Verfasst von: achterosten | 30. September 2012

Fremd – Predigt zu Matthäus 15, 21-28

Predigt zu Mt 15, 21-28 (17.So.n.Tr – 30.IX.2012)

Liebe Gemeinde, vor ein paar Jahren hatte ich die Ehre im Ruhrgebiet an einer der Veranstaltungen teilzunehmen, die unter dem Stichwort „Trialog“ stehen. Was verbirgt sich hinter diesem Stichwort? Kurz gesagt: Muslime, Juden und Christen treffen sich, um mehr vom Glauben des anderen zu lernen. Was glaubt man, wie und wann feiert man was, wie ist die Sicht auf gesellschaftliche Themen? Eine gute Sache, diese Veranstaltungen, trotz der paar Spinner im Publikum, die anscheinend zwangsweise bei solchen Veranstaltungen auftauchen müssen, um spätestens zur Mitte der Veranstaltungen als „Aufrichtiger Vertreter der Mehrheitsgesellschaft“ unter dem Stichwort „Das muss man doch sagen dürfen“ eine Suda von Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien oder einfachem Blödsinn los zu werden. Bevorzugt in die Richtung der Muslime. Zum Glück gelingt es meistens, diese Jungs und Mädels auszubremsen, wenn nicht, gibt es ja  noch das Hausrecht.

Zu einer solchen Veranstaltung hatte die örtliche größte Moscheegemeinde auch einen guten jüdischen Freund für das Podium eingeladen und so fuhr ich mit. „Die Schrift – Tora, Koran, Bibel“ so der Titel dieses Nachmittags. Es sollte darum gehen, was für Juden, Moslems und Christen ihre jeweilige Schrift bedeutet. Die eindrucksvolle Moschee war gut gefüllt mit Interessierten, eine junge Vertreterin der Moscheegemeinde begrüßte und schon begann der Reigen. Jude und Muslim stellten in wenigen Sätzen die Tora und den Koran so vor, dass jedem klar war, wie in ihren Religionen der Blick auf die heiligen Schriften ist. Man hatte den Eindruck zumindest eine ganz gute Idee zu haben, was Koran und Tora für Muslime und Juden ist. Dann der Auftritt der Pfarrerin zur Bibel. Wortgewaltig, in immer wieder neuen Anläufen, die vor allem irgendwie nach Entschuldigungen klangen, erklärte sie – was die Bibel nicht ist. Endlich war sie am Ende angekommen, auf einige Nachfragen reagierte sie mit neuen Entschuldigungen. Man blieb ratlos zurück, denn es war viel über die innere Verfasstheit der evangelischen Kirche und ihrem Personal klar geworden, nur garantiert nicht, was die Bibel für Christen denn nun so grundsätzlich ist. Aus Höflichkeit wies man die Kollegin nicht darauf hin, aber in der anschließenden anregenden Diskussion spielte die christliche Sicht keine Rolle mehr. Wie auch, wenn man nicht weiß, wo Mann und Frau dran sind bei der christlichen Bibel. Bei Koran und Tora war der Gegenteil der Fall.

Wieder ein Tag wo ich von vermeintlich „Fremden“ etwas gelernt habe, aber beim Blick in den heutigen Predigttext aus dem Matthäusevangelium scheine ich da nicht der einzige zu sein:

 

„Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. 2Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

 

Für mich ist das einer der Texte der Bibel, die mich darin bestärken Christ zu sein. Bestärken darin, das christlicher Glaube wenig bis gar nichts mit Mief, Zwang und alten Zöpfen zu tun hat, sondern mit Freiheit und Aufbruch. Denn was wird uns hier Sensationelles, ja Revolutionäres berichtet. Welch ein Rollentausch! Ein unbarmherziger Jesus, der die reine Lehre, seinen Auftrag höher zu bewerten scheint, als das Leid dieser Frau. Der sie scheinbar demütigt mit seinem Bild von den Kindern und Hunden. Die mutige Frau aber lässt sich davon nicht beeindrucken, geht über die Demütigung hinweg und stellt ihr Bild gegen das seine, ihr Argument gegen seines. Sie wagt es, ihm die Stirn zu bieten! Atemlose Stille muss sich in diesem Moment unter den Jüngern ausgebreitet haben, angesichts dieser Frechheit! Diese Frau, diese „Fremde“ – sie wagt es, zu widersprechen! Die Stille wird unerträglich. Und dann geschieht das schier Unglaubliche, er lässt sich auf ihr Argument ein, er nimmt sie ernst. Sie – die Frau, die Fremde, die, auf die man nicht zu hören hat, die nichts zu melden hat – von ihr lässt er sich umstimmen, sich überzeugen, sich den Weg weisen. Die Bedeutung dieser Geschichte wird einem noch deutlicher im Zusammenhang mit dem ganzen Matthäusevangelium. Denn hier beginnt endgültig der Weg Jesu hin in alle Welt, gipfelnd in dem letzten Satz: „so gehet hin und machet zu Jüngern alle Welt…“. An diesem Punkt beginnt dieser Weg, bei einer Fremden. Einer die nicht dazugehört, die außen steht, nur über den Zaun zuschauen darf, was passiert. Einer die draußen ist, für die gilt, was hat die schon zu sagen, soll sich doch erst einmal anpassen. Ein Zyniker hätte vielleicht noch angemerkt, für eine Fremde sprach sie aber erstaunlich gut die Sprache. Schließlich konnte sie sich ja anscheinend mit Jesus verständigen, auf hohem Niveau mit ihm diskutieren. Das ist doch schon mal nicht schlecht, für eine, die nicht von hier kommt. Aber zu sagen hat sie trotzdem nichts, wo kommen wir denn da hin. Ja, wo kommen wir denn da hin, wenn sie etwas zu sagen hätte: Zu einer der zentralen Botschaften des Matthäusevangeliums, der Sendung Jesu zu den „Heiden“, den „Fremden“. Das hat sie zu sagen, die Fremde – und sie hat es als erste zu sagen. Und Jesus lässt es sich von ihr sagen.

 

Würden wir uns so etwas sagen lassen, von einer Frau mit Kopftuch? Die uns vielleicht sagt, wenn ihr euch und eure Religion ernst nehmt, dann müsst ihr mir auch sagen, was ihr da eigentlich glaubt. Die sagt, wenn ich Karfreitag nicht einkaufen gehen darf, dann müsst ihr mir, die ihr euch als Christen bezeichnet, erklären können, warum das so ist.

Würden wir uns von ihr sagen lassen, dass sie in unserer Bibel Texte gefunden hat, die davon sprechen, den Fremden zu schützen?

 

Oder einige von Ihnen heute morgen hier, liebe Gemeinde. Sie leben kürzer oder länger hier, weil sie anders sind, den Menschen da draußen „fremd“ sind. Weil sie Dinge sehen, die die anderen nicht sehen, Sachen ihnen Angst machen, die den anderen nicht bedrohlich erscheinen. Weil sie unendlich müde sind inmitten all der anscheinend so aufgeweckten Menschen. Weil da in ihnen eine Wut ist, die sich Bahn bricht. Was lassen wir uns von ihnen sagen? Vielleicht, dass viele Gestalten, die uns in der Bibel geschildert werden, die uns als Christen wichtig sind, auf die wir hören, heute nicht auf den Straßen und Märkten ihre Botschaft verkündigen, sondern ruhiggestellt, abgeschottet von der Welt leben würden? Vielleicht, wie viel Angst ein Gott machen kann, der angeblich bis unter die Bettdecke schauen kann, so eine Art übernatürliche Stasi, der von den Kanzeln verkündigt wurde und wird?

Würden wir uns das sagen lassen, von all den Fremden, die mit uns leben? Würden wir es uns sagen lassen, auch in stockender und gebrochener Sprache? Können wir leben mit der Vorstellung dass vielleicht sie uns die Wahrheit sagen, uns auf die Wahrheit hinweisen, auch in Glaubensdingen? Sind wir bereit, von ihnen zu lernen, so wie es Jesus tat?

Ich habe mit einem Beispiel begonnen, mit zweien will ich enden: Wer mit Menschen anderen Glaubens ernsthaft in ein Gespräch kommen will, ernsthaft von unserem Glauben als Christen erzählen will, der muss sich auch mit den Grundlagen unseres Glaubens auseinandersetzen. Der muss eine Antwort haben, zum Beispiel warum wir sagen, an einen Gott zu glauben, aber gleichzeitig von ihm als Vater, Sohn und Heiliger Geist sprechen. Da reicht ein nichtsagender Satz wie „Das ist ja nur ein Bild“ nicht aus. Die „Fremden“ lehren uns, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, die Grundlagen unseres Glaubens sich anzueignen.

 

Wir schließen unsere Gemeindehäuser, weil sie tot sind, weil sie nicht Zentrum unseres Gemeindelebens sind. Ihr Leben hängt oftmals daran, ob eine Pfarrerin oder Pfarrer vor Ort ist oder nicht. Ich kenne eine bosnisch-muslimische Gemeinde, die in völliger Eigenregie, ohne finanzielle Unterstützung durch irgendwelche Institutionen ein Haus gekauft hat und es umbaut zu einem Ort des Gebetes, aber auch zu einem Ort des Treffens, des Lebens. Und das alles auf eigenes Risiko, mit privaten Spenden und vor allem dadurch, dass die Leute selber Hammer und Kelle in die Hand nehmen. Immer gemäß dem Werbespruch einer großen Baumarktkette „Mach es zu deinem Projekt.“ Das ganze trotz bürokratischem Widerstand und hysterischen Nachbarn, die schon wieder den Untergang des Abendlandes ausrufen.

 

Folgen wir Jesus, lernen wir von ihnen. Wie sähe heute die Welt aus, wenn die fremde mutige Frau nicht ihre Stimme erhoben hätte.

Amen.

 


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