Verfasst von: achterosten | 4. August 2014

Der Name – Das Dritte Gebot (Predigt zu Exodus 20, 7)

Predigt zu Ex 20, 7 (03.VIII.2014, VII. Sonntag nach Trinitatis)

 

Liebe Gemeinde, es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Der König sprach zum Müller „das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie Morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.“ Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach „jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rath: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfieng. Da gieng auf einmal die Thüre auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach „guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ „Ach,“ antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe das nicht.“ Sprach das Männchen „was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ „Mein Halsband“ sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so giengs fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenaufgang kam schon der König und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Noch zwei weitere Nächte musste die Müllerstochter Stroh zu Gold spinnen und jedes Mal half ihr das Männlein, in der dritten Nacht aber hatte die Müllerstochter nichts mehr, was sie im geben konnte:

„So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Sie versprach also dem Männchen was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles fand wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach „nun gib mir was du versprochen hast.“ Die Königin erschrack und bot dem Männchen alle Reichthümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach „nein, etwas lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fieng die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fieng sie an mit Caspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein „so heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag sagte sie dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor, „heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“ aber es antwortete immer „so heiß ich nicht.“ Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte „neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie

 

 

„heute back ich, morgen brau ich,

übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;

ach, wie gut ist daß niemand weiß

daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

 

Da könnt ihr denken wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein herein trat und fragte „nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst „heißest du Kunz?“ „Nein.“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wuth den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.

 

Liebe Gemeinde, sie werden es erkannt haben, das Märchen vom Rumpelstilzchen, vom kleinen Männchen, das versucht seinen Namen nicht preiszugeben, ihn geheim zu halten, namenlos, anonym zu bleiben. Warum aber ist dem Rumpelstilzchen das so wichtig? Er hätte der Königin doch auch eine andere schwierige, vielleicht sogar noch schwerer zu lösende Aufgabe stellen können: „Welche Socke ziehe ich immer als erstes an, die recht oder die linke? Was ist meine Lieblingsfarbe?“ Warum also der Name?

Unser Name macht uns erkennbar, ja unverwechselbar. Wenn er irgendwo erklingt, geschrieben steht, dann fühlen wir uns angesprochen. Unser Name gehört zu uns. Das Wissen um den Namen, das Kennen des Namen gibt uns Macht. Wenn ich weiß, wie jemand heißt, dann ist er für mich erkennbar. Und wann wenn nicht in unseren Zeiten wird uns das deutlich vor Augen geführt, wie viel der Name mir an Informationen und Wissen über einen Menschen liefern kann. Sagen sie mir ihren Namen und dank Google bekomme ich ihre Adresse, ihren Arbeitsplatz heraus. Vielleicht weiß ich dann sogar wie sie in Badehose am Strand von Mallorca aussehen oder bei Omas Goldener Hochzeit zu fortgeschrittener Stunde auf dem Tisch tanzten. Und bei der nötigen kriminellen Energie kann ich da noch ganz andere Sachen machen mit ihrem Namen. Dem Internet sei dank. Und wer klug ist, die oder der nimmt sich mittlerweile Rumpelstilzchen zum Vorbild und bleibt möglichst namenlos beim täglichen Surfen. Denn wer meinen Namen kennt, der hat Macht über mich. Jemanden meinen Namen zu nennen, das setzt immer mehr Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, dass der andere es mit mir gut meint. Mein Vertrauen nicht missbraucht, indem er meinen Namen missbraucht.

Die höchste Stufe des gegenseitigen Vertrauens ist es dann, wenn ich jemanden erlaube, ihn bitte, in meinem Namen zu handeln. Welch ein hohes Maß an Vertrauen ist nötig, um so etwas einem anderen Menschen zuzugestehen: „Handel du in meinem Namen, ich vertraue dir, dass du das tun wirst, was gut für mich sein wird. Ich vertraue darauf, dass du das tun wirst, was mich, meine Person, meine Wünsche achtet.“ Und welch eine Verantwortung für die, der das gesagt wird, welch einen verletztlichen Schatz bekommt sie da überreicht. Das ist, dass sei dann doch am Rande erwähnt, in meinen Augen, eine der wenigen wirklich guten Begründungen für die Ehe, egal ob hetero- oder homosexuell: Die Ehe als Institution, in der dieser Vorgang des tiefen Vertrauen von Recht und Gesellschaft akzeptiert und vor Übergriffen jeglicher Art geschützt wird. Das aber nur am Rande.

Liebe Gemeinde, in meiner Predigtreihe zu den zehn Geboten will ich  aus diesem Blickwinkel, aus dieser Perspektive des Vertrauen das Dritte Gebot, das heute an der Reihe ist, lesen und verstehen: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“

Dieses Gebot erscheint mir wie eine Erinnerung an die vielen Geschichten der Bibel, in der das erzählt wird, was ich zu dem Verhältnis von Namen, Macht und Vertrauen gesagt habe: Gott nennt den Menschen nicht nur seinen Namen und gibt ihn damit preis, sondern er sagt zu den Menschen: „Handelt in meinem Namen, an meiner Stelle. Ich schenke euch das Vertrauen, das ihr das tun werdet, was gut für diese Welt ist.“ Und das ist doch ein ungeheurer Vorgang, der ist so ungeheuerlich, das andere Autoren der Bibel, auch versuchen, ihm ein wenig seine Radikalität zu nehmen. Denn was ist damit denn gesagt? Gott gibt seine Macht ab, gibt sein Werk in die Hände der Menschen. Er vertraut dem Menschen, vielleicht muss man sogar sagen, wider besseren Wissens. Er vertraut den Menschen seinen Namen an, ruft uns auf, in seinem Namen zu handeln.   Das dritte Gebot ist eine Erinnerung an dieses Vertrauen Gottes zu uns Menschen. So wie wir den Menschen um uns her begegnen, so begegnen sie Gott, um das mal so ganz zugespitzt zu sagen! Welch ein großes, aber auch welch ein gefährliches Zeichen des Vertrauens, das in unsere Hände gelegt wird. Denn was machen wir daraus? Wir können „Gott mit uns“ auf unsere Koppelschlösser schreiben, wie vor hundert Jahren, Elend, Tod und Leid über diese Welt bringen und die Menschen an Gott so verzweifeln lassen. Oder wir können den anderen, den täglichen Kampf führen: Den, uns den Menschen zuzuwenden, ihnen mit offenen Händen zu begegnen und so die Hoffnung wachsen zu lassen, das es Gott gut mit uns meint, das es ein gutes Ziel für die Welt gib. Die beiden Wegen liegen idealtypisch gedacht vor uns, denn Gott hat uns seinen Namen anvertraut, zum Guten wie zum Schlechten. Wir können damit Elend und Tod über die Welt bringen, denn kaum ein Krieg ist grausamer, als der, der sich Gott auf die Fahnen schreibt. Wir können aber auch Leben und Frieden säen, denn kaum eine Hilfe ist zärtlicher, freier, als die, die in sich den Glauben trägt und im Namen Gottes geschieht.

 

Verfasst von: achterosten | 22. Juni 2014

Götzenstatuen und anderes – Predigt zu Exodus 20, 4-6

Predigt zu Ex 20, 4-6 (I. Sonntag nach Trinitatis, 22.VI.2014)

 

Liebe Gemeinde, das Zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“

 

Liebe Gemeinde, was sollen wir heute mit diesem Gebot anfangen? Als es damals niedergeschrieben wurde hatte es eine ganz bestimmte Situation vor Augen: Die Menschen aus dem Volk Israel sollten sich keine Götterstatuen bauen. Weder von irgendwelchen Göttern, die von anderen Völkern verehrt wurden, noch von dem einem Gott, der sie aus der Knechtschaft geführt hat. Denn genau das ist mit den Wörtern „Gleichnis“ und „Bildnis“ gemeint. Keine allgemeines Bilderverbot, sondern wirklich ganz konkret das Verbot von Götterstatuen oder anderen Gegenständen, die als Sitz eines Gottes angebetet wurden. Daraus ein Verbot jeglicher bildlicher Darstellung abzuleiten, geht an diesem konkreten Bezug vorbei. Auch der immer wieder durchgeführte Versuch, meist mit erhobenen Zeigefinger, man solle sich kein allzu genaues Bild von der Welt machen, ist vielleicht eine guter allgemeiner Lebensratschlag. Auf das Zweite Gebot aber kann er sich dabei nicht berufen.

Es bleibt also dabei, die Forderung des Zweiten Gebotes ist der Verzicht auf jede Form von Götterstatue oder ähnlichem.  Jetzt ist es aber so, das behaupte ich mal ganz ungeschützt, dass sich die wenigsten von uns und von unseren Nachbarn heute in ihrem Hobbykeller an die Töpferscheibe setzen und sich dort eine Statue oder ähnliches basteln, im Wohnzimmer aufstellen und diese nun zum Haus- und Familiengott erklären. Die dann auch noch sozusagen nicht nur als Symbol dort steht, sondern wirklich in dieser Figur anwesend ist, in welcher Form auch immer. Dafür haben dann doch 2000 Jahre Christentum, die Aufklärung und all die ganzen anderen geistesgeschichtlichen Entwicklungen gesorgt, dass so etwas eher nicht zu erwarten ist.

Und nun? Dann können wir doch ein Haken an das Gebot machen und es aus unserer Liste streichen. Aufgabe erfüllt und da waren es dann nur noch neun Gebote. Das kommt auch jeder Konfirmandin, jedem Konfirmanden entgegen, ist doch gleich ein wenig weniger zu lernen. Grundsätzlich kann ich diesem Gedanken zustimmen. Es gibt nun mal Texte der Bibel, die so in ihrem historischen Kontext verankert sind, so auf eine ganz spezielle Situation bezogen sind, dass wir nur zwei Möglichkeiten haben, mit ihnen heute umzugehen: Wir tun ihnen Gewalt an und verbiegen sie so, das wir ihnen ein Thema, eine Botschaft zuordnen, die etwas mit uns heute zu tun hat, aber leider so gar nichts mit dem Text. Strikt nach dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Beim Zweiten Gebot gerne der Versuch, dass wir uns kein festes Bild von Gott machen sollen, ihn nicht festlegen sollen oder noch besser, gar kein Bild von ihm / ihr machen. Das ist ja schon angesichts von 2000 Jahren europäischer Kunstgeschichte und der psychologischen Verfasstheit des Menschen ziemlicher Schmarrn. Mal ganz zu schweigen von der eigentlichen Zielrichtung des Textes des Zweiten Gebotes. Der malt uns ja gleich in seinem zweiten Teil in den glühendsten Farben ein Bild Gottes: Das eines völlig entbrannten, sich verzehrenden Liebhabers.

Die zweite Möglichkeit: Wir nehmen den Text so wie er ist, lassen ihn so stehen, gerade auch so fremd wie er uns ist. Und gerade in dieser Fremdheit, wo wir uns fragen: „Was soll das Ganze jetzt? Das ist eine Antwort auf eine Frage, die ich gar nicht habe.“ Wir können aber  doch den Text als Anstoß zum Nachdenken, sozusagen als Startplattform nehmen, auch gerne für ein bisschen Gedankenspiele. Das wär doch schon mal was.

Genau das will ich mit dem Zweiten Gebot tun: Die Frage stellen: Was steht noch hinter der Aussage des Zweiten Gebotes? Wenn ein Mensch sich damals eine solche Figur gemacht oder erworben hat und sie angebetet hat, dann kann ich doch mit Fug und Recht davon ausgehen, dass sie für ihn ja „heilig“ war. Und das sagt mir dann schon mehr. „Heilig“ ist zwar  nicht gerade ein Begriff unserer alltäglichen Sprache, aber wir verbinden damit etwas. Spätestens wenn das Entsetzen über unsere Zeit, in der es ja angebliche es keine verlässlichen Werte mehr gibt, wenn das dann gipfelt in dem Ausruf „Denen ist ja auch gar nichts heilig.“ „Heilig“ soll etwas über den Wert von etwas aussagen, etwas mit einer besonderen Aura ausstatten. Der Aura des Unangreifbaren, versehen mit einer überweltlichen, dauerhaften Autorität. Getrennt von dem Profanen, dem Alltäglichen.

Wer sich dem Heiligen nähert, tut das nur in der berühmten Mischung von Angst und Faszination, dem inneren Erschauern. Es soll ja Menschen geben, denen geht es zur Zeit beim Absingen der Nationalhymnen während der Weltmeisterschaft so.

Das „Heilige“, es ist aufgrund seiner besonderen Autorität auch letztlich nicht angreifbar, nicht verhandelbar. Und, man muss sich den Zugang zum „Heiligen“ verdienen. Durch bestimmte Übungen, Haltungen. Da wo es „heilig“ ist, da darf nicht einfach jeder hin, denn das würde ja das „Heilige“ entwerten. Wenn sie den heiligen Rasen betreten wollen, müssen sie schon Ronaldo, Müller oder Van Gaal heißen.

Für Christinnen und Christen war das „Heilige“ immer besonders mit Gott verbunden, ein Ort und Gegenstand, aber auch eine Meinung, eine Haltung. Was kann das besser darstellen, als die sogenannten Chorschranken in manchen alten Kirchen, kleine Steinmauern und Holzzäune, die den Altarraum vom restlichen Kirchenraum, das Heilige mit den Priestern vom gemeinen Gottesdienstpublikum trennt. Jenseits, im Heiligen, das Fachpersonal, das weiß, wie man sich dort zu verhalten hat, das einen besonderen Stand hat. Das weiß, wie der Hase zu laufen hat. Diesseits das Profane, die Unwissenden oder Halbwissenden, die dem heiligen Schauspiel dort oben zuschauen dürfen.

Und dieses ganze Konstrukt des Heiligen, es hat nicht nur den Gottesdienst im Blick, sondern das ganze Leben der Menschen. Da wird dann von „heiligen Ordnungen“ gesprochen, denen man zu folgen hat, will man ein gottgefälliges Leben führen. Und weil es heilige Ordnungen sind, sind sie auch nicht verhandelbar.

Liebe Gemeinde, passt das noch mit dem zweiten Gebot zusammen? Werden hier dann doch nicht auf einmal menschlichen Handlungen, Ordnungen, moralische Vorstellungen zu „Heiligen“ erklärt? Sie können jetzt, und das mit Recht, einwenden: „Wer spricht denn heute noch von heiligen Ordnungen.“ Das stimmt, aber ersetzten sie Gott als Begründung einer Ordnungen. Nehmen sie von mir aus die Natur, die Nation, das Volk oder auch nur das das diffuse Gefühl, dass es so richtig ist, wie es ist. Oder der berühmt-berüchtigte Sachzwang, das Wirtschaftliche. Das Ergebnis ist das Selbe. So wie Dinge dann sind, werden sie als nicht verhandelbar bezeichnet und auch hier werden Chorschranken errichtet. In Köpfen und in der Realität. Und so wie im Religiösen haben wir auch hier das gleiche Endergebnis: Unfreiheit. Unfreiheit des Denken und Tuns.

Das alles, was ich ihnen hier erzähle, ist jetzt eigentlich nichts wirklich Neues, sondern ein alter Hut: Es ist eine der Grundideen unserer evangelischen Art und Weise den christlichen Glauben zu leben und zu verstehen. Denn unsere Mütter und Väter im Glauben haben die Chorschranken niedergerissen, haben alles „entheiligt“, haben Ordnungen, Meinungen, Moral befreit von der angeblichen Heiligkeit. Denn heilig ist nur Gott allein. Keine menschliche Vorstellung, keine menschlichen Handlungen, Fühlen und Denken! Nur er ist heilig, so haben unsere Mütter und Väter im Glauben erkannt. Und so ist der Same des Zweiten Gebotes aufgegangen zu jener schönen, zarten Pflanze Freiheit. Denn wenn nur Gott heilig ist und alles Menschliche gerade nicht, dann heißt das doch auch, dass es gerade nicht unumstößlich ist, sondern das wir immer wieder die Freiheit haben und dazu aufgerufen sind, gemeinsam zu schauen, was die Ordnungen sind die heute für unser Leben gelten sollen. Wie wir heute gemeinsam leben wollen. Und das in aller Freiheit. Keine Frage ist da zu doof, kein Gedanke zu gewagt. Wer sagt denn dann noch, dass alles so bleiben muss, wie es ist.

Es ändert sich was und wir können uns in aller Freiheit daran beteiligen, das Neue zu gestalten. Können alles Prüfen, das Altvertraute, neue Ideen, alte Ideen, die auf einmal völlig neu klingen. Heilig, unumstößlich, unausweichlich ist nichts davon.

Liebe Gemeinde, ein weiter Weg von einem Gebot, das uns verbietet uns Götzenbilder bzw. Gottesbilder zu basteln hin zu der schönsten, verletzlichsten  aller Pflanzen in Gottes Garten, der Freiheit der Menschen. Ein Weg, nicht leicht zu verfolgen, mit scharfen Abbiegungen, nicht gerade, eher verschlungen, das gebe ich unumwunden zu. Aber lohnend wenn wir am Ende dann vor dieser schönsten aller Pflanzen, die uns Gott geschenkt hat, stehen. Uns durchs Gedankendickicht geschlagen haben. Da steht sie vor uns, gewachsen aus dem Samen des Zweiten Gebotes, oft vergessen, absichtlich hinter einer Hecke versteckt. Genießen wir ihre Pracht und Schönheit, erzählen wir den Menschen davon, dass sie uns allen blüht, ihren Duft verströmt. Das sie sich aufmachen auf den verschlungenen Pfad, der zu ihr führt.

Und wenn ich so vor ihre stehe, dann ist das dieses kleine Gefühl der Dankbarkeit in mir. Dank gerichtet an den, der allein „heilig“ und unumstößlich ist.

Predigt zu Ex 20, 1-3 (Misericordias Domini, 04.V.2014)

 

Liebe Gemeinde, ab heute habe ich etwas mit ihnen vor, heute ist der Start, heute soll es losgehen: Zusammen mit heute werde ich mit ihnen einen kleinen Gang von zehn Stationen machen. Heute und die nächsten neun Sonntage wenn ich die Ehre und das Vergnügen haben, hier bei ihnen sein zu dürfen. Die Zehn Gebote will ich mit ihnen erkunden, genauer anschauen. Dabei den Staub des Vergessens wegblasen und die Verkrustung durch moralische Mißverständnisse wegschlagen. Warum das Ganze? Sollten wir die Zehn Gebote nicht besser lassen wo sie sind, in der Trophäenvitrine des christlichen Abendlandes? So schön neben Kreuz, Bibel und Lutherbild? Ab und zu führen wir noch unsere Kinder und Jugendlichen kurz vor der Konfirmation dran vorbei, damit sie ja „irgendwas haben fürs Leben“. Oder wir verweisen auf diese Trophäen wenn das christliche Abendland mal wieder gefährdet ist und kurz vor dem Untergang steht. Durch wen oder was auch immer: schlechtes Fernsehen, islamische Horden mit Zwangskopftuch, Menschen, die unter Sex mehr verstehen als Kinderkriegen, die Deutsche Bank, Herr Putin. Damit hat es sich dann aber auch. Und ich kann uns auch nur raten, sie dort zu lassen in ihrer Vitrine. Dort wo sie sind liegen sie doch gut, da sind wir vor ihnen sicher. Was könnte nicht alles passieren, wenn wir sie herausnehmen würden, abstauben und uns genauer angucken. Vielleicht würden auf einmal unsere Bilder von Gott und der Welt ins Wanken geraten. Und dabei war es doch schon schwer genug, zu wissen, wie das alles zu laufen hat in der Welt. Gerade in diesen unübersichtlichen und schnelllebigen Zeiten. Endlich halbwegs zu wissen, was gut und richtig ist. Wie der liebe Gott ist oder gerade nicht. Und was wir zu halten haben, von den Dingen dort im Vitrinenschrank. Aber es juckt mir ja schon in den Fingern. Ach, was solls, ich hol sie raus, die Zehn Gebote. Wenn es heikel wird, stell ich sie einfach zurück. Merkt eh keiner. So dann wollen wir uns das Ganze mal anschauen, eine Steintafel mit zwei Hälften, oben mit einem schönen Rundbogen verziert. Darauf die kurzen Sätze, die ich mit Mühe und Not mir noch aus dem Konfiunterricht in meinem Gedächtnis zusammensuchen kann. Wie war noch mal gleich die Reihenfolge: Das mit dem Ehebruch vor dem Begehren von Rind und Weib? Feiertag nach dem Töten? Na, egal, kann man ja notfalls nachlesen. Für Geschichten habe ich ein besseres Gedächtnis: Also, da gibt es die Geschichte von Moses und dem Auszug der Juden aus Ägypten. Weg von dort, wo sie in Knechtschaft und Unfreiheit gelebt haben. Und auf dem Weg in das Land, was ihnen Gott verheißen hat, kommen sie am Berg Sinai vorbei. Dort erhält Mose all die ganzen Gesetze und darunter auch das was wir landläufig als Zehn Gebote bezeichnen. So ungefähr, ganz kurz zusammengefasst, wird es in der Bibel erzählt. Und wie das so ist mit biblischen Erzählungen und Texten, so sind auch die Zehn Gebote über einen gewissen Zeitraum entstanden, wurden ergänzt und verändert, bis sie irgendwann die Form bekommen haben, wie wir sie heute kennen. So gibt es sie ja auch gleich zwei Mal in der Bibel, mit kleinen Unterschieden im Zweiten und im Fünften Buch Mose.

 

Soweit dazu, aber fangen wir an:  

„Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Ich habe es geahnt, ich hätte das Ganze mal schön in der Vitrine lassen sollen, denn jetzt geht der Ärger los. Denn es geht gar nicht damit los, was ich alles zu sollen habe. So wie wir das uns landläufig vorstellen. Sondern an erster Stelle, als Überschrift über allen was ich soll, steht der entscheidende Satz. Der Satz der klar anzeigt, wie alles, was folgt zu verstehen ist, was der rote Faden des Ganzen ist, was noch folgt. Der das Vorzeichen, die Überschrift über den Zehn Geboten steht. Denn die entscheidende Frage, die allen Geboten vorangestellt ist, ist doch die: Warum befolge ich sie? Weil ich Angst vor Strafe habe, wenn ich es nicht tue? Weil sie mir einsichtig erscheinen, der Vernunft entsprechen und eine gute Richtschnur für das Leben der Menschen untereinander sind? Weil es von mir als Beweis meiner Liebe oder meiner Unterwürfigkeit verlangt wird? Oder noch präziser gefragt, mit welcher Autorität begegnen mir die Gebote: Macht, Gewalt, Strafe, Schutz, guten Argumenten, Versprechen? Oder einer Mischung aus allem?

Mit was davon hätten wir die Zehn Gebote eher in Verbindung gebracht? In unserem christlichen Vitrinenschrank liefen sie ja wohl eher unter der Rubrik Macht, Gewalt und Strafe. Das hat ihnen Autorität verliehen. Und als wir dann aufgehört haben, vor Gott Angst zu haben, da haben sie dann auch die Autorität mehr oder weniger verloren. Vielleicht laufen sie ja ganz gut unter der Rubrik Vernunft und gute Argumente, jedenfalls bei den meisten. Ist doch ganz sinnvoll, wenn man sich nicht gleich gegenseitig umbringt, einen freien Tag in der Woche hat und alle versuchen, so halbwegs die Wahrheit zu sagen. Das ist ja kein schlechtes Argument für die Zehn Gebote, aber die Zehn Gebote selber argumentieren ganz anders. Denn hier wird auf etwas völlig anderes verwiesen, was zunächst doch eher widersinnig erscheint, wenn das Wörtchen „sollen“ an jeder Ecke und Kante gebraucht wird: Freiheit. Die Überschrift über den Zehn Geboten ist Freiheit. Nicht Angst, nicht Macht, Gewalt, ja, noch nicht einmal Vernunft, sondern Freiheit ist das was den Zehn Geboten ihre Autorität und ihre Bestimmung gibt. „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“, aus der Knechtschaft, aus der Unfreiheit in die Freiheit, genauso geht alles los. Die Zehn Gebote sind uns nicht als Knecht von wem auch immer gegeben worden, sondern als freie Frauen und Männer. In Freiheit können wir die Gebote befolgen. Und wir sind schon als Freie angesprochen. Wir müssen uns nicht ihnen unterwerfen, um frei zu werden. So als Belohnung, wenn wir uns brav und anständig verhalten. Wir sind schon frei, aus der Knechtschaft geführt. Und nur als solch Freie können wir auch die Verantwortung übernehmen, die von uns in den Geboten gefordert ist. Denn Verantwortung setzt Freiheit, innere und/oder äußere, voraus. Wer unfrei ist, gehorcht Befehlen, unterwirft sich Anordnungen, aber er übernimmt keine Verantwortung. Gott hat befreit, aus der Knechtschaft geführt, damit wir die Verantwortung übernehmen können, für unser Leben mit ihm und den Menschen um uns her. Und so passt es um so mehr in der Zeit nach Ostern sich die Zehn Gebote zum Gemüte zu führen. Denn die Knechtschaft die unser Leben bestimmt, die uns umfangen hält, die Knechtschaft des Todes ist schon besiegt. Die Ketten der Knechtschaft unter den Mächten des Todes ist gesprengt. Wir sind frei! Wir sind frei, weil Gott uns befreit hat. So wie er sein Volk zum Tun seiner Gebote befreit hat, hat er alle Menschen in dem was Karfreitag und Ostern geschieht endgültig befreit. Und so ist es doch nur logisch, dass auch der erste Du-sollst-Satz genau darauf eingeht: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Das ist nicht der Befehl eines Despoten, eines Tyrann, der es nicht ertragen kann, wenn seine Untertanen ihn nicht lieben. Sondern es ist der Aufruf, die Verantwortung, die Freiheit zu bewahren und zu beschützen. Und nicht gleich wieder an all die Götter und Götzen zu verlieren, die uns knechten, in Unfreiheit halten wollen. Denen wir uns mit Haut und Haaren, mit ganzer Seele, ganzem Herzen, ganzer Kraft in ihre unbarmherzigen Arme werfen. Von denen wir uns ganz, bis ins letzte hinein bestimmen lassen. Denen wir uns unterwerfen, ob voller Angst oder voller Freude. Die uns alles ermöglichen, eines aber nicht: Freiheit. Die uns klein halten, uns zu elenden Kompromissen treiben, zu diesem Gefühl der Zerrissenheit, das uns so zu schaffen macht. Das sind die falschen Götter, die Götzen an die wir unsere Freiheit verlieren. Daher ist gleich dieser erster „Du-sollst-Satz“ kein Aufruf zum blinden, erbarmungslosen Gehorsam, sondern erfüllt die Aufgabe aller zehn Gebote: Die uns geschenkte Freiheit in der Beziehung zu Gott und untereinander zu bewahren und zu beschützen. Was für eine eine Aufgabe: Die Verantwortung für diese Freiheit hat Gott uns in mit seinen Geboten in die Hand gegeben.

 

Liebe Gemeinde, genau darum hätten wir die Zehn Gebote lieber in ihrer Vitrine lassen sollen, bei all den ganzen andern Sachen. Denn jetzt schlägt uns ihre radikale Anfrage mitten in unsere Vorstellungen von Gut und Richtig und von Schlecht und Falsch. Denn all das wird radikal in Frage gestellt. Es geht nicht mehr um eine wie auch immer geartete Moral mit christlichem Anstrich. Diese Moral ist viel zu häufig zu anderen Göttern, zum Götzen geworden. Es geht nicht darum, irgendwie eine Zuckerguss zu haben, der allem den Anstrich der Wohlanständigkeit gibt. Die Zehn Gebote stellen die eine, entscheidende Frage an uns: Dient das, was wir für gut und richtig halten, was unser Tun und Lassen bestimmt der uns von Gott geschenkten Freiheit? Ermöglicht es allen Menschen in dieser Freiheit mit Gott und den Mitmenschen zu leben? Oder versucht es wieder, diese Freiheit zu beschränken, Menschen davon auszuschließen?

Lieber Gemeinde, wie war es doch bequem, als sie noch dort in ihrer Vitrine lagen, jetzt haben wir sie in den Händen und haben den Salat. Jetzt können wir sie aber auch nicht zurück legen, denn ihre Verheißung der Freiheit ist zu groß.

 

Verfasst von: achterosten | 9. Februar 2014

Post Tenebras lux – Predigt zu 2. Korintherbrief 4, 6-10

Predigt zu II. Kor 4, 6-10 (Letzter Sonntag nach Epiphanias, 09.II.2014)

 

Liebe Gemeinde,

„Post tenebras lux“ – „Nach der Dunkelheit Licht“, dieser Spruch steht auch dieses Jahr auf dem Deckblatt meines Kalenders. Jedes Jahr schreibe ich ihn dort hin, diesen Spruch, der das Wappen der Stadt Genf ziert und seinen Ursprung bei den reformierten evangelischen Christen hat. Ausdruck der Hoffnung, dass nach dunklen Zeiten es wieder hell wird. Dabei geht es mal nicht um die persönlich dunklen Zeiten, all das was in uns Dunkelheit verbreitet. Es geht mehr um eine äußere Dunkelheit, aber der Predigttext bringt uns da auf die Spur, was mit „tenebras“ – Dunkelheit, und mit „lux“ – Licht gemeint sein kann. Da steht im Zweiten Korintherbrief: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“

 

Liebe Gemeinde,

der entscheidende Satz ist gleich der erste: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ „Erleuchtung zur Erkenntnis“ – genau dies verbirgt sich hinter „Post tenebras lux“. Der Wunsch, die Hoffnung, dass sich nach einer Zeit des im Dunkelns Herumtappens, das Licht der Erkenntnis die Dunkelheit erleuchtet. Und damit ist das Stichwort des heutigen Morgens gefallen: Erkenntnis. Jener Vorgang unseres Lebens, über den sich Theologen, Philosophen und Mediziner seit tausenden von Jahren den Kopf zerbrechen. Und bei diesen lassen wir gerne auch diese Fragen nach der Erkenntnis. Scheinen sie doch weit weg zu sein von uns, unserem alltäglichen Leben, unseren alltäglichen Freuden und alltäglichen Kämpfen. Erkenntnis – sie ist aber unser Grundnahrungsmittel, wir benötigen sie wie unser täglich Brot, ja sie ist Überlebenswichtig. Warum? Ein ganz einfaches Bild zum Einstieg: Sie betreten einen völlig dunklen, ihnen unbekannten Raum, hinter ihnen schließt sich die Tür. Sie wissen nicht was sich in diesem Raum befindet. Sie sind völlig orientierungslos. Marschieren sie einfach los? Nein, sie werden zuerst nach dem Lichtschalter suchen, damit das Licht ihnen hilft, sich zurechtzufinden, den Raum zu erkennen. Ist kein Lichtschalter da, werden sie ihre anderen Sinne benutzen, um sich ein Bild von dem Raum zu machen.

Erkenntnis bedeutet ja viel mehr, als das bloße wahrnehmen, und da wird es spannend: Erkenntnis, das heißt den wahren Kern, das was unter der Oberfläche liegt, sich dort vielleicht auch versteckt, zu sehen. Zu sehen, nein vielmehr, zu „erkennen“ wie die Sachen wirklich sind! Erkenntnis ist mehr als bloßes Wissen, mehr als bloßes wahrnehmen. Vor allem aber etwas völlig anderes als sich die Welt so zu erklären, wie man sie gerne hätte. Erkenntnis ist kein leichtes Geschäft. Nicht umsonst ist allein die Zahl der ganzen menschlichen Versuche einen Weg zur Erkenntnis zu finden unermesslich hoch. Bestimmte Strömungen in der Bibel und der Tradition unseres Glaubens stehen diesen Versuchen sehr skeptisch gegenüber. Das ist mir sehr nahe, denn es steht doch ein großes Fragezeichen an der Frage, ob wir Menschen überhaupt in der Lage zur wirklicher Erkenntnis sind. Ob es uns wirklich gelingen kann, aus eigener Kraft bis zum Kern der Dinge, der Welt vorzudringen, bis zu letzten Wahrheit zu gelangen. Oder ob unser Erkennen nicht immer nur Stückwerk bleibt, weil es unsere Fähigkeiten übersteigt? Und in welches Elend führt es Menschen, wenn sie denen folgen, die davon reden, dass sie alles erkannt haben! Sie meinen das wahr Licht angezündet zu haben und es aber der vernichtende Flächenbrand ist, der nichts zurücklässt als Ruinen, Asche und Staub.

Paulus spricht davon, dass wir darauf angewiesen sind, uns das Licht schenken zu lassen, es nicht selber zu entzünden. Das wir darauf angewiesen sind, es und von Gott schenken zu lassen. Und dann können wir es weiter schenken, können selber zur „Erleuchtung“ werden, anderen zur Erkenntnis verhelfen. Damit sind wir als Christinnen und Christen, und dies muss uns immer vor Augen stehen, nicht bessere Menschen, Menschen auf einer höheren Ebene, sondern wir bleiben immer noch Menschen mit der eingeschränkten Erkenntnisfähigkeit. Immer, täglich, darauf angewiesen, dass in uns immer wieder durch Gott das Licht in unseren Herzen geschützt, genährt und neu entzündet wird.

 

Liebe Gemeinde,

das war sozusagen der theoretische Teil, nur ganz kurz angerissen, all die spannenden Fragen nach dem „menschliche Erkennen“. Was gäbe es da nicht noch alles zu besprechen, zu fragen, zu sagen. Nun aber der nächste Schritt: Erkenntnis führt immer zu Handlungen, zu Entscheidungen, zu Positionen. Gerade das ist ja einer der Unterschiede zwischen Wissen und Erkennen. Wissen kann ich wahrnehmen und ins Bücherregal stellen, Erkenntnis wird immer bestimmen wie ich mich verhalte, was ich tue und lasse. Und zwar auf einer anderen Ebene als das was an der Oberfläche bleibt! Erkenntnis ist der Tod jeden Stammtisches und seiner Parolen, der Tod jeder einfachen Erklärung der Welt, der Tod jeder Verschwörungstheorie! Und genau zu diesem „Erkennen“ will uns unser Glaube führen. Und damit ist nicht gesagt, dass Christinnen und Christen eine bessere oder höhere Erkenntnis von der Welt haben. Aber was wir haben ist zumindest, und das lass ich mir auch nicht nehmen, die „Erkenntnis“ das die Dinge oft anders sind in ihrem Kern, als es an der Oberfläche erscheint. Schauen wir uns doch das Fundament des Glaubens an: Der Tod am Kreuz, die absolute Niederlage gegenüber menschlicher Macht, gegenüber menschlichem Unrecht wird zum größten Sieg über den Tod der Menschen. Der Kern unseres Glaubens ist ein völlig anderer als es an der Oberfläche zu sein scheint.

Das heißt doch, das wir doch durch unseren Glauben aufgerufen sind, hinter die Dinge zu schauen. Nicht mit dem ersten Blick, dem ersten Eindruck zufrieden zu sein sondern wir sind zum „Erkennen“ aufgerufen. Dem Nachfragen, dem kritischen Blick!

Und genau an dieser Stelle will ich noch konkreter werden, noch genau sagen, was das für Konsequenzen haben kann: Wir alles hier sind, wenn wir uns über Aktuelles in Dorf, Stadt und Kreis informieren wollen zum Großteil abhängig von einem gedruckten Medium oder seinem Internetauftritt. Bestimmte früher in Deutschland eine Zeitung mit vier Buchstaben die öffentliche Meinung mehr oder weniger, versucht dies hier bei uns eine mit drei Buchstaben. Die Qualität dieses Versuches zu beurteilten, das steht in der Freiheit jeder einzelnen oder jeden einzelnen.

Nun gibt es genau dort in den letzten Monaten und verstärkt in den letzten Wochen Berichte über die diakonische Arbeit der Kirche. Diakonische Arbeit der Kirche die jeden Tag in Einrichtungen wie Hephata jeden Tag getan wird.. Artikel, Berichte und Kommentare, die es mir zum Teil persönlich schwer machen, das ganze noch unter der Überschrift kritischen Journalismus zu sehen. Natürlich liegt das letzlich im Urteil jeder Leserin, jeden Lesers, aber ich möchte doch die Frage in den Raum stellen: Ist diese Berichterstattung der Erkenntnis verpflichtet? Werden hier kritische Dinge in diakonischen Einrichtungen, in der diakonischen Arbeit der Kirche von allen Seiten beleuchtet? In ihrer Komplexität gewürdigt?

Es ist doch überhaupt keine Frage, dass es Entwicklungen in der Diakonie gibt, die kritisch zu sehen sind, zum Beispiel, dass bestimmte Arbeitsbereiche ausgegliedert werden. Aber es ist doch nach den Gründen zu fragen, warum das so ist. Wer hier nur von „Gewinnmaximierung“ spricht, der bleibt an der Oberfläche, der macht es sich zu einfach.

Und noch etwas anderes: Es erschreckt mich bei Leserbriefen und Kommentaren im Internet zu diesem konkreten Thema welche von Menschen zu finden, die dezidiert als evangelische Christinnen und Christen zu erkennen sind, die in Wortwahl und Forderungen erkennen lassen, das es ihnen anscheinend nicht um Erkenntnis geht.

Liebe Gemeinde, die diakonische Arbeit der Kirche, die diakonischen Einrichtungen die jeden Tag diese Arbeit versuchen zu leisten und damit meine und ihre Arbeit als Christinnen und Christen in, für und mit dieser Welt, die brauchen ihre kritische Solidarität! Die brauchen Ihren Willen zur Erkenntnis warum manche Entwicklungen in der Diakonie so sind, wie sie sind. Die Diakonie braucht keine blinde, unkritische und bedingungslose Unterstützung, das will auch kein Mensch, aber sie braucht ihren Willen zu Erkennen unter welchen Bedingungen zum Beispiel Pflegeeinrichtungen geführt werden müssen. Ihren Willen, das Ganze sehen zu wollen. Nicht vorschnell in den Chor einzustimmen, der sich erhoben hat und wo die Töne, die Köpfe rollen sehen wollen kaum zu überhören sind. Fragen sie nach! Fragen sie kritisch nach! Gerade hier, bei dieser grundlegenden Arbeit ihrer Kirche. Gerne stehen ich und andere zur Verfügung bei einem Gemeindeabend über die Situation der diakonischen Arbeit der Kirche zu berichten, über die Bedingungen, die diese Arbeit bestimmen, Rede und Antwort zu stehen. Es ist doch ihre Arbeit, unsere Arbeit als Christinnen und Christen, die dort getan wird, unser Auftrag als Gemeinde, der dort versucht wird zu erfüllen. Und diese Arbeit benötigt ihren Willen als Christinnen und Christen zur Erkenntnis, zum Verstehenwollen, den Willen zur kritischen Auseinandersetzung. Es ist ihre Diakonie um die es dort geht. Und Erkenntnis in diesem Zusammenhang bedeutet mehr als die Zeitung mit drei Buchstaben als alleinige Grundlage von Meinungen und Äußerungen heranzuziehen! Es gibt mehr was hier zur Erkenntnis ganz konkret beitragen kann.

„Post tenebras lux!“, nach der Dunkelheit Licht – lassen sie uns gerade hier, an dieser Stelle ein Licht anzünden.

Verfasst von: achterosten | 22. Dezember 2013

Gottes Handeln? – Predigt zu Gen 50, 15-21

 

Liebe Gemeinde,

„ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“, so zieht einer seine Lebensbilanz am Ende eines sehr ereignisreichen Lebens.

Die Advents- und die vor uns liegende Weihnachtszeit ist ja irgendwie auch die Zeit von Geschichten. Es mag seinen Ursprung in der einen großen Geschichte haben, die uns am Heiligen Abend erzählt wird von dem was passiert ist, als August Kaiser war und Quirinius Statthalter. Vielleicht sind es auch die langen dunklen Abende, die zu dieser Zeit unser Interesse an Geschichten wecken.

Auch ich habe heute eine solche Geschichte zu erzählen, an dessen Ende die Hauptperson jenen Satz sagt. Es ist die Geschichte von Josef. Jenem letzten Sohn Jakobs, vom Vater besonders geliebt, von seinen Brüdern argwöhnisch betrachtet. Er ist aber auch ein komischer Kauz, ein Träumer von großen Zeiten, der sich dann auch nicht zu blöde ist, diese Träume seiner Herrschaft über die Brüder diesen auch noch zu erzählen. Nun schlug ihr Misstrauen in blanken Hass um. Die Gelegenheit ist günstig, ganz allein kommt Josef zu seinen Brüdern, die das Vieh hüten. Schon von weitem ist er zu sehen. Jetzt wollen sie ihn endlich loswerden. „Kommt lasst uns ihn töten, seine Leiche verstecken und dem Vater erzählen wilde Tiere haben ihn angefallen.“ Nur bei einem der Brüder regt sich das schlechte Gewissen. Ihn loswerden ja, dem Vater die Geschichte von den wilden Tieren erzählen, ja; Josef töten, nein. Sondern sie ergreifen ihn, schmeißen ihn in einen tiefen Brunnen und wie der Zufall es will, kommt eine Karawane daher, Händler auf dem Weg nach Ägypten. Josef wird von seinen Brüdern verkauft. Endlich sind sie ihn los.

So kommt Josef nach Ägypten und jetzt beginnt erst dieses ereignisreiche Leben: vom Sklaven zum Hausdiener, vom zu Unrecht verurteilten Sexualstraftäter bis zum höchsten politischen Amt neben dem Pharao, ja zum Retter Ägyptens in schweren Zeiten. Und nun stehen sie wieder vor ihm, seine Brüder. Gesandt vom Vater nach Ägypten, angespornt von der Nachricht, dass es dort einen mächtigen Mann gibt, der in der Hungersnot, die alle Welt heimsucht, noch genug Korn hat, weil er klug hat wirtschaften lassen. Und nun stehen sie vor ihm und erkennen in ihm nicht ihren Bruder. Er aber erkennt sie sofort. Und nun, grausame Rache, Soldaten, die herbeigerufen werden, um sie gleich alle hinzumetzeln vor seinen Augen? Nein, das nicht, aber er lässt sie zappeln, versetzt sie in grausamen Schrecken mit fiesen Tricks ohne ihnen wirklich etwas anzutun. Dann aber als sie alle wiederum vor ihm stehen, da kann er nicht mehr dieses Spiel spielen. Unter Tränen gibt er sich ihnen zu erkennen, als Mann der dankbar ist seine Brüder wiederzusehen, als Mann frei von jedem Rachegedanken. Und so wird schließlich auch der alte Vater nach Ägypten geholt und fällt dem totgeglaubten Sohn um den Hals. Und alle, Jakob, Josef und seine Brüder leben in Ägypten von der Ernte der klugen Politik des Josef. „Nun aber ist Jakob tot, wird Josef nicht doch noch Rache nehmen, die Geschichte ein blutiges Ende nehmen, wo der schützende Vater nicht mehr zwischen ihnen und Josef steht?“ Zitternd liegen seine Brüder vor ihm auf den Knien und dann fällt dieser Satz: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Und mit diesem Satz endet die Geschichte von Josef, der Rest sind nur noch protokollarische Notizen, wie alt er war als er starb und wie viele Söhne er hatte.

 

Liebe Gemeinde, da stellt einer sein gesamtes Leben, alles was ihm wiederfahren ist, aber auch alles was er selber erreicht hat, alle Niederlagen und Erfolge unter diese eine Überschrift. Er sieht in seinem gesamten Leben Gottes Wirken. Nicht nur das, sondern er geht sogar so weit festzuhalten, das Gottes Wirken sich durchgesetzt hat, am letzten Ende sogar gegen die bösen Pläne der Brüder, die ihn aus dem Weg schaffen wollten. Ein Leben das ganz unter Gottes Hand gesehen wird.

 

Liebe Gemeinde, so enden Hollywoodfilme, aber das echte, unser Leben? Steht das auch unter dieser Überschrift? Oder nicht doch eher unter all den ganzen anderen? Denen von Krisen, Misserfolgen, Enttäuschungen, eigenem Versagen, Krankheit? Gottes Handeln, davon ist weit und breit nichts zu sehen, außer man eignet sich einem gewissen Zynismus an, der auch noch angesichts der schlimmsten, sinnlosesten Katastrophe von Gottes Handeln als Gericht über all unser Fehlverhalten schwafeln kann. Und dann habe ich mal das Gefühl, ja hier hat vielleicht Gott gehandelt. Da ist es auch schon verweht das Gefühl, davongeweht vom Sturm des Misstrauen. „Ach was, maximal ein glücklicher Zufall, mehr nicht.“ In der Bibel wird viel erzählt vom Handeln Gottes in der Welt, im Leben der Menschen. Gerade auch, aber nicht nur, in dieser großen Geschichte die wir in zwei Tagen hören. Damit hat es sich dann aber auch, Gottes Handeln in der Welt, eingefangen zwischen zwei Buchdeckeln, darüber hinaus: Fehlanzeige. Oder doch nicht? Denn eines muss uns klar sein, wenn wir Gottes Handeln wirklich nur zwischen diesen beiden Buchdeckeln sehen können, sonst aber nirgends, dann brauchen wir gar nicht erst Weihnachten feiern, dann können wir hier eigentlich die Tür zu- und das Licht ausmachen. Denn dann hat das alles nicht mehr allzu viel mit uns zu tun. Dann verwandelt sich christlicher Glaube in die Postulierung maximal eines fernen Schöpfergottes, der sozusagen alles einmal zum Laufen gebracht hat und sich dann freundlich, aber endgültig zurückgezogen hat.

Da stellt sich doch die ganz einfache Frage: Gehen wird davon aus, dass Gott heute, in meinem, in ihrem Leben handelt oder nicht? Und in mir da ruft das Verlangen nach einer einfachen Antwort: „Ja oder nein und für beides hätte ich bitte gern Beweise.“ Das Leben aber, es ist nicht so einfach es ist nun mal viel komplizierter. Wer lebt den sein Leben in Ja und Nein, hat für alles Beweise? Die Antwort kann doch gar nicht so einfach sein, weder ja noch nein.

 

Liebe Gemeinde, so ist die Ausganslage, einfache Frage, gar nicht einfache Antwort. Eigentlich müssten wir auch darüber ins Gespräch kommen, schauen, ob wir gemeinsam den Versuch einer Antwort schaffen. Oder ich müsste zu mindesten hier auf der Kanzel erste, Schritte hin zu einer Antwort versuchen. Ganz ehrlich gesagt, habe ich so meine Probleme mit dem Handeln Gottes in der Welt und bin da sehr skeptisch. Das liegt zum einem in meinen Naturell und Herkommen, aber auch der Erfahrungen, wie übel es endet, wenn Menschen zu schnell und einseitig das Handeln Gottes für sich postulieren. Diese ersten Schritte wäre also eine wenig holprig.

Aber wir sind ja in der Adventszeit, der Zeit der Geschichten und daher will ich Ihnen lieber noch eine erzählen: Jetzt geschieht aber folgendes: Ich werde um eine Trauerfeier gebeten. Die Ehefrau und der Verstorbene wir haben in vielen Bezügen in den letzten Jahren den Alltag geteilt. Und nun ist der Mann gestorben, in hohem Alter, ohne eine lange Zeit, in der er auf Pflege und Unterstützung angewiesen war. Beide haben sich genau vor 70 Jahren kennengelernt, haben schwere Zeiten durchgestanden, haben gemeinsam die Welt gesehen. Zwei sehr liebenswerte,  zwei nüchterne, pragmatische Menschen. Die Trauerfeier findet in kleinstem Kreis statt. Nun passiert Unerwartetes: Am nächsten Morgen lese ich die Todesanzeige und  da dankt die Witwe in ihrem und im Namen ihres Mannes Gott dafür, dass er sie 70 Jahre lang beschützt hat. In ganz klaren einfachen Worten, kein Schmalz, kein komischer romantischer Glaubenskitsch, sondern nur diese klaren Worte. Da dankt ein Mensch, der mehr als neunzig Jahre auf sein Leben zurückblickt Gott dafür, dass er in diesem Leben gehandelt hat. Da werden siebzig Jahre gemeinsames Leben unter diese Überschrift gestellt. Da sieht ein Mensch ganz klar Gottes Handeln in seinem Leben, da stimmt ein Mensch in den Satz des Josef ein: „Gott hat es gedacht, gut zu machen.“  Genau an diesem Punkt bin ich wieder ins Nachdenken gekommen. Wenn ein solcher Mensch in solchen klaren, einfachen Worten nach so einer Lebensspanne die Worte des Josef für sein eigenes Leben spricht, dann muss doch was dran sein. Da beginne ich vorsichtig zu schauen, ganz zaghaft in mein eigenes, viel kürzeres Leben. Gibt es sie vielleicht doch, diese Spuren Gottes in meinem Leben? „Hast Du nicht auch eine Geschichte zu erzählen, die ihren Schluss darin findet, dass diese große Geschichte, die wir in zwei Tagen hören, nicht die letzte vom Handeln Gottes ist?“, geht es mir durch den Kopf.

„Gott hat es gedacht, gut zu machen.“ – Gilt das für mein bisheriges Leben? Gibt es dafür Geschichten, die ich erzählen kann, so wie uns die Alten die Josefgeschichte erzählen? Liebe Gemeinde, nachdem wir am Dienstag die ganz große Geschichte von Gottes Handeln in der Welt hören werden, der ganze Weihnachtsstress hinter uns liegt, dann gibt es immer diese besonderen Tage zwischen den Jahren. Gute Tage um auf die Suche nach diesen Geschichten in meinem Leben zu gehen.

Für Sie vielleicht auch?

Verfasst von: achterosten | 20. Oktober 2013

Verzweifelte Suche – Predigt zu Jeremia 29, 4-14

Predigt zu Jer 29, 4-14 (XXI. Sonntag nach Trinitatis, 20.X.2013)

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 29. Kapitel des Jeremiabuches:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR,.“

 

Filmausschnitt aus „Das Siebente Siegel“ von Ingmar Bergmann.

 

Liebe Gemeinde,

es ist kaum eindrucksvoller darzustellen, als es Ingmar Bergmann mit seinem Ritter Antonius Block gelungen ist – der Kampf eines Menschen mit der Verheißung Gottes. Die Zusage Gottes, seine Verheißung: „Ihr werdet mit suchen und finden.“ Immer wieder machen sich Menschen auf diese Suche, spüren in sich diesen Drang und finden ihn nicht, diesen Gott, der ihnen zugesagt, sich finden zu lassen. Immer verzweifelter wird diese Suche, und die einzige Gewissheit, die am Ende steht ist, der Tod.

Als Kind eines Pfarrers in Schweden, der sein Leben lang unter der strengen religiösen Erziehung und der damit verbundenen Verlogenheit seiner Eltern gelitten hat, macht Ingmar Bergman diese verzweifelte Suche immer wieder zum Thema seiner Filme. „Das siebente Siegel ist eine Allegorie mit einem sehr einfachen Thema: der Mensch, seine ewige Suche nach Gott und dem Tod als einziger Sicherheit.“, so beschreibt Bergmann selber den Film, aus dem wir gerade eine der Schlüsselszenen gesehen haben. Und so zeichnet Bergmann vor der Zuschauerin, dem Zuschauer die unterschiedlichen Wege dieser Suche. Der intellektuelle, abgehoben erscheinende Ritter Block auf seiner verzweifelten Suche nach Gott, mit und ohne den er nicht leben kann. Dessen Schachspiel mit dem Tod um sein Leben, das den roten Faden des Filmes bildet. Der Tod, der die verzweifelte Suche Blocks auf den Punkt bringt: Er will Garantien am Ende seiner Suche.

Als anderen Weg: Sein Knecht und direkter Gegenüber im Film der viel lebenspraktischer denkende Jöns. Er hat als Atheist für die Welt und die verzweifelte Suche seines Herren nur eine ordentliche Ladung Spott übrig.

Dann gibt es da noch den fanatischen Mönch, der anscheinend Gott nur noch im plötzlichen und unerwarteten, aber gewissen Tod finden kann.

Oder die in der Bibel lesende Frau Blocks, die in stiller Würde dem Tod entgegentritt. All diese Personen werden uns in diesem Mysterienspiel vor Augen geführt, vor die Augen gestellt. Bergmann aber verzichtet auf jede Bewertung, auf jede eindeutige Antwort, die einzige Antwort die er gibt, ist die, die alle Menschen in dem Film und uns mit ihnen vereint: die einzige Gewissheit, die einzige Garantie ist der Tod. Am Ende steht das Schachmatt für alle, der Tanz mit dem Tod.

Ist das das Ende der Suche nach dem Gott, der sich finden lassen will? Eine düstere Antwort, so wie auch der Film ein ernster, ein düsterer ist?

 

Liebe Gemeinde,

ich kann auf die Frage Blocks keine eindeutige Antwort geben, denn das wäre vermessen. Damit würde ich diese grundlegende Frage von vielen Menschen, ihre verzweifelte Suche, ihre Verzweiflung an einem Gott, der sich anscheinend nicht finden lassen will, „der sich im Dunstkreis halbeingelöster Versprechen versteckt“ nicht ernstnehmen. Ich will vielmehr Ingmar Bergmann folgen und die unterschiedlichen Wege dieser Suche nicht loben und verdammen, nicht gegen sie anpredigen. Das wäre Ihnen nicht gerecht und nicht dem biblischen Zeugnis. Denn ist die verzweifelte Beichte des Richter Blocks nichts anderes als der verzweifelte Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“?

Aber ich möchte wie Ingmar Bergmann in diesem eindrucksvollen Film etwas andeuten, auf etwas hinweisen. Zum einen: Der heutige Predigttext ist auf die Zukunft ausgerichtet, ein Hoffnungstext für die Israeliten im Exil, eine Verheißung. Ihm vorweg gehen aber ganz lebenspraktische Hinweise zum Leben in der Gegenwart: Richtet euch ein in der Gegenwart, lebt ein gutes Leben. Starrt nicht nur auf die Vergangenheit und die Zukunft.

Zum anderen: Es gibt in dem Film eine wichtige Person, von der noch gar nicht die Rede war. Der Film endet nicht mit Totentanz aller Beteiligten, sondern er endet mit dem Gaukler Jof, seiner Frau und dem gemeinsamen kleinen Kind, wie sie nach überstandenem Unwetter ihren Wagen in den aufbrechenden Morgen lenken. Jof, der Gaukler, der Träumer, er scheint nicht auf der Suche zu sein. Er lebt im Hier und Jetzt, ihn aber lässt Bergmann etwas finden: Er sieht in einer morgendlichen Vision Maria und das Jesuskind. Diese Vision in mittelalterlich-christlicher Tradition als Bild eines religiösen Erlebnis, einer Erfahrung mit Gott nimmt Bergman auf und ordnet sie dem zu, der gar nicht auf der Suche ist, wogegen dem der sucht, dies verweigert wird.

 

Liebe Gemeinde, kein leichtes Thema, kein leichter Film, aber ich kann ihnen diesen eindrucksvollen Film nur ans Herz legen. Auch wenn er schon über fünfzig Jahre alt ist. Nie könnte ich so über die Frage, die der Jeremiatext aufwirft, unsere Suche nach Gott predigen, wie es Ingmar Bergman in diesem Film, wie im vielen seiner Filme, gelingt. Man ist versucht, denen zuzustimmen, die ihn einen modernen Propheten nennen. Ein moderner Prophet der uns den Spiegel vor Augen hält, wenn wir die Verheißung des Jeremias hören. Wem ähnelt unser Bild in diesem Spiegel: Jöns, Block oder Jof?

Verfasst von: achterosten | 11. August 2013

Neues aus Babel – Predigt zu Genesis 11, 1-9

Predigt zu Gen 11, 1-9 (XI. So. n. Tr., 11.08.2013)

 

Liebe Gemeinde,

fast ist sie schon wieder vorbei, die schönste Zeit des Jahres, die Urlaubszeit. Und in wenigen Wochen stellt sich in den Städten und Orten, die Ziel der Touristen sind, jene besondere Stimmung am Ende der Saison ein: Die meisten Touristen sind wieder weg, und mit ihnen das Verkehrschaos, komische Fragen zu Essen, Kultur; auch der Anblick manchen nackten Fleisches, bei dem man den Himmel um ein bedeckendes Kleidungsstück anfleht. Man ist wieder unter sich und hat einige Monate Zeit sich über jene komischen Touristen zu unterhalten, die man ja irgendwie auch lieb hat, und nicht nur weil sie Geld mitbringen, über die man aber genauso den Kopf schüttelt. Ist schon ein komisches Völkchen…

Ist schon ein komisches Völkchen, das sagt auch der Tourist, wenn er dann wieder zuhause ist. War ja wirklich nett und die Leute waren auch freundlich, aber irgendwie haben sie dort schon komische Eigenarten. Und er ist wieder froh, Zuhause zu sein, wo seine Sprache gesprochen wird, sein Essen auf den Tisch kommt. Und denkt sich dabei: „Wenns doch überall so wär, wie hier.“

Diese Begegnung alle Jahre wieder zur Urlaubszeit ist die harmlose Variante, die eher zum Schmunzeln bringt. Die weniger harmlose Variante sieht anders aus: Die heißt Anpassung oder am besten Assimilation. Der Wunsch, dass doch alle so leben und sprechen wie ich, alle die gleiche Vorstellung davon haben, was gut und richtig ist, was sauber und ordentlich ist, wie Frauen, Kinder und Männer zu sein zu haben, was man tut und was man lässt. Es ist der Wunsch nach einer Einheitskultur die für alle und überall gilt. Anders sein, das soll jeder Zuhause, hinter den geschlossenen Gardinen. Und desto unsicherer unübersichtlicher die Zeit einem scheint, desto mehr Angst haben wir. Umso stärker scheint dieser Wunsch nach einer Einheitskultur zu werden. Das halt ganz klar geregelt ist, was gut und richtig ist, was man zu tun und zu lassen hat. Man gut deutsch spricht und denkt. In vielen Gesprächen schlägt mir dieser Wunsch entgegen, manchmal versteckt, manchmal ganz offen.

Und es gibt noch eine Gruppe von Menschen, die ein Interesse an einer Einheitskultur hat, dass möglichst alle das gleich toll, wichtig und gut finden: Die weltweit agierenden Unternehmen. Das ist doch auch eine Erfahrung, die wir aus dem Urlaub mitbringen. In den Geschäften, Läden, Restaurant verschwinden die Unterschiede immer mehr. Sie können hier schon in der Woche vor ihrem Urlaub in ihren Lidl Zettel gucken, um zu sehen was es nächste Woche auch z.B. in Kroatien im Lidl zu kaufen gibt. Und natürlich ist das für die Wirtschaft toll, wenn alle Welt das gleiche kauft, ißt und fährt. Man kann in viel höherer Stückzahl das gleiche produzieren, was die Produktionskosten ungemein senkt. Und das ganze auch noch an dem Ort in der Welt, wo das Verhältnis von Arbeitskosten und Qualität möglichst perfekt ist.

Eine Einheitskultur, der Traum des Managers, Produktenwicklers und Verkäufers.

Zuletzt stellt sich dann die Frage: Müsste es auch nicht für uns evangelische Christinnen und Christen toll sein, wenn die Hütte voll wäre am Sonntagmorgen? Unsere Gemeinden voll wären mit Menschen, die alle zu mindestens ungefähr das gleiche glauben, denken und tun würden? Wäre das nicht auch der Traum jeder guten evangelischen Christin, jedes guten evangelischen Christen? Wenn man wieder das Gefühl hätte, man wäre die bestimmende gesellschaftliche Gruppe? Und so weit weg scheint dieser Gedanke doch nicht zu sein, denn ist es nicht unser Ziel, das alle getauft werden, alle glauben? Und dann möglichst auch gleich denken und handeln? Das ist doch auch das was Gott will! Oder etwa nicht?

 

Liebe Gemeinde, sa gibt es diese berühmte Geschichte aus der Bibel, die vom Turmbau zu Babel:

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.

Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“

 

Diejenigen von uns, die diese Geschichte kennen, von ihr gehört haben, verbinden sie hauptsächlich wohl eher mit dem Hochmut der Menschen. Dem Wunsch des Menschen immer hoch hinaus zu wollen, so sein zu wollen wie Gott. Wenn man schon einen Turm bauen will, dann bis dorthin wo bekanntermaßen Gott ja wohnt, bis an den Himmel. Und das kann sich Gott natürlich nicht gefallen lassen. Daher als Strafe die Einführung des Wörterbuches, das die Menschen seit diesem Zeitpunkt brauchen.

Wenn man sich die Geschichte aber mal frei von diesem Verständnis anschaut, scheint es um etwas anderes zu gehen, als die platte Feststellung: Der Hochmut der Menschen sei schuld. Die Menschen in Babel, leben nämlich unseren Traum: Sie leben in einer Einheitskultur, alle sprechen und denken anscheinend dasselbe. Sie leben in unserem Traum und wollen auf keinem Fall aus diesem Traum herausgerissen werden. Alles soll so einheitlich, so zentral bleiben wie es ist. Das ist ihr Wunsch und damit der Grund für das Fanal des Turmbaues zu Babel. Denn Gott hat, wie uns die Bibel einige Zeilen vorher in der Erzählung von Noah und der Sinnflut berichtet, etwas völlig anderes mit den Menschen vor. Nicht, dass sie alle an einem Ort bleiben, in ihrem eigenen Saft schmoren und ihr Ding schön brav gleich machen. Gott will, dass sie die Welt besiedeln, „sich zerstreuen“, wie es im Text heißt. Sie sollen die Vielfalt der Welt nutzen und selber vielfältig werden. Das ist der Wille Gottes wie ihn die Bibel uns schildert. Und in der Erzählung ist Gott anscheinend bereit, dafür zu drastischen Mitteln zu greifen.

Keine Einheitskultur, sondern Vielfalt der Menschen, ihrer Kulturen, ihrer Eigenarten, ihrer Überzeugungen. Auf der gesamten Welt. Und was, wenn nicht die Sprache ist Grundlage dieser Vielfalt. Dem Mittel mit dem wir nicht nur uns alltäglich ausdrücken, sondern was auch im Gegenzug selbst unser Denken prägt, bis tief hinein ins Unterbewußte. Nicht umsonst ist immer die spannende Frage für Menschen, die sich in mehreren Sprachen bewegen, „in welcher Sprache träume ich eigentlich?“

Keine Einheitskultur, sondern die Vielfalt auf aller Welt ist der Wille Gottes. Daher musste der Turm zu Babel ein Stückwerk bleiben,. Und so bleibt der Turm zu Babel ein warnendes Zeichen vor all den Versuchen, eine Einheitskultur herzustellen. Was haben denn diese Versuche über die Welt gebracht außer Elend, Leid und Zerstörung? Mussten am Ende aufgegeben werden, wie der Turmbau zu Babel. Nichts ist von diesen Versuchen geblieben als Ruinen!

Und gleiches muss dann für unseren Glauben, das Christentum in aller Welt gelten. Auch hier keine Einheitskultur, keine Gleichmacherei, sondern die unterschiedlichen Formen und Sprachen des Glaubens, des Lobes Gottes. Wer sein Kind zur Taufe bringt, wer sich Taufen lässt, der wird nicht Mitglied einer Einheitspartei, bekommt keine christliche Uniform um gehangen. Sie oder er werden nicht zur Bauarbeitern an einem christlich-kirchliche Turmbau zu Babel. Sondern sie und er wird Teil einer Gemeinschaft, wenn sie sich denn am Willen Gottes ausrichtet, die von Vielfalt geprägt ist. Teil einer Gemeinschaft die nicht nur diese Vielfalt in sich selber lebt, sondern diese Vielfalt für alle Welt will. Die Vielfalt menschlichen Lebens, menschlicher Kultur liebt und schützt. Die sich natürlich darüber freut, wenn ihre Kirchen voll sind, Menschen den Weg Gottes gehen, zur Taufe kommen. Die aber gerade auch nicht das Ziel einer christlichen Einheitskultur der Gesellschaft hat. Sondern eine Gemeinschaft, die die Steine herausreißt, wenn andere schon wieder anfangen am Turm zu Babel weiterbauen zu wollen. Und das geschieht jeden Tag. Egal auch, wer die Bauarbeiter an diesem Turm sind, wir als Christinnen und Christen reißen ihnen die Steine aus der Hand. Denn wir sind der Teil der Gemeinschaft, die Gott lobt. Den Gott, von dem uns die Geschichte vom Turmbau erzählt, dass er ein Gott der Vielfalt ist, nicht des Einheitsgrau.

Wir sind Teil einer Gemeinschaft, die all die Frage des Zusammenlebens, die auch oft nicht so einfach sind, als Herausforderungen annimmt und sich ihnen gerne stellt.

Und das schönste zum Schluss: Mit jeder Taufe, jedem Menschen, der im Namen diese Gottes getauft wird, wird sie wieder größer, unsere Vielfalt. Seien wir Gott dafür dankbar und loben wir ihn dafür, so wie für die schönste Zeit im Jahr.

 

Verfasst von: achterosten | 24. März 2013

Taufwunsch – Predigt zu Psalm 121

Predigt zu Ps 121 (Palmarum, 24.III.2012)

 

Lieber Gemeinde, der Psalm 121:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels

schläft und schlummert nicht.

Der HERR behütet dich;

der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages die Sonne nicht steche

noch der Mond des Nachts.

Der HERR behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

 

Liebe Gemeinde, „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“, irgendwo heute schon mal gehört, diesen Satz? Keine Angst, ich frag jetzt nicht ab, das ist hier ja weder eine Quizshow, noch die Prüfung zum Christen des Monats. Und wer sich erinnert, darf sich innerlich freuen.

„Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ – ich habe es gesagt, als wir gerade getauft haben, direkt nachdem ich seinen Kopf mit Wasser übergossen habe.

In diesem Satz aus dem 121. Psalm, in wenigen Worten, wird der Wunsch laut, warum viele Eltern ihre Kinder zur Taufe bringen, sich Menschen taufen lassen: diesem kleinen Menschen, mir, soll nichts passieren. Ich, mein Kind soll geschützt sein gegen all die schlimmen Dinge, die da draußen auf uns warten. Man will ja alles tun, um das Kind zu schützen, aber man weiß halt auch um all die Dinge, die wir nicht beeinflussen können, wo unser Schutz nicht ausreicht: Krankheit, Unfälle, etc. Wir wissen, dass das Leben vom ersten Moment, vom ersten Atemzug an immer lebensgefährlich ist. Um so mehr ist das im Bewusstsein, wenn der Anfang des Lebens kein kräftiges Durchstarten ist, sondern langsam, behutsam war, Starthilfe brauchte. Es wird uns bewusst, wenn wir an einem Tag wie heute an die denken, die nicht mehr dabei sind, deren Platz leer bleibt.

Wir wissen, dass sie zum Leben dazugehören, diese ganzen lebens-gefährlichen Dinge, auf die wir kaum einen Einfluss haben, die wir auch nicht voraussehen können. Die Angst machen, Angst um uns selber und um die Menschen, die wir lieben. Wo es dann doch nur menschlich ist, für uns und die geliebten Menschen, Partner, Partnerin, unsere Kinder, unsere Eltern, Brüder, Schwester, Freunde auf Schutz zu hoffen und alles zu tun, was ihnen Schutz geben soll. Etwas zu haben, was sich gegen all die Gefahren stellt, gegen die Macht des Todes, der das Leben bedroht.

Eltern, die ihre Kinder zur Taufe bringen, Menschen, die sich taufen lassen, suchen und hoffen auf diesen Schutz durch Gott. Dass er sie behütet und beschützt von nun an für immer. Tag und Nacht über sie wacht, gerade da, wo wir nicht wachen und beschützen können. Wenn ich mit Eltern spreche, dann ist für viele genau das einer der  Gründe für die Taufe ihrer Kinder. Und hier ist es auch mal Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen: Zum Glück leben wir in einer solch freien Zeit, dass mir noch niemand begegnet ist, der sein Kind taufen lässt, weil das die Oma so will, oder weil Druck von außen ausgeübt wurde. Ich hatte bei allen das Gefühl, dass es die freie und gut überlegte Entscheidung war, ein Kind zur Taufe zu bringen. Und einer der Gründe für diese bewusste und freie Entscheidung ist immer wieder dieser: der Wunsch, das Kind unter den Schutz Gottes zu stellen, das es behütet und bewacht wird. Im christlichen Jargon gesagt: gesegnet wird.

Bei mancher Christin, manchem Christen gehen jetzt aber vielleicht alle Warnlampen an: Ist das nicht eine magische Vorstellung, eine Form von Aberglaube, wird die Taufe dadurch nicht zu einer magischen Handlung ohne die der Getaufte nicht unter diesem Schutz steht? Eine Handlung, die womöglich Gott „zwingen“ soll? Segen als Garantieschein?

Es ist nicht zu leugnen: Was die Taufe und den Wunsch nach Schutz, nach dem Segen Gottes angeht, bewegen wir uns auf dünnem Eis. Die Wand, die Grenze zur Magie, zum Aberglaube, wenn man es denn so nennen will, ist sehr dünn. Ich will dagegen aber ein großes ABER stellen: Diese Grenze, diese Wand war bei dem Thema Taufe und Segen schon immer sehr dünn. Selbst im heutigen Predigttext finden wir von dieser Wand eindeutige Spuren. Er breitet vor uns aus, was Menschen vom Segen Gottes erwarten. Der Psalm trägt in sich ein altes Erbe, einen Schritt, den die Menschen gemacht haben: die Vorstellungen, die sie früher mit einem persönlichen Schutzgott verbunden haben, der nur für sie, für ihre Familien da ist und sie behütet und beschützt vor all den Unbilden des Lebens. Diese Vorstellung wird nun übertragen auf den einen Gott, der die Welt geschaffen hat und sie täglich am Leben erhält. Und es ließen sich unzählige weitere Spuren von dieser dünnen Wand zwischen Glauben und Magie, zwischen Segen und magischer Handlung in der Bibel finden. Und auch das ist nicht weiter verwunderlich, denn bei beidem geht es um diesen Wunsch: Schutz vor dem Unverfügbaren, Schutz vor dem Lebensgefährlichen.

 

Und so dünn diese Wand auch sein mag, sie ist aber da, diese Wand zwischen dem Wunsch nach Segen, den wir mit der Taufe verbinden und dem, was eher unter die Überschrift Magie, Aberglaube und von mir aus auch Esoterik fällt. Denn wer getauft wird, wem der Segen zugesprochen wird, der wird im Namen des einen Gottes getauft, gesegnet. Dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der die Welt erhält. Der Sein Volk aus der Gefangenschaft geführt hat. Der in seinem Sohn unsere Angst erlitten hat, unseren Tod gestorben ist und uns so gezeigt hat, was für ein Gott er ist. Und natürlich auch im Namen des einen Gottes, der sich vor uns verborgen hält, den wir suchen, der gerade nicht tut, was wir wollen, was wir wünschen, der aber immer doch der eine Gott ist. In dessen Namen taufen wir, sprechen Menschen den Segen zu. Manch einem mag das nur ein kleiner Punkt zu sein, aber genau der ist es: Wenn wir Menschen segnen und taufen in diesem Namen, dann halten wir für ihr Leben den entscheidenden Punkt fest: Wer über es Macht hat. Und das ist doch der entscheidende Punkt in unserem Leben, wer hat im Letzten über uns Macht, wem geben wir die Macht, über unser Leben das entscheidende, das letzte Wort zu sprechen. Und jede Taufe bei der wir Getauften dabei sind, erinnert uns daran, wer die eigentliche Macht hat. Von wem wir Schutz und Segen erhoffen. Von dem einem Gott, in dessen Namen wir getauft sind, der uns Segen und Schutz zusagt.

 

Dumm nur, dass das Leben nicht so einfach ist, so schön einfach schwarz und weiß. Lass dich taufen und segnen und alles wird und ist gut. Wer das behauptet als Christ, dessen rosarote Brille ist von erstaunlicher Dicke. Denn unser Leben ist nicht so, auch als Getaufte, als Gesegnete des Herrn nicht, denn die Angst bleibt, die Schmerzen bleiben, der Tod bleibt. Es ändert sich nichts an der Tatsache: Unser Leben bleibt weiterhin lebens-gefährlich. Es ändert  auch nichts an der Frage, warum das so ist, warum es so ist, wenn doch Segen und Schutz als Überschrift über meinem Leben stehen soll. Die Frage, die manchmal zur Verzweiflung wird, mir den Schlaf raubt, mich hadern lässt.

Liebe Gemeinde, vor uns liegt die Karwoche. Und wer will, kann sie mitgehen, die Schritte Jesu in Jerusalem, angefangen heute mit dem Einzug in Jerusalem. Die Schritte bis ans Kreuz am Freitag. Christen tun das seit knapp 2000 Jahren. Die Karwoche ist die Woche des stillen Betrachtens, des Mitgehens dieses Weges. Christen gehen den Weg Jesu mit, den menschlichen Weg, den Gott für sich gewählt hat. Ich finde mich genau mit der Frage, der Verzweiflung die ich beschrieben habe, genau in diesem Weg wieder: Im Garten Gethsemane weine und kämpfe ich und sehr selten, in den raren, unendlich kostbaren Momenten kann ich am Ende dieses Kamfes sagen: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Der Schrei Jesu am Kreuz, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, er ist oft mein Schrei. Und als Getaufter, Gesegneter ist es trotzdem die allergrößte Hoffnung am Ende die anderen Worte Jesu am Kreuz nachsprechen zu können: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Wer Getauft ist, wer Gesegnet ist, der trägt keinen magischen Schutzmantel, sondern er geht den Weg allen menschlichen Lebens in guten und schlechten Tagen, er geht den Weg Jesu in dieser Woche in milliardenfachen Variationen. Aber er geht diesen Weg weiter, durch Karfreitag hindurch bis Ostern. Den Weg auf dem als Getaufter, als Gesegneter des Herren heute seinen ersten Schritt getan hat und auf dem wir Getauften als Gesegnete des Herrn mit ihm unterwegs sind und auf den Schutz und die Hilfe Gottes hoffen.

Verfasst von: achterosten | 10. Februar 2013

Eine Frage aus Heidelberg

Predigt zu II. Kor 6, 1-10 (Estomihi – 10.II.2013)

 

Liebe Gemeinde, „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Eine gefährliche Frage, liebe Gemeinde, heute Morgen, lebensgefährlich. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Wer sich dieser Frage aussetzt, lebt auf gefährlichem Fuß, der riskiert alles. Sich diese Frage in aller Aufrichtigkeit zu stellen, bedeutet Mut; und wenn es der Mut der Verzweiflung ist. Vor dieser Frage stehen wir total nackt, da gibt es kein Deckmäntelchen mehr, gewebt aus Halbgarheiten, leicht faul riechend nach all den Kompromissen, die wir eingegangen sind. Hier geht es ans Eingemachte, an die Grundsubstanz unseres Lebens. Keine alltägliche Frage, wie die nach der Frühstücksmarmelade, sondern die alles entscheidende Frage für mein Leben. Keine Frage die erst seit gestern gestellt wurde: Ihr Grundtenor hallt aus den Jahrtausenden menschlichen Lebens zu uns, in dieser Formulierung seit 450 Jahren aus Heidelberg. Meiner Beobachtung nach zeigt sich aber an ihr die Zerrissenheit unseres Lebens in diesen, unseren Zeiten. Auf der einen Seite ist in ihr unsere größte Angst – Was wenn ich diese Frage nicht beantworten kann? Wenn ich mit leeren Händen dastehe? Mich nur verzweifelt von Ihr abwenden kann, weil sie ohne Antwort für mich bleibt? Wenn mir bewusst wird, dass das was mein „Trost“ war, brüchig ist, nicht wirklich trägt? Das ich mir was vorgemacht habe?

Auf der anderen Seite ist in ihr unsere größte Sehnsucht – Was, wenn ich diese Frage beantworten kann? Wenn es da etwas gibt, was mich trägt, jeden Tag, in guten und schlechten Zeiten? Was sich als tragfähig, beständig erwiesen hat? Wenn mein dauerndes Suchen danach zum Ende gekommen ist? Ich wirklich frei bin – denn der ist wohl frei, der sie beantworten kann?

Und so zeigt sich in dieser Frage die ganze Hoffnung und die ganze Verzweiflung unseres Lebens. Dies um so mehr, da wir als Menschen unserer Zeit selbst die Antworten auf diese Frage finden müssen. Unsere Lebensbedingungen und unsere Lebenskultur uns einerseits die Freiheit schenkt, andererseits aber auch zwingt, unser Leben selber zu entwerfen. In Zeiten und unter Bedingungen, wo es keine allgemeingültigen Konzepte mehr gibt, wo wir frei wählen können und müssen, uns unseren Lebensentwurf, unsere Lebensgrundlage aus vielen kleinen Versatzstücken, aus Lebens- und Gesellschaftskonzepten, zusammenbasteln müssen. Lebend unter dem Segen und Fluch des Mottos das mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen ist: „Alles kann, nichts muss“. Wo wir immer wieder diesen Entwurf aber auch den Veränderungen des Lebens anpassen müssen. Wo wir immer auch ganz allein für diesen Entwurf verantwortlich gemacht werden und uns machen. Und wo die Frage nach dem „Tragenden“, dem Trost, die zentrale Rolle zukommt.

 

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Diese zentrale Frage mit ihrer Hoffnung und ihrer Verzweiflung kann in zweifacher Art und Weise laut werden, mit zwei Zielen: der totalen Zerstörung oder dem barmherzigen Aufbau.

Die erste Art, die totale Zerstörung, das ist das Herunterbeugen über das, was den Trost der Menschen ausmacht, das genüssliche Sezieren dieses Trostes. Nicht um des Erkenntnisgewinns willen, sondern um den Menschen es schließlich mit zynischer Besserwisserei als stinkendes, faules Etwas unter die Nase zu reiben. „Siehst du wie vergänglich, wie verlogen all das ist, auf was du dein Leben aufgebaut hast.“ Und gerade wir in der evangelischen Kirche habe es da zu mancher Meisterschaft gebracht. Schön den Leuten links und rechts um die Ohren hauen, wie verlogen all ihr vermeidlicher Trost ist. Wie brüchig alle menschliche Liebe ist auf die sie hoffen, alle menschliche Stärke, auf die sie bauen, alle menschliche Ehrlichkeit, auf die sie vertrauen. Um dann, wenn wir die Menschen so richtig fertig gemacht haben, in allen düsteren Farben ihren vermeidlichen Trost zerstört, in den Eingeweiden ihrer Seelen herumgewühlt haben, ihnen dann um so strahlender die Botschaft der Bibel oder das was man dafür hielt und hält zu präsentieren. Oh ja, wir haben diese Meisterschaft so weit gebracht, dass wir eines der schönsten Geschenke Gottes, seine Gebote, zu einem perversen Instrument dieser Seelensektion gemacht haben. Und wenn wir sie dann so all ihrer Seelenkleider beraubt, vom Leibe gerissen, sie völlig nackt gemacht haben, haben wir ihnen den Mantel des Trostes Gottes einfach vor die Füße geworfen, egal ob der passt oder nicht, man ist ja höherem verpflichtet.

 

Und es gibt die zweite Art, die Frage laut zu stellen. Wissend um die Verletzlichkeit dieser Frage, die Angst und Sehnsucht dieser Frage. Wissend um die Schmerzen, die Verbitterung wenn sich ein Trost als falsch, als brüchig herausgestellt hat. Wenn am Ende die Erkenntnis steht, ich kann keinen Trost finden, mir keinen aus all den Versatzstücken des Lebens zusammenbauen. Eine Art und Weise, die bestimmt ist von einem ungeschönten, ehrlichen, aber auch barmherzigen Blick auf unser Leben. Nicht zu verwechseln mit kitischigen Worten, die die Wahrheit verdecken. Auch diese Art kann schmerzhaft, wütend sein, bis zur Grenze der Unerträglichkeit, aber barmherzig. Und zum Glück gibt es auch diese Tradition in unserer Kirche, auch diesen Weg. Für mich ist Ausdruck dieses Weges jener 450 Jahre alter Text aus Heidelberg, der Heidelberger Katechismus, der die große Frage gleich als erste  stellt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“. – Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

Das ist die Antwort des Heidelberger Katechismus, dem Grunddokument der zweiten Strömung unserer evangelischen Tradition, der reformierten. Kleiner in der Zahl, strenger in der Theologie und Ethik, dafür aber bibelnäher, staatsferner und radikaler vielleicht als die lutherische Strömung. Geprägt von dem Gedanken, was es wirklich in all seiner Radikalität bedeutet, evangelisch frei zu sein, sich allein auf Christus und die Bibel zu beziehen. Mehr Widerspruch als Anbiederung vielleicht, aber auch Härte bis zur Unmenschlichkeit prägen diese Tradition.

Sie schenkt uns in meinen Augen eine der schönsten Antworten auf die gefährliche Frage. Mich barmherzig kleidet, mich, der ich umbarmherzig nackt, frierend auf dem Hügel meines Lebens stehe, schutzlos ausgesetzt. Ein warmer Mantel aus diesen Worten umschließt mich, birgt meine Nacktheit. Ein alter Mantel, ganz klar. Weder Stil, noch Verarbeitung entsprechen der neusten Mode, auch ist er an einigen Stellen zerschlissen und wieder geflickt. Die Stelle mit dem „teuren Blut für die Sünden“ gleich mehrfach und sieht doch dort schon wieder sehr mitgenommen aus. Und trotzdem – er passt, er wärmt, er schützt. Er gibt – ja, Geborgenheit, so wie Trost nun mal Geborgenheit gibt.  Dieser Trost macht mich frei, er legt mich mit allem was mein Leben schön und schmerzvoll macht, mit allem was mich ausmacht, zum Guten und zum Schlechten in die Hand Gottes. Er spricht von Bewahrung die ewig währt.

Nicht ich muss mir diesen Trost verschaffen, ihn mühevoll zusammenhalten in der dauernden Angst, das er zerfällt wie Staub. Dieser Trost wird mir zugesagt und ich kann ihn nachsprechen. Der geschenkte Mantel wird mein eigener.

 

Ob er das noch ist, wenn die Stürme des Lebens, die Umstände an ihm zerren und reißen? Oder wird er dann nicht genauso davon fliegen, wie all die ganzen anderen Trostmäntel? Mich wieder nackt zurück lassen?

Liebe Gemeinde, darauf kann ich keine Antwort geben, denn ich weiß es nicht. Und alles anderes wäre eine Lüge, ein verschließen vor der Wahrheit. Ich kann ihnen aber sagen, was ist, wenn diese große Frage des Lebens sich regt, wenn es ans Eingemachte geht und ich diese Worte aus Heidelberg höre: Ich will glauben, ich will hoffen, dass es mich trägt im Leben; Trost ist, wenn alles andere zu seinem Ende kommt und es ans Sterben geht. Ich will diesen Mantel behalten, nicht aus Verzweiflung, weil gerade kein anderer da ist, auch nicht weil er besonders schön ist, sondern weil er tiefes Vertrauen in mir weckt und schenkt. Amen

Verfasst von: achterosten | 2. Januar 2013

Weihnachten Zuhaus

Predigt zu Ez 37, 24-28 (Christnacht 2012)

Liebe Gemeinde, das hätte ich mir auch nie träumen lassen, so vor knapp 20 Jahren als Konfi in der ersten Bankreihe, dass ich mal am Heiligen Abend hier auf der Kanzel stehe. In der Heimat –  und wann, wenn nicht heute passt dieses Wort: „Heimat“. Die Überschrift, die viele mit Weihnachten, dem Heiligen Abend verbinden, wenn auch vielleicht eher unbewusst. Die Grundmelodie für diese besonderen Tage. Die Eine feiert Weihnachten an dem Ort, der für sie Heimat ist. In vertrauter Umgebung, mit vertrauten Menschen um sich, hört die vertraute Sprache. Beim anderen geht der Blick dorthin, wo mal Heimat war. Den Ort, den man verlassen hat, mehr oder weniger freiwillig: Krieg, Not und fehlende Perspektiven waren die Gründe, die Heimat zu verlassen. So gehen heute seine Gedanken irgendwo in die Weiten Ost- oder Südeuropas. Er hört um sich eine Sprache, die eigentlich nicht die Seine ist. Beim nächsten gehen die Gedanken an Menschen, die heute nicht dabei sein können oder wollen, die fehlen, die aber nun mal dazu gehören, wenn man von Heimat spricht.

Und es wird wieder viel von Heimat gesprochen. Vor ein paar Jahren fiel den meisten zu dem Begriff vielleicht noch gerade der Musikantenstadl oder andere Perlen deutscher Volkmusik ein; oder der Begriff war völlig verpönt. Heimat, das roch nach brauner Soße, nach Blut-und-Boden-Ideologie. Heute ist der Begriff wieder total in Mode, was eigentlich komisch ist, wo wir doch alle immer beweglicher geworden sind, der Arbeit, der Liebe hinterher ziehen. Heimat ist wieder an allen Ecken zu hören, Zeitschriften wie „Landlust“ schießen wie Pilze aus dem Boden, Rezeptbücher mit Titeln wie: Die Heimatküche, Westfalen in Topf und Pfanne. Und spätestens seit dem wir hier im Revier 2010 Kultur waren, gilt das auch fürs Ruhrgebiet. „Ne, wat is dat schön bei uns und wenn jetz auch noch die Emscher grün wird, da willste gar nich mehr wech.“ Stolz trägt man T-Shirts mit dem Aufdruck Ruhrpott und das gute alte CAS-Kennzeichen schmückt wieder die Autos.

Aber was soll das überhaupt sein – Heimat? Und wo ist sie? Hat sie mit dem zu tun, was uns vor Augen ist? Ist sie wirklich ein realer Ort? Spätestens wenn man an einem trüben Wintertag durch graue Ickerner Straßen zieht, können einem da schon Zweifel kommen. Heimat steht halt auch immer in der Gefahr der Verklärung – „Bei uns in Ickern is dat sowat von toll: Deinen letzten Ruheplatz findeste direkt zwischen A2 und Emscher – verkehrsgünstiger kannste nirgendwo auffm Friedhoof liegen.“ Vielleicht bleibt einem manchmal auch nur die Verklärung, wenn es hier jetzt wieder wahrscheinlich Tausenden an den Kragen geht bei Opel und Thyssen, weil mal wieder die Bonzen ohne Ende Mist gebaut haben.

Aber Heimat muss doch mehr sein als bloße Verklärung. Für mich zum Beispiel gibt es da einen Ort, wo „Heimat“ am stärksten spürbar wird: Wenn ich auf dem Kanaldeich stehe zwischen Lohburg und Schiffshebewerk und hinunter blicke in Richtung Ickern, Habinghorst, Henrichenburg – dann ist das meine Heimat. Aber wenn ich dann da so stehe, wird mir schnelle bewusst: So stimmt das eigentlich gar nicht. Denn meine Heimat ist der Blick meiner Kindheit von diesem Ort: die rauchenden Schlote von Stickstoff, die Kühltürme in Habinghorst und Dortmund, die den Horizont füllten. Und mir kommen ganz andere Orte in den Sinn, die Heimat sind: Der Weihnachtsbaum von Ickern III, der von uns in Ickern End aussah, als wenn er über den Bäumen schwebt. Heimat, das war die Bude der Familie Knorr auf dem Ickerner Marktplatz, das waren alte Männer im Feinrippunterhemd in den Fenstern – nicht schön, aber halt Heimat. All das gibt es nicht mehr. Meine Heimat – kein Ort, der zu finden ist, sondern der in der Vergangenheit liegt. Ort von Anekdoten, bei denen man sich, wenn man sie erzählt, selber schon uralt vorkommt. Ort nicht nur von Melancholie, sondern von Sehnsucht. Der Philosoph Ernst Bloch hat wohl die beste Beschreibung für Heimat gefunden: „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“.

Und so wird klar: Heimat ist kein Besitz, sondern Ort der Sehnsucht. Wer sie als Besitz versteht und festhalten will, gerade dem wird sie wie Sand in den Fingern zerrinnen Oder viel gefährlicher: Der wird meinen, man müsse diese Heimat verteidigen gegen das vermeintlich Fremde, gegen Veränderung. Der wird nicht verstehen, dass Heimat mehr mit unseren Sehnsüchten als mit realen Orten zu tun hat. Eine Sehnsucht, die umso stärker brennt in einer Zeit, die davon bestimmt ist, dass Menschen diese Orte verlassen müssen. Wir nicht wissen, wo wir morgen hinziehen müssen. Wo die Sicherheit fehlt, sagen zu können, man hat einen Ort gefunden, an dem man alt werden kann. Denn selbst das Alter bedeutet für viele ein letztes Umziehen in ein Alten- oder Pflegeheim. Und so wird Heimat immer mehr zu einem fiktiven Ort der Träume, der Sehnsucht. Diese Sehnsucht brennt in uns, wir können ihr gar keinen richtigen Namen geben, aber sie ist da. Besonders in den Tagen vor Weihnachten und gerade an diesem Abend, in dieser Nacht. Und es ist nicht nur Sehnsucht nach den Orten und Menschen der Vergangenheit, sondern diese tiefe Sehnsucht in uns nach einem Ort, an dem alles gut ist.

Unsere Väter und Mütter im Glauben legten diese Sehnsucht, aber auch ihre Hoffnung auf Gott, bei ihm „Heimat“ zu finden. Sie folgten damit der Verheißung, die Gott ihnen und uns gegeben hat, dass wir bei ihm Heimat finden. All unsere Sehnsucht bei ihm gestillt wird. Seinem Volk Israel hat er diese Verheißung gegeben und uns durch seinen Sohn.

Das erzählt uns die Geschichte von dem kleinen Kind in einem Stall, in einer Krippe irgendwo in Israel vor langer Zeit: Gott kommt in diesem kleinen Kind zu uns. In unsere Verletzlichkeit, in unsere Heimatlosigkeit, in unsere tiefe Sehnsucht nach einem Ort, „wo alles gut ist“. Hier an dieser Krippe ist der Ort, an dem Gott unsere tiefe Sehnsucht stillen will. Wer an diese Krippe tritt, der kann für einen Moment glauben und erfahren, wie es sein wird, wenn meine Sehnsucht gestillt ist, ich Heimat gefunden habe. Wenn „alles gut ist“.

Liebe Gemeinde, Sie, die Menschen hier im Ruhrgebiet, viele von Ihnen haben eine wunderbare Eigenschaft, die ich erst in der Fremde wirklich bemerkt habe und schmerzhaft vermisse: „Sagen wat Sache is.“ Kein langes verstohlenes Herumreden. Nicht Dinge sagen, weil man meint die Konventionen erwarten das von einem, sondern Ross und Reiter beim Namen nennen. Und man kann Ihnen hier auch keinen vom Pferd erzählen. Ich muss ehrlich sagen: Beide Tatsachen haben mich beim Schreiben der Predigt ein wenig nervös gemacht.

So kann und will ich anderes an dieser Stelle auch nicht tun: „Sagen wat Sache ist“. Diesen Moment an der Krippe, den kann ich nicht herbeipredigen. Ich kann auch keine guten Ratschläge verteilen, wie sich dieser Moment auf jeden Fall einstellen wird. Wenn man sich dem ganzen Weihnachtskonsum entzieht? Sich wieder, wie jedes Jahr vornimmt, dieses Jahr wird es ruhiger? Mag klappen, wenn man der Apothekenumschau und anderen Lebensberatungsmagazinen glauben will, aber ehrlich, das ist doch eher ein frommer Wunsch. Allein schon angesichts von Jahresendzeitrun für viele an der Arbeit. Und dieser Moment hängt auch nicht daran, ob sie nur heute den Weg hier in die Kirche finden oder häufiger da sind. Und schon hängt gar nicht hängt dieser Moment an der dauerhaften Wiederholung solcher komischen Sätze wie „Du musst nur fest genug glauben“. Dieser Moment ist nicht Ergebnis einer religiösen Leistungsolympiade!

Er kann nicht herbeigepredigt werden, er kann auch nicht erzwungen werden, dieser Moment an der Krippe, wo die brennende Sehnsucht in mir gestillt wird. Wo ich erkenne, was geschehen ist an diesem Ort in Israel: Gott schweigt nicht. Es ist wirklich wahr, was uns erzählt wird von diesem Gott und es hat wenig zu tun mit all diesen kleinen, ängstlichen Reden, die wir oft uns in der Kirche nur trauen. All diesen ganzen moralischen Kram. Es ist viel größer. Es ist wirkliche Freiheit! Ja, ich kann wirklich hoffen auf die Verheißung, dass es den Ort gibt, an dem alles gut ist, wirkliche Heimat!

Dieser Moment, er ist ein Geschenk und ich kann mich nur beschenken lassen. Verstehen sie  „Moment“ bitte nicht falsch, nicht sozusagen zeitlich als das Knallereignis, sekundenkurz und dann ist alles klar. Dieser Moment kann für jeden unterschiedlich sein, auch die Gestalten an der Krippe standen nicht schlagartig dort – neun Monate wird die Schwangerschaft gedauert haben. Hirten und Weise mussten sich erst auf den Weg machen, aber irgendwann standen sie dann an der Krippe und haben sich beschenken lassen. Mehr können wir auch nicht tun an diesem Heiligen Abend: Uns beschenken lassen. Aber was heißt „mehr können wir nicht tun“, das ist doch das wunderbar: Wir müssen nicht mehr tun als uns beschenken lassen von Gott. Uns schenken lassen die Verheißung, dass unsere Sehnsucht nach Heimat gestillt wird, wenigstens für diese Nacht. Das dieses Geschenk allen gilt. Nicht einem elitären Kreis. Nicht davon abhängt welcher Ort in unserer Geburtsurkunde steht. Uns schenken lassen die Erfahrung, dass diese Krippe nicht irgendwo vor zweitausend Jahren in der Gegend rumstand, sondern heute Nacht hier in Ickern. An dem Ort, der für manche Zuhause ist und für manchen geworden ist und wo man, mit aller Ironie, die uns eigen ist, sagen kann: „Kärl, wat is dat schön bei uns.“

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