Verfasst von: achterosten | 7. Mai 2012

Es ströme das Recht – Predigt Amos 5, 21-24

Predigt zu Amos 5, 21-24 (Kantate, 06.V.2012)

 

„Koma-Schläger straffrei: Milder Richter ließ ihn laufen“, so der Kölner Express am Tage nach dem Urteil gegen einen Jugendlichen, der in einer Schlägerei einen Mann schwer verletzt hatte.

Liebe Gemeinde, völlig willkürlich eine Schlagzeile, ich hätte auch hunderte andere der letzten Monate heraussuchen können. Egal, ob es um die Anklage wegen Mordes, den Verdacht eines Gewaltverbrechens oder um sogenannte „U-Bahn Schläger“ geht, die Schlagzeilen ähneln sich.

Was blüht eigentlich denen, die sich solcher Vereinfachung entgegenstellen, vielleicht sogar kritisch nach Gründen fragen?

„Ich fühle mich durch Herrn Jessens Dummheit angemacht. Darf ich ihm bei Gelegenheit den Schädel eintreten.“

„Um deine ekelhafte leninistische-menschenverachtende Haltung sollten sich mal Kultur-bereicherer aus den Süden kümmern. Schläge erhöhen das Denkvermögen. Schäm Dich du Perversling!“

„Am besten so ein Hasan A. (21) läuft ihnen über den Weg, weil dann sind sie Tot und wir müssen uns ihren dünnschiss nicht mehr anhören.“

So einige der Internetleserkommentare, die Jens Jessen 2008 erhalten hat. Jessen hatte  nach dem schweren Angriffe zweier Jugendliche auf einen Rentner in der Münchener U-Bahn seine Sicht auf die Dinge kundgetan. Nach Gründen für solche Gewalt gesucht. Gründe, die er nicht nur bei den Tätern, sondern in unserer Gesellschaft suchte. Ob sein Kommentar hilfreich war oder nicht ist hier nicht Thema, sondern etwas anderes: Der Mob tobt. Schliff er früher gerne Menschen direkt ohne Gereichtsverfahren auf den Scheiterhaufen, verlegte er sich später darauf, die Menschen aufzuhängen und daneben stolz fürs Familienalbum zu posieren. Es gibt da eine grausame Postkarte aus den Südstaaten von einem gehängten und verbrannten Afroamerikaner. Text auf der Rückseite: „Our barbecue last night“ – Unser Grillen gestern Abend.“

Wir haben Glück, so etwas geschieht heute nicht mehr hier in Deutschland. Der Mob tötet nicht mehr, aber tobt sich weiter aus, in den Kommentaren und Blogs im Internet. Wissen sie, wenn mir mal danach ist, dass mir so richtig schlecht ist, dann rufe ich die Seiten der HNA auf, gerne zu den Themen Gewalt von Jugendlichen und lese die Leserkommentare. Die Übelkeit danach reicht für die nächsten zwei Tage. Deutschlehrer kann man vor der Lektüre solcher Kommentare übrigens nur warnen, besteht doch für sie die akute Gefahr eines Herzinfarkte angesichts all des kreativen Umganges mit Grammatik und Rechtschreibung. Gerne gerade von Menschen, die sich als aufrechte Deutsche darstellen.

Jetzt könnte man sagen, lass doch die paar Spinner, die gab und gibt es immer. Das ist richtig, auch früher bekamen Redaktionen schon solche Zuschriften, allerdings in Briefform und nicht öffentlich. Viel problematischer ist, dass durch Vorverurteilungen in den Medien und den Kommentaren, siehe oben, zunehmend der Rechtsfrieden unserer Gesellschaft gefährdet ist. Der Grundsatz, dass jedem Menschen als Grundrecht ein fairer Prozess zusteht. Egal was ihm vorgeworfen wird, wie sein sozialer Stand ist, ob er Deutscher ist oder nicht.

Sie müssen als Richter schon ein sehr breites Kreuz haben, wenn sie in einem Prozess urteilen müssen, wo die Medien und ein Großteil der Gesellschaft schon lange ein Urteil gefällt haben, oftmals ohne Kenntnis der genauen Fakten und Hintergründe. Der Anwalt des verurteilten Mörders und Entführers Magnus Gäfgen berichtet, dass er nicht nur im Gerichtssaal aus dem Publikum heraus übelst beschimpft wurde. Er und seine Familie wurden auch in Briefen, Mails etc. massiv bedroht. Ich will auch an den Staatsanwalt erinnern, der vor wenigen Wochen in Dachau von einem Angeklagten im Gerichtssaal getötet worden ist.

Der Rechtsfrieden, die Rechtsordnung sind grundlegend gefährdet, wenn Richter nicht  unabhängig urteilen können, Anwälte um ihre Gesundheit fürchten müssen und Opfer nicht die Chance haben, dass vorurteilsfrei über ihre Klage entschieden werden kann. Die Grundfesten unserer Gesellschaft ist erschüttert, wenn nicht mehr in juristischen Verfahren frei und unabhängig im Namen des Volkes geurteilt werden kann, sondern das Volk schon vorher im Namen des elenden Begriffes des „gesunden Volksempfindens“ geurteilt hat. Übrigens ein Begriff, der in der NS-Zeit Einzug in deutsche Rechtstexte fand.

 

Liebe Gemeinde, was hat das mit uns zu tun? Was hat das an einem friedlichen Sonntag- morgen auf der Kanzel verloren? Deswegen, weil die Schaffung und Bewahrung des Rechtsfriedens, die Chance auf einen fairen Prozess für Opfer und Täter eines der großen Themen unserer Bibel ist. So wie der heutige Predigttext aus dem Buch Amos. Gerade der Prophet hat einen scharfen kritischen Blick auf die soziale Situation: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

 

Liebe Gemeinde, „es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“. „Recht“ meint hier nicht irgendein Recht, schon gar nicht als religiös fernen Begriff, sondern ganz diesseits: Rechtsordnung, Rechtsfrieden. Die Rechtsordnung soll bewahrt oder viel mehr, in der Situation des Amos, wieder hergestellt werden. Das ist das entscheidende. Amos stellt hier auch nicht plump Gottesdienst und Rechtssystem zugunsten des letzteren gegenüber. Und schon gar nicht will er den Opferdienst abschaffen, aber er weist auf den Widerspruch hin, der aus der Zeit Amos in unsere Zeit hinübergreift: Wir können nicht jeden Sonntag schöne Gottesdienste feiern und uns nicht um das kümmern, was um uns herum los ist. Gottesdienst und die Sorge um die Gesellschaft, sie gehören untrennbar zusammen, sind aufeinander verwiesen. Sie zu trennen wäre im Sinne Amos zutiefst unbiblisch.

Die Bibel ist in vielen ihrer Teile der Versuch, eine Rechtsordnung aufzurichten, die den Menschen einen fairen Prozess ermöglicht. Opfern die Chance auf eine Klage einzuräumen, egal wir reich und mächtig der Angeklagte ist. Auf der anderen Seite aber auch Angeklagte vor Vorverurteilungen und falschen Anschuldigungen zu bewahren. Die Bibel will das endlose Band von Tat und Vergeltung zerschneiden. Die Ströme des Blutes, die fließen, versiegen lassen. Nirgends wird das so deutlich wie in dem berühmten Zitat „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dieser Satz ist nicht Ausdruck von Rache und Vergeltung! Er ist genau das Gegenteil. Ausdruck einer Rechtsordnung, die versucht diejenigen, die Recht sprechen, frei zu machen von Rache und Vergeltung. Ihnen vielmehr einen Katalog für eine faire Entschädigung an die Hand zu geben. Wer ein Auge zerstört, hat den Gegenwert eines Auges zu ersetzen.

Sie finden im Alten Testament eine Vielzahl solcher Entschädigungskataloge, die uns heute ein wenig skurril anmuten oder zumindest nicht mehr unserer Einteilung der Gewichtung des Wertes einer Frau und eines Esels entsprechen. Es geht auch gar nicht darum, hier direkt Anweisungen für unser Rechtssystem zu suchen. Der Wille zur Rechtsordnung um Opfer und Täter einen fairen Prozess nach festen Regeln zu ermöglichen und vor Willkür zu schützen, das ist die Botschaft der Bibel. Nicht das „gesunde Volksempfinden“ spricht das Urteil, sondern Menschen nach einem festen, verlässlichen Verfahren.

Auch die Kritik Jesu im Neuen Testament an den Vorschriften ändert daran nichts. Er kritisiert zwar das Verhalten, weswegen solche Gesetze und Verfahren notwendig sind, aber er hebt sie nicht auf.

Ebenso tut es auch Paulus nicht, wenn er kritisiert, dass sich Christen gegenseitig vor weltlichen Gerichten verklagen. Vielmehr nimmt er in Prozessen gegen ihn völlig selbstverständlich sein Recht als römischer Bürger in Anspruch und regelt, wie ein Mitglied bei Verfehlungen aus der Gemeinde auszuschließen ist.

 

Liebe Gemeinde, das zu einer Rechtsordnung nach biblischem Verständnis immer auch die Frage der Gerechtigkeit gehört, dass in deutschen Gerichten nicht immer alles fair zuzugehen scheint, das sind Themen, über die noch nachzudenken ist. Amos will uns genau zu diesem Nachdenken bringen. Er stellt klar fest, dass eine Gemeinschaft, die sich zu Gott bekennt und ihn im Gottesdienst feiert und lobt, nicht absehen kann von der für eine Gesellschaft entscheidenden Frage, wie in ihr Recht gesprochen wird. Nämlich gerade nicht nach dem „gesunden Volksempfinden“, sondern nach Maßgaben, die Opfer, Täter, Staatsanwälte, Anwälte und Richter oft sogar vor der Meinung der Masse schützen. Maßgaben, Werte und Normen, die sich aus den unterschiedlichen Traditionen und Strömungen unserer Gesellschaft speisen: Prinzipien der antiken römischen Rechtssprechung, christlicher Überzeugung, Erkenntnissen der europäischen Aufklärungen und die bitteren Erfahrungen diverser Unrechtsregimen. Diese Maßgaben, Werte und Normen zu schützen und immer wieder kritisch zu hinterfragen, uns an ihrer Weiterentwicklung zu beteiligen. Opfer und Täter vor Vorverurteilungen und den Mob zu schützen. Das ist ureigenste Aufgabe der christlichen Gemeinde, die ihre Gottesdienste als Lob Gottes feiern will. So ruft es uns Amos zu.

In der Praxis heißt das, dass Opfer von Gewalt und Unrecht in den Einrichtungen der Diakonie uneingeschränkt die Hilfe finden, die sie brauchen. Das heißt, dass wir allen Gefangenen die Möglichkeit der Seelsorge und Gottesdienstfeiern ermöglichen, ohne zu Fragen, was sie getan haben. Das heißt, dass wir als Gemeinde unsere Stimme erheben gegen Vorverurteilungen von Opfern und Tätern. Und manchmal ist es auch nur ein Mausklick, um einen Kommentar der HNA zu melden, weil er Menschen diffamiert oder sie bedroht.

 

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

 

 

 


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