Verfasst von: achterosten | 24. Juni 2012

Ein Genuss – Predigt zu Jesaja 44, 21-23

Predigt zu Jes 44, 21-23 (III. Sonntag nach Trinitatis, 24.06.2012)

Liebe Gemeinde,

zunächst ein kleiner Test am frühen Morgen. Sie sehen ich habe einiges mitgebracht aus dem heimischen Garten und vom Feld (Spargel, Rhabarber, Heu, Walnuss). Und jetzt die große Frage, was haben diese Dinge mit dem heutigen Tag zu tun? –

 

Heute ist der 24. Juni, in der Vergangenheit einer der großen Tage im Jahreskreislauf der durch Landwirtschaft geprägten Gesellschaft. Zumindest für den Hobbygärtner auch heute noch ein guter Orientierungspunkt. Es ist Johannistag, benannt nach Johannes dem Täufer, der nach katholischem Heiligenkalender der Heilige des Tages ist. Die erste große Erntewelle endet heute. Ab heute wird traditionell kein Spargel mehr gestochen, kein Rhabarber mehr geerntet. Die erste Mahd ist spätestens heute zu ihrem Ende gekommen. Es beginnt aber auch die große Erntezeit des Sommers. Als Beispiel hier die Walnussfrucht, um den Johannistag herum ist sie genau richtig um aus ihr, wochenlang in Schnaps eingelegt, einen herrlichen Likör zu machen. Für die Menschen in der Vergangenheit, in viel stärkerem Maße abhängig von den Gegebenheiten der Natur, war heute ein Tag auf der Schwelle. Die erste Ernte ist eingebracht. Es ist abzusehen, wie groß die Schäden sind, die die Eisheiligen, die Schafskälte, zu viel oder zu wenig Regen verursacht haben, wie groß die Ernte wohl sein wird. Und endlich auch die Gewissheit, jetzt ist er da, der Sommer. Die Zeit der Wärme, des Lichtes, des vollen Lebens, der verschwenderischen Fülle. Ein Tag der Freude, des Feierns.

Für uns heute steht das nicht mehr im Vordergrund, die wenigsten von uns haben einen Bezug zur Landwirtschaft. Und für die, die ihn haben, spielt auch der Johannistag nicht mehr die große Bedeutung in einer technisierten und industrialisierten Agrawirtschaft. Ein besonderer Tag ist es trotzdem.

So hatte ich auch ein bisschen eine Ahnung von der Bedeutung des Tages, als ich gestern im Schatten saß und hinter mir das erste Mähen unseres sehr großen Gartens lag. Mancher Hobbygärtner wird das nachvollziehen können. Und für allen anderen gilt: Ab heute ist dann aber auch wirklich Sommer, ein Leben mit der Wärme, dem Licht. Ein Leben im Freibad, am Grill, ein Leben draußen. Die Sommerferien stehen vor der Tür. Urlaub, ob in der Fremde oder daheim, ob Liegestuhl oder Aktivurlaub. Das sind die Verheißungen des heutigen Tages. Eine Zeit, auf die viele das ganze Jahr über hin fiebern, sich darauf freuen, sie ist greifbar nahe. Entspannen, Nichtstun, Genießen, sich freuen, das sind die Verben der nächsten Wochen. Einen Gang runter schalten oder gleich mal ganz auskuppeln und alles einfach rollen lassen. Rainer Malkowski hat da die passenden Worte für:

 

„Radfahrt

 

Schön, zu fahren

im Fliegenprall –

mit gleißenden Speichen

die wilden

Hügel hinab.

An weidenden Pferden

surrt

das Rad,

am starren Maisfeld vorbei.

Von der Rolle läuft an diesem großmütigen Tag

der lange verwickelte Faden.“

 

Aber dürfen wir uns dem einfach so hingeben, dem Genießen, der Freude, dem Nichtstun? Muss ich jetzt nicht den Finger heben und vor Überforderung warnen? Wir sollen nicht allzu viele Erwartungen in die Ferien, den Urlaub stecken. Uns nicht überfordern. Und der gleichen warnenden Stimmen mehr. Ich überlass solche Lebensberatung lieber all den Lebensberatungenseiten, ob in der Cosmopolitan oder der Apotheken Umschau. Ich denke, dass können sie dort alle selber zu genüge lesen, das muss ich ihnen nicht auch noch erzählen.

 

Aber der Bedenkenträgerei nicht genug. Gibt es da doch noch ein gewichtigeres Gegenargument: Was ist mit all den Sorgen, gilt nicht für uns das Dogma des „Nichts ist in Ordnung in XY“? Ist der Aufruf zum Genuss, zur Freude nicht der Aufruf zum hemmungslosen Egoismus? Genießen wir nicht schon viel zu viel, viel zu hemmungslos? Nein, ganz im Gegenteil, wir genießen viel zu wenig!

Denn es gibt für mich einen wunderbaren Ausdruck für all die Verheißungen des heutigen Tages, des Sommers der vor uns liegt und damit für den Genuss, den ich meine: „Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“

 

„Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“ – Ein solchen Satz als Ausdruck für die Freude, den Genuss des Sommers einer Christin, eines Christen? Natürlich!

„Gedenke daran, Jakob, und du, Israel, denn du bist mein Knecht. Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht! Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich! Jauchzet, ihr Himmel, denn der HERR hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin! Denn der HERR hat Jakob erlöst und ist herrlich in Israel.“ So aus dem Buch Jesaja, dem heutigen Predigttext.

„Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“ – das können wir, im ganz wörtlichen Sinne, frei von dem Verdacht möglicher Respektlosigkeit, den die eine, der andere darin vermuten mag. Im heutigen Predigttext steht nichts von könnte, vielleicht oder so. Nicht „Wenn du dir über das und das mal Gedanken machst.“; nicht „Wenn du jetzt noch fünftausend Mail checkst und die Welt rettest“ dann vielleicht. In diesem Text wird nur im Indikativ gesprochen, also in der Form, dass es wirklich so ist. Das Gesagte ist wirklich Wirklichkeit und nicht nur Möglichkeit. Es gilt! Das was Gott hier über sein Volk, den Juden in aller Welt und allen Zeit sagt, es gilt auch für uns. Und so gilt auch für uns: Wir sind erlöst von unserer Angst. Gerade auch von der Angst, etwas nicht zu tun, etwas mal nicht ernst genug zu nehmen. Wir sind erlöst, wir sind nicht vergessen, wir sind nicht allein. Wie will man dann anders von Gott reden, als von dem „guten Mann“. So wie auch Jesus über ihn spricht. Und Gott als solchen auch „sein zu lassen“. Sein Geschenk der Freiheit anzunehmen und uns dem Genuss, der Freude hin zu geben, denn wir sind geliebt und frei.

Das ist Genuss den ich meine, wenn ich sage, wir genießen viel zu wenig. Gott hat nicht nur die Grundlage dafür geschaffen in der überwältigenden Fülle seiner Schöpfung, in der Gabe all unserer Sinne und den Menschen an unserer Seite. Er hat uns auch die Freiheit geschenkt, dies alles zu genießen. Und heute an einem solchen Tag darf man auch mal Verwegenes sagen und denken: Vielleicht ist sogar das mit dem „Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich“ im heutigen Predigttext gemeint. Das Geschenk anzunehmen, das uns gegeben wurde. Das all das „Nichts ist gut in XY“ unseres Leben aufgehoben ist in dem größeren, letztlich stärkerem „Alles ist gut in Gott“. Ohne all die Sorgen und Nöte klein zu reden, aber angesichts des großen Geschenkes mal von ihnen auszuruhen und zu genießen. Egal ob einen ganzen Sommer lang oder für eine Minute im Schein der Sonne.

Und wann wenn nicht heute am Johannistag, wo der Sommer mit all seinen Verheißungen uns einhüllen will, ist dafür der Tag.

Und so lassen sie uns das einzige Lied singen, was dazu passt und dann ab mit uns in den Sommer!


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