Verfasst von: achterosten | 4. November 2012

Der gute Teil – Predigt zu Luka 10, 38-42

Predigt zu Lk 10, 38-42 (04.XI.2012, 22.n.Tr.)

 

Liebe Gemeinde,

nicht rauchen; nur mäßig trinken; jeden Tag eine halbe Stunde Sport; mindestens mehr als 2,25 mal Sex pro Woche, damit man über dem deutschen Durchschnitt liegt, das aber natürlich nur in der Ehe; mindestens 3 Liter Wasser trinken; nach 16 Uhr keine bösen Kohlenhydrate; immer nett grüßen; Atomkraft doof finden oder gut, je nach Stimmungslage; Banker als die Verkörperung des Bösen ansehen; auf seine Seele achten; seine Arbeit toll finden; gerne mit den Kindern spielen und vor allem Bildung, Bildung, Bildung bis zur letzten Sekunde – Luft holen! – und weiter geht’s: sich immer schön Gedanken machen; alles reflektieren; sich der Trauerarbeit nicht verweigern; Emails lesen, aber nicht im Urlaub, das macht die ganze schöne Work-Life-Balance kaputt, richtig versichert sein, aber nicht bei der Ergo, wegen der Lustreisen; andere nur konstruktiv kritisieren, wenn überhaupt; ab 30 den Kampf gegen die freien Radikale tapfer führen; immer bereit sein für Neues, den Aufbruch wagen und nachts mindestens sieben bis acht Stunden schlafen – ich könnte das jetzt hier noch minutenlang so weitermachen, aber ich lasse es lieber. Nicht, dass hier noch eine oder einer aus der Bank kippt.

 

Liebe Gemeinde, völlig willkürlich habe ich einfach mal ein paar moralische Imperative, moralische Hinweise, Befehle aufgelistet. Wild durcheinander, so wie sie auf mich einprasseln, jeden Tag. In Gesprächen, im Internet, in Magazinen oder halt auch immer wieder in Gottesdiensten, Andachten und kirchlichen Verlautbarungen. Mein absoluter persönlicher Höhepunkt, die Verabschiedung der EKD Synode von einigen Jahren, dass Pfarrerinnen und Pfarrer verpflichtet seien, nicht schneller als 120 auf der Autobahn zu fahren. Da weiß einer, was für mich, für sie, für uns gut ist und teilt es uns mit. Lebensberatung an allen Ecken und Enden und dann sink ich ermattet von all diesen moralischen Ansprüchen, am Sonntagmorgen in die Kirchenbank und: gnadenlos geht es weiter. Wie ich zu glauben habe, was ich nicht zu glauben habe, was ein Christ tut und lässt, wie er als Christ ein gelungenes Leben führt und über was ich nicht mal alles nachdenken sollte. Mir schwinden die Sinne, der Puls steigt, Schweiß auf der Stirn, der moralische Herzinfarkt droht. Zum Glück hat uns der Schöpfer aller Dinge einen wunderbaren Schutzmechanismus mitgegeben, den Durchzug der Ohren. Links rein, rechts raus ohne das dass Gehirn etwas mitbekommt, eine wunderschöne Sicherung.

Nicht das sie mich jetzt missverstehen, die Frage nach dem Guten Leben für die Gesellschaft, für uns, für die Schöpfung, sie ist wichtig. Die Frage nach Ethik, nach Moral ist Bestandteil einer christlichen Gemeinde, die Gottes Geboten folgen will. Und wie viel läuft ja auch schief und wir hätten gerne, dass es besser wird. Sie wissen es doch auch von mir, dass ich dem manchmal erliege, eine Predigt mit moralischen Appellen zu versehen. Der Gefahr erliege, ihnen die Welt zu erklären und zum Teil ist das ja vielleicht auch das was sie von einer Predigt erwarten. Aber ich habe das Gefühl, und das seit vielen Jahren, eigentlich seit dem ich mich mit meinem Glauben, mit Kirche auseinandersetze, dass das Moralische fast das Einzige ist. Der christliche Glaube nur noch auf eine Moral reduziert wird, wir den Leuten erzählen, was nach unserer Sicht ein gelungenes Leben ist, aber das war es dann auch. Die großen Fragen, die großen Erzählungen gar keine Rolle spielen. Ja, wir überhaupt nicht einmal merken, wie hohl diese schwachsinnige Formulierung „ein gelungenes Leben“ überhaupt ist. Wir die Balance nicht finden zwischen Tun und Sein, nicht die richtigen Prioritäten setzen wollen oder können.

Und so passiert es dann, dass ich auf einmal, weil er als Predigttext für den heutigen Tag vorgeschlagen ist, den folgenden Text lese und ich bin wie vor den Kopf geschlagen:

„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

 

Liebe Gemeinde, eine solche Geschichte erwischt mich, da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, ich werde ganz nervös. Das ist, das was ich am Sonntag Morgen brauche, ach was, ich brauche es jeden Morgen, ermattet nach all den moralischen Ansprüchen. Keinen Kopf um mich und die Welt zu machen, hinsetzen, zuhören. Maria zu sein. Hören auf Gottes Wort. Hören auf die große Erzählung von Schaffung, Fall und Errettung aller Welt. Das nicht alles egal und sinnlos ist, sondern umfangen von der Liebe Gottes geschieht. Dass vor der ganzen Frage, wie soll ich mich verhalten, was soll ich tun, was soll ich einkaufen, wie soll ich zu  meinen Mitmenschen sein, dass vor diesen Fragen die Zusage Gottes, sein Wort an uns steht. Das ist doch der ganze Witz dabei, die richtige Reihenfolge, zu erkennen was die Priorität ist. Denn natürlich steckt die Bibel voller ethischer Anweisungen, Geboten, die ein gutes Leben ermöglichen sollen. Für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Aber an  erster Stelle, zuerst steht die Zusage Gottes an die Menschen. Das Geschenk des Glaubens. Die Erfahrung seines Handelns, das uns frei macht. Die zehn Gebote, als bekanntestes Beispiel, beginnen nicht mit „Du sollst oder du sollst nicht“, sondern mit „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe.“

An erster Stelle steht die Befreiung und dann erst die Frage, was wir Menschen tun sollen. An erster Stelle steht Maria, dann erst Martha. Erst das Hören und dann das Tun. Hören auf diese großartige Erzählung des christlichen Glaubens. Die frisches Wasser sein will, uns den Verdursteten, die lechzen nach Sinn, nach Erfüllung. Und wir sollen uns satt trinken an diesen Worten, keine homöopathische Dosen, sondern in großen Schlucken. Nicht drei kleine Schlucken und dann nimmt mir jemand den köstlichen Becher weg mit den Worten: „Genug! Jetzt erkläre ich Dir, was für Dich ein gelungenes Leben ist.“ Und ich denke mir: „Du weißt doch selber, wie hohl Deine Worte von „gelungenen Leben“ sind, wenn ich mit einer Polizistin vor der Tür stehe, um einem Vater, einer Mutter zu sagen, dass ihr Kind gar kein Leben mehr hat.“ Dann brauche ich kein Gerede vom gelungenen Leben, keine Lebensberatung, dann brauche ich dieses Wasser. Dann will ich nur noch sein wie Maria und hören auf diese Worte. Das ist das gute Teil, was an erster Stelle steht. Dass dann der zweite Schritt folgen muss, das ist geschenkt. Denn wenn man sich satt getrunken hat, wenn man sich ausgeruht hat, gestärkt wurde, dann steht man auch wieder auf und nimmt die Arbeit auf. Aber wir tun immer nur den zweiten Schritt und ich habe das Gefühl, gerade in unserer Kirche, in unseren Gemeinden, dass wir schon taumeln vor lauter Kraftlosigkeit, wir leer und erschöpft sind. Wir gerne einmal einfach uns niedersetzen würden, verschnaufen und hören. Aber über uns steht der große Imperativ, wir müssen weiter marschieren, wohin auch immer.

Achten sie mal nächstes Jahr, wie, und da wette ich drauf, die Jahreslosung 2013 „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ von manchen herangezogen wird als verbrämte theologische Begründung für noch mehr „Reformen“ in der Kirche, für noch mehr Streß, noch mehr Imperativ des ewigen Wandels. Der großen Angstmacherei, das alles mit der Kirche vor die Hunde geht. Wo Ausruhen mit tödlichem Stillstand gleichgesetzt wird. Wo nicht begriffen wird, dass vielleicht gerade jetzt das Hören uns die nötige Gelassenheit geben würde, notwendige Reformen anzugehen. Und zwar gestärkt, mit geradem Rücken und nicht besinnungslos taumelnd.

Und wenn wir uns dann wirklich niedersetzen, um zu hören, auch nicht das Hören wieder mit irgendeinem Befehl verbinden. Ich will beim Ausruhen nicht hören, wie ich zu atmen habe, wie ich zu denken, zu empfinden habe, sondern ich will hören auf das Wort Gottes. Ich will neben Maria sitzen, hören und die Worte werden mir gut tun, meinen Lebenshunger stillen. Das ist doch die große Verheißung, die der Gottesdienst in sich trägt, aber nicht nur der, sondern all die Orte, wo das Wort zu hören ist. Wo man sich wie Maria niedersetzen und lauschen kann. Und wo dann vielleicht auch Martha ihre Hände in den Schoß legen und hören kann auf die Worte, die uns nicht erzählen, was ein „gelungenes,“, von mir aus auch, „ein gesundes, moralisch einwandfreies Leben ist“, sondern unseren brennenden Durst stillen nach dem wahren Leben. Denn diese Worte tragen dieses Leben in sich.


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