Verfasst von: achterosten | 31. Oktober 2010

Von Angsthasen & Löwen – Predigt zu Römer 8, 21-28

(Predigt zu Röm 8, 21-28 , Reformationstag 31.X.2010

Liebe Gemeinde, ein Bericht:

„So erfordert jedoch die Folge meiner Geschichte, daß ich hinterlasse, was für Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden (…)

Das erste, das diese Reiter taten, war, daß sie ihre Pferd einstellten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, (…) unser Magd ward im Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte, welches zwar eine Schand ist zu melden! den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperrholz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Jauchewasser in Leib, das nenneten sie ein Schwedischen Trunk, (…).

Da fing man erst an, die Stein von den Pistolen, und hingegen an deren Statt der Bauren Daumen aufzuschrauben, und die armen Schelmen so zu foltern, als wenn man hätt Hexen brennen wollen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Backofen steckten, und mit Feuer hinter ihm her waren, ohnangesehen er noch nichts bekannt hatte; einem andern machten sie ein Seil um den Kopf und drehten es mit einem Bengel zusammen, daß ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren heraus sprang. (…) [Grimmelshausen, Simplicissimus, leicht angepasst durch den Verf.]

Ein anderer Bericht:

Am Morgen tönt der Befehl über den Hof: „Ganze Kompanie antreten!“ Als alle in Reih und Glied angetreten sind, der nächste Befehl: „Wessen Name verlesen wir, raustreten!“ Und schon wird die Liste mit Namen verlesen, schließlich auch seiner. Er tritt vor, zu der Gruppe von Männern, die sich verstohlen ein wenig ratlos, aber auch ängstlich anschauen. Der dritte Befehl: „Ganze Kompanie, wegtreten!“  Als der Hof bis auf die Gruppe von Männern und den Offizieren leer ist, fahren LKWs vor, an den Steuern Männer in Zivil. Stumm werden sie angewiesen auf die LKW zu steigen, die Planen werden heruntergeschlagen und die Fahrt in das sonnendurchtränkte Land geht los. Plötzlich hält der LKW, die Plane wird weggeschlagen, die Sonne blendet sie so, dass sie nur die Gewehre sehen, die auf sie gerichtet sind. Die Gesichter dazu können sie nicht erkennen. Er steigt vom LKW, wird herumgerissen, seinen Hände gefesselt, die Augen verbunden. Verfluchungen und Tiraden von Schimpfwörtern ergießen sich über die gefesselten Männer und verhallen in der Karstlandsschaft. Eine Stimme packt ihn am Ellenbogen, schiebt ihn vor sich her. Er weiß, was auf ihn wartet – der Abgrund, jene düstere Tradition in diesem Teil der Erde. Er spürt die scharfe Felskante, die Stimme neben seinem Ohr spricht und schon verlieren seine Füße den Halt.

Ein Hirte findet ihn nach ein paar Tagen, verletzt, völlig ausgedörrt. Er gibt ihm zu trinken, bringt ihn in ein Krankenhaus. Dort liegt er in der Ambulanz auf einer Trage, neben ihm, hinter einem Vorhang, behandelt der Arzt einen anderen Patienten. Der Arzt dreht sich um und gibt der Schwester eine Anweisung. Die Stimme hinter dem Vorhang er kennt sie. Sie ist die Stimme neben seinem Ohr, bevor eine Hand ihn in den Abgrund stößt. [nach einem mündlichen Bericht eines Kroaten, Sommer 2010]

Liebe Gemeinde, zwei Berichte. Der eine ist knapp 350 Jahre alt, aus dem Dreißigjährigen Krieg. Er berichtet wie eine Soldateska in ein Dorf im Spessart einfällt. Der andere, 15 Jahre alt, aus dem Krieg des zerfallenden Jugoslawien, erzählt von den angeblichen Ermordungen serbischstämmiger Soldaten in der kroatischen Armee. Von beiden Berichten wissen wir nicht, ob es sich wirklich so zugetragen hat. Angesichts der Gräueltaten in beiden Kriegen erscheinen sie aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Verschieden Zeiten, ein anderer Ort, aber eines verbindet die beiden Berichte: Sie erzählen vom Krieg und von Gräueltaten Christen gegen Christen. Protestanten gegen Katholiken, Katholiken gegen Orthodoxe. Die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gruppe, zu einer christlichen Konfession ist dabei das ausschlaggebende Merkmal: Sie entscheidet wer Feind ist und im Hintergrund stehen Pfarrer, Priester und Popen und hetzen die Menschen auf. Nur zwei Berichte aus Vergangenheit und Gegenwart und uns fallen ohne großes Nachdenken noch Dutzende mehr ein. Nichts von den angeblichen christlichen Werten, die Europa bestimmen. Das sind keine Taten von „islamischen Horden“, die ja, glaubt man den geistigen und tatsächlichen Brandstiftern, nicht nur vor den Toren Europas stehen, sondern schon mitten unter uns sind. Hier kämpften und kämpfen, morden, brandschatzen und vergewaltigen Christen Christen und alle tragen den Namen Gottes auf ihren Fahnen.

Was aber hat das mit dem Reformationstag zu tun, dem „Geburtstag“ des Protestantismus, uns Evangelischen zu tun? Diesem Tag, an dem die Fragen laut wird, Was ist denn nun das Evangelische, das Neue oder besser, das Wiedergefundene?

Vor knapp 500 Jahren fanden Christen das Geschenk Gottes wieder: Die Freiheit von unserer Angst. Die Verheißung Gottes, dass nicht die Dinge, die uns Angst machen, die Macht über diese Welt und uns haben, sondern letztlich Gottes uneingeschränkte Liebe zu uns. Das wurde in der Reformation wiedergefunden, die Verheißung Gottes. Seine Zusage, sein Ruf an uns: Ihr seid und werdet frei sein von der Macht all der Dinge, die euch Angst machen, denn ich mache euch frei, ohne das ihr euch das „erarbeiten“ könntet oder müsst.

Es ist nicht unser Verdienst, diese Freiheit, sie ist uns verheißen. Auf sie hoffen wir. Diesen Ruf wieder laut werden zu lassen, ihn nicht durch Geschrei von kirchlicher Macht zu übertönen, das ist in der Reformation geschehen. Das ist unsere Rolle als Evangelische und Protestanten in der Welt. Immer wieder uns gegenseitig an dieses Geschenk zu erinnern, an unsere Hoffnung, wenn die Angst kalt in uns aufsteigt, unser Herz erstarren lässt, unsere Gedanken vernebelt. Uns erzählen und erzählen lassen von der geschenkten Freiheit.

Wenn die kalte Angst da ist, dann summe ich oft das Lied „Befiehl du deine Wege..“, entstanden mitten in den Grausamkeiten des 30jährigen Krieges. Dann schreie ich mit dem 22. Psalm die Verzweiflung heraus, weil die Angst verschwinden soll. Dann höre ich Johnny Cash, einer meiner Vorbilder im Glauben und hoffe auf die Freiheit von der Angst.

Freiheit von der Angst, die in Kriege und Gräuel führen, wie wir sie zu Beginn gehört haben, das ist die Losung dieses Tages. Diese Kriege wurden und werden aus Angst geführt. Angst vor Machtverlust, Angst vor Bedeutungsverlust und letztlich Existenzangst, denn wenn der andere herrscht, was wird aus mir, aus uns? Angst, die nicht der Verheißung Gottes traut, nicht der Kraft des geschenkten Glaubens, der Kraft der geschenkten Liebe. Angst, die nicht nur Christen gegen Christen hetzt, sondern gegen jeden Menschen. Angst, die in Verzweiflung und schließlich in tödlichen Haß führt und ihn nährt.

Sowohl an unsere Geschichte von dem Wiederfinden des Geschenk Gottes dem Geschenk der Freiheit von unserer Angst als auch an die Geschichte des tödlichen Haß unter uns, an sie sollen wir uns heute erinnern, damit wir heute die Stimme erheben können. Denn die Angst geht heute um: Die Giftmischer sind unter uns und machen sich die Ängste der Menschen zunutze für ihre kranken Pläne, ihre eigenen Egomanie. Das Gespenst einer islamischen Bedrohung steigt aus ihren Giftküchen und vernebelt uns die Sinne, so dass wir in jedem Kopftuch, in jedem Minarett unsere Zukunft und die unserer Kinder in Unterdrückung sehen. Sie nähren mit ihren Giftschwaden unsere Angst, bis sie in tödlichen Haß umschlägt. Sie machen uns Angst und versprechen uns die Erlösung von der Angst. Worin besteht aber ihre Erlösung? In Unterdrückung der Freiheit des anderen, letztlich in Haß und Gewalt. Sie reden von „christlichen Werten“ und treten die Gebote Gottes mit Füßen!

Hören wir auf den Ruf Gottes, dass es kein Ding in der Welt mehr gibt, das uns Angst machen kann und soll. Sein Ruf, der Freiheit verheißt. Freiheit von der Angst, die nicht in der Unfreiheit anderer Menschen besteht. Freiheit, die die Giftnebel in unserem Kopf vertreiben. Uns die Klarheit gibt, die unterscheiden kann zwischen Islam und Islamismus, zwischen Religion und Politik. Die die Realität erkennen kann, dass Menschen mit islamischen Glauben längst Teil unserer Gesellschaft sind und das nicht den Untergang des Abendlandes bedeutet. Das wir die Hassprediger auf allen Seiten erkennt und benennt. Klarheit, die erkennt, dass „Leitkultur“ viel mit Leithammel und wenig mit Kultur zu tun hat. Dass wir wissen wie gefährlich das Spiel mit der Angst ist.

Heute ist Reformationstag, so will ich es am Ende deftig sagen: Das ist Reformation heute, wenn wir in Hoffnung auf die herrliche Freiheit der Kinder Gottes weniger elende Angsthasen sind, sondern laut brüllende Löwen gegen das tödliche Spiel mit der Angst.


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