Verfasst von: achterosten | 17. April 2011

Ein besonderes Gespür – Predigt zu Markus 14, 3-9

 17.IV.2011 (Palmarum)

Liebe Gemeinde,

der Predigttext aus dem Markusevangelium: „Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“

Liebe Gemeinde,

vielleicht ist es ihnen ja so in den letzten Tagen ergangen: Sie werden morgens wach, schauen aus dem Fenster und wissen auf einmal, der Frühling ist da. Oder sie kommen zur Arbeit oder an einen anderen Ort und merken irgendwie ist heute ein besonderer Tag. Irgendetwas ist anders, sie können es nicht genau sagen, aber in ihnen dieses Gespür, dass es eine besondere Zeit ist, zum Guten wie zum Schlechten. Oder anders gesagt: Einen guter Film ist ein Film der unweigerlich auf seinen dramatischen Höhepunkt zusteuert und dies so inszeniert, dass uns das nicht links und rechts um die Ohren geschlagen wird, sondern wir sozusagen unter der Haut spüren, dass es auf den unvermeidlichen Höhepunkt zusteuert. Wir nicht mehr von Außen als Beobachter zuschauen, sondern mit hineingenommen sind.

In einem solchem Drama, in einer solchen besonderen Zeit, die auf ihren unweigerlichen Höhepunkt zusteuert befinden wir uns in der gerade gehörten Szene. Die namenlose Frau, die Jesus salbt hat ein unvergleichbares Gespür für die besondere Zeit in der sie sich gerade befindet. Sie spürt das Drama um diesen Mann Jesus, das auf seinen unweigerlichen und unabänderlichen Höhepunkt zusteuert. Dieses muss sie schier überwältigt haben. Ihr ist bewusst, hier geht es um etwas Großes. Von den Umstehenden ist sie, die namenlose Frau, die Einzige, die das erkennt: Es geht um vieles, vielleicht sogar um alles. In ihrer Wahrnehmung wohl um etwas Einmaliges. Sonst würde sie nicht eine solche Kostbarkeit „verschwenden“. Kostbarstes, reinstes Nardenöl – ein wohlriechendes Öl, das einen weiten Weg vom Himalaya bis nach Bethanien hinter sich hatte. Mehr als 300 Silbergroschen der Preis, das ist der 1 ½ Jahreslohn eines Arbeiters zu der Zeit. Auf unsere Zeit umgerechnet um die 45 Tausend Euro. Und das um einen einzigen Mann eine kleine Wohltat auf seinem Weg in Leid und Tod zu erweisen. Der Name der Frau hat nicht bis in unsere Zeit überlebt, wohl aber die Kritik der Umstehenden. Die könnte heute genauso eins a in Talkrunden und aus den Leserbriefen dröhnen, in aller Häme und Verachtung: „Was soll diese Verschwendung? Was hätte man damit nicht gutes tun können?“ oder perfider „Was soll ihm diese Verschwendung nützen in Folter und Todesqual?“. Richtig, es wird ihm nichts nützen, es wird die Schmerzen nicht lindern, den Todeskampf nicht verhindern. Unter all diesen Gesichtspunkten muss man sagen: Ja, das ist reinste und unglaublichste Verschwendung. Aber man muss auch sagen: Das ganze Drama in dem wir uns hier befinden ist eine unglaubliche Verschwendung. Es wird ein Menschenleben verschwendet, geschlagen, gefoltert, verhöhnt und zum Sterben ans Kreuz gebunden. Was soll diese Verschwendung? Die namenlose Frau, sie weiß noch nichts von der Bedeutung, der Größe dieser Verschwendung eines Menschenlebens. Sie weiß noch nichts von Ostern, aber sie erkennt die Bedeutung der Zeit, der nächsten Tage, die alle Verschwendung rechtfertigt. Es geht um alles. Das Drama hier vor unseren Augen ist Grund allen christlichen Glaubens, aller christlichen Hoffnung. Hier bündelt sich alles, alle Linien laufen auf diesen einen Punkt am Ende dieser Woche zu. Hier geht es nicht um das christliche Abendland, hier geht es nicht um Moral, um ein christliches Lebensgefühl und auch nicht um die Kirche. Und schon gar nicht lässt sich damit begründen, dass das Zeichen dieses Dramas, das Kreuz, in Schulklassen, Gerichten etc. hängt. Wer davon redet, dass das Kreuz ein Symbol der christlichen Haltung, den Werten unserer Gesellschaft oder gar von Frieden und Toleranz ist, der macht dieses Drama dort am Kreuz klein. Der sitzt in den Reihen derjenigen, die die Frau verklagen angesichts ihrer Verschwendung. Der will dieses Drama klein machen, schäbig. Der legt die Kategorien unseres Alltages an. Aber hier ist kein Alltag mehr. Wo kostbarstes Öl vergossen wird, wo ein Menschenleben verschwendet wird, da ist kein Alltag mehr. Hier geht es um alles oder nichts. Hier nimmt alles seinen Ausgangspunkt.

Liebe Gemeinde, ich kann dieses Drama nicht plausibel machen. Nicht herbeipredigen, dass das Bewusstsein der unbekannten Frau ihres wird. Wie soll man auch ein Drama erklären in plausiblen Kategorien, dass außerhalb unseres Alltages liegt und doch alles mit unserem Alltag, unserem Leben zu tun hat. Die Kategorien werden auf den Kopf gestellt. Hier wird ein blutiges Schauspiel voller Folter, Blut, Tränen und Schweiß, voller Hohn und Spott zum Zeichen der Hoffnung. Zum Ausgangspunkt all dessen, was wir über Gott sagen können. All das, was wir meinen über Gott sagen zu können, all unsere allgemeinen Aussagen über ein höheres Wesen, über das, was da irgendwo ist. Auch all die Anknüpfungspunkte unseres Menschseins, unserer Erfahrungen, unserer Gefühle, die der christliche Glaube vermeintlich bietet, hier ist ihr Prüfstein, ihr Maßstab. Alles was wir in und aus dem christlichen Glauben heraus über Gott und uns sagen können, in diesem Drama hat es seine Wurzeln. An diesem Punkt entscheidet sich, welcher Gott es ist, auf den wir hoffen, zu dem wir beten, dem wir uns unendliche nahe oder auch unendlich fern fühlen. Dieses Drama, der Tod Jesu, von dem gesagt wird, er sei der Sohn Gottes und damit Gott selbst, kann nicht einfach beiseite geschoben, schnell übergangen werden. Karfreitag ist nicht ein etwas düsteres Vorspiel der Ostertage. Keine Ouvertüre, keine Einstimmung, die schnell abgehakt werden kann um dann aber mal ganz schnell zum angenehmeren Teil überzugehen. Es handelt sich auch nicht um eine Episode unter vielen, die man in der Kirche erzählt bekommt, so zwischen erstem Advent und Totensonntag.

Wenn es aber um alles geht, um den christlichen Glauben und unser Bild von Gott, dann sind angesichts dieses Dramas all unsere Kräfte nötig, um uns damit auseinandersetzen. Eine Annäherung an die Frage, was geschieht dort wirklich, was bedeutet es, wenn wir sagen, dass Gott in seinem Sohn „Für uns“ gestorben ist. Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Schon im Neuen Testament finden wir die unterschiedlichsten Auffassungen, was dieser Tod „Für uns“ bedeutet. Wir finden die Darstellung eines souveränen Jesus, der selbst am Kreuz noch keine Spur dieser Souveränität, dieser Majestät verliert, wie im Johannesevangelium. Und wir finden dagegen den von der Angst gequälten, den zitternden Jesus, der schließlich am Kreuz nur noch schreien kann: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Alle Autoren betonen einen anderen Aspekt dieses Dramas. Paulus mehr die Befreiung von der Sünde, andere mehr den vollendeten Gehorsam Jesu gegenüber Gott. Vielstimmig ist der Chor.

Überschattet ist für uns heute aber diese Frage von einem Irrweg, der vor über tausend Jahre gegangen wurde und bis heute unsere Sicht auf den Tod dort am Kreuz prägt, wenn nicht verdüstert. Der Mann am Anfang dieses Irrweges hieß Anselm von Canterbury, sein Buch „Cur deus homo“, „Warum Gott Mensch werden musste“ um 1095 geschrieben. Seiner Meinung nach stand Gott vor der Entscheidung angesichts der Schlechtigkeit der Menschen sie entweder vernichten zu müssen oder ein Opfer zu erhalten, das all diese Schlechtigkeit des Menschen sühnt. Salopp gesagt, da aber dies kein Mensch schaffen konnte, blieb Gott nichts anderes über, als selbst in seinem Sohn dieses Opfer zu sein. Fazit: Gott braucht ein blutiges Opfer, um sich den Menschen zuwenden zu können. In sich ist diese Vorstellung durchaus logisch und nachvollziehbar, aber sie vernachlässigt den vielstimmigen Chor der Bibel. Sie vernachlässigt die Freiheit und Liebe Gottes zugunsten der  Erfüllung einer gerechten Ordnung, die Gott sich selbst und der Welt gegeben hat. Wie fatal die Wirkungsgeschichte! Ein nach Rache und blutigem Opfer dürstender Gott, der besänftigt werden muss durch Folter, Qual und Tod eines Menschen geistert seit dem durch Predigten, Gottesbildern, Liedern und Gebeten. Dieser Irrweg macht es gerade für uns heute schwierig sich diesem Drama, von dem uns erzählt wird, auszusetzen. Uns und unsere Gottesbilder davon in Frage stellen zu lassen, denn wer betet schon gerne einen düsteren Rachegott an.

Aber auch dieser Irrweg führt uns das vor Augen, was die namenlose Frau spürt: Die Bedeutung dieser Tage, die vor uns liegen. Es geht um alles in dieser Woche.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: