Verfasst von: achterosten | 8. Januar 2012

Dogmatisches – Predigt zu 5. Buch Mose (Deuteronomium) 4, 32-40

Predigt zu Dtn 4, 32-40 (I. So. n. Eph., 08.01.2012)

Liebe Gemeinde, heute wird es ein wenig theologisch. Wir müssen uns mal aufmachen in die Tiefen der Grundlagen unseres Glaubens. Da legt sich doch glatt ein wenig die Stirn in Falten und wenn ich jetzt noch sage: Wir müssen heute Morgen mal dogmatisch werden, geht dann bei einigen von ihnen vielleicht das rote Licht an. Reizt das Wort theologisch schon meistens keinen zu Begeisterungsstürmen, so gilt dies endgültig für das Wort „dogmatisch“. Und doch, so leid, wie es mir tut, da müssen wir jetzt durch heute Morgen. Denn es geht um die Grundlagen ihres Glaubens. Das was sie glauben und was das für ihr Leben bedeutet oder auch nicht. Denn das ist damit gemeint, wenn ich davon rede, wir müssten heute mal theologisch, durchaus dogmatisch werden. Dogmatisch heißt nicht, dass ich ihnen jetzt hier der theologischen Weisheit letztes Stück verkündige. Verkündige im Brustton, dass das jetzt die letzte Wahrheit über unseren Glauben ist und sie das gefälligst alles zu glauben haben. Es gibt kein Lehramt bei uns in der evangelischen Kirche! Keiner, der allein und als letzter zu sagen hat, wie der Hase so in glaubenstechnischer Hinsicht läuft. Weder der Pfarrer auf der Kanzel, noch irgendeine Bischöfin oder Ratspräsident! Wie sich unser Glaube gestaltet, dass ist sowohl Sache des einzelnen, als auch der Gemeinschaft in der wir unseren Glauben leben, der Gemeinde. Wenn ich also dogmatisch meine, meine ich, dass ich mit ihnen über die Grundlagen unseres Glaubens nachdenken will.

Nun aber genug der Vorrede, lassen sie uns in die Tiefe gehen, theologisch, ja dogmatisch werden: Die Lesung aus dem Neuen Testament heute erzählt uns von der „Taufe“ Jesu und damit von dem Bekenntnis Jesu zu seinem Vater und dem Bekenntnis Gottes zu seinem Sohn. Damit es alle Welt weiß: Gott legt sich fest. In diesem Jesus ist er in die Welt gekommen, in diesem Jesus ist er, Gott, zu finden. Gott wird hier ganz konkret und er legt sich fest. Wenn wir uns diesem Gott zuwenden wollen, wir Menschen aus allen Völkern, dann sind wir auf Jesus verwiesen und alles was zu diesem Jesus dazugehört. Und dazu gehört, ganz entscheidend: Jesus wird nicht irgendwo auf dieser Welt geboren, sondern als ein Mensch des Volkes Gottes, ein Jude. Einer also aus jenem Volk, wo sich Gott schon für alle Zeiten festgelegt hat. Davon spricht der Predigttext heute aus dem Fünften Buch Mose:

„Denn frage nach den früheren Zeiten, die vor dir gewesen sind, von dem Tage an, da Gott den Menschen auf Erden geschaffen hat, und von einem Ende des Himmels zum andern, ob je so Großes geschehen oder desgleichen je gehört sei, dass ein Volk die Stimme Gottes aus dem Feuer hat reden hören, wie du sie gehört hast, und dennoch am Leben blieb? Oder ob je ein Gott versucht hat, hinzugehen und sich ein Volk mitten aus einem Volk herauszuholen durch Machtproben, durch Zeichen, durch Wunder, durch Krieg und durch seine mächtige Hand und durch seinen ausgereckten Arm und durch große Schrecken, wie das alles der HERR, euer Gott, für euch getan hat in Ägypten vor deinen Augen? Du aber hast’s gesehen, auf dass du wissest, dass der HERR allein Gott ist und sonst keiner. Vom Himmel hat er dich seine Stimme hören lassen, um dich zurechtzubringen; und auf Erden hat er dir gezeigt sein großes Feuer, und seine Worte hast du aus dem Feuer gehört. Weil er deine Väter geliebt und ihre Nachkommen erwählt hat, hat er dich herausgeführt mit seinem Angesicht durch seine große Kraft aus Ägypten, damit er vor dir her Völker vertriebe, die größer und stärker sind als du, und dich hineinbrächte, um dir ihr Land zum Erbteil zu geben, wie es jetzt ist. So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der HERR Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner, und sollst halten seine Rechte und Gebote, die ich dir heute gebiete; so wird’s dir und deinen Kindern nach dir wohlgehen und dein Leben lange währen in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, gibt für immer.“

 

Auf Israel, auf die Juden hat sich Gott festgelegt. Sie hat er erwählt. Nicht weil sie sich durch irgendeine besondere Leistung hervorgetan haben. Sondern allein aus seiner freien Wahl hat er die Juden zu seinem Volk gemacht, sich auf sie festgelegt. Und weil sie sein Volk sind, hat er ihnen auch seinen Willen, seine Gebote gegeben, die Tora. In unserer Bibel zu finden in den ersten fünf Bücher der Bibel, den Büchern Mose.

Was heißt aber „Tora“? Das deutsche Wort „Gesetz“ greift hier zu kurz, was Tora meint. Sie ist mehr als das was wir unter dem Stichwort Gesetz verstehen. Hier geht es nicht nur um das Tun und seine, im rechtlichen Sinne, verstandenen Folgen. Tora ist Gottes Gebot – hier ist zu finden, wie Gott sich die Welt vorstellt, das Leben des einzelnen Menschen, gerade aber auch das Leben der Menschen untereinander. So ist sie mehr als ein Gesetz. Was sie ist, zeigt ein Spruch aus der jüdischen Glaubenswelt: „Wenn sich andere Völker nach ihren Gesetzen richten, sind sie lediglich gesetzestreu. Wenn Israel die Tora hält, preist es damit zugleich Gott.“

 

In diesem, seinem Volk, als Jude kommt Gottes Sohn in die Welt. Dort legt sich Gott erneut fest. Als Bestätigung der bleibenden Erwählung des Volkes Israel, als Bestätigung der Gabe seiner Gebote, der Tora an die Juden. Nicht zur Abschaffung dieser Erwählung kommt Gott in Jesus in die Welt, sondern zu ihrer Bestätigung. Es geschieht aber noch etwas: Diese Festlegung Gottes in Jesus Christus gilt nun den Völkern neben Israel! In seinem Sohn zeigt sich Gott allen Menschen der Völker, ruft sie alle zu sich. Und das tut er nicht als irgendein anderer Gott, sozusagen mit einem zweiten Gesicht. Sondern das tut der Gott, der Israel erwählt hat, die Juden aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt, ihnen sein Gebot gegeben hat.

Wem dem so ist, dann heißt das auch ganz klar: Wir Menschen aus den Völkern, wir Nichtjuden sind durch diese Festlegung Gottes auf seinen Sohn Jesus an die Geschichte Gottes mit seinem Volk verwiesen. Unseren christlichen Glauben gibt es nicht ohne dies Geschichte Gottes mit seinem Volk. Ohne das Alte Testament und so auch nicht ohne die Tora. Sie ist kein historischer Rückblick auf altes, vergangenes, was irgendwie durch Jesus aufgehoben wurde, ohne Belang für uns Christen.

An diesem Punkt wird es greifbar: Theologie und Dogmatik bekommen etwas mit unserem Leben zu tun und zwar ganz handgreiflich: Was bedeutet dann die Tora für uns Christen? Müssten wir dann nicht auch Milch und Fleisch beim Kochen und Essen strikt trennen? Den Schabbat an jedem Samstag halten? Die Jungs und Männer beschneiden?

Welche Rolle hat denn die Tora, das Gebot Gottes, in den ersten Büchern auch unserer Bibel für uns Christen?

 

Grundsätzlich ist klar zu stellen: Das jüdische Toraverständnis gibt es nicht! Wie in jeder Religion gibt es unterschiedliche Strömungen. Hinzukommt, dass im Judentum zu der Tora noch die mündliche Auslegung hinzukommt. Beides zusammen ergibt erst die Richtschnur für das Leben einer Jüdin, eines Juden. Und das wird im Judentum sehr unterschiedlich gesehen. Die einen sehen in der Tora jedes Wort von Gott gegeben, die anderen sehen sie als Werk von Menschen, die immer wieder in ihren Aussagen für das Leben den aktuellen Herausforderungen anzupassen ist. Und wie bei uns Christen gibt es unzählige Positionen dazwischen.

Und für uns Christen? Hat die Tora für uns eine Bedeutung? Ja, das hat sie! Auch für uns Christen sind die Fünf Bücher Mose, wie sie in unserer Bibel heißen, mehr als der Ort an dem man die Zehn Gebote findet und vielleicht noch die Geschichte, wie Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurde. Auch für uns Christen findet sich hier in der Tora der Wille Gottes, wie er die Welt will, unser Leben mit ihm und untereinander. Lesen sie einmal unter diesem Gesichtspunkt das Matthäusevangelium: Nichts anderes tut Jesus, als immer wieder die Menschen auf die Tora hinzuweisen und sie aufzufordern, sie zu tun. Bis hinein in den letzten Satz des Matthäusevangelium, den wir bei jeder Taufe hören.

Ein letzter Gedankenschritt ist aber nötig: Die Tora hat für uns eine Bedeutung, aber eine andere als für die Juden! Wir treten nicht an die Stelle der Juden durch Jesus Christus, noch werden wir sozusagen zu den besseren Juden. Die Beziehung Gottes zu seinem Volk ist eine einzigartige, besondere und das Zeichen dieser Beziehung ist die Tora. Sie ist Auszeichnung und Aufgabe der Juden.

Wir schauen aus einer anderen Perspektive auf die Tora, in der unsere Geschichte eine große Rolle spielt: Der Weg der Juden und Christen hat sich getrennt, sehr früh in der Geschichte der christlichen Gemeinden. Die Juden und ihre Tora galten ab dann nur allzu oft als die schwarze Folie auf der sich die Christen versuchten, als das wahre Volk Gottes dazustellen. Tora und Evangelium, sie wurden getrennt, als Gegensätze begriffen. Die Tora nur noch als das, was den Menschen in die Verzweiflung stürzt, damit er sich dann ganz der Botschaft des Evangeliums von der Gnade Gottes in die Arme wirft.

Wir stehen ganz am Anfang eines neuen Weges, eines neuen Nachdenkens in den letzten Jahrzehnten. Ein Begreifen, dass die Tora auch für uns Christen mehr ist als eine schwarze Folie, aber auch, dass wir uns nicht einfach an die Seite der Juden stellen und zweitausend Jahre Geschichte einfach beiseite schieben können.

Und so steht am Ende: Nein, wir müssen nicht Milchiges und Fleisch beim Kochen und Essen trennen, wir Jungs und Männer müssen uns nicht beschneiden lassen. Das sind die vornehmen Aufgaben und Pflichten der Juden.  Wir haben aber auf die Stimme der Tora zu hören, wenn wir wirklich unser Leben, unser Zusammenleben so gestalten wollen, wie Gott es für diese Welt will. Das heißt aber ganz praktisch, dass wir uns mehr dem zuwenden müssen, was wir das Alte Testament nennen. Das heißt weiter, das wir von den Juden lernen, was diese Bücher zu sagen haben.

Denn auch für uns gilt, was die Juden in der Prophetenlesung zum gestrigen Toraabschnitt  hören:

„Als nun die Zeit herbeikam, dass David sterben sollte, gebot er seinem Sohn Salomo und sprach: Ich gehe hin den Weg aller Welt. So sei getrost und sei ein Mann und diene dem HERRN, deinem Gott, dass du wandelst in seinen Wegen und hältst seine Satzungen, Gebote, Rechte und Ordnungen, wie geschrieben steht im Gesetz des Mose, damit dir alles gelinge, was du tust und wohin du dich wendest.“

 

 


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