Verfasst von: achterosten | 27. Mai 2012

Lebendige Erinnerung – Predigt zu Johannes 14, 15-19

Predigt zu Joh 14, 15-19 (Pfingsten, 27.V.2012)

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag aus dem Johannesevangelium: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“

 

Liebe Gemeinde,

es gibt so eine Schlüsselszene im Leben eines Mannes. So bekannt und bedeutungsschwer, tausendmal in Büchern und Filmen, gerne auch für die Werbung genommen. Auf jeden Fall so fest in unseren Köpfen verankert, dass man gar nicht weiß, ob sie nicht nur Klischee ist oder wirklich so stattfindet. Leider haben wir hier keine Leinwand. Am liebsten würde ich Ihnen nämlich eine Szene aus dem Film „Pulp Fiction“ vorspielen, die dieses Klischee der Schlüsselszene aufnimmt: Der kleine Butch sitzt Zuhause vor dem Fernseher, als seine Mutter in Begleitung eines Mannes in einer Uniform das Zimmer betritt. Dieser Mann hat eine große Aufgabe vor sich, die ihm Butch’s Vater in der gemeinsamen Zeit in einem Gefangenlager in Hanoi aufgetragen hat. Bedeutungsschwer und mit viel Pathos in der Stimme macht sich der Uniformierte daran, diese „heilige“ Aufgabe zu übernehmen: die Übergabe einer Armbanduhr an Butch. Gekauft von Butchs Urgroßvater an dem Tag als er als Soldat nach Europa im Ersten Weltkrieg eingeschifft wurde. Getragen von seinem Großvater, als er bei den Kämpfen um Wake Island im Zweiten Weltkrieg fiel. Auch an der Hand des Vaters, als dieser mit seinem Bomber über Hanoi abgeschossen wurde. Danach von diesem in der Gefangenschaft, Filmzitat, „fünf Jahre in seinem Arsch versteckt“. Kurz vor seinem Tod gab er sie an seinen Freund weiter, der sie weitere zwei Jahre am besagten Ort versteckte. Nur um nun den Auftrag des Vaters zu erfüllen und diese Uhr, die alle Männer der Familie im Krieg begleitet hat, an Butch weiterzureichen.

Die Schlüsselszene im Leben eines jungen Mannes, die Übergabe der väterlichen Uhr oder eines anderen Gegenstandes, möglichst schon seit Jahren im Besitz der Männer der Familie. Vollgeladen mit den Geschichten von Erfolg und dem Bestehen schwerer Zeiten, mit Erinnerungen und Bedeutungen. Ob das Klischee wirklich so stimmt? Ich weiß es nicht, ich selber habe eine solche Übergabehandlung nicht erlebt.

Aber trotzdem, auch ohne diese Handlung voller Pathos gibt es für mich einen solchen Gegenstand: Dieser Helm. Es war der letzte Helm meines Vaters als Steiger bevor er vor über zwanzig Jahren in den Ruhestand ging. Sein täglicher Begleiter und bis vor einigen Jahren trug er noch diesen eigenen Geruch der Zeche. Am Ende von ihm samt der Arbeitstasche in die Ecke gestellt, bis ich irgendwann gefragt habe, ob ich ihn nicht haben könnte. Seit dem liegt er bei mir auf dem Schrank. Keine goldene Uhr, kein Übergaberitus zur Konfirmation oder zum Abitur, aber für mich hat er die gleiche Bedeutung.

Der Helm ist für mich ein Ort geworden, für etwas, das man vielleicht mit „lebendiger Erinnerung“ bezeichnen könnte. Gerade in kniffligen oder auch schweren Zeiten schaue ihn an und denke daran, wie mein Vater oftmals erstaunliche und einfache Lösungen findet, Ideen auf die man erst einmal kommen muss. Und auch wie viel Glück er manchmal hatte, von schweren Unfällen verschont worden ist. Und, ohne hier meinem Vater ein Denkmal errichten zu wollen, es kommt noch etwas anderes hinzu: Das Gefühl, dass er und meine Mutter immer für mich da waren und sind.

Und beides gibt mir in kniffligen oder schweren Zeiten Hoffnung, Auftrieb und Sicherheit. Die Hoffnung, dass ich ein wenig von der Eigenschaft Kniffliges kreativ und einfach zu lösen, als Erbmasse mitbekommen habe. Auftrieb, wenn ich mich daran erinnere wie oft es ja gut gegangen ist in bedrohlichen Situationen. Sicherheit, weil ich die Erfahrung habe, zu wissen, wie es ist, Menschen zu haben, die für einen da sind. Ein verdammt seltenes Glück.

So wird der Helm auch dafür zu einem Ort „lebendiger“ Erinnerung. „Lebendige“ Erinnerung deshalb, weil sie nicht tot ist, sondern mit Bedeutung für mein Leben heute gefüllt ist; mir weiterhilft, mich begleitet, mir hilft, mich in der Welt zurechtzufinden. „Lebendige“ Erinnerung, weil ich sie brauche zum Leben, brauche für die kleine alltägliche Hoffnung.

 

Eine „lebendige Erinnerung“ – vielleicht ist das in manchen Bezügen auch etwas was uns helfen kann heute an Pfingsten. Am Tag der Erinnerung, dass uns der Heilige Geist gegeben wurde. Das ist ja nicht so ganz einfach mit dem Heiligen Geist. Was soll das überhaupt sein? Eine Kraft in uns? Ein göttlicher Funke in uns? Und was macht er dann so in mir? Kann ich ihn spüren? Kann ein Mensch einfach so sagen, ich habe den Heiligen Geist? Wer es etwas handfester mag, so wie ich, der hat damit so seine Probleme. Denn so richtig greifbar ist er nicht, der Heilige Geist. Es wabert, wallt und wird allzu schnell sphärisch. Eine harte theologische Nuss.

Die Beschreibung der „lebendigen Erinnerung“ hilft mir da weiter. Der Heilige Geist ist ein wenig so wie mein Helm hier. Zum einem die Erinnerung an das Handeln Gottes für uns Menschen. All die Hoffnungsgeschichten, die von Befreiung und Heilung, aber auch Gelassenheit und überschwänglicher Freude erzählen. Von der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu den Menschen, die ihn in Jesus Christus zu uns kommen lässt in aller Machtlosigkeit, unseren Tod stirbt. Die Erinnerung daran, dass nicht der Tod das letzte Wort über unser Leben ist, sondern diese leidenschaftliche Liebe Gottes, die uns das Leben verheißt.

Das dies aber nicht bloßes Faktenwissen ist, womit ich bei „Wer wird Millionär?“ die letzte Fragen beantworten kann, es aber sonst keine Bedeutung für mich hat. Sondern das für mich die Erinnerung an diese Geschichten, das Hören dieser Geschichten mehr ist, so wie dieser Helm mehr ist, als ein bloßer Helm, das ist wohl das Werk des Heiligen Geistes.

Werk des Heiligen Geistes, dass diese Erinnerung zu einer „lebendigen Erinnerung“ wird. Zu einer Erinnerung, die tragen kann in miesen Zeiten, manchmal sogar so weit, dass ich morgens trotzdem in solchen Zeiten aufstehen kann. Die Freude in mir schenkt, dass ich im Supermarkt ein Osterlied pfeife oder, viel zu laut und viel zu schief, das „Christ ist erstanden“ singe, allerdings eher auf dem Rad oder im Auto als im Supermarkt.

So wird die Erinnerung an die Liebe Gottes eine Erinnerung die Leben schenkt, den Willen das mir geschenkte Leben zu kosten bis zum letzten Tropfen. Genau das zu wissen, was im heutigen Predigttext gesagt wird: Kein Waise in dieser Welt zu sein. Trotz all des ganzen Mist

zu wissen, darüber steht immer: „Denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Und so ist der Heilige Geist wie der Helm eine „lebendige Erinnerung“, die mich leben lässt und die ich zum Leben brauche und geht doch darüber hinaus. Denn der Helm ist meine „lebendige Erinnerung“, für sie ist es erst einmal nur ein Helm und wird es auch bleiben. Der Heilige Geist geht aber über uns als einzelne Person hinaus. Er ist „lebendige Erinnerung“ die Gemeinschaft schafft, die Menschen zusammenkommen lässt, zu einer Gemeinde werden lässt. Das Verbindende zwischen uns schafft, wenn wir zusammenkommen zum Beispiel um gleich Abendmahl zu feiern. Auch so ein Ort „lebendiger Erinnerung“. Jesus sagt nicht zu den Jüngern: „Zu dir kommt der Tröster und zu dir und zu dir“, sondern „Euch wird ein anderer Tröster gegeben“. Ohne den Heiligen Geist keine Gemeinde, kein Zusammenkommen von Menschen, die sich erzählen lassen wollen von den Hoffnungsgeschichten der leidenschaftlichen Liebe Gottes.

Und auch hier in der Gemeinschaft wird die Erinnerung zu einer „lebendigen Erinnerung“, die uns zu Taten schreiten lässt, die dafür sorgt, dass die Gemeinde nicht für sich bleibt, sondern für die Menschen Gemeinde sein will. Diakonisch Handeln will, kämpfen will gegen Unfreiheit und Unrecht. Ort sein will für alle Menschen mit ihren alltäglichen Freuden und Nöten. Die das Geschenkte leben will bis zum letzten Tropfen, die mehr und anders sein will, als ein Ort für Handarbeitskreise, Kaffeenachmittage und dumpfen Sonntagsgottesdienstbesuch. Die Ort sein will, wo die  „lebendige Erinnerung“, der Heilige Geist Leben schenkt, Freude schenkt.

So lassen sie uns heute Abendmahl feiern und uns von Gott die „lebendige Erinnerung“ schenken, die große neben all den kleinen wie meinem Helm, die wir zum Leben brauchen.

 


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