ist ja höherem verpflichtet.

 

Und es gibt die zweite Art, die Frage laut zu stellen. Wissend um die Verletzlichkeit dieser Frage, die Angst und Sehnsucht dieser Frage. Wissend um die Schmerzen, die Verbitterung wenn sich ein Trost als falsch, als brüchig herausgestellt hat. Wenn am Ende die Erkenntnis steht, ich kann keinen Trost finden, mir keinen aus all den Versatzstücken des Lebens zusammenbauen. Eine Art und Weise, die bestimmt ist von einem ungeschönten, ehrlichen, aber auch barmherzigen Blick auf unser Leben. Nicht zu verwechseln mit kitischigen Worten, die die Wahrheit verdecken. Auch diese Art kann schmerzhaft, wütend sein, bis zur Grenze der Unerträglichkeit, aber barmherzig. Und zum Glück gibt es auch diese Tradition in unserer Kirche, auch diesen Weg. Für mich ist Ausdruck dieses Weges jener 450 Jahre alter Text aus Heidelberg, der Heidelberger Katechismus, der die große Frage gleich als erste  stellt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“. – Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

Das ist die Antwort des Heidelberger Katechismus, dem Grunddokument der zweiten Strömung unserer evangelischen Tradition, der reformierten. Kleiner in der Zahl, strenger in der Theologie und Ethik, dafür aber bibelnäher, staatsferner und radikaler vielleicht als die lutherische Strömung. Geprägt von dem Gedanken, was es wirklich in all seiner Radikalität bedeutet, evangelisch frei zu sein, sich allein auf Christus und die Bibel zu beziehen. Mehr Widerspruch als Anbiederung vielleicht, aber auch Härte bis zur Unmenschlichkeit prägen diese Tradition.

Sie schenkt uns in meinen Augen eine der schönsten Antworten auf die gefährliche Frage. Mich barmherzig kleidet, mich, der ich umbarmherzig nackt, frierend auf dem Hügel meines Lebens stehe, schutzlos ausgesetzt. Ein warmer Mantel aus diesen Worten umschließt mich, birgt meine Nacktheit. Ein alter Mantel, ganz klar. Weder Stil, noch Verarbeitung entsprechen der neusten Mode, auch ist er an einigen Stellen zerschlissen und wieder geflickt. Die Stelle mit dem „teuren Blut für die Sünden“ gleich mehrfach und sieht doch dort schon wieder sehr mitgenommen aus. Und trotzdem – er passt, er wärmt, er schützt. Er gibt – ja, Geborgenheit, so wie Trost nun mal Geborgenheit gibt.  Dieser Trost macht mich frei, er legt mich mit allem was mein Leben schön und schmerzvoll macht, mit allem was mich ausmacht, zum Guten und zum Schlechten in die Hand Gottes. Er spricht von Bewahrung die ewig währt.

Nicht ich muss mir diesen Trost verschaffen, ihn mühevoll zusammenhalten in der dauernden Angst, das er zerfällt wie Staub. Dieser Trost wird mir zugesagt und ich kann ihn nachsprechen. Der geschenkte Mantel wird mein eigener.

 

Ob er das noch ist, wenn die Stürme des Lebens, die Umstände an ihm zerren und reißen? Oder wird er dann nicht genauso davon fliegen, wie all die ganzen anderen Trostmäntel? Mich wieder nackt zurück lassen?

Liebe Gemeinde, darauf kann ich keine Antwort geben, denn ich weiß es nicht. Und alles anderes wäre eine Lüge, ein verschließen vor der Wahrheit. Ich kann ihnen aber sagen, was ist, wenn diese große Frage des Lebens sich regt, wenn es ans Eingemachte geht und ich diese Worte aus Heidelberg höre: Ich will glauben, ich will hoffen, dass es mich trägt im Leben; Trost ist, wenn alles andere zu seinem Ende kommt und es ans Sterben geht. Ich will diesen Mantel behalten, nicht aus Verzweiflung, weil gerade kein anderer da ist, auch nicht weil er besonders schön ist, sondern weil er tiefes Vertrauen in mir weckt und schenkt. Amen


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