Verfasst von: achterosten | 23. Januar 2011

Wunder? – Predigt zu Johannes 4, 46-54

(III. So. n. Eph., 23.I.2011)

„Sechs Minuten noch im Wankdorfstadion in Bern – keiner wankt. Unaufhörlich prasselt der Regen hernieder, es ist schwer, aber die Zuschauer harren aus. Wie könnten sie auch? Eine Fußballweltmeisterschaft ist nur alle 4 Jahre. Und wann sieht man ein solches Endspiel? […] Bozisk, immer Bozisk der rechte Läufer der Ungarn hat den Ball – verloren, diesmal an Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt… Tooor! Tooor! Tooor! Tooor!. […]

Drei zu zwei führt Deutschland fünf Minuten vor dem Spielende. Halten sie mich für verrückt, halten sie mich für übergeschnappt. [..] Deutschland ist wieder im Ballbesitz. Rahn hat den Ball bekommen. Rahn spielt zu Fritz Walter. Ball verfehlt. Puskas am Ball im Mittelkreis – aber Eckel springt dazwischen – hat abgewehrt. Die ganze deutsche Mannschaft setzt sich ein – mit letzter Kraft, mit letzter Konzentration. Ottmar Walter fällt hin. Boszik an zwei Deutschen vorbei – jetzt haben die Ungarn eine Chance- spielen ab zum rechten Flügel – Czibor – jetzt ein Schuß! Gehalten von Toni! Gehalten! […] Die Ungarn erhalten einen Einwurf zugesprochen. Der ist ausgeführt – kommt zu Boszik- aus. Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister. Schlägt Ungarn mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern.“

 

„Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.“

 

Liebe Gemeinde,

zwei Wunder – Das erste, das Wunder von Bern. Deutschland wird 1954 zu mindestens für viele „Fußballlaien“ völlig überraschend Weltmeister; und dann auch noch gegen Ungarn, weltbeste Mannschaft und Topfavorit. Jeder in Deutschland der 1954 mindestens drei Jahre alt war, nicht völlig hinter dem Mond lebte oder von einer schlimmen Fußballallergie betroffen war, weiß noch heute, wo er die Stimme aus dem Radioapparat gehört hat. Die Stimme, die vor lauter Begeisterung über „Toni, dem Fußballgott; Helmut Rahn und den Puszta-Söhne“ fast aus dem Lautsprecher heraussprang. Gefühlt mindestens jeden 1 ½ Jungen in Deutschland konnte man danach nachts um drei aus dem Bett reißen und er konnte einem nicht nur den Namen der gesamten Mannschaft samt Trainer nennen, sondern mindestens auch den Namen des Busfahrers, der die Mannschaft zum Endspiel fuhr. Deutschland ist Fußballweltmeister 1954 – ein Wunder?

Das zweite Wunder, eher nüchtern geschildert. Ein verzweifelter Mann, ein Jesus, der einen leicht angenervten Eindruck macht. Ein Junge, der gerade in dem Moment gesund wird, in dem Jesus die Worte spricht „dein Sohn lebt“ – ein Wunder?

 

Liebe Gemeinde, in dieser Geschichte gibt es einen wunderbaren Satz, der zunächst doch so hart klingt, eher wie ein Urteil und den Eindruck erweckt, das Jesus entnervt ist. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“

Und ich unterschreibe diesen Satz sofort und mit voller Begeisterung, denn genau so ist es: „Ich glaube nicht, wenn ich nicht Zeichen und Wunder sehe.“ Es gibt so eine Sache, die mich immer wieder ärgert, wenn ich die Bibel lese und ich weiß noch nicht so ganz genau, ob das eher an einer gewissen kirchlichen Tradition liegt, die mir beim Lesen eine bestimmte Brille verpasst oder ob es nicht doch schon von den Autoren in den Texten angelegt ist: Diese hohe Betonung des Glaubens, der ohne Zeichen und Wunder auskommt, gerade auch im Johannesevangelium. Aus einem bestimmten theologischen Blickwinkel ist das ja auch richtig und ich kann das gedanklich auch nachvollziehen, aber ich lese halt in der Bibel auch vieles anderes. Warum ist denn die Bibel ein solch schönes Buch, weil sie intellektuelle Richtigkeiten enthält? Oder doch eher, weil sie ohne Ende von Zeichen und Wundern erzählt? „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Genau so ist es!

Dieser Satz stimmt aber erst dann, wenn man der Frage nachgeht: „Was ist denn ein Wunder?“. Und da unterscheidet sich das Wankdorfstadion 1954 n.Chr. gar nicht so sehr von Kana ca. 30 n.Chr. Kommen sie mit, nehmen sie Platz auf der Tribüne und auf dem staubigen Platz in der kleinen Stadt in Galiäa, um zu sehen, was ein Wunder ist.

 

Ist ein Wunder wirklich die Außerkraftsetzung der Naturgesetze? Das mag jetzt ungewohnt klingen, bringen wir doch Wunder gerade damit in Verbindung. Vielleicht aber ist dies der Grund für unser Problem mit „Wundern“. Ich sehe weder in Bern noch in Galiläa Außerkraftsetzen von Naturgesetzen – der Ball im Wankdorfstadion ist immer noch rund. Den genauen medizinischen Grund für die Heilung des Jungen kennen wir nicht, er spielt auch keine Rolle. Wunder haben nichts mit Magie, mit Zauberei zu tun. Die deutsche Mannschaft war gut trainiert, Herberger war ein gewiefter Taktiker und vielleicht spielten da auch gewisse Spritzen mit Vitamin C in der Kabine eine Rolle. Jesus vollzieht keine magischen Handlungen, spricht keine Zauberformeln.

 

Ist ein Wunder auch immer sozusagen rein, frei von allem menschlichen, allem menschlichen Makel? Als die deutsche Nationalhymne nach dem Spiel im Stadion ertönte, erschall aus hundert Stimmen „Deutschland, Deutschland über alles“. Mehrere Radiostationen blendeten daraufhin entsetzt die Übertragungen aus. Mit Nachsicht könnte man ja sagen, dass die meisten ehemaligen deutschen Volksgenossen sich so anstrengen mussten, bei Ertönen der Nationalhymen nicht den rechten Arm hochzureißen, dass sie sich da nicht noch auf das Singen der „richtigen“ Strophe konzentrieren konnten.

Wir wissen auch nicht, was aus dem geheilten Junge geworden ist, aber eines wissen wir sicher- auch er wird irgendwann früher oder später gestorben sein.

 

Was aber macht dann ein Ereignis zu einem Wunder? Ein Wunder wird für uns zu einem Wunder, weil es uns in einer ganz bestimmten Situation trifft, in ganz bestimmten Situationen geschieht. Ein Wunder wird zu einem Wunder, weil es in der Hoffnungslosigkeit, in der Verzweiflung, in der Ausweglosigkeit geschieht. Völlig unerwartet, keiner rechnet mehr damit. Deutschland ´54 – ein Land immer noch äußerlich und innerlich gezeichnet von den Narben des Krieges, international geächtet, zerrissen. Das Bewusstsein angesichts der millionenfachen Schuld, die die Deutschen auf sich geladen haben wird mühsam unter Aufbringung aller Kräfte totgeschwiegen. Und dann die Fußballweltmeisterschaft, die Freude im ganzen Land, später werden Historiker davon sprechen, dass dies die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik ist. Elf Mann und ein Pokal werden zum Zeichen der Hoffnung.

Ein Vater, verzweifelt und hoffnungslos, weil sein Kind todkrank ist und keine Heilung in Aussicht ist. Ein verzweifelter Gang und eine unerwartete Gesundung werden zum Zeichen der Hoffnung.

Wunder sind Zeichen der Hoffnung in aller Verzweiflung. Auch wenn wir sie gar nicht selbst erlebt haben, uns von ihnen erzählt wird. Die Erzählungen von Wunder lasse uns hoffen. Wie letztes Jahr an jenem Bergwerk in Chile in den Tagen als es noch nicht sicher war, ob die Rettung der Bergleute gelingen würde. Wie war mir da die Dahlbuschbombe, jenes Gefährt mit dem sie aus der Tiefe geholt wurden, ein Zeichen der Hoffnung. Ich dachte an das Wunder von Lengende. Es gab doch schon einmal so ein Wunder, warum nicht hoffen, dass es wieder so ist?

Und so sind die geschehenen Wunder Zeichen der Hoffnung, dass es wieder geschehen kann.

 

An diesem Punkt verlassen wir das Stadion, bleiben aber noch auf dem staubigen Platz in Galiläa. Denn für was uns Wunder ein Zeichen sind, dass ist der große Unterschied. Bern kann uns Zeichen sein vielleicht für Mannschaftsgeist auch in Zeiten der Trostlosigkeit.

Das uns erzählte Wunder von dem Vater will uns Zeichen sein für den, der dort spricht: Jesus Christus, Gott in unserer Welt. Er ist es wirklich, in ihm ist wirklich Gott in unsere Welt gekommen. Gott ist in unsere Welt gekommen, nicht als magische Erscheinung, frei von allem menschlichen. Sondern als Mensch, als einer vor uns, mit unseren Freuden, mit unseren Schmerzen. Und das uns dieses Wunder zu diesem Zeichen wird, dass ist das größte Wunder. Das wir das glauben können, dass dort wirklich Gott in unsere Welt gekommen ist, dem Tod seine Macht genommen hat. Der Glaube ist das größte Wunder, denn er ist da, völlig unerwartet, nicht als magisches Ereignis, als Zeichen der Hoffnung, als Geschenk in aller Verzweiflung.

Und so kann ich ihn mit vollem Herz zustimmen, diese wahren Satz Jesu über uns Menschen: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Ich glaube, weil ich diese Zeichen und Wunder gesehen habe, und dass ich das kann, ist dabei das größte Wunder von allen. Die kleinen und großen Dinge im Alltag, im Leben, in der Welt können wir so als Wunder erleben, als ein Zeichen der Hoffnung. Als Zeichen, die mich in meinem Glauben trotz allem Zweifel auf den hinweisen, der Grund und Ziel aller Hoffnung ist: Gott, der Herr. So kann ich mit den Bergleuten aus der Grube in Chile Gott loben und danken und mit dem Vater aus Galiläa hoffen.


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