Verfasst von: achterosten | 2. Januar 2013

Weihnachten Zuhaus

Predigt zu Ez 37, 24-28 (Christnacht 2012)

Liebe Gemeinde, das hätte ich mir auch nie träumen lassen, so vor knapp 20 Jahren als Konfi in der ersten Bankreihe, dass ich mal am Heiligen Abend hier auf der Kanzel stehe. In der Heimat –  und wann, wenn nicht heute passt dieses Wort: „Heimat“. Die Überschrift, die viele mit Weihnachten, dem Heiligen Abend verbinden, wenn auch vielleicht eher unbewusst. Die Grundmelodie für diese besonderen Tage. Die Eine feiert Weihnachten an dem Ort, der für sie Heimat ist. In vertrauter Umgebung, mit vertrauten Menschen um sich, hört die vertraute Sprache. Beim anderen geht der Blick dorthin, wo mal Heimat war. Den Ort, den man verlassen hat, mehr oder weniger freiwillig: Krieg, Not und fehlende Perspektiven waren die Gründe, die Heimat zu verlassen. So gehen heute seine Gedanken irgendwo in die Weiten Ost- oder Südeuropas. Er hört um sich eine Sprache, die eigentlich nicht die Seine ist. Beim nächsten gehen die Gedanken an Menschen, die heute nicht dabei sein können oder wollen, die fehlen, die aber nun mal dazu gehören, wenn man von Heimat spricht.

Und es wird wieder viel von Heimat gesprochen. Vor ein paar Jahren fiel den meisten zu dem Begriff vielleicht noch gerade der Musikantenstadl oder andere Perlen deutscher Volkmusik ein; oder der Begriff war völlig verpönt. Heimat, das roch nach brauner Soße, nach Blut-und-Boden-Ideologie. Heute ist der Begriff wieder total in Mode, was eigentlich komisch ist, wo wir doch alle immer beweglicher geworden sind, der Arbeit, der Liebe hinterher ziehen. Heimat ist wieder an allen Ecken zu hören, Zeitschriften wie „Landlust“ schießen wie Pilze aus dem Boden, Rezeptbücher mit Titeln wie: Die Heimatküche, Westfalen in Topf und Pfanne. Und spätestens seit dem wir hier im Revier 2010 Kultur waren, gilt das auch fürs Ruhrgebiet. „Ne, wat is dat schön bei uns und wenn jetz auch noch die Emscher grün wird, da willste gar nich mehr wech.“ Stolz trägt man T-Shirts mit dem Aufdruck Ruhrpott und das gute alte CAS-Kennzeichen schmückt wieder die Autos.

Aber was soll das überhaupt sein – Heimat? Und wo ist sie? Hat sie mit dem zu tun, was uns vor Augen ist? Ist sie wirklich ein realer Ort? Spätestens wenn man an einem trüben Wintertag durch graue Ickerner Straßen zieht, können einem da schon Zweifel kommen. Heimat steht halt auch immer in der Gefahr der Verklärung – „Bei uns in Ickern is dat sowat von toll: Deinen letzten Ruheplatz findeste direkt zwischen A2 und Emscher – verkehrsgünstiger kannste nirgendwo auffm Friedhoof liegen.“ Vielleicht bleibt einem manchmal auch nur die Verklärung, wenn es hier jetzt wieder wahrscheinlich Tausenden an den Kragen geht bei Opel und Thyssen, weil mal wieder die Bonzen ohne Ende Mist gebaut haben.

Aber Heimat muss doch mehr sein als bloße Verklärung. Für mich zum Beispiel gibt es da einen Ort, wo „Heimat“ am stärksten spürbar wird: Wenn ich auf dem Kanaldeich stehe zwischen Lohburg und Schiffshebewerk und hinunter blicke in Richtung Ickern, Habinghorst, Henrichenburg – dann ist das meine Heimat. Aber wenn ich dann da so stehe, wird mir schnelle bewusst: So stimmt das eigentlich gar nicht. Denn meine Heimat ist der Blick meiner Kindheit von diesem Ort: die rauchenden Schlote von Stickstoff, die Kühltürme in Habinghorst und Dortmund, die den Horizont füllten. Und mir kommen ganz andere Orte in den Sinn, die Heimat sind: Der Weihnachtsbaum von Ickern III, der von uns in Ickern End aussah, als wenn er über den Bäumen schwebt. Heimat, das war die Bude der Familie Knorr auf dem Ickerner Marktplatz, das waren alte Männer im Feinrippunterhemd in den Fenstern – nicht schön, aber halt Heimat. All das gibt es nicht mehr. Meine Heimat – kein Ort, der zu finden ist, sondern der in der Vergangenheit liegt. Ort von Anekdoten, bei denen man sich, wenn man sie erzählt, selber schon uralt vorkommt. Ort nicht nur von Melancholie, sondern von Sehnsucht. Der Philosoph Ernst Bloch hat wohl die beste Beschreibung für Heimat gefunden: „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“.

Und so wird klar: Heimat ist kein Besitz, sondern Ort der Sehnsucht. Wer sie als Besitz versteht und festhalten will, gerade dem wird sie wie Sand in den Fingern zerrinnen Oder viel gefährlicher: Der wird meinen, man müsse diese Heimat verteidigen gegen das vermeintlich Fremde, gegen Veränderung. Der wird nicht verstehen, dass Heimat mehr mit unseren Sehnsüchten als mit realen Orten zu tun hat. Eine Sehnsucht, die umso stärker brennt in einer Zeit, die davon bestimmt ist, dass Menschen diese Orte verlassen müssen. Wir nicht wissen, wo wir morgen hinziehen müssen. Wo die Sicherheit fehlt, sagen zu können, man hat einen Ort gefunden, an dem man alt werden kann. Denn selbst das Alter bedeutet für viele ein letztes Umziehen in ein Alten- oder Pflegeheim. Und so wird Heimat immer mehr zu einem fiktiven Ort der Träume, der Sehnsucht. Diese Sehnsucht brennt in uns, wir können ihr gar keinen richtigen Namen geben, aber sie ist da. Besonders in den Tagen vor Weihnachten und gerade an diesem Abend, in dieser Nacht. Und es ist nicht nur Sehnsucht nach den Orten und Menschen der Vergangenheit, sondern diese tiefe Sehnsucht in uns nach einem Ort, an dem alles gut ist.

Unsere Väter und Mütter im Glauben legten diese Sehnsucht, aber auch ihre Hoffnung auf Gott, bei ihm „Heimat“ zu finden. Sie folgten damit der Verheißung, die Gott ihnen und uns gegeben hat, dass wir bei ihm Heimat finden. All unsere Sehnsucht bei ihm gestillt wird. Seinem Volk Israel hat er diese Verheißung gegeben und uns durch seinen Sohn.

Das erzählt uns die Geschichte von dem kleinen Kind in einem Stall, in einer Krippe irgendwo in Israel vor langer Zeit: Gott kommt in diesem kleinen Kind zu uns. In unsere Verletzlichkeit, in unsere Heimatlosigkeit, in unsere tiefe Sehnsucht nach einem Ort, „wo alles gut ist“. Hier an dieser Krippe ist der Ort, an dem Gott unsere tiefe Sehnsucht stillen will. Wer an diese Krippe tritt, der kann für einen Moment glauben und erfahren, wie es sein wird, wenn meine Sehnsucht gestillt ist, ich Heimat gefunden habe. Wenn „alles gut ist“.

Liebe Gemeinde, Sie, die Menschen hier im Ruhrgebiet, viele von Ihnen haben eine wunderbare Eigenschaft, die ich erst in der Fremde wirklich bemerkt habe und schmerzhaft vermisse: „Sagen wat Sache is.“ Kein langes verstohlenes Herumreden. Nicht Dinge sagen, weil man meint die Konventionen erwarten das von einem, sondern Ross und Reiter beim Namen nennen. Und man kann Ihnen hier auch keinen vom Pferd erzählen. Ich muss ehrlich sagen: Beide Tatsachen haben mich beim Schreiben der Predigt ein wenig nervös gemacht.

So kann und will ich anderes an dieser Stelle auch nicht tun: „Sagen wat Sache ist“. Diesen Moment an der Krippe, den kann ich nicht herbeipredigen. Ich kann auch keine guten Ratschläge verteilen, wie sich dieser Moment auf jeden Fall einstellen wird. Wenn man sich dem ganzen Weihnachtskonsum entzieht? Sich wieder, wie jedes Jahr vornimmt, dieses Jahr wird es ruhiger? Mag klappen, wenn man der Apothekenumschau und anderen Lebensberatungsmagazinen glauben will, aber ehrlich, das ist doch eher ein frommer Wunsch. Allein schon angesichts von Jahresendzeitrun für viele an der Arbeit. Und dieser Moment hängt auch nicht daran, ob sie nur heute den Weg hier in die Kirche finden oder häufiger da sind. Und schon hängt gar nicht hängt dieser Moment an der dauerhaften Wiederholung solcher komischen Sätze wie „Du musst nur fest genug glauben“. Dieser Moment ist nicht Ergebnis einer religiösen Leistungsolympiade!

Er kann nicht herbeigepredigt werden, er kann auch nicht erzwungen werden, dieser Moment an der Krippe, wo die brennende Sehnsucht in mir gestillt wird. Wo ich erkenne, was geschehen ist an diesem Ort in Israel: Gott schweigt nicht. Es ist wirklich wahr, was uns erzählt wird von diesem Gott und es hat wenig zu tun mit all diesen kleinen, ängstlichen Reden, die wir oft uns in der Kirche nur trauen. All diesen ganzen moralischen Kram. Es ist viel größer. Es ist wirkliche Freiheit! Ja, ich kann wirklich hoffen auf die Verheißung, dass es den Ort gibt, an dem alles gut ist, wirkliche Heimat!

Dieser Moment, er ist ein Geschenk und ich kann mich nur beschenken lassen. Verstehen sie  „Moment“ bitte nicht falsch, nicht sozusagen zeitlich als das Knallereignis, sekundenkurz und dann ist alles klar. Dieser Moment kann für jeden unterschiedlich sein, auch die Gestalten an der Krippe standen nicht schlagartig dort – neun Monate wird die Schwangerschaft gedauert haben. Hirten und Weise mussten sich erst auf den Weg machen, aber irgendwann standen sie dann an der Krippe und haben sich beschenken lassen. Mehr können wir auch nicht tun an diesem Heiligen Abend: Uns beschenken lassen. Aber was heißt „mehr können wir nicht tun“, das ist doch das wunderbar: Wir müssen nicht mehr tun als uns beschenken lassen von Gott. Uns schenken lassen die Verheißung, dass unsere Sehnsucht nach Heimat gestillt wird, wenigstens für diese Nacht. Das dieses Geschenk allen gilt. Nicht einem elitären Kreis. Nicht davon abhängt welcher Ort in unserer Geburtsurkunde steht. Uns schenken lassen die Erfahrung, dass diese Krippe nicht irgendwo vor zweitausend Jahren in der Gegend rumstand, sondern heute Nacht hier in Ickern. An dem Ort, der für manche Zuhause ist und für manchen geworden ist und wo man, mit aller Ironie, die uns eigen ist, sagen kann: „Kärl, wat is dat schön bei uns.“


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