Verfasst von: achterosten | 24. März 2013

Taufwunsch – Predigt zu Psalm 121

Predigt zu Ps 121 (Palmarum, 24.III.2012)

 

Lieber Gemeinde, der Psalm 121:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels

schläft und schlummert nicht.

Der HERR behütet dich;

der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages die Sonne nicht steche

noch der Mond des Nachts.

Der HERR behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

 

Liebe Gemeinde, „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“, irgendwo heute schon mal gehört, diesen Satz? Keine Angst, ich frag jetzt nicht ab, das ist hier ja weder eine Quizshow, noch die Prüfung zum Christen des Monats. Und wer sich erinnert, darf sich innerlich freuen.

„Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ – ich habe es gesagt, als wir gerade getauft haben, direkt nachdem ich seinen Kopf mit Wasser übergossen habe.

In diesem Satz aus dem 121. Psalm, in wenigen Worten, wird der Wunsch laut, warum viele Eltern ihre Kinder zur Taufe bringen, sich Menschen taufen lassen: diesem kleinen Menschen, mir, soll nichts passieren. Ich, mein Kind soll geschützt sein gegen all die schlimmen Dinge, die da draußen auf uns warten. Man will ja alles tun, um das Kind zu schützen, aber man weiß halt auch um all die Dinge, die wir nicht beeinflussen können, wo unser Schutz nicht ausreicht: Krankheit, Unfälle, etc. Wir wissen, dass das Leben vom ersten Moment, vom ersten Atemzug an immer lebensgefährlich ist. Um so mehr ist das im Bewusstsein, wenn der Anfang des Lebens kein kräftiges Durchstarten ist, sondern langsam, behutsam war, Starthilfe brauchte. Es wird uns bewusst, wenn wir an einem Tag wie heute an die denken, die nicht mehr dabei sind, deren Platz leer bleibt.

Wir wissen, dass sie zum Leben dazugehören, diese ganzen lebens-gefährlichen Dinge, auf die wir kaum einen Einfluss haben, die wir auch nicht voraussehen können. Die Angst machen, Angst um uns selber und um die Menschen, die wir lieben. Wo es dann doch nur menschlich ist, für uns und die geliebten Menschen, Partner, Partnerin, unsere Kinder, unsere Eltern, Brüder, Schwester, Freunde auf Schutz zu hoffen und alles zu tun, was ihnen Schutz geben soll. Etwas zu haben, was sich gegen all die Gefahren stellt, gegen die Macht des Todes, der das Leben bedroht.

Eltern, die ihre Kinder zur Taufe bringen, Menschen, die sich taufen lassen, suchen und hoffen auf diesen Schutz durch Gott. Dass er sie behütet und beschützt von nun an für immer. Tag und Nacht über sie wacht, gerade da, wo wir nicht wachen und beschützen können. Wenn ich mit Eltern spreche, dann ist für viele genau das einer der  Gründe für die Taufe ihrer Kinder. Und hier ist es auch mal Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen: Zum Glück leben wir in einer solch freien Zeit, dass mir noch niemand begegnet ist, der sein Kind taufen lässt, weil das die Oma so will, oder weil Druck von außen ausgeübt wurde. Ich hatte bei allen das Gefühl, dass es die freie und gut überlegte Entscheidung war, ein Kind zur Taufe zu bringen. Und einer der Gründe für diese bewusste und freie Entscheidung ist immer wieder dieser: der Wunsch, das Kind unter den Schutz Gottes zu stellen, das es behütet und bewacht wird. Im christlichen Jargon gesagt: gesegnet wird.

Bei mancher Christin, manchem Christen gehen jetzt aber vielleicht alle Warnlampen an: Ist das nicht eine magische Vorstellung, eine Form von Aberglaube, wird die Taufe dadurch nicht zu einer magischen Handlung ohne die der Getaufte nicht unter diesem Schutz steht? Eine Handlung, die womöglich Gott „zwingen“ soll? Segen als Garantieschein?

Es ist nicht zu leugnen: Was die Taufe und den Wunsch nach Schutz, nach dem Segen Gottes angeht, bewegen wir uns auf dünnem Eis. Die Wand, die Grenze zur Magie, zum Aberglaube, wenn man es denn so nennen will, ist sehr dünn. Ich will dagegen aber ein großes ABER stellen: Diese Grenze, diese Wand war bei dem Thema Taufe und Segen schon immer sehr dünn. Selbst im heutigen Predigttext finden wir von dieser Wand eindeutige Spuren. Er breitet vor uns aus, was Menschen vom Segen Gottes erwarten. Der Psalm trägt in sich ein altes Erbe, einen Schritt, den die Menschen gemacht haben: die Vorstellungen, die sie früher mit einem persönlichen Schutzgott verbunden haben, der nur für sie, für ihre Familien da ist und sie behütet und beschützt vor all den Unbilden des Lebens. Diese Vorstellung wird nun übertragen auf den einen Gott, der die Welt geschaffen hat und sie täglich am Leben erhält. Und es ließen sich unzählige weitere Spuren von dieser dünnen Wand zwischen Glauben und Magie, zwischen Segen und magischer Handlung in der Bibel finden. Und auch das ist nicht weiter verwunderlich, denn bei beidem geht es um diesen Wunsch: Schutz vor dem Unverfügbaren, Schutz vor dem Lebensgefährlichen.

 

Und so dünn diese Wand auch sein mag, sie ist aber da, diese Wand zwischen dem Wunsch nach Segen, den wir mit der Taufe verbinden und dem, was eher unter die Überschrift Magie, Aberglaube und von mir aus auch Esoterik fällt. Denn wer getauft wird, wem der Segen zugesprochen wird, der wird im Namen des einen Gottes getauft, gesegnet. Dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der die Welt erhält. Der Sein Volk aus der Gefangenschaft geführt hat. Der in seinem Sohn unsere Angst erlitten hat, unseren Tod gestorben ist und uns so gezeigt hat, was für ein Gott er ist. Und natürlich auch im Namen des einen Gottes, der sich vor uns verborgen hält, den wir suchen, der gerade nicht tut, was wir wollen, was wir wünschen, der aber immer doch der eine Gott ist. In dessen Namen taufen wir, sprechen Menschen den Segen zu. Manch einem mag das nur ein kleiner Punkt zu sein, aber genau der ist es: Wenn wir Menschen segnen und taufen in diesem Namen, dann halten wir für ihr Leben den entscheidenden Punkt fest: Wer über es Macht hat. Und das ist doch der entscheidende Punkt in unserem Leben, wer hat im Letzten über uns Macht, wem geben wir die Macht, über unser Leben das entscheidende, das letzte Wort zu sprechen. Und jede Taufe bei der wir Getauften dabei sind, erinnert uns daran, wer die eigentliche Macht hat. Von wem wir Schutz und Segen erhoffen. Von dem einem Gott, in dessen Namen wir getauft sind, der uns Segen und Schutz zusagt.

 

Dumm nur, dass das Leben nicht so einfach ist, so schön einfach schwarz und weiß. Lass dich taufen und segnen und alles wird und ist gut. Wer das behauptet als Christ, dessen rosarote Brille ist von erstaunlicher Dicke. Denn unser Leben ist nicht so, auch als Getaufte, als Gesegnete des Herrn nicht, denn die Angst bleibt, die Schmerzen bleiben, der Tod bleibt. Es ändert sich nichts an der Tatsache: Unser Leben bleibt weiterhin lebens-gefährlich. Es ändert  auch nichts an der Frage, warum das so ist, warum es so ist, wenn doch Segen und Schutz als Überschrift über meinem Leben stehen soll. Die Frage, die manchmal zur Verzweiflung wird, mir den Schlaf raubt, mich hadern lässt.

Liebe Gemeinde, vor uns liegt die Karwoche. Und wer will, kann sie mitgehen, die Schritte Jesu in Jerusalem, angefangen heute mit dem Einzug in Jerusalem. Die Schritte bis ans Kreuz am Freitag. Christen tun das seit knapp 2000 Jahren. Die Karwoche ist die Woche des stillen Betrachtens, des Mitgehens dieses Weges. Christen gehen den Weg Jesu mit, den menschlichen Weg, den Gott für sich gewählt hat. Ich finde mich genau mit der Frage, der Verzweiflung die ich beschrieben habe, genau in diesem Weg wieder: Im Garten Gethsemane weine und kämpfe ich und sehr selten, in den raren, unendlich kostbaren Momenten kann ich am Ende dieses Kamfes sagen: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Der Schrei Jesu am Kreuz, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, er ist oft mein Schrei. Und als Getaufter, Gesegneter ist es trotzdem die allergrößte Hoffnung am Ende die anderen Worte Jesu am Kreuz nachsprechen zu können: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Wer Getauft ist, wer Gesegnet ist, der trägt keinen magischen Schutzmantel, sondern er geht den Weg allen menschlichen Lebens in guten und schlechten Tagen, er geht den Weg Jesu in dieser Woche in milliardenfachen Variationen. Aber er geht diesen Weg weiter, durch Karfreitag hindurch bis Ostern. Den Weg auf dem als Getaufter, als Gesegneter des Herren heute seinen ersten Schritt getan hat und auf dem wir Getauften als Gesegnete des Herrn mit ihm unterwegs sind und auf den Schutz und die Hilfe Gottes hoffen.

Verfasst von: achterosten | 10. Februar 2013

Eine Frage aus Heidelberg

Predigt zu II. Kor 6, 1-10 (Estomihi – 10.II.2013)

 

Liebe Gemeinde, „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Eine gefährliche Frage, liebe Gemeinde, heute Morgen, lebensgefährlich. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Wer sich dieser Frage aussetzt, lebt auf gefährlichem Fuß, der riskiert alles. Sich diese Frage in aller Aufrichtigkeit zu stellen, bedeutet Mut; und wenn es der Mut der Verzweiflung ist. Vor dieser Frage stehen wir total nackt, da gibt es kein Deckmäntelchen mehr, gewebt aus Halbgarheiten, leicht faul riechend nach all den Kompromissen, die wir eingegangen sind. Hier geht es ans Eingemachte, an die Grundsubstanz unseres Lebens. Keine alltägliche Frage, wie die nach der Frühstücksmarmelade, sondern die alles entscheidende Frage für mein Leben. Keine Frage die erst seit gestern gestellt wurde: Ihr Grundtenor hallt aus den Jahrtausenden menschlichen Lebens zu uns, in dieser Formulierung seit 450 Jahren aus Heidelberg. Meiner Beobachtung nach zeigt sich aber an ihr die Zerrissenheit unseres Lebens in diesen, unseren Zeiten. Auf der einen Seite ist in ihr unsere größte Angst – Was wenn ich diese Frage nicht beantworten kann? Wenn ich mit leeren Händen dastehe? Mich nur verzweifelt von Ihr abwenden kann, weil sie ohne Antwort für mich bleibt? Wenn mir bewusst wird, dass das was mein „Trost“ war, brüchig ist, nicht wirklich trägt? Das ich mir was vorgemacht habe?

Auf der anderen Seite ist in ihr unsere größte Sehnsucht – Was, wenn ich diese Frage beantworten kann? Wenn es da etwas gibt, was mich trägt, jeden Tag, in guten und schlechten Zeiten? Was sich als tragfähig, beständig erwiesen hat? Wenn mein dauerndes Suchen danach zum Ende gekommen ist? Ich wirklich frei bin – denn der ist wohl frei, der sie beantworten kann?

Und so zeigt sich in dieser Frage die ganze Hoffnung und die ganze Verzweiflung unseres Lebens. Dies um so mehr, da wir als Menschen unserer Zeit selbst die Antworten auf diese Frage finden müssen. Unsere Lebensbedingungen und unsere Lebenskultur uns einerseits die Freiheit schenkt, andererseits aber auch zwingt, unser Leben selber zu entwerfen. In Zeiten und unter Bedingungen, wo es keine allgemeingültigen Konzepte mehr gibt, wo wir frei wählen können und müssen, uns unseren Lebensentwurf, unsere Lebensgrundlage aus vielen kleinen Versatzstücken, aus Lebens- und Gesellschaftskonzepten, zusammenbasteln müssen. Lebend unter dem Segen und Fluch des Mottos das mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen ist: „Alles kann, nichts muss“. Wo wir immer wieder diesen Entwurf aber auch den Veränderungen des Lebens anpassen müssen. Wo wir immer auch ganz allein für diesen Entwurf verantwortlich gemacht werden und uns machen. Und wo die Frage nach dem „Tragenden“, dem Trost, die zentrale Rolle zukommt.

 

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – Diese zentrale Frage mit ihrer Hoffnung und ihrer Verzweiflung kann in zweifacher Art und Weise laut werden, mit zwei Zielen: der totalen Zerstörung oder dem barmherzigen Aufbau.

Die erste Art, die totale Zerstörung, das ist das Herunterbeugen über das, was den Trost der Menschen ausmacht, das genüssliche Sezieren dieses Trostes. Nicht um des Erkenntnisgewinns willen, sondern um den Menschen es schließlich mit zynischer Besserwisserei als stinkendes, faules Etwas unter die Nase zu reiben. „Siehst du wie vergänglich, wie verlogen all das ist, auf was du dein Leben aufgebaut hast.“ Und gerade wir in der evangelischen Kirche habe es da zu mancher Meisterschaft gebracht. Schön den Leuten links und rechts um die Ohren hauen, wie verlogen all ihr vermeidlicher Trost ist. Wie brüchig alle menschliche Liebe ist auf die sie hoffen, alle menschliche Stärke, auf die sie bauen, alle menschliche Ehrlichkeit, auf die sie vertrauen. Um dann, wenn wir die Menschen so richtig fertig gemacht haben, in allen düsteren Farben ihren vermeidlichen Trost zerstört, in den Eingeweiden ihrer Seelen herumgewühlt haben, ihnen dann um so strahlender die Botschaft der Bibel oder das was man dafür hielt und hält zu präsentieren. Oh ja, wir haben diese Meisterschaft so weit gebracht, dass wir eines der schönsten Geschenke Gottes, seine Gebote, zu einem perversen Instrument dieser Seelensektion gemacht haben. Und wenn wir sie dann so all ihrer Seelenkleider beraubt, vom Leibe gerissen, sie völlig nackt gemacht haben, haben wir ihnen den Mantel des Trostes Gottes einfach vor die Füße geworfen, egal ob der passt oder nicht, man ist ja höherem verpflichtet.

 

Und es gibt die zweite Art, die Frage laut zu stellen. Wissend um die Verletzlichkeit dieser Frage, die Angst und Sehnsucht dieser Frage. Wissend um die Schmerzen, die Verbitterung wenn sich ein Trost als falsch, als brüchig herausgestellt hat. Wenn am Ende die Erkenntnis steht, ich kann keinen Trost finden, mir keinen aus all den Versatzstücken des Lebens zusammenbauen. Eine Art und Weise, die bestimmt ist von einem ungeschönten, ehrlichen, aber auch barmherzigen Blick auf unser Leben. Nicht zu verwechseln mit kitischigen Worten, die die Wahrheit verdecken. Auch diese Art kann schmerzhaft, wütend sein, bis zur Grenze der Unerträglichkeit, aber barmherzig. Und zum Glück gibt es auch diese Tradition in unserer Kirche, auch diesen Weg. Für mich ist Ausdruck dieses Weges jener 450 Jahre alter Text aus Heidelberg, der Heidelberger Katechismus, der die große Frage gleich als erste  stellt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“. – Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

Das ist die Antwort des Heidelberger Katechismus, dem Grunddokument der zweiten Strömung unserer evangelischen Tradition, der reformierten. Kleiner in der Zahl, strenger in der Theologie und Ethik, dafür aber bibelnäher, staatsferner und radikaler vielleicht als die lutherische Strömung. Geprägt von dem Gedanken, was es wirklich in all seiner Radikalität bedeutet, evangelisch frei zu sein, sich allein auf Christus und die Bibel zu beziehen. Mehr Widerspruch als Anbiederung vielleicht, aber auch Härte bis zur Unmenschlichkeit prägen diese Tradition.

Sie schenkt uns in meinen Augen eine der schönsten Antworten auf die gefährliche Frage. Mich barmherzig kleidet, mich, der ich umbarmherzig nackt, frierend auf dem Hügel meines Lebens stehe, schutzlos ausgesetzt. Ein warmer Mantel aus diesen Worten umschließt mich, birgt meine Nacktheit. Ein alter Mantel, ganz klar. Weder Stil, noch Verarbeitung entsprechen der neusten Mode, auch ist er an einigen Stellen zerschlissen und wieder geflickt. Die Stelle mit dem „teuren Blut für die Sünden“ gleich mehrfach und sieht doch dort schon wieder sehr mitgenommen aus. Und trotzdem – er passt, er wärmt, er schützt. Er gibt – ja, Geborgenheit, so wie Trost nun mal Geborgenheit gibt.  Dieser Trost macht mich frei, er legt mich mit allem was mein Leben schön und schmerzvoll macht, mit allem was mich ausmacht, zum Guten und zum Schlechten in die Hand Gottes. Er spricht von Bewahrung die ewig währt.

Nicht ich muss mir diesen Trost verschaffen, ihn mühevoll zusammenhalten in der dauernden Angst, das er zerfällt wie Staub. Dieser Trost wird mir zugesagt und ich kann ihn nachsprechen. Der geschenkte Mantel wird mein eigener.

 

Ob er das noch ist, wenn die Stürme des Lebens, die Umstände an ihm zerren und reißen? Oder wird er dann nicht genauso davon fliegen, wie all die ganzen anderen Trostmäntel? Mich wieder nackt zurück lassen?

Liebe Gemeinde, darauf kann ich keine Antwort geben, denn ich weiß es nicht. Und alles anderes wäre eine Lüge, ein verschließen vor der Wahrheit. Ich kann ihnen aber sagen, was ist, wenn diese große Frage des Lebens sich regt, wenn es ans Eingemachte geht und ich diese Worte aus Heidelberg höre: Ich will glauben, ich will hoffen, dass es mich trägt im Leben; Trost ist, wenn alles andere zu seinem Ende kommt und es ans Sterben geht. Ich will diesen Mantel behalten, nicht aus Verzweiflung, weil gerade kein anderer da ist, auch nicht weil er besonders schön ist, sondern weil er tiefes Vertrauen in mir weckt und schenkt. Amen

Verfasst von: achterosten | 2. Januar 2013

Weihnachten Zuhaus

Predigt zu Ez 37, 24-28 (Christnacht 2012)

Liebe Gemeinde, das hätte ich mir auch nie träumen lassen, so vor knapp 20 Jahren als Konfi in der ersten Bankreihe, dass ich mal am Heiligen Abend hier auf der Kanzel stehe. In der Heimat –  und wann, wenn nicht heute passt dieses Wort: „Heimat“. Die Überschrift, die viele mit Weihnachten, dem Heiligen Abend verbinden, wenn auch vielleicht eher unbewusst. Die Grundmelodie für diese besonderen Tage. Die Eine feiert Weihnachten an dem Ort, der für sie Heimat ist. In vertrauter Umgebung, mit vertrauten Menschen um sich, hört die vertraute Sprache. Beim anderen geht der Blick dorthin, wo mal Heimat war. Den Ort, den man verlassen hat, mehr oder weniger freiwillig: Krieg, Not und fehlende Perspektiven waren die Gründe, die Heimat zu verlassen. So gehen heute seine Gedanken irgendwo in die Weiten Ost- oder Südeuropas. Er hört um sich eine Sprache, die eigentlich nicht die Seine ist. Beim nächsten gehen die Gedanken an Menschen, die heute nicht dabei sein können oder wollen, die fehlen, die aber nun mal dazu gehören, wenn man von Heimat spricht.

Und es wird wieder viel von Heimat gesprochen. Vor ein paar Jahren fiel den meisten zu dem Begriff vielleicht noch gerade der Musikantenstadl oder andere Perlen deutscher Volkmusik ein; oder der Begriff war völlig verpönt. Heimat, das roch nach brauner Soße, nach Blut-und-Boden-Ideologie. Heute ist der Begriff wieder total in Mode, was eigentlich komisch ist, wo wir doch alle immer beweglicher geworden sind, der Arbeit, der Liebe hinterher ziehen. Heimat ist wieder an allen Ecken zu hören, Zeitschriften wie „Landlust“ schießen wie Pilze aus dem Boden, Rezeptbücher mit Titeln wie: Die Heimatküche, Westfalen in Topf und Pfanne. Und spätestens seit dem wir hier im Revier 2010 Kultur waren, gilt das auch fürs Ruhrgebiet. „Ne, wat is dat schön bei uns und wenn jetz auch noch die Emscher grün wird, da willste gar nich mehr wech.“ Stolz trägt man T-Shirts mit dem Aufdruck Ruhrpott und das gute alte CAS-Kennzeichen schmückt wieder die Autos.

Aber was soll das überhaupt sein – Heimat? Und wo ist sie? Hat sie mit dem zu tun, was uns vor Augen ist? Ist sie wirklich ein realer Ort? Spätestens wenn man an einem trüben Wintertag durch graue Ickerner Straßen zieht, können einem da schon Zweifel kommen. Heimat steht halt auch immer in der Gefahr der Verklärung – „Bei uns in Ickern is dat sowat von toll: Deinen letzten Ruheplatz findeste direkt zwischen A2 und Emscher – verkehrsgünstiger kannste nirgendwo auffm Friedhoof liegen.“ Vielleicht bleibt einem manchmal auch nur die Verklärung, wenn es hier jetzt wieder wahrscheinlich Tausenden an den Kragen geht bei Opel und Thyssen, weil mal wieder die Bonzen ohne Ende Mist gebaut haben.

Aber Heimat muss doch mehr sein als bloße Verklärung. Für mich zum Beispiel gibt es da einen Ort, wo „Heimat“ am stärksten spürbar wird: Wenn ich auf dem Kanaldeich stehe zwischen Lohburg und Schiffshebewerk und hinunter blicke in Richtung Ickern, Habinghorst, Henrichenburg – dann ist das meine Heimat. Aber wenn ich dann da so stehe, wird mir schnelle bewusst: So stimmt das eigentlich gar nicht. Denn meine Heimat ist der Blick meiner Kindheit von diesem Ort: die rauchenden Schlote von Stickstoff, die Kühltürme in Habinghorst und Dortmund, die den Horizont füllten. Und mir kommen ganz andere Orte in den Sinn, die Heimat sind: Der Weihnachtsbaum von Ickern III, der von uns in Ickern End aussah, als wenn er über den Bäumen schwebt. Heimat, das war die Bude der Familie Knorr auf dem Ickerner Marktplatz, das waren alte Männer im Feinrippunterhemd in den Fenstern – nicht schön, aber halt Heimat. All das gibt es nicht mehr. Meine Heimat – kein Ort, der zu finden ist, sondern der in der Vergangenheit liegt. Ort von Anekdoten, bei denen man sich, wenn man sie erzählt, selber schon uralt vorkommt. Ort nicht nur von Melancholie, sondern von Sehnsucht. Der Philosoph Ernst Bloch hat wohl die beste Beschreibung für Heimat gefunden: „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“.

Und so wird klar: Heimat ist kein Besitz, sondern Ort der Sehnsucht. Wer sie als Besitz versteht und festhalten will, gerade dem wird sie wie Sand in den Fingern zerrinnen Oder viel gefährlicher: Der wird meinen, man müsse diese Heimat verteidigen gegen das vermeintlich Fremde, gegen Veränderung. Der wird nicht verstehen, dass Heimat mehr mit unseren Sehnsüchten als mit realen Orten zu tun hat. Eine Sehnsucht, die umso stärker brennt in einer Zeit, die davon bestimmt ist, dass Menschen diese Orte verlassen müssen. Wir nicht wissen, wo wir morgen hinziehen müssen. Wo die Sicherheit fehlt, sagen zu können, man hat einen Ort gefunden, an dem man alt werden kann. Denn selbst das Alter bedeutet für viele ein letztes Umziehen in ein Alten- oder Pflegeheim. Und so wird Heimat immer mehr zu einem fiktiven Ort der Träume, der Sehnsucht. Diese Sehnsucht brennt in uns, wir können ihr gar keinen richtigen Namen geben, aber sie ist da. Besonders in den Tagen vor Weihnachten und gerade an diesem Abend, in dieser Nacht. Und es ist nicht nur Sehnsucht nach den Orten und Menschen der Vergangenheit, sondern diese tiefe Sehnsucht in uns nach einem Ort, an dem alles gut ist.

Unsere Väter und Mütter im Glauben legten diese Sehnsucht, aber auch ihre Hoffnung auf Gott, bei ihm „Heimat“ zu finden. Sie folgten damit der Verheißung, die Gott ihnen und uns gegeben hat, dass wir bei ihm Heimat finden. All unsere Sehnsucht bei ihm gestillt wird. Seinem Volk Israel hat er diese Verheißung gegeben und uns durch seinen Sohn.

Das erzählt uns die Geschichte von dem kleinen Kind in einem Stall, in einer Krippe irgendwo in Israel vor langer Zeit: Gott kommt in diesem kleinen Kind zu uns. In unsere Verletzlichkeit, in unsere Heimatlosigkeit, in unsere tiefe Sehnsucht nach einem Ort, „wo alles gut ist“. Hier an dieser Krippe ist der Ort, an dem Gott unsere tiefe Sehnsucht stillen will. Wer an diese Krippe tritt, der kann für einen Moment glauben und erfahren, wie es sein wird, wenn meine Sehnsucht gestillt ist, ich Heimat gefunden habe. Wenn „alles gut ist“.

Liebe Gemeinde, Sie, die Menschen hier im Ruhrgebiet, viele von Ihnen haben eine wunderbare Eigenschaft, die ich erst in der Fremde wirklich bemerkt habe und schmerzhaft vermisse: „Sagen wat Sache is.“ Kein langes verstohlenes Herumreden. Nicht Dinge sagen, weil man meint die Konventionen erwarten das von einem, sondern Ross und Reiter beim Namen nennen. Und man kann Ihnen hier auch keinen vom Pferd erzählen. Ich muss ehrlich sagen: Beide Tatsachen haben mich beim Schreiben der Predigt ein wenig nervös gemacht.

So kann und will ich anderes an dieser Stelle auch nicht tun: „Sagen wat Sache ist“. Diesen Moment an der Krippe, den kann ich nicht herbeipredigen. Ich kann auch keine guten Ratschläge verteilen, wie sich dieser Moment auf jeden Fall einstellen wird. Wenn man sich dem ganzen Weihnachtskonsum entzieht? Sich wieder, wie jedes Jahr vornimmt, dieses Jahr wird es ruhiger? Mag klappen, wenn man der Apothekenumschau und anderen Lebensberatungsmagazinen glauben will, aber ehrlich, das ist doch eher ein frommer Wunsch. Allein schon angesichts von Jahresendzeitrun für viele an der Arbeit. Und dieser Moment hängt auch nicht daran, ob sie nur heute den Weg hier in die Kirche finden oder häufiger da sind. Und schon hängt gar nicht hängt dieser Moment an der dauerhaften Wiederholung solcher komischen Sätze wie „Du musst nur fest genug glauben“. Dieser Moment ist nicht Ergebnis einer religiösen Leistungsolympiade!

Er kann nicht herbeigepredigt werden, er kann auch nicht erzwungen werden, dieser Moment an der Krippe, wo die brennende Sehnsucht in mir gestillt wird. Wo ich erkenne, was geschehen ist an diesem Ort in Israel: Gott schweigt nicht. Es ist wirklich wahr, was uns erzählt wird von diesem Gott und es hat wenig zu tun mit all diesen kleinen, ängstlichen Reden, die wir oft uns in der Kirche nur trauen. All diesen ganzen moralischen Kram. Es ist viel größer. Es ist wirkliche Freiheit! Ja, ich kann wirklich hoffen auf die Verheißung, dass es den Ort gibt, an dem alles gut ist, wirkliche Heimat!

Dieser Moment, er ist ein Geschenk und ich kann mich nur beschenken lassen. Verstehen sie  „Moment“ bitte nicht falsch, nicht sozusagen zeitlich als das Knallereignis, sekundenkurz und dann ist alles klar. Dieser Moment kann für jeden unterschiedlich sein, auch die Gestalten an der Krippe standen nicht schlagartig dort – neun Monate wird die Schwangerschaft gedauert haben. Hirten und Weise mussten sich erst auf den Weg machen, aber irgendwann standen sie dann an der Krippe und haben sich beschenken lassen. Mehr können wir auch nicht tun an diesem Heiligen Abend: Uns beschenken lassen. Aber was heißt „mehr können wir nicht tun“, das ist doch das wunderbar: Wir müssen nicht mehr tun als uns beschenken lassen von Gott. Uns schenken lassen die Verheißung, dass unsere Sehnsucht nach Heimat gestillt wird, wenigstens für diese Nacht. Das dieses Geschenk allen gilt. Nicht einem elitären Kreis. Nicht davon abhängt welcher Ort in unserer Geburtsurkunde steht. Uns schenken lassen die Erfahrung, dass diese Krippe nicht irgendwo vor zweitausend Jahren in der Gegend rumstand, sondern heute Nacht hier in Ickern. An dem Ort, der für manche Zuhause ist und für manchen geworden ist und wo man, mit aller Ironie, die uns eigen ist, sagen kann: „Kärl, wat is dat schön bei uns.“

Verfasst von: achterosten | 4. November 2012

Der gute Teil – Predigt zu Luka 10, 38-42

Predigt zu Lk 10, 38-42 (04.XI.2012, 22.n.Tr.)

 

Liebe Gemeinde,

nicht rauchen; nur mäßig trinken; jeden Tag eine halbe Stunde Sport; mindestens mehr als 2,25 mal Sex pro Woche, damit man über dem deutschen Durchschnitt liegt, das aber natürlich nur in der Ehe; mindestens 3 Liter Wasser trinken; nach 16 Uhr keine bösen Kohlenhydrate; immer nett grüßen; Atomkraft doof finden oder gut, je nach Stimmungslage; Banker als die Verkörperung des Bösen ansehen; auf seine Seele achten; seine Arbeit toll finden; gerne mit den Kindern spielen und vor allem Bildung, Bildung, Bildung bis zur letzten Sekunde – Luft holen! – und weiter geht’s: sich immer schön Gedanken machen; alles reflektieren; sich der Trauerarbeit nicht verweigern; Emails lesen, aber nicht im Urlaub, das macht die ganze schöne Work-Life-Balance kaputt, richtig versichert sein, aber nicht bei der Ergo, wegen der Lustreisen; andere nur konstruktiv kritisieren, wenn überhaupt; ab 30 den Kampf gegen die freien Radikale tapfer führen; immer bereit sein für Neues, den Aufbruch wagen und nachts mindestens sieben bis acht Stunden schlafen – ich könnte das jetzt hier noch minutenlang so weitermachen, aber ich lasse es lieber. Nicht, dass hier noch eine oder einer aus der Bank kippt.

 

Liebe Gemeinde, völlig willkürlich habe ich einfach mal ein paar moralische Imperative, moralische Hinweise, Befehle aufgelistet. Wild durcheinander, so wie sie auf mich einprasseln, jeden Tag. In Gesprächen, im Internet, in Magazinen oder halt auch immer wieder in Gottesdiensten, Andachten und kirchlichen Verlautbarungen. Mein absoluter persönlicher Höhepunkt, die Verabschiedung der EKD Synode von einigen Jahren, dass Pfarrerinnen und Pfarrer verpflichtet seien, nicht schneller als 120 auf der Autobahn zu fahren. Da weiß einer, was für mich, für sie, für uns gut ist und teilt es uns mit. Lebensberatung an allen Ecken und Enden und dann sink ich ermattet von all diesen moralischen Ansprüchen, am Sonntagmorgen in die Kirchenbank und: gnadenlos geht es weiter. Wie ich zu glauben habe, was ich nicht zu glauben habe, was ein Christ tut und lässt, wie er als Christ ein gelungenes Leben führt und über was ich nicht mal alles nachdenken sollte. Mir schwinden die Sinne, der Puls steigt, Schweiß auf der Stirn, der moralische Herzinfarkt droht. Zum Glück hat uns der Schöpfer aller Dinge einen wunderbaren Schutzmechanismus mitgegeben, den Durchzug der Ohren. Links rein, rechts raus ohne das dass Gehirn etwas mitbekommt, eine wunderschöne Sicherung.

Nicht das sie mich jetzt missverstehen, die Frage nach dem Guten Leben für die Gesellschaft, für uns, für die Schöpfung, sie ist wichtig. Die Frage nach Ethik, nach Moral ist Bestandteil einer christlichen Gemeinde, die Gottes Geboten folgen will. Und wie viel läuft ja auch schief und wir hätten gerne, dass es besser wird. Sie wissen es doch auch von mir, dass ich dem manchmal erliege, eine Predigt mit moralischen Appellen zu versehen. Der Gefahr erliege, ihnen die Welt zu erklären und zum Teil ist das ja vielleicht auch das was sie von einer Predigt erwarten. Aber ich habe das Gefühl, und das seit vielen Jahren, eigentlich seit dem ich mich mit meinem Glauben, mit Kirche auseinandersetze, dass das Moralische fast das Einzige ist. Der christliche Glaube nur noch auf eine Moral reduziert wird, wir den Leuten erzählen, was nach unserer Sicht ein gelungenes Leben ist, aber das war es dann auch. Die großen Fragen, die großen Erzählungen gar keine Rolle spielen. Ja, wir überhaupt nicht einmal merken, wie hohl diese schwachsinnige Formulierung „ein gelungenes Leben“ überhaupt ist. Wir die Balance nicht finden zwischen Tun und Sein, nicht die richtigen Prioritäten setzen wollen oder können.

Und so passiert es dann, dass ich auf einmal, weil er als Predigttext für den heutigen Tag vorgeschlagen ist, den folgenden Text lese und ich bin wie vor den Kopf geschlagen:

„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

 

Liebe Gemeinde, eine solche Geschichte erwischt mich, da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, ich werde ganz nervös. Das ist, das was ich am Sonntag Morgen brauche, ach was, ich brauche es jeden Morgen, ermattet nach all den moralischen Ansprüchen. Keinen Kopf um mich und die Welt zu machen, hinsetzen, zuhören. Maria zu sein. Hören auf Gottes Wort. Hören auf die große Erzählung von Schaffung, Fall und Errettung aller Welt. Das nicht alles egal und sinnlos ist, sondern umfangen von der Liebe Gottes geschieht. Dass vor der ganzen Frage, wie soll ich mich verhalten, was soll ich tun, was soll ich einkaufen, wie soll ich zu  meinen Mitmenschen sein, dass vor diesen Fragen die Zusage Gottes, sein Wort an uns steht. Das ist doch der ganze Witz dabei, die richtige Reihenfolge, zu erkennen was die Priorität ist. Denn natürlich steckt die Bibel voller ethischer Anweisungen, Geboten, die ein gutes Leben ermöglichen sollen. Für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Aber an  erster Stelle, zuerst steht die Zusage Gottes an die Menschen. Das Geschenk des Glaubens. Die Erfahrung seines Handelns, das uns frei macht. Die zehn Gebote, als bekanntestes Beispiel, beginnen nicht mit „Du sollst oder du sollst nicht“, sondern mit „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe.“

An erster Stelle steht die Befreiung und dann erst die Frage, was wir Menschen tun sollen. An erster Stelle steht Maria, dann erst Martha. Erst das Hören und dann das Tun. Hören auf diese großartige Erzählung des christlichen Glaubens. Die frisches Wasser sein will, uns den Verdursteten, die lechzen nach Sinn, nach Erfüllung. Und wir sollen uns satt trinken an diesen Worten, keine homöopathische Dosen, sondern in großen Schlucken. Nicht drei kleine Schlucken und dann nimmt mir jemand den köstlichen Becher weg mit den Worten: „Genug! Jetzt erkläre ich Dir, was für Dich ein gelungenes Leben ist.“ Und ich denke mir: „Du weißt doch selber, wie hohl Deine Worte von „gelungenen Leben“ sind, wenn ich mit einer Polizistin vor der Tür stehe, um einem Vater, einer Mutter zu sagen, dass ihr Kind gar kein Leben mehr hat.“ Dann brauche ich kein Gerede vom gelungenen Leben, keine Lebensberatung, dann brauche ich dieses Wasser. Dann will ich nur noch sein wie Maria und hören auf diese Worte. Das ist das gute Teil, was an erster Stelle steht. Dass dann der zweite Schritt folgen muss, das ist geschenkt. Denn wenn man sich satt getrunken hat, wenn man sich ausgeruht hat, gestärkt wurde, dann steht man auch wieder auf und nimmt die Arbeit auf. Aber wir tun immer nur den zweiten Schritt und ich habe das Gefühl, gerade in unserer Kirche, in unseren Gemeinden, dass wir schon taumeln vor lauter Kraftlosigkeit, wir leer und erschöpft sind. Wir gerne einmal einfach uns niedersetzen würden, verschnaufen und hören. Aber über uns steht der große Imperativ, wir müssen weiter marschieren, wohin auch immer.

Achten sie mal nächstes Jahr, wie, und da wette ich drauf, die Jahreslosung 2013 „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ von manchen herangezogen wird als verbrämte theologische Begründung für noch mehr „Reformen“ in der Kirche, für noch mehr Streß, noch mehr Imperativ des ewigen Wandels. Der großen Angstmacherei, das alles mit der Kirche vor die Hunde geht. Wo Ausruhen mit tödlichem Stillstand gleichgesetzt wird. Wo nicht begriffen wird, dass vielleicht gerade jetzt das Hören uns die nötige Gelassenheit geben würde, notwendige Reformen anzugehen. Und zwar gestärkt, mit geradem Rücken und nicht besinnungslos taumelnd.

Und wenn wir uns dann wirklich niedersetzen, um zu hören, auch nicht das Hören wieder mit irgendeinem Befehl verbinden. Ich will beim Ausruhen nicht hören, wie ich zu atmen habe, wie ich zu denken, zu empfinden habe, sondern ich will hören auf das Wort Gottes. Ich will neben Maria sitzen, hören und die Worte werden mir gut tun, meinen Lebenshunger stillen. Das ist doch die große Verheißung, die der Gottesdienst in sich trägt, aber nicht nur der, sondern all die Orte, wo das Wort zu hören ist. Wo man sich wie Maria niedersetzen und lauschen kann. Und wo dann vielleicht auch Martha ihre Hände in den Schoß legen und hören kann auf die Worte, die uns nicht erzählen, was ein „gelungenes,“, von mir aus auch, „ein gesundes, moralisch einwandfreies Leben ist“, sondern unseren brennenden Durst stillen nach dem wahren Leben. Denn diese Worte tragen dieses Leben in sich.

Verfasst von: achterosten | 30. September 2012

Fremd – Predigt zu Matthäus 15, 21-28

Predigt zu Mt 15, 21-28 (17.So.n.Tr – 30.IX.2012)

Liebe Gemeinde, vor ein paar Jahren hatte ich die Ehre im Ruhrgebiet an einer der Veranstaltungen teilzunehmen, die unter dem Stichwort „Trialog“ stehen. Was verbirgt sich hinter diesem Stichwort? Kurz gesagt: Muslime, Juden und Christen treffen sich, um mehr vom Glauben des anderen zu lernen. Was glaubt man, wie und wann feiert man was, wie ist die Sicht auf gesellschaftliche Themen? Eine gute Sache, diese Veranstaltungen, trotz der paar Spinner im Publikum, die anscheinend zwangsweise bei solchen Veranstaltungen auftauchen müssen, um spätestens zur Mitte der Veranstaltungen als „Aufrichtiger Vertreter der Mehrheitsgesellschaft“ unter dem Stichwort „Das muss man doch sagen dürfen“ eine Suda von Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien oder einfachem Blödsinn los zu werden. Bevorzugt in die Richtung der Muslime. Zum Glück gelingt es meistens, diese Jungs und Mädels auszubremsen, wenn nicht, gibt es ja  noch das Hausrecht.

Zu einer solchen Veranstaltung hatte die örtliche größte Moscheegemeinde auch einen guten jüdischen Freund für das Podium eingeladen und so fuhr ich mit. „Die Schrift – Tora, Koran, Bibel“ so der Titel dieses Nachmittags. Es sollte darum gehen, was für Juden, Moslems und Christen ihre jeweilige Schrift bedeutet. Die eindrucksvolle Moschee war gut gefüllt mit Interessierten, eine junge Vertreterin der Moscheegemeinde begrüßte und schon begann der Reigen. Jude und Muslim stellten in wenigen Sätzen die Tora und den Koran so vor, dass jedem klar war, wie in ihren Religionen der Blick auf die heiligen Schriften ist. Man hatte den Eindruck zumindest eine ganz gute Idee zu haben, was Koran und Tora für Muslime und Juden ist. Dann der Auftritt der Pfarrerin zur Bibel. Wortgewaltig, in immer wieder neuen Anläufen, die vor allem irgendwie nach Entschuldigungen klangen, erklärte sie – was die Bibel nicht ist. Endlich war sie am Ende angekommen, auf einige Nachfragen reagierte sie mit neuen Entschuldigungen. Man blieb ratlos zurück, denn es war viel über die innere Verfasstheit der evangelischen Kirche und ihrem Personal klar geworden, nur garantiert nicht, was die Bibel für Christen denn nun so grundsätzlich ist. Aus Höflichkeit wies man die Kollegin nicht darauf hin, aber in der anschließenden anregenden Diskussion spielte die christliche Sicht keine Rolle mehr. Wie auch, wenn man nicht weiß, wo Mann und Frau dran sind bei der christlichen Bibel. Bei Koran und Tora war der Gegenteil der Fall.

Wieder ein Tag wo ich von vermeintlich „Fremden“ etwas gelernt habe, aber beim Blick in den heutigen Predigttext aus dem Matthäusevangelium scheine ich da nicht der einzige zu sein:

 

„Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. 2Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

 

Für mich ist das einer der Texte der Bibel, die mich darin bestärken Christ zu sein. Bestärken darin, das christlicher Glaube wenig bis gar nichts mit Mief, Zwang und alten Zöpfen zu tun hat, sondern mit Freiheit und Aufbruch. Denn was wird uns hier Sensationelles, ja Revolutionäres berichtet. Welch ein Rollentausch! Ein unbarmherziger Jesus, der die reine Lehre, seinen Auftrag höher zu bewerten scheint, als das Leid dieser Frau. Der sie scheinbar demütigt mit seinem Bild von den Kindern und Hunden. Die mutige Frau aber lässt sich davon nicht beeindrucken, geht über die Demütigung hinweg und stellt ihr Bild gegen das seine, ihr Argument gegen seines. Sie wagt es, ihm die Stirn zu bieten! Atemlose Stille muss sich in diesem Moment unter den Jüngern ausgebreitet haben, angesichts dieser Frechheit! Diese Frau, diese „Fremde“ – sie wagt es, zu widersprechen! Die Stille wird unerträglich. Und dann geschieht das schier Unglaubliche, er lässt sich auf ihr Argument ein, er nimmt sie ernst. Sie – die Frau, die Fremde, die, auf die man nicht zu hören hat, die nichts zu melden hat – von ihr lässt er sich umstimmen, sich überzeugen, sich den Weg weisen. Die Bedeutung dieser Geschichte wird einem noch deutlicher im Zusammenhang mit dem ganzen Matthäusevangelium. Denn hier beginnt endgültig der Weg Jesu hin in alle Welt, gipfelnd in dem letzten Satz: „so gehet hin und machet zu Jüngern alle Welt…“. An diesem Punkt beginnt dieser Weg, bei einer Fremden. Einer die nicht dazugehört, die außen steht, nur über den Zaun zuschauen darf, was passiert. Einer die draußen ist, für die gilt, was hat die schon zu sagen, soll sich doch erst einmal anpassen. Ein Zyniker hätte vielleicht noch angemerkt, für eine Fremde sprach sie aber erstaunlich gut die Sprache. Schließlich konnte sie sich ja anscheinend mit Jesus verständigen, auf hohem Niveau mit ihm diskutieren. Das ist doch schon mal nicht schlecht, für eine, die nicht von hier kommt. Aber zu sagen hat sie trotzdem nichts, wo kommen wir denn da hin. Ja, wo kommen wir denn da hin, wenn sie etwas zu sagen hätte: Zu einer der zentralen Botschaften des Matthäusevangeliums, der Sendung Jesu zu den „Heiden“, den „Fremden“. Das hat sie zu sagen, die Fremde – und sie hat es als erste zu sagen. Und Jesus lässt es sich von ihr sagen.

 

Würden wir uns so etwas sagen lassen, von einer Frau mit Kopftuch? Die uns vielleicht sagt, wenn ihr euch und eure Religion ernst nehmt, dann müsst ihr mir auch sagen, was ihr da eigentlich glaubt. Die sagt, wenn ich Karfreitag nicht einkaufen gehen darf, dann müsst ihr mir, die ihr euch als Christen bezeichnet, erklären können, warum das so ist.

Würden wir uns von ihr sagen lassen, dass sie in unserer Bibel Texte gefunden hat, die davon sprechen, den Fremden zu schützen?

 

Oder einige von Ihnen heute morgen hier, liebe Gemeinde. Sie leben kürzer oder länger hier, weil sie anders sind, den Menschen da draußen „fremd“ sind. Weil sie Dinge sehen, die die anderen nicht sehen, Sachen ihnen Angst machen, die den anderen nicht bedrohlich erscheinen. Weil sie unendlich müde sind inmitten all der anscheinend so aufgeweckten Menschen. Weil da in ihnen eine Wut ist, die sich Bahn bricht. Was lassen wir uns von ihnen sagen? Vielleicht, dass viele Gestalten, die uns in der Bibel geschildert werden, die uns als Christen wichtig sind, auf die wir hören, heute nicht auf den Straßen und Märkten ihre Botschaft verkündigen, sondern ruhiggestellt, abgeschottet von der Welt leben würden? Vielleicht, wie viel Angst ein Gott machen kann, der angeblich bis unter die Bettdecke schauen kann, so eine Art übernatürliche Stasi, der von den Kanzeln verkündigt wurde und wird?

Würden wir uns das sagen lassen, von all den Fremden, die mit uns leben? Würden wir es uns sagen lassen, auch in stockender und gebrochener Sprache? Können wir leben mit der Vorstellung dass vielleicht sie uns die Wahrheit sagen, uns auf die Wahrheit hinweisen, auch in Glaubensdingen? Sind wir bereit, von ihnen zu lernen, so wie es Jesus tat?

Ich habe mit einem Beispiel begonnen, mit zweien will ich enden: Wer mit Menschen anderen Glaubens ernsthaft in ein Gespräch kommen will, ernsthaft von unserem Glauben als Christen erzählen will, der muss sich auch mit den Grundlagen unseres Glaubens auseinandersetzen. Der muss eine Antwort haben, zum Beispiel warum wir sagen, an einen Gott zu glauben, aber gleichzeitig von ihm als Vater, Sohn und Heiliger Geist sprechen. Da reicht ein nichtsagender Satz wie „Das ist ja nur ein Bild“ nicht aus. Die „Fremden“ lehren uns, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, die Grundlagen unseres Glaubens sich anzueignen.

 

Wir schließen unsere Gemeindehäuser, weil sie tot sind, weil sie nicht Zentrum unseres Gemeindelebens sind. Ihr Leben hängt oftmals daran, ob eine Pfarrerin oder Pfarrer vor Ort ist oder nicht. Ich kenne eine bosnisch-muslimische Gemeinde, die in völliger Eigenregie, ohne finanzielle Unterstützung durch irgendwelche Institutionen ein Haus gekauft hat und es umbaut zu einem Ort des Gebetes, aber auch zu einem Ort des Treffens, des Lebens. Und das alles auf eigenes Risiko, mit privaten Spenden und vor allem dadurch, dass die Leute selber Hammer und Kelle in die Hand nehmen. Immer gemäß dem Werbespruch einer großen Baumarktkette „Mach es zu deinem Projekt.“ Das ganze trotz bürokratischem Widerstand und hysterischen Nachbarn, die schon wieder den Untergang des Abendlandes ausrufen.

 

Folgen wir Jesus, lernen wir von ihnen. Wie sähe heute die Welt aus, wenn die fremde mutige Frau nicht ihre Stimme erhoben hätte.

Amen.

 

Verfasst von: achterosten | 12. August 2012

Aufklärung (Predigt zum 111. Psalm)

Predigt zu Ps 111 (X. So.nTr. – Israelsonntag, 12.08.2012)

 

Liebe Gemeinde, Israelsonntag heute – eine gute Tugend protestantischen Glaubens sich vor Augen zu führen ist heute angesagt: Die Bereitschaft des offenen Nachdenkens über den eigenen Glauben. Seinen Kopf zu gebrauchen, um zu verstehen. Altes, wohlvertrautes zu prüfen, in Frage zu stellen angesichts heutiger Lebensbedingungen, gelebter Geschichte und dem Wort Gottes. Am Ende können dann neue Wege stehen, die wir gehen. Auf ein Wort gebracht: Aufklärung ist heute das Stichwort. Nicht Belehrung, nicht hohle Phrasen, sondern Aufklärung als neues Verstehen, als Verlassen des einfach nur Übernommenen, ohne darüber nachzudenken. Gerade auch im Verhältnis von Juden und Christen, der Bedeutung der Juden, des Alten Testamentes für unseren Glauben. Dass diese Aufklärung mehr als Not tut, haben mir zumindest mal wieder die letzten Wochen drastisch vor Augen geführt. Und dazu kommen noch drei Dinge, die mich darin bestärken: Erstens –  man sollte nicht über Dinge reden, von denen man keine Ahnung hat. Zweitens – das Heranziehen von YouTube Videos oder Blogs zeugt nicht davon, dass man Recht hat. Sie sind auch nicht an sich ein Argument und schon gar kein Beweis. Und drittens –  Die Bereitschaft zum Nachdenken und nicht nur zum Herausposaunen von Meinungen, die gerne als Tatsachen dargestellt werden, sinkt in der öffentlichen Meinungsbildung in den Promillebereich.

Aufklärung tut not und ich will Sie heute an diesem Israelsonntag zur Aufklärung anregen.

„Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Groß sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran. Was er tut, das ist herrlich und prächtig, und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR. Er gibt Speise denen, die ihn fürchten; er gedenkt ewig an seinen Bund. Er lässt verkündigen seine gewaltigen Taten seinem Volk, dass er ihnen gebe das Erbe der Heiden. Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht; alle seine Ordnungen sind beständig. Sie stehen fest für immer und ewig; sie sind recht und verlässlich. Er sendet eine Erlösung seinem Volk;
er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll. Heilig und hehr ist sein Name.  Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang. Klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.“

Liebe Gemeinde, so der Predigttext für den heutigen Israelsonntag, der 111. Psalm. Wer sind die Juden heute für uns? Wo stehen wir, wenn wir die Botschaft der Bibel hören? Um es gleich vorweg zu nehmen, das was im 111. Psalm über das Volk Gottes gesagt wird, gilt gestern, heute und auch morgen. Die Juden sind das Volk Gottes, sie haben diese Erwählung nicht verloren. Ihre Erwählung ist ihnen auch nicht weggenommen worden und auf die Christen übertragen worden. Auf diese theologische Schnapsidee sind die Christen zwar irgendwann mal gekommen.  Sie hält sich zäh bis heute, aber es wäre besser gewesen, die Bibel in ihrem Kontext zu lesen, anstatt ideologisch gefärbten theologischen Gedanken nachzujagen. Denn die Bibel spricht in allen ihren Teilen von einem treuen Gott, einem Gott der sich an seine Zusagen, seine Verheißungen hält. Wenn dem nicht so wäre, wie könnten wir dann von einem liebenden Gott reden, einem Gott der die Liebe ist. Ein Gott, der heute erwählt und morgen einfach verstößt, das ist ein Gott, der durch Angst und Furcht sich die Menschen unterwerfen will. Muss man doch jederzeit fürchten, einfach hinausgestoßen zu werden. Der Gott, der die Liebe ist, der Gott der Bibel ist das nicht. Und schon allein aus dem Grund ist es nicht möglich den Juden abzusprechen, dass sie das von Gott erwählte Volk sind und bleiben.

„Er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll“, so heißt es im Psalm. Wie können wir, wenn wir uns auf die Bibel berufen wollen, dem widersprechen? Wenn aber der Bund zwischen Gott und seinem Volk nicht zerschnitten, nicht unterbrochen ist, dann gilt das auch für den Ausdruck dieses Bundes: Den Geboten, die Gott seinem Volk gegeben hat, die Tora. Das was wir bei uns unter den Fünf Büchern Moses zu Beginn der Bibel finden. Auch für sie gilt dann: Sie sind nicht aufgehoben, abgelöst, überholt. Sie können auch von uns Christen nicht einfach abgetan werden. Die Bergpredigt Jesu zum Beispiel schafft die Gebote nicht ab oder verbessert sie sozusagen in einem christlichen Sinne. Vielmehr findet hier eine Interpretation der Gebote angesichts der Lebensumstände und religiös-theologischen Fehlentwicklungen statt. Sie gipfelt in dem Spitzensatz: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“

Die Gebote unseres Alten Testamentes, der Tora, gehören also nicht auf den Schrottplatz unseres Glaubens, sondern haben auch für uns Relevanz. „Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht; alle seine Ordnungen sind beständig. Sie stehen fest für immer und ewig; sie sind recht und verlässlich.“, auch dieser Satz des 111. Psalmes ist daher für mich eine Grundaussage meines Glaubens. Der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von uns Christen zu den Juden, dem Volk Gottes. Und ich kann das um so überzeugter sagen, weil mir in der Auseinandersetzung mit dieser Frage deutlich geworden ist, dass das was wir als Christen so landläufig unter den Geboten Gottes verstehen, auch nur maximal der halben Wahrheit entspricht. Gerade für uns Protestanten rührt dies an einer unserer Fundamente: Die Bibel, das Alte Testament schildern die Gebote Gottes nicht als unerfüllbare Last, die Gott den Menschen auferlegt, damit er erkennt, dass er nie vor Gottes Anspruch bestehen kann. Die Gebote Gottes sind keine Kette, unter der die Menschen ächzen sollen, kein trockener, langweiliger Pflichtenkatalog, der den Menschen alles untersagt. Die Gebote Gottes wurden den Juden gegeben in einer Zeit der Befreiung. Nicht als neue Kette nach den Jahren der Unterdrückung und Sklaverei, sondern als Schutz dieser neuen Freiheit. Schutz vor neuer Unterdrückung durch Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Als Offenbarung des Willen Gottes für diese Welt, das Zusammenleben der Menschen, das Zusammenleben mit ihm. Nicht Ausdruck eines unmenschlichen Anspruches, sondern der Liebe Gottes zu den Menschen, seinen Willen, dass Gutes für die Menschen geschieht. Wer die Gebote Gottes tut, unterwirft sich nicht einem unmenschlichen harten Gesetz Gottes, sondern er antwortet auf die erfahrene Befreiung, auf die erfahrene Liebe Gottes zu den Menschen. Es gibt da einen Begriff, der das zusammenfasst: Lob Gottes. Wer die Gebote Gottes tut, lobt Gott. Wenn Juden die Gebote Gottes als Leitlinie für ihr Leben machen, loben sie Gott. Und zwar nicht irgendeinen Gott, sondern den Gott, der sich uns Menschen aus den Völkern, den Nichtjuden in seinem Sohn Jesus Christus zugewandt hat.

So steht am Ende dieses Gedankenganges, dass für uns Christen die Juden nicht nur weiterhin das Volk Gottes sind und bleiben, die Gebote Gottes für die Juden auch weiterhin ihre unverlierbare Gültigkeit haben, sondern dass wir als Christen, das Tun der Gebote Gottes durch die Juden zu unterstützen und wo notwendig, zu schützen zu haben. Denn wer als Christ will sich dem Lob Gottes entgegenstellen?

Liebe Gemeinde, das alles macht vielleicht eher den Anschein, theologische Gedankenzüge zu sein, die aus dem theologischen Elfenbeinturm stammen. Bemüht um theologische Richtigkeiten, mehr aber auch nicht. Wie schnell aber all diese Gedankengänge ihre gesellschaftliche Relevanz erhalten, wird spätestens angesichts des Urteiles über die Beschneidung deutlich. Das Urteil, dass die Beschneidung von Jungs zur einfachen Körperverletzung erklärte, führte dazu, dass die Skandalisierungs- und Erregungsindustrie mal wieder auf Hochtouren lief. Liebe Gemeinde, ich bin kein Jurist und meine Kenntnisse insbesondere im Staatskirchenrecht sind eher gering. Daher werde ich jetzt hier nicht den Fehler machen, und mich in eine Diskussion verstricken, inwieweit das ganze juristisch zu betrachten ist. Auch bin ich kein Mediziner, um die angebliche Schädlichkeit der Beschneidung zu beurteilen. Ich kann hier nur soviel anmerken, dass mir von kompetenter und vertrauenserweckender Seite plausibel die medizinische Unbedenklichkeit geschildert wurde. Als evangelischer Christ aber kann ich eine klare Position einnehmen. Und das mir das möglich ist, dafür brauche ich den gerade ausgeführten Gedankengang.

Die Brit Mila, die Beschneidung der männlichen Säuglinge am achten Tag ihres Lebens, ist ein Gebot Gottes für sein Volk. Es ist das Zeichen am Körper der jüdischen Männer für die Erwählung Israels durch Gott. Durch alle Zeiten hindurch, Zeiten der Unterdrückung, Zeiten der Vernichtung, sind Juden diesem Gebot Gottes gefolgt. Es handelt sich dabei auch nicht um irgendein Gebot, sondern um eines der zentralen. Wenn jüdische Eltern ihre Jungen beschneiden lassen, folgen sie diesem Gebot, loben sie Gott. Können wir Christen uns anmaßen, Juden dies abzusprechen? Sie daran hindern zu wollen, diesem Gebot Gottes zu folgen? Oder noch schlimmer, ihnen erklären zu wollen, wie sie Gott zu loben, seine Gebote zu befolgen haben? Haben wir uns nicht vielmehr mit aller unserer gesellschaftlichen Kraft an ihre Seite zu stellen?

Bei diesen Fragen will ich es belassen, denn in die Tiefen der elenden Diskussion nach dem Urteil aus Köln kann und will ich an diesem Ort nicht einsteigen. Nur eine kleine Bemerkung noch: Wem die theologische Begründung meiner Position zu dünn ist, dem sei noch ein kleiner Blick in die Geschichte empfohlen: Beginnend bei der Diskussion um die Beschneidung zur Zeit der ersten Christen hin zur christlich antijüdischen Polemik gegen die Beschneidung durch die Jahrhunderte. Hinzukommt die kritische bis ablehnende Haltung gegenüber dem Islam, die sich in den letzten zehn Jahren zu einer Islamhysterie gesteigert hat.  Aus dieser Perspektive sei die Frage erlaubt, ob bei dem Kölner Urteil wirklich das Kindeswohl im Mittelpunkt stand oder sich nicht eher eine tief in das europäische kulturelle Gedächtnis geprägte Polemik gegen die Beschneidung ihre Bahn bricht?

So bleibt nur noch zu sagen: Es ist Israelsonntag – es ist mal wieder Zeit, in der Aufklärung not tut, damit Juden und Christen den Geboten ihres Herren auf ihre Weise folgen können, denn „Klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.“

Verfasst von: achterosten | 24. Juni 2012

Ein Genuss – Predigt zu Jesaja 44, 21-23

Predigt zu Jes 44, 21-23 (III. Sonntag nach Trinitatis, 24.06.2012)

Liebe Gemeinde,

zunächst ein kleiner Test am frühen Morgen. Sie sehen ich habe einiges mitgebracht aus dem heimischen Garten und vom Feld (Spargel, Rhabarber, Heu, Walnuss). Und jetzt die große Frage, was haben diese Dinge mit dem heutigen Tag zu tun? –

 

Heute ist der 24. Juni, in der Vergangenheit einer der großen Tage im Jahreskreislauf der durch Landwirtschaft geprägten Gesellschaft. Zumindest für den Hobbygärtner auch heute noch ein guter Orientierungspunkt. Es ist Johannistag, benannt nach Johannes dem Täufer, der nach katholischem Heiligenkalender der Heilige des Tages ist. Die erste große Erntewelle endet heute. Ab heute wird traditionell kein Spargel mehr gestochen, kein Rhabarber mehr geerntet. Die erste Mahd ist spätestens heute zu ihrem Ende gekommen. Es beginnt aber auch die große Erntezeit des Sommers. Als Beispiel hier die Walnussfrucht, um den Johannistag herum ist sie genau richtig um aus ihr, wochenlang in Schnaps eingelegt, einen herrlichen Likör zu machen. Für die Menschen in der Vergangenheit, in viel stärkerem Maße abhängig von den Gegebenheiten der Natur, war heute ein Tag auf der Schwelle. Die erste Ernte ist eingebracht. Es ist abzusehen, wie groß die Schäden sind, die die Eisheiligen, die Schafskälte, zu viel oder zu wenig Regen verursacht haben, wie groß die Ernte wohl sein wird. Und endlich auch die Gewissheit, jetzt ist er da, der Sommer. Die Zeit der Wärme, des Lichtes, des vollen Lebens, der verschwenderischen Fülle. Ein Tag der Freude, des Feierns.

Für uns heute steht das nicht mehr im Vordergrund, die wenigsten von uns haben einen Bezug zur Landwirtschaft. Und für die, die ihn haben, spielt auch der Johannistag nicht mehr die große Bedeutung in einer technisierten und industrialisierten Agrawirtschaft. Ein besonderer Tag ist es trotzdem.

So hatte ich auch ein bisschen eine Ahnung von der Bedeutung des Tages, als ich gestern im Schatten saß und hinter mir das erste Mähen unseres sehr großen Gartens lag. Mancher Hobbygärtner wird das nachvollziehen können. Und für allen anderen gilt: Ab heute ist dann aber auch wirklich Sommer, ein Leben mit der Wärme, dem Licht. Ein Leben im Freibad, am Grill, ein Leben draußen. Die Sommerferien stehen vor der Tür. Urlaub, ob in der Fremde oder daheim, ob Liegestuhl oder Aktivurlaub. Das sind die Verheißungen des heutigen Tages. Eine Zeit, auf die viele das ganze Jahr über hin fiebern, sich darauf freuen, sie ist greifbar nahe. Entspannen, Nichtstun, Genießen, sich freuen, das sind die Verben der nächsten Wochen. Einen Gang runter schalten oder gleich mal ganz auskuppeln und alles einfach rollen lassen. Rainer Malkowski hat da die passenden Worte für:

 

„Radfahrt

 

Schön, zu fahren

im Fliegenprall –

mit gleißenden Speichen

die wilden

Hügel hinab.

An weidenden Pferden

surrt

das Rad,

am starren Maisfeld vorbei.

Von der Rolle läuft an diesem großmütigen Tag

der lange verwickelte Faden.“

 

Aber dürfen wir uns dem einfach so hingeben, dem Genießen, der Freude, dem Nichtstun? Muss ich jetzt nicht den Finger heben und vor Überforderung warnen? Wir sollen nicht allzu viele Erwartungen in die Ferien, den Urlaub stecken. Uns nicht überfordern. Und der gleichen warnenden Stimmen mehr. Ich überlass solche Lebensberatung lieber all den Lebensberatungenseiten, ob in der Cosmopolitan oder der Apotheken Umschau. Ich denke, dass können sie dort alle selber zu genüge lesen, das muss ich ihnen nicht auch noch erzählen.

 

Aber der Bedenkenträgerei nicht genug. Gibt es da doch noch ein gewichtigeres Gegenargument: Was ist mit all den Sorgen, gilt nicht für uns das Dogma des „Nichts ist in Ordnung in XY“? Ist der Aufruf zum Genuss, zur Freude nicht der Aufruf zum hemmungslosen Egoismus? Genießen wir nicht schon viel zu viel, viel zu hemmungslos? Nein, ganz im Gegenteil, wir genießen viel zu wenig!

Denn es gibt für mich einen wunderbaren Ausdruck für all die Verheißungen des heutigen Tages, des Sommers der vor uns liegt und damit für den Genuss, den ich meine: „Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“

 

„Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“ – Ein solchen Satz als Ausdruck für die Freude, den Genuss des Sommers einer Christin, eines Christen? Natürlich!

„Gedenke daran, Jakob, und du, Israel, denn du bist mein Knecht. Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht! Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich! Jauchzet, ihr Himmel, denn der HERR hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin! Denn der HERR hat Jakob erlöst und ist herrlich in Israel.“ So aus dem Buch Jesaja, dem heutigen Predigttext.

„Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“ – das können wir, im ganz wörtlichen Sinne, frei von dem Verdacht möglicher Respektlosigkeit, den die eine, der andere darin vermuten mag. Im heutigen Predigttext steht nichts von könnte, vielleicht oder so. Nicht „Wenn du dir über das und das mal Gedanken machst.“; nicht „Wenn du jetzt noch fünftausend Mail checkst und die Welt rettest“ dann vielleicht. In diesem Text wird nur im Indikativ gesprochen, also in der Form, dass es wirklich so ist. Das Gesagte ist wirklich Wirklichkeit und nicht nur Möglichkeit. Es gilt! Das was Gott hier über sein Volk, den Juden in aller Welt und allen Zeit sagt, es gilt auch für uns. Und so gilt auch für uns: Wir sind erlöst von unserer Angst. Gerade auch von der Angst, etwas nicht zu tun, etwas mal nicht ernst genug zu nehmen. Wir sind erlöst, wir sind nicht vergessen, wir sind nicht allein. Wie will man dann anders von Gott reden, als von dem „guten Mann“. So wie auch Jesus über ihn spricht. Und Gott als solchen auch „sein zu lassen“. Sein Geschenk der Freiheit anzunehmen und uns dem Genuss, der Freude hin zu geben, denn wir sind geliebt und frei.

Das ist Genuss den ich meine, wenn ich sage, wir genießen viel zu wenig. Gott hat nicht nur die Grundlage dafür geschaffen in der überwältigenden Fülle seiner Schöpfung, in der Gabe all unserer Sinne und den Menschen an unserer Seite. Er hat uns auch die Freiheit geschenkt, dies alles zu genießen. Und heute an einem solchen Tag darf man auch mal Verwegenes sagen und denken: Vielleicht ist sogar das mit dem „Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich“ im heutigen Predigttext gemeint. Das Geschenk anzunehmen, das uns gegeben wurde. Das all das „Nichts ist gut in XY“ unseres Leben aufgehoben ist in dem größeren, letztlich stärkerem „Alles ist gut in Gott“. Ohne all die Sorgen und Nöte klein zu reden, aber angesichts des großen Geschenkes mal von ihnen auszuruhen und zu genießen. Egal ob einen ganzen Sommer lang oder für eine Minute im Schein der Sonne.

Und wann wenn nicht heute am Johannistag, wo der Sommer mit all seinen Verheißungen uns einhüllen will, ist dafür der Tag.

Und so lassen sie uns das einzige Lied singen, was dazu passt und dann ab mit uns in den Sommer!

Verfasst von: achterosten | 27. Mai 2012

Lebendige Erinnerung – Predigt zu Johannes 14, 15-19

Predigt zu Joh 14, 15-19 (Pfingsten, 27.V.2012)

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag aus dem Johannesevangelium: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“

 

Liebe Gemeinde,

es gibt so eine Schlüsselszene im Leben eines Mannes. So bekannt und bedeutungsschwer, tausendmal in Büchern und Filmen, gerne auch für die Werbung genommen. Auf jeden Fall so fest in unseren Köpfen verankert, dass man gar nicht weiß, ob sie nicht nur Klischee ist oder wirklich so stattfindet. Leider haben wir hier keine Leinwand. Am liebsten würde ich Ihnen nämlich eine Szene aus dem Film „Pulp Fiction“ vorspielen, die dieses Klischee der Schlüsselszene aufnimmt: Der kleine Butch sitzt Zuhause vor dem Fernseher, als seine Mutter in Begleitung eines Mannes in einer Uniform das Zimmer betritt. Dieser Mann hat eine große Aufgabe vor sich, die ihm Butch’s Vater in der gemeinsamen Zeit in einem Gefangenlager in Hanoi aufgetragen hat. Bedeutungsschwer und mit viel Pathos in der Stimme macht sich der Uniformierte daran, diese „heilige“ Aufgabe zu übernehmen: die Übergabe einer Armbanduhr an Butch. Gekauft von Butchs Urgroßvater an dem Tag als er als Soldat nach Europa im Ersten Weltkrieg eingeschifft wurde. Getragen von seinem Großvater, als er bei den Kämpfen um Wake Island im Zweiten Weltkrieg fiel. Auch an der Hand des Vaters, als dieser mit seinem Bomber über Hanoi abgeschossen wurde. Danach von diesem in der Gefangenschaft, Filmzitat, „fünf Jahre in seinem Arsch versteckt“. Kurz vor seinem Tod gab er sie an seinen Freund weiter, der sie weitere zwei Jahre am besagten Ort versteckte. Nur um nun den Auftrag des Vaters zu erfüllen und diese Uhr, die alle Männer der Familie im Krieg begleitet hat, an Butch weiterzureichen.

Die Schlüsselszene im Leben eines jungen Mannes, die Übergabe der väterlichen Uhr oder eines anderen Gegenstandes, möglichst schon seit Jahren im Besitz der Männer der Familie. Vollgeladen mit den Geschichten von Erfolg und dem Bestehen schwerer Zeiten, mit Erinnerungen und Bedeutungen. Ob das Klischee wirklich so stimmt? Ich weiß es nicht, ich selber habe eine solche Übergabehandlung nicht erlebt.

Aber trotzdem, auch ohne diese Handlung voller Pathos gibt es für mich einen solchen Gegenstand: Dieser Helm. Es war der letzte Helm meines Vaters als Steiger bevor er vor über zwanzig Jahren in den Ruhestand ging. Sein täglicher Begleiter und bis vor einigen Jahren trug er noch diesen eigenen Geruch der Zeche. Am Ende von ihm samt der Arbeitstasche in die Ecke gestellt, bis ich irgendwann gefragt habe, ob ich ihn nicht haben könnte. Seit dem liegt er bei mir auf dem Schrank. Keine goldene Uhr, kein Übergaberitus zur Konfirmation oder zum Abitur, aber für mich hat er die gleiche Bedeutung.

Der Helm ist für mich ein Ort geworden, für etwas, das man vielleicht mit „lebendiger Erinnerung“ bezeichnen könnte. Gerade in kniffligen oder auch schweren Zeiten schaue ihn an und denke daran, wie mein Vater oftmals erstaunliche und einfache Lösungen findet, Ideen auf die man erst einmal kommen muss. Und auch wie viel Glück er manchmal hatte, von schweren Unfällen verschont worden ist. Und, ohne hier meinem Vater ein Denkmal errichten zu wollen, es kommt noch etwas anderes hinzu: Das Gefühl, dass er und meine Mutter immer für mich da waren und sind.

Und beides gibt mir in kniffligen oder schweren Zeiten Hoffnung, Auftrieb und Sicherheit. Die Hoffnung, dass ich ein wenig von der Eigenschaft Kniffliges kreativ und einfach zu lösen, als Erbmasse mitbekommen habe. Auftrieb, wenn ich mich daran erinnere wie oft es ja gut gegangen ist in bedrohlichen Situationen. Sicherheit, weil ich die Erfahrung habe, zu wissen, wie es ist, Menschen zu haben, die für einen da sind. Ein verdammt seltenes Glück.

So wird der Helm auch dafür zu einem Ort „lebendiger“ Erinnerung. „Lebendige“ Erinnerung deshalb, weil sie nicht tot ist, sondern mit Bedeutung für mein Leben heute gefüllt ist; mir weiterhilft, mich begleitet, mir hilft, mich in der Welt zurechtzufinden. „Lebendige“ Erinnerung, weil ich sie brauche zum Leben, brauche für die kleine alltägliche Hoffnung.

 

Eine „lebendige Erinnerung“ – vielleicht ist das in manchen Bezügen auch etwas was uns helfen kann heute an Pfingsten. Am Tag der Erinnerung, dass uns der Heilige Geist gegeben wurde. Das ist ja nicht so ganz einfach mit dem Heiligen Geist. Was soll das überhaupt sein? Eine Kraft in uns? Ein göttlicher Funke in uns? Und was macht er dann so in mir? Kann ich ihn spüren? Kann ein Mensch einfach so sagen, ich habe den Heiligen Geist? Wer es etwas handfester mag, so wie ich, der hat damit so seine Probleme. Denn so richtig greifbar ist er nicht, der Heilige Geist. Es wabert, wallt und wird allzu schnell sphärisch. Eine harte theologische Nuss.

Die Beschreibung der „lebendigen Erinnerung“ hilft mir da weiter. Der Heilige Geist ist ein wenig so wie mein Helm hier. Zum einem die Erinnerung an das Handeln Gottes für uns Menschen. All die Hoffnungsgeschichten, die von Befreiung und Heilung, aber auch Gelassenheit und überschwänglicher Freude erzählen. Von der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu den Menschen, die ihn in Jesus Christus zu uns kommen lässt in aller Machtlosigkeit, unseren Tod stirbt. Die Erinnerung daran, dass nicht der Tod das letzte Wort über unser Leben ist, sondern diese leidenschaftliche Liebe Gottes, die uns das Leben verheißt.

Das dies aber nicht bloßes Faktenwissen ist, womit ich bei „Wer wird Millionär?“ die letzte Fragen beantworten kann, es aber sonst keine Bedeutung für mich hat. Sondern das für mich die Erinnerung an diese Geschichten, das Hören dieser Geschichten mehr ist, so wie dieser Helm mehr ist, als ein bloßer Helm, das ist wohl das Werk des Heiligen Geistes.

Werk des Heiligen Geistes, dass diese Erinnerung zu einer „lebendigen Erinnerung“ wird. Zu einer Erinnerung, die tragen kann in miesen Zeiten, manchmal sogar so weit, dass ich morgens trotzdem in solchen Zeiten aufstehen kann. Die Freude in mir schenkt, dass ich im Supermarkt ein Osterlied pfeife oder, viel zu laut und viel zu schief, das „Christ ist erstanden“ singe, allerdings eher auf dem Rad oder im Auto als im Supermarkt.

So wird die Erinnerung an die Liebe Gottes eine Erinnerung die Leben schenkt, den Willen das mir geschenkte Leben zu kosten bis zum letzten Tropfen. Genau das zu wissen, was im heutigen Predigttext gesagt wird: Kein Waise in dieser Welt zu sein. Trotz all des ganzen Mist

zu wissen, darüber steht immer: „Denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Und so ist der Heilige Geist wie der Helm eine „lebendige Erinnerung“, die mich leben lässt und die ich zum Leben brauche und geht doch darüber hinaus. Denn der Helm ist meine „lebendige Erinnerung“, für sie ist es erst einmal nur ein Helm und wird es auch bleiben. Der Heilige Geist geht aber über uns als einzelne Person hinaus. Er ist „lebendige Erinnerung“ die Gemeinschaft schafft, die Menschen zusammenkommen lässt, zu einer Gemeinde werden lässt. Das Verbindende zwischen uns schafft, wenn wir zusammenkommen zum Beispiel um gleich Abendmahl zu feiern. Auch so ein Ort „lebendiger Erinnerung“. Jesus sagt nicht zu den Jüngern: „Zu dir kommt der Tröster und zu dir und zu dir“, sondern „Euch wird ein anderer Tröster gegeben“. Ohne den Heiligen Geist keine Gemeinde, kein Zusammenkommen von Menschen, die sich erzählen lassen wollen von den Hoffnungsgeschichten der leidenschaftlichen Liebe Gottes.

Und auch hier in der Gemeinschaft wird die Erinnerung zu einer „lebendigen Erinnerung“, die uns zu Taten schreiten lässt, die dafür sorgt, dass die Gemeinde nicht für sich bleibt, sondern für die Menschen Gemeinde sein will. Diakonisch Handeln will, kämpfen will gegen Unfreiheit und Unrecht. Ort sein will für alle Menschen mit ihren alltäglichen Freuden und Nöten. Die das Geschenkte leben will bis zum letzten Tropfen, die mehr und anders sein will, als ein Ort für Handarbeitskreise, Kaffeenachmittage und dumpfen Sonntagsgottesdienstbesuch. Die Ort sein will, wo die  „lebendige Erinnerung“, der Heilige Geist Leben schenkt, Freude schenkt.

So lassen sie uns heute Abendmahl feiern und uns von Gott die „lebendige Erinnerung“ schenken, die große neben all den kleinen wie meinem Helm, die wir zum Leben brauchen.

 

Verfasst von: achterosten | 7. Mai 2012

Es ströme das Recht – Predigt Amos 5, 21-24

Predigt zu Amos 5, 21-24 (Kantate, 06.V.2012)

 

“Koma-Schläger straffrei: Milder Richter ließ ihn laufen”, so der Kölner Express am Tage nach dem Urteil gegen einen Jugendlichen, der in einer Schlägerei einen Mann schwer verletzt hatte.

Liebe Gemeinde, völlig willkürlich eine Schlagzeile, ich hätte auch hunderte andere der letzten Monate heraussuchen können. Egal, ob es um die Anklage wegen Mordes, den Verdacht eines Gewaltverbrechens oder um sogenannte „U-Bahn Schläger“ geht, die Schlagzeilen ähneln sich.

Was blüht eigentlich denen, die sich solcher Vereinfachung entgegenstellen, vielleicht sogar kritisch nach Gründen fragen?

„Ich fühle mich durch Herrn Jessens Dummheit angemacht. Darf ich ihm bei Gelegenheit den Schädel eintreten.“

„Um deine ekelhafte leninistische-menschenverachtende Haltung sollten sich mal Kultur-bereicherer aus den Süden kümmern. Schläge erhöhen das Denkvermögen. Schäm Dich du Perversling!”

“Am besten so ein Hasan A. (21) läuft ihnen über den Weg, weil dann sind sie Tot und wir müssen uns ihren dünnschiss nicht mehr anhören.”

So einige der Internetleserkommentare, die Jens Jessen 2008 erhalten hat. Jessen hatte  nach dem schweren Angriffe zweier Jugendliche auf einen Rentner in der Münchener U-Bahn seine Sicht auf die Dinge kundgetan. Nach Gründen für solche Gewalt gesucht. Gründe, die er nicht nur bei den Tätern, sondern in unserer Gesellschaft suchte. Ob sein Kommentar hilfreich war oder nicht ist hier nicht Thema, sondern etwas anderes: Der Mob tobt. Schliff er früher gerne Menschen direkt ohne Gereichtsverfahren auf den Scheiterhaufen, verlegte er sich später darauf, die Menschen aufzuhängen und daneben stolz fürs Familienalbum zu posieren. Es gibt da eine grausame Postkarte aus den Südstaaten von einem gehängten und verbrannten Afroamerikaner. Text auf der Rückseite: „Our barbecue last night“ – Unser Grillen gestern Abend.“

Wir haben Glück, so etwas geschieht heute nicht mehr hier in Deutschland. Der Mob tötet nicht mehr, aber tobt sich weiter aus, in den Kommentaren und Blogs im Internet. Wissen sie, wenn mir mal danach ist, dass mir so richtig schlecht ist, dann rufe ich die Seiten der HNA auf, gerne zu den Themen Gewalt von Jugendlichen und lese die Leserkommentare. Die Übelkeit danach reicht für die nächsten zwei Tage. Deutschlehrer kann man vor der Lektüre solcher Kommentare übrigens nur warnen, besteht doch für sie die akute Gefahr eines Herzinfarkte angesichts all des kreativen Umganges mit Grammatik und Rechtschreibung. Gerne gerade von Menschen, die sich als aufrechte Deutsche darstellen.

Jetzt könnte man sagen, lass doch die paar Spinner, die gab und gibt es immer. Das ist richtig, auch früher bekamen Redaktionen schon solche Zuschriften, allerdings in Briefform und nicht öffentlich. Viel problematischer ist, dass durch Vorverurteilungen in den Medien und den Kommentaren, siehe oben, zunehmend der Rechtsfrieden unserer Gesellschaft gefährdet ist. Der Grundsatz, dass jedem Menschen als Grundrecht ein fairer Prozess zusteht. Egal was ihm vorgeworfen wird, wie sein sozialer Stand ist, ob er Deutscher ist oder nicht.

Sie müssen als Richter schon ein sehr breites Kreuz haben, wenn sie in einem Prozess urteilen müssen, wo die Medien und ein Großteil der Gesellschaft schon lange ein Urteil gefällt haben, oftmals ohne Kenntnis der genauen Fakten und Hintergründe. Der Anwalt des verurteilten Mörders und Entführers Magnus Gäfgen berichtet, dass er nicht nur im Gerichtssaal aus dem Publikum heraus übelst beschimpft wurde. Er und seine Familie wurden auch in Briefen, Mails etc. massiv bedroht. Ich will auch an den Staatsanwalt erinnern, der vor wenigen Wochen in Dachau von einem Angeklagten im Gerichtssaal getötet worden ist.

Der Rechtsfrieden, die Rechtsordnung sind grundlegend gefährdet, wenn Richter nicht  unabhängig urteilen können, Anwälte um ihre Gesundheit fürchten müssen und Opfer nicht die Chance haben, dass vorurteilsfrei über ihre Klage entschieden werden kann. Die Grundfesten unserer Gesellschaft ist erschüttert, wenn nicht mehr in juristischen Verfahren frei und unabhängig im Namen des Volkes geurteilt werden kann, sondern das Volk schon vorher im Namen des elenden Begriffes des „gesunden Volksempfindens“ geurteilt hat. Übrigens ein Begriff, der in der NS-Zeit Einzug in deutsche Rechtstexte fand.

 

Liebe Gemeinde, was hat das mit uns zu tun? Was hat das an einem friedlichen Sonntag- morgen auf der Kanzel verloren? Deswegen, weil die Schaffung und Bewahrung des Rechtsfriedens, die Chance auf einen fairen Prozess für Opfer und Täter eines der großen Themen unserer Bibel ist. So wie der heutige Predigttext aus dem Buch Amos. Gerade der Prophet hat einen scharfen kritischen Blick auf die soziale Situation: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

 

Liebe Gemeinde, „es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“. „Recht“ meint hier nicht irgendein Recht, schon gar nicht als religiös fernen Begriff, sondern ganz diesseits: Rechtsordnung, Rechtsfrieden. Die Rechtsordnung soll bewahrt oder viel mehr, in der Situation des Amos, wieder hergestellt werden. Das ist das entscheidende. Amos stellt hier auch nicht plump Gottesdienst und Rechtssystem zugunsten des letzteren gegenüber. Und schon gar nicht will er den Opferdienst abschaffen, aber er weist auf den Widerspruch hin, der aus der Zeit Amos in unsere Zeit hinübergreift: Wir können nicht jeden Sonntag schöne Gottesdienste feiern und uns nicht um das kümmern, was um uns herum los ist. Gottesdienst und die Sorge um die Gesellschaft, sie gehören untrennbar zusammen, sind aufeinander verwiesen. Sie zu trennen wäre im Sinne Amos zutiefst unbiblisch.

Die Bibel ist in vielen ihrer Teile der Versuch, eine Rechtsordnung aufzurichten, die den Menschen einen fairen Prozess ermöglicht. Opfern die Chance auf eine Klage einzuräumen, egal wir reich und mächtig der Angeklagte ist. Auf der anderen Seite aber auch Angeklagte vor Vorverurteilungen und falschen Anschuldigungen zu bewahren. Die Bibel will das endlose Band von Tat und Vergeltung zerschneiden. Die Ströme des Blutes, die fließen, versiegen lassen. Nirgends wird das so deutlich wie in dem berühmten Zitat „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dieser Satz ist nicht Ausdruck von Rache und Vergeltung! Er ist genau das Gegenteil. Ausdruck einer Rechtsordnung, die versucht diejenigen, die Recht sprechen, frei zu machen von Rache und Vergeltung. Ihnen vielmehr einen Katalog für eine faire Entschädigung an die Hand zu geben. Wer ein Auge zerstört, hat den Gegenwert eines Auges zu ersetzen.

Sie finden im Alten Testament eine Vielzahl solcher Entschädigungskataloge, die uns heute ein wenig skurril anmuten oder zumindest nicht mehr unserer Einteilung der Gewichtung des Wertes einer Frau und eines Esels entsprechen. Es geht auch gar nicht darum, hier direkt Anweisungen für unser Rechtssystem zu suchen. Der Wille zur Rechtsordnung um Opfer und Täter einen fairen Prozess nach festen Regeln zu ermöglichen und vor Willkür zu schützen, das ist die Botschaft der Bibel. Nicht das „gesunde Volksempfinden“ spricht das Urteil, sondern Menschen nach einem festen, verlässlichen Verfahren.

Auch die Kritik Jesu im Neuen Testament an den Vorschriften ändert daran nichts. Er kritisiert zwar das Verhalten, weswegen solche Gesetze und Verfahren notwendig sind, aber er hebt sie nicht auf.

Ebenso tut es auch Paulus nicht, wenn er kritisiert, dass sich Christen gegenseitig vor weltlichen Gerichten verklagen. Vielmehr nimmt er in Prozessen gegen ihn völlig selbstverständlich sein Recht als römischer Bürger in Anspruch und regelt, wie ein Mitglied bei Verfehlungen aus der Gemeinde auszuschließen ist.

 

Liebe Gemeinde, das zu einer Rechtsordnung nach biblischem Verständnis immer auch die Frage der Gerechtigkeit gehört, dass in deutschen Gerichten nicht immer alles fair zuzugehen scheint, das sind Themen, über die noch nachzudenken ist. Amos will uns genau zu diesem Nachdenken bringen. Er stellt klar fest, dass eine Gemeinschaft, die sich zu Gott bekennt und ihn im Gottesdienst feiert und lobt, nicht absehen kann von der für eine Gesellschaft entscheidenden Frage, wie in ihr Recht gesprochen wird. Nämlich gerade nicht nach dem „gesunden Volksempfinden“, sondern nach Maßgaben, die Opfer, Täter, Staatsanwälte, Anwälte und Richter oft sogar vor der Meinung der Masse schützen. Maßgaben, Werte und Normen, die sich aus den unterschiedlichen Traditionen und Strömungen unserer Gesellschaft speisen: Prinzipien der antiken römischen Rechtssprechung, christlicher Überzeugung, Erkenntnissen der europäischen Aufklärungen und die bitteren Erfahrungen diverser Unrechtsregimen. Diese Maßgaben, Werte und Normen zu schützen und immer wieder kritisch zu hinterfragen, uns an ihrer Weiterentwicklung zu beteiligen. Opfer und Täter vor Vorverurteilungen und den Mob zu schützen. Das ist ureigenste Aufgabe der christlichen Gemeinde, die ihre Gottesdienste als Lob Gottes feiern will. So ruft es uns Amos zu.

In der Praxis heißt das, dass Opfer von Gewalt und Unrecht in den Einrichtungen der Diakonie uneingeschränkt die Hilfe finden, die sie brauchen. Das heißt, dass wir allen Gefangenen die Möglichkeit der Seelsorge und Gottesdienstfeiern ermöglichen, ohne zu Fragen, was sie getan haben. Das heißt, dass wir als Gemeinde unsere Stimme erheben gegen Vorverurteilungen von Opfern und Tätern. Und manchmal ist es auch nur ein Mausklick, um einen Kommentar der HNA zu melden, weil er Menschen diffamiert oder sie bedroht.

 

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

 

 

 


Liebe Gemeinde,

vielleicht ist es nicht ganz so wie sie es jetzt erwarten, aber ich muss es unumwunden zugeben: Ich bin zwar kein fanatischer Fan, aber ich schaue mir gerne Boxkämpfe an, zumindest im Fernsehen. Klar, das ganze drum herum, den 180sten Kommentar von Henry Maske, das Posieren oder der neueste Hit, die Zeitverzögerung, das kann man sich in meinen Augen geflissentlich sparen, aber den Kampf an sich, doch, den schau ich mir gerne an. Wenn es denn ein guter Kampf ist, heißt nicht hirnloses Draufdreschen oder stundenlanges Rumtänzeln, ohne das was passiert – wenn ich Ballet sehen will, gehe ich ins Theater.

Auch klar, der Boxsport gilt auch als verrucht, aber, da ist die Frage, wie sehr das mittlerweile ein Mythos oder gut gepflegtes Image ist. Spätestens nachdem ich mal aus Interesse an einem Boxtraining in jungen Jahren teilgenommen habe, ist mein Respekt vor Boxerinnen und Boxern enorm gestiegen. Bevor ich überhaupt einen Boxsack aus der Nähe zu sehen bekam, hat mir schon das Konditionstraining den größten Muskelkater aller Zeiten beschert. Und ich habe auch schnell gemerkt, dass Boxen wenig mit sinn- und hirnlosem Draufdreschen zu tun hat, sondern viel mit Willen, Selbst- und Körperbeherrschung. Ganz zu schweigen von dem Größten aller Zeiten – Muhammad Ali…

 

Ich habe da heute Morgen auch einen Boxkampf zu präsentieren. Schauen wir zunächst in die Ecke des Herausforderers: Aus dem Stall Charles Darwin, mit der Größe von knapp 150 Jahren und dem Gewicht von „Entstehung der Arten“, der Kämpfer für die Evolutionstheorie: Der Evolutionist.

Auf der gegenüberliegenden Seite: Aus dem Stall Fromm, mit der Größe von etwas über 200 Jahren und dem Gewicht der Bibel, der Kämpfer für Gott-schuf-die-Welt-in-sechs-Tagen: Der Kreationist.

 

Liebe Gemeinde, ich muss sagen, dieser Kampf gehört eher zu den schlechteren. Weder ist er besonders von Taktik geprägt, noch ist er eigentlich wirklich spannend. Außerdem, ein Kampf der jetzt schon seit gut 150 Jahren tobt, führt dann doch zu gewissen Ermüdungserscheinungen. Um was geht es überhaupt in diesem Kampf: Auf der Seite der sog. Kreationisten: Die Behauptung, dass die Bibel sozusagen eine eins zu eins Übertragung der Wirklichkeit ist. Die Autoren der Bibel live und in Farbe dabei waren und es somit unumstößliche Wahrheit ist, dass die Welt in genau sechs Tagen so geschaffen wurde, wie es in der Bibel steht.

Auf der anderen Seite die Vertreter der Evolutionstheorie: Die Welt, das Leben ist entstanden in einem Prozess durch Jahrmillionen, in dem sich das Leben immer wieder verändert und neue Formen angenommen hat. Auch der Mensch ist nichts anderes, als ein Teil dieses Prozesses und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Weiterentwicklung des Affen. Untermauert wird dies durch wissenschaftliche Beobachtungen. Nicht von allen, aber doch von einigen Vertretern dieser Position wird der Schluss gezogen: Wenn dem so ist, dann kann es auch keinen Gott geben.

Und so kämpfen sie gegeneinander, diese beiden. Oft nicht gerade fair, sehr verbissen. In den USA wird dieser Kampf vielleicht härter und offensiver geführt, aber auch in Deutschland ist zu beobachten, dass er in den letzten Jahren wieder vermehrt hochkocht.

 

Liebe Gemeinde,

ich mach da keinen Hehl daraus, auch wenn mich der Kampf eher langweilt, in welcher Ecke ich mich vertreten fühle: Bei den Evolutionisten, also bei denen, die davon ausgehen, dass das Leben, der Mensch nicht im Schnellverfahren gebastelt wurden, sondern Stufen einer langen und langsamen Entwicklung sind. Die Vorstellung, dass Gott wie ein Kind mit Legosteinen diese Welt zusammengebaut hat, erscheint mir wenig einleuchtend. Zu sehr überzeugen mich die wissenschaftlichen Erkenntnisse, soweit ich sie denn nachvollziehen kann. Dazu kommt für mich die grundlegende Überzeugung, dass die Bibel nicht ein Art Livereportage sein will, die der Nachwelt in Manier einer Sportreportage erzählt, wie es wirklich gewesen ist.

 

Aber eigentlich, und das ist das entscheidende, ist dieser Kampf so sinnlos wir irgendwas. Es wird nie einen Sieger geben, die Kämpfer sind so miteinander verkrallt, dass sie gar nicht gemerkt haben, das kaum noch Zuschauer da sind, um sich das Elend anzuschauen. Und auch Menschen, die sich wie ich, als Christen verstehen, können sich in aller Seelenruhe von den Zuschauerrängen bei diesem Kampf verabschieden. Denn er geht an der Hauptsache meilenweit vorbei. Die Hauptsache, das Thema der Erzählung von der Schöpfung der Welt ganz am Anfang der Bibel ist nicht, wie die Welt und das Leben geschafften wurde, sondern warum! Nicht das Wie, wie alles entstanden ist, sondern die Frage nach dem Grund, Warum alles entstanden ist, darum geht es. Deshalb kann die Bibel auch ganz gut damit leben, dass es in ihr einige ganz unterschiedliche Vorstellungen gibt, wie das Leben entstanden ist.

Der Anspruch der Bibel ist nicht, zu erklären, wie genau denn nun die Welt entstanden ist, in Form einer neuzeitlichen wissenschaftlichen Doktorarbeit. Sondern der Frage nachzugehen, die viel spannender, viel brennender ist: Warum gibt es uns überhaupt? Warum gibt es das Leben in all seinen unzählbaren Formen? An dieser Frage ist die Schöpfungsgeschichte interessiert. Und wir gerne würde man dies auch unseren Boxern in ihrem Ring zurufen: Macht euch doch mal darüber einen Kopf: Warum gibt es uns? Warum gibt es all das Leben?

 

Der Schöpfungsgeschichte geht es genau darum, genau um diese Frage – und sie versucht auch gleich in ihrem allerersten Satz ihre Antwort: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist die Antwort der Bibel! Das ist die Antwort der Bibel auf die Frage Warum: Weil Gott  es so wollte! Weil Gott dieses Welt, das Leben, uns wollte! Und die Bibel versucht sich auch in einer Antwort auf die Frage, warum Gott das wollte: Weil er Liebe ist.

Schon mal davon gehört, dass die Liebe alleine bleiben kann? Die Liebe will ein Gegenüber haben, dem sie sich mitteilen kann. Und jetzt bitte nicht an irgendwelchen rosa-romantisch Kram denken, nur weil das Wort Liebe gefallen ist. Gott ist Liebe, da geht es eher um Leidenschaft, als um Romantik. Gott wollte diese Welt, uns um unserer selbst willen, um seiner Liebe zu uns willen. Das ist doch mal eine viel spannendere Aussage, als dieser elende Kampf, ob jetzt der Mensch vom Affen abstammt oder vom lieben Gott als Legomännchen und –frauchen in eine Bausteinwelt gesetzt wurde.

Dieser Kampf ist für mich schon lange entschieden – also verlassen sie ruhig die Zuschauerränge. Ich lade sie auf einen ganz anderen Schauplatz ein. Der unter der Überschrift: Warum? Warum gibt es uns, das Leben?

 

Mir gefällt die Antwort der Bibel und ihre Art, diese Antwort immer wieder in neuen Geschichten, neuen Texten zu erzählen: Wir und das Leben um uns her ist von Gott gewollt. Von ihm gewollt wegen seiner leidenschaftlichen Liebe, die für uns brennt. Von ihm gewollt als seine Schöpfung, seine Schöpfung zu der auch Muhammad Ali gehört, der in ihr sowieso der Beste und Schönste war und ist.

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