Verfasst von: achterosten | 5. September 2011

Im Monat der Diakonie – Predigt zu Matthäus 21,28-32

Predigt zu Mt 21, 28-32 (04.IX.2011, XI. So.n.Tr.)

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für heute steht im 21. Kapitel des Matthäusevangeliums: „ Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?

Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.“

Liebe Gemeinde,

einige Zahlen zu Beginn. Die stammen zwar aus dem Jahr 2001, aber es gibt nicht wirklich Gründe, davon auszugehen, dass sich allzu viel geändert hat. 2001 gab es ca. 400 Tausend Prostituierte in Deutschland. Von diesen 400 Tausend Frauen stammte 2001 ungefähr die Hälfte aus Ländern, die nicht der Europäischen Union angehören. Pro Tag gibt es mehr als eine Millionen Freier in Deutschland. Nicht nur in den großen Städten, auch hier „auf dem Land“. Oftmals nicht in Bordellen, für alle sichtbar, sondern in Wohnungen, gut versteckt. Insgesamt werden ca. 3, 25 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland mit Prostitution erwirtschaftet.

„Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.“ – Mehrfach ist ein solcher oder ähnlicher Satz im Neuen Testament, in den Erzählungen von Jesus, zu finden. Die Prostituierten als diejenigen, zu denen Jesus hingeht und mit ihnen zusammen ißt und trinkt. Die er immer wieder positiv hervorhebt, sie ins Zentrum stellt. Dabei fällt er kein moralisches Urteil über sie, sondern er stellt sie, von allen verachtet, nicht nur als sozusagen positives Beispiel in das Zentrum. Nicht nach dem Motto „Das gefallene Mädchen kehrt auf den Pfad der Tugenden zurück“ oder „Die reuige Sünderin“ mit all der klebrigen, bigotten Moral, die sich hinter solchen Sätzen versteckt. Nein, er geht wirklich hin zu ihnen, weil seine Botschaft ihnen gilt, weil er gerade zu ihnen gesandt ist. Er ge-braucht sie nicht als Probefeld seiner Botschaft, als besonders zugkräftige Werbung für die Kraft seiner Botschaft. Auch nicht als abschreckendes Beispiel. Nicht als schwarze Folie, auf der dann die Botschaft noch heller leuchtet. Das alles finden wir nicht bei Jesus. Er geht zu diesen Frauen um ihrer selbst willen. Zu ihnen, zu denen am Rande, ist er vor allem gesandt, mit seiner Botschaft von der Freiheit, die in ihm selbst Wirklichkeit wird.

Eine Gemeinde, die Jesus Christus in ihrem Zentrum hat, wird also auch immer diesen Weg Jesu gehen. Frei von moralischer Besserwisserei und Vorurteilen, von einem falsch verstandenen Bekehrungseifer. Sie wird zu diesen Frauen hingehen um ihrer selbst willen und um der Botschaft von der Freiheit willen, die in Jesus selbst Wirklichkeit wird.

Liebe Gemeinde,

damit das nicht nur eine Sonntagsrede bleibt und wir uns im September hier in Kurhessen-Waldeck im Monat der Diakonie befinden, einige ganz konkrete Gedanken. Prostitution ist das Thema an dem gesellschaftliche Verachtung, Bigotterie und die daraus entstehenden Strukturen der Abhängigkeit und Unterdrückung nicht nur vor Augen stehen, sondern jeden Tag das Leben von Frauen nicht nur beeinträchtigt, sondern zu einem Teil zur Hölle macht.

Prostituierte sind gesellschaftlich geächtet, stehen am Rande unserer Gesellschaft. Prostituierte müssen unter dieser Verachtung, dieser Bigotterie täglich leben. Keiner interessiert sich wirklich für die Gründe, warum sie dieser Tätigkeit nachgehen. Die Gründe, warum Frauen dies tun sind vielschichtig. In den meisten Fällen ist es aber ihre soziale Situation, die sie dazu bringt. Armut, fehlende Perspektiven. Wie viele von ihnen so freiwillig arbeiten? Das ist nur schwer zu beantworten. Wo fängt freiwillig an, wo hört es auf?

Frauen, die als Prostituierte arbeiten und ich nenne das hier ganz bewusst Arbeit, werden völlig ausgegrenzt. Bei den Freiern ist man da nachsichtiger. Auf die wird eher ein wenig mitleidig geschaut, mehr aber auch nicht. Und diejenigen, die an dem ganzen gut verdienen, die geraten überhaupt nicht in den Blick. Von den Männern spricht kaum einer, aber die Verachtung trifft die Frauen.

Dabei ist es gerade diese Verachtung, dieser bewusste Ausschluss, der Prostituierte in die Isolation und damit in die Abhängigkeit treibt. Der sie immer wieder zu Opfern macht von psychischer und physischer Gewalt. Eine Vielzahl von Prostituierten ist traumatisiert. Wo sollen sie aber auch Hilfe finden, wo Unterstützung, wo sie beschützende Strukturen in einer Gesellschaft, die auf sie hinabschaut. Wo immer schon der Satz mitschwingt: „Biste doch selbst schuld.“ Und wir Christen haben ordentlich zu dieser Tradition der Verachtung beigetragen – Martin Luther wollte sie gleich „rädern und ädern lassen“.

„Die im Dunklen sieht man nicht.“ – Man will sie nicht sehen und so können Frauen täglich Opfer einer der schlimmsten Verbrechen werden, des Menschenhandels und der Zwangsprostitution. Frauen, vor allem aus Ländern Ost- und Südosteuropas und Afrikas, werden, oft unter falschen Versprechen, nach Westeuropa gebracht. Hier werden sie unter Androhung oder Vollzug von Gewalt, Wegnahme aller Pässe zur Prostitution gezwungen. Einige wissen, was sie erwartet, aber ihre soziale Situation, die vermeidliche Aussicht auf schnelles Geld lässt sie diesen Schritt tun. Viele von ihnen wurden vergewaltigt, sind schwer traumatisiert, werden wie Waren zwischen den Bordellbetreibern und Zuhältern verkauft. Man geht davon aus, dass 30 Tausend Frauen jedes Jahr durch Frauenhandel nach Deutschland gelangen. Wenige von ihnen trauen sich, direkt Hilfe zu suchen. Halten sie sich doch oft illegal auf, sprechen die Sprache nicht, sehen sich kontinuierlich der Gewaltdrohung gegen sich oder Familienmitgliedern in der Heimat ausgesetzt. Einige von ihnen erkennen noch nicht einmal, was ihnen angetan wird. Haben sie doch nichts anderes in ihrem Leben erfahren als Gewalt und sexuelle Ausbeutung. Oft erst wenn sie bei Polizeikontrollen aufgegriffen werden, entsteht ein Kontakt wie z.B. zu FRANKA, der Beratungsstelle im Diakonischen Werk Kassel für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. Hier wird durch die Beraterinnen versucht, Frauen zu begleiten, ihnen hilfreich zur Seite zu stehen. Dazu gehört die Begleitung bei Vernehmungen bei der Polizei, bei der Organisation einer möglichen Rückreise. Allein schon die Hilfe im Wust all den Behörden, die nun alle irgendetwas von der betroffenen Frau wollen und dabei unterschiedliche Interesse haben. Die Polizei an Aussagen, die hilft die Hintermänner dingfest zu machen. Die Ausländerbehörde vielleicht, das Sozialamt. Und das alles in einem Land, dessen Sprache man nicht versteht und angesichts eines Lebens, dass vor allem eins gelehrt hat: Misstraue jedem und alles. Dieses Misstrauen abzubauen und so etwas wie eine Perspektive zu entwickeln ist dabei das  Ziel der Arbeit von FRANKA. Damit aber eine Perspektive möglich wird und ist, müssen sich die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umstände ändern. Damit Frauen eine Perspektive und eine Wahl haben. Sie finden am Ausgang Material von FRANKA zur Information. Bitte nehmen sie es sich mit.

Eine Gemeinde, die Jesus Christus als Zentrum hat, wird sich, nicht nur in ihrer Diakonie, Frauen in der Prostitution zuwenden und sie in ihrer Lebenslage unterstützen. Dazu gehören nicht moralische Apelle, sondern konkrete Hilfe, die diesen Frauen hilft. Versorgung mit Hygieneartikeln und Kondomen, Aufklärungsarbeit. Auch politische und gesellschaftliche Arbeit für die Verbesserung der Rechtsstellungen der Frauen ist erforderlich, so dass sie sich z.B. Kranken- und Sozialversichern können.

Dazu gehört aber insbesondere aber auch die bedingungslose Hilfe und Unterstützung für Frauen, die Opfer von Gewalt, Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden sind. Aber noch etwas ganz anderes, dass vielen von uns nicht angenehm sein wird: Unter den 1 Millionen Freiern pro Tag in Deutschland wird auch der ein oder andere Getaufte sein. Allein Adam Riese und die Regeln der Statistik legen diese Vermutung nahe. An sie soll hier appelliert werden, völlig abgesehen von der Frage, wie das zusammen passt mit dem Getauftsein: Wenn ihr zu Prostituierten geht, und ihr seht Anzeichen, dass sie vielleicht Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sind, dann wendet euch an die Beratungsstellen!

Und noch ein letztes gehört für uns als Gemeinde Christi dazu: Der Kampf gegen die Verachtung und Bigotterie. Das heißt Aufklärung über die tatsächliche Situation. Offene und frei von moralischen Vorurteilen geführte Gespräche in unseren Gemeinden über unser Bild von Sexualität, über unser Frauen- und vor allem – unser Männerbild.

Denn auch das gehört in eine Gemeinde, die Jesus Christus als Zentrum hat und seinen Weg geht.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: